Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Vloch's Wochenfchrifi Stampiglie zu versehen, nicht den österreichischen Juden, sondern den jüdischen Ungar Goldmark der Krone zur Ordensverleihung vorzuschlagen. Man sieht es dem unscheinbaren, dem kleinen Flüßchen Leitha gar nicht an, welche Welten es auseinanderhält, jene Welten, die durch den Gegensatz österreichischer Jude und jüdischer Ungar geschieden und gekennzeichnet sind. Es liegt eine prächtige Tragikomik darin, daß Richard Wagner, in dem der antisemitische Unverstand ja weit mehr den wüsten Judenfresser, als den großen Künstler verehrt, die Verwirklichung seiner künstlerischen Absichten durch Juden erfuhr. Der Sohn des würdigen Oberrabbiners von Gießen, Hermann Levy, ist der Wagner'sche Dirigent Kat exochen geworden und in Carl Goldmark verehrt die musikalische Welt den größten lebenden Componisten Deutschlands. Soferne man Kunst und Künstler in das nationale Fächerwerk einschachtelt, fällt es nicht einmal den verbissensten Nationalltätsnarren ein, das Deutschthum Goldmark's zu leugnen. Klugen Hofmännern war die bahnbrechende Entdeckung Vorbehalten, Goldmark als Ungarn zu creiren und den Magyaren derart ein unschätzbares Geschenk zu machen, das jemals zu erlangen sich diese auch nicht in ihren kühnsten chauvinistischen Träumen vorstellten. Goldmark ein Ungar ... Darum konnte ihn kein österreichischer Minister zur Auszeichnung Vorschlägen, als das jüngste Werk des Meisters bereits im vergangenen Jahre an der Wiener Hofoper gegeben wurde. Darum blieb es den ungarischen Ministern Vorbehalten, eine Ehrenschuld einzulösen, die schwer auf dem künstlerischen Gewissen der Allgemeinheit lastete. „Wie klug, wie fein!", um mit den Meistersingern zu sprechen. Welch' hübscher Ausweg, um die Muthlosigkeit zu bemänteln, welche den antisemitischen Straßenkoth fürchtet und sich scheut, den Juden Gol'omark als deutschen, als österreichischen Künstler anzuerkennen! Gold mark wird jene Heimchen-Politik nicht schaden. Er wird sich darüber hinwegsetzen können, daß die Herren vom Hofkriegsrath ihn an Ungarn ausliefern. Die Sache selbst aber verdient festgehalten zu werde», schon zum Ergötzen späterer Jahrhunderte, die sich an dieser Geschichte erbauen sollen. An der Geschichte, wieGoldmark ein Ungar wurde... Organistren wir uns. Es wird sich wohl jedem Denkenden, der die Vorgänge der.letzten Zeit mitangeschaut, die Frage anfgetvorfen haben, wlefo sind solche Vorkommnisse möglich, lind gibt es kein Mittel, dieselben zu verhindern oder unmöglich zu machen? Wir meinen das straf- und zügellose Beschimpfen der Juden in Versammlungen und in der antisemitischen Presse. Es wird ungescheut und ungeahndet das Berauben der Juden gepredigt, das bloße Verjagen aus dem Vaterlande, in dem unsere Vorfahren seit Jahrhnnderten ein kummervolles Dasein gefristet, ist schon ein halb überwundener Standpunkt — verjagen, das ist ja zu milde ~ "emA Eodtschlagen und in die angeblich so enormen Güter der ^»udeil sich theilen, das ist Schweiß dieser Edlen werth. Es versuche beispielsweise ein socialdemokratischer Führer + tausendsten Theil der rüden Beschimpfungen, der niedert'?rr-rSn Verleumdungen, der elenden Aufhetzungen gegen die kathollsche Kirche oder irgend eine Classe der Gesellschaft — ■ ,wlc^• Selben ausgenommen — zum Besten zu geben und er wrrd bald hinter Schloß und Riegel gesetzt werden und nionaterrr*« öum Nachdenken haben, was es heißt privilegirte Klassen zu beschimpfen. Es ergibt sich demnach dem blödesten Auge, daß wir weder vom Staate noch von der Gesellschaft genügend geschützt werden. Nun, das ist schlimm genug, aber es ist noch nicht das Schlimmste! _ Das Schlimmste ist, daß wir uns selbst nicht schlitzen, mir machen Vogel Strauß-Politik; unsere Gegner werfen uns vor, Zusammenhalten — und das gerade Gegentheil ist richng, wir sollen angeblich einen Staat im Staate bilden, ein ^nde soll angeblich für den anderen einstehen, — klingt das nicht wie Hohn im Angesichte der brutalen Thatsachen. Was geht das mich an, das geht mich gar nichts an, sagt der Jilde in Prag, wenn er von einer antisemitischen Niedertracht in Wien hört und umgekehrt; da begeht aber, beispielsweise angenommen, in Honolulu ein Jude ein Verbrechen, und flugs sind Seite 827 alle Juden Verbrecher, alle werden für diese Schandthat verantwortlich gemacht. Durch Erfolge kühn gemacht, werden unsere Gegner immer herausfordernder,all den Fingern ist es abzuzählen, daß der Propaganda des Wortes diejenige der That folgen wird, daß der künstlich angefachte und genährte Haß sich jederzeit eruptiv entladen kann. Was geschieht aber zur Abwehr'? nichts. Wer führt das jüdische Volk in dieser Bedrängniß? Niemand. — Wer gibt die Parole aus, was zu thun und lvas zu uttterlafseu? Niemand, Niemand! Und das ist unser lvahres Verhängniß. Die große Majorität der Inden Oesterreichs find arm und führen einen harten Kampf um's Dasein. Es heißt vor Allem, den Seinerk Brot verschaffen, wer kann von solchen Menschen verlangen, daß sie sich für's allgemeine Wohl aufopfern. Die Minorität, das sind Diejenigen, welche irr besserer, gefestigterer, sicherer Lebensstellung sich befinden; diese sollten führen, aber leider ist das Ideal der meisten dieser Leute eine gute Bilanz. Weiter und höher reicht ihr Blick nicht. Wenn nur die Bilanz gllt aus fällt, laßt die Kläffer bettelt, so lange sie wollen. Und doch sehen wir in unserer nächsten Nähe, was eine zielbewußte Organisation vermag. Die Socialdemokraten haben sich ihr Wahlrecht ertrotzt, sie haben eine classenbewnßte Organisation geschaffen, rvelche dem Capitale ebenbürtig sich gegenüberstellt, diese Proletarier, die noch gestern dazu da waren, llin von Jedermaml ansgebentet zu werden, sie werden morgeit ein politischer Machtfactvr sein, aber wodurch? Durch ihr Zusammenhalten, durch ihre Organisation. Was gestern ein vereinzelter, halbverhungerter Proletarier war, ist heute Mitglied einer starken Partei, mit der die Großen rechnen müssen. Vereinigen, organistren wir uns zur Ablvehr, Einer für Alle, Alle für Euren. Wir sind Hllnderttansende fleißiger, loyaler Staatsbürger, wir tragen alle Lasten des Staates und haben weniger Rechte, und trotzdem, ach, wie lieben wir dieses unser Vaterland, llnser schönes Oesterreich. Durch unseren Fleiß, unsere Rührigkeit haben wir das Nationalvermögen Oesterreichs enorm vermehrt, ohne unseren Unternehmungsgeist wäre Oesterreich heute noch ein armer Agricultnrstaat. Wir haben Werthe geschaffen ulld ein Theil von uns ist dadurch vermögend geworden, aber ebenso Tausende christlicher Industrieller, diese noch in sehr erhöhtem Maße. Vereinigen wir, orgauisiren wir uns; auf unserer Seite ist das Recht, ist die Wahrheit; stehen wir ein, Einer für Alle, Alle für Einen, mtb wir werden gekräftigt aris der Krise hervorgehen. Aber wie? Das ist die große Frage. Nun, die Sache ist gar nicht so schwer, wenn sich hervorragende jüdische Bürger an die Spitze stellen, Bürger aller Gesellschaftsclassen und Berufe, und zwar Leute, denen es ernst um diese heilige Sache ist und die sich wohl bewußt sind, daß sie ihr eigenstes Interesse wahren, indem sie das Interesse der Gesammtheit vertreten. Organistren mir uns nach Art der Schulvereine, gründen wir Ortsgrnppeli, in jedem Orte, wo Inden in größerer Anzahl sind, gründen mir Gruppen, in denen sich unsere Jugend zusammenfindet, gründen wir Mädchen- und Frauen-Ortsgrnppen, nehmen wir als geringsten Jahresbeitrag wie beim Schulverein fl. 1.— an, und wir werden Tausende und Abertausende als Mitglieder im Handumdrehen bekommen, unser Mittelstand, unsere Großen und Reichen, sie werden sicherlich im Angesichte der ungeheuren Gefahr nach ihren besten Kräften ihre Beitrüge leisten. Vergessen wir nicht, daß nur der aufgegeben ist, der sich selbst aufgibt, und gedenken wir des großen Wortes Schiller's : „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles setzt für ihre Ehre." Ich aber in der Hoffnung, daß meine Worte aus fruchtbaren Boden fallen werden, stelle dem 51t bildenden Comite einen Betrag von fl. 300 zur Verfügung. E m a n u e l B e e r. Die Sünde der Minorität. Im Neuen Testament tvird die Sünde wider den heiligen Geist als die schwerste aller Sünden, als Sünde, für die es keine Vergebung gibt, bezeichnet. Was diese Sünde im religiösen Leben bedeutet, das ungefähr bedeutet gegenwärtig im politischen Leben die Sünde der M i n 0 r i t ä t. „Tn bist in der Minorität, also bist Tn im Unrecht, ja Du hast eigentlich gar keine Existenzberechtigung; was wir, die Majorität, Dir gewähren, das ist Gnade, Ausfluß unserer puren Güte; wir gewähren Dir von Rechten gerade soviel, als Du