Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 42 (16.10.1896)
- Date
- 1896-10-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 826 Nr. 42 Dr Vloch's Wochenschrift. gefühl und ihrer Vaterlandsliebe nichts einbüßen. Aber man mag zusehen, daß auch unsere anständigen arischen Mitbürger sich nicht endlich die Frage vvrlegen, welche Sippschaft ihnen das antisemitische Regime auf den Hals zieht! — Die Aufgaben unseres künftigen Cultusvorstandrs. Selten haben die Wahlen in den Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde eine so außerordentliche Wichtigkeit gehabt, wie diesmal. Seit dem Jahre 1890 besitzt die größte Gemeinde der Judenheit keine gewählte Vertretung, und wie dringend bedarf sie derselben! Innerhalb und außerhalb der Reichshauptstadt arbeiten die Todfeinde des Judenthums rastlos an der Unterwühlung unserer gesetzlich gewährleisteten Position. Keine Bauernversammlung ohne Judenschimpferei, keine Gcmeinderathssitzung ohne Judenscandal! Mit der Uhr in der Hand bestimmen die „Führer des christlichen Volkes" die Stunde, in welcher nach der unvermeidlich gewordenen Eroberung des niederösterreichischen Landtages nun auch der Reichsrath, das letzte Bollwerk der confessionellen Gleichberechtigung, fallen soll. Hei. wird es dann ein lustig Taufen geben! Nur erst die Gesetzgebungsmaschine erobert, den Juden der Grundbesitz, das Doctorat, die Osficierswürde und der Beamtencharakter, vielleicht selbst die Heimatsberechtigung und Gewerbebefugniß, womöglich die Zeugniß- und Erbfähigkeit entzogen, dann wird man schon sehen, wie viele schlechte Juden das sinkende Schiff verlassen werden, um schlechte Christen und vielleicht dafür gute Antisemiten zu werden. Die Macht, welche in alten Zeiten selbst die störrigen Sachsen gebeugt hat, wird doch noch mit den paar Juden fertig werden! Doch was hat das Alles mit den Wahlen in den Vorstand der Cultusgemeinde zu thun? I m m e r w r e d e r w i r d b e t o n t: D i e Cultusgem einde ist doch keine politische Gemeind e und ihr Vorstand ist eine rein administrative Körperschaft, welche dafür zu sorgen hat, daß der Jude, der beten will, eü: Bethaus vorfinde, daß die Jüdin, welche ihren Herzensbuud weihen lassen will, dies in würdiger Weise vollziehen lassen könne, daß den Lebenden zu den üblichen Zeiten Predigten gehalten und die Todten in den üblichen Formen zu ihren Vätern versammelt werden. Und wenn ganz Wien, wenn ganz Oesterreich dem antisemitischen Wahnsinn verfällt, was kann der größte Bethausverein dagegen thun? In dieser Vorstellung liegt eben der große Fehler der Vergangenheit, und die diesmaligen Wahlen sollen vor Allem verhüten, daß auch die Zukunft in gleicher Weise verpfuscht werde. Es hat eine Zeit gegeben, in welcher der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde durch ein energisches und kluges Eingreifen die ganze Judenheit hätte retten können. Allein die Zeiten Manaffe ben Israels, die Zeiten Kurandas sind gewesen. Die Juden _ haben keinen Staatsmann mehr, sie haben lauter Bethausvorstände; sie haben Honoratioren und sie brauchen Männer. Die Zeit spricht deutlich genug. Stellt Euch meinetwegen auf den allerengsten Cultusvorsteherstandpunkt. Ist es denn selbst für Cultus und Cultussteuer gleichgiltig, wenn dem Judenthum, wie schon jetzt in Wien, täglich mehr als eine Familie, und gewöhnlich aus den leistungsfähigsten Kreisen, durch die Taufe verloren geht. Unsere Cultusweisen werden hoffentlich nicht warten, bis durch die verheerenden Wirkungen einer Ausnahmsgesetzgebung für die schönsten Cultuseinrichtungen die zugehörigen Juden nicht mehr zu finden sein werden. Was denn? U e b e r diese Frage hat der Obmann des „Po l it ischen Bo l ks v er e in s", H o f- und GerichtsadvocatDr. Hermann Fialla, am 19. September d. I. ein lichtvolles Expose gehalten, welches in unserer Nummer 39 dieses Jahrganges enthalten ist. In seinen 7 Punkten liegt das einzige wahrhaft, moderne .Programm für einen Wiener C u l t u s v o r st a n d. Dr. Fialla lehnt die oligarchisch-plutokratische Verfassung des neuen Statuts ab. Warum nur 24 V o r st a n d s m i t g l i e d e r, w a r u m k e i n e C u l t u s st e u e r unter 10 fl.? Hier liegt eben der organische Fehler des bisherigen Vorstandes und die psychologische Ursache seiner Passivität. Der Wiener C u l t u s v o rstand ist bisher eine Vertretung der reichen Inden gewesen, deren kurzsichtige Auffassung immer dahin gegangen ist, nur ja möglichst wenig vom Antisemitismus zu reden und reden zu lassen. Natürlich.! Leiden sie denn unter seinen Ausschreitungen? Von der ersten Million an' kann man den Antisemitismus bequem ausweichen und von der zehnten braucht man ihm gar nicht mehr auszuweichen; denn den Juden kann der rechte Antisemit nicht leiden, aber seine Weine trinkt er gern, vorausgesetzt daß sie nach dem nöthigen Kleingeld duften. Die Herren, die in Baden und Hietzing ihre Luxusvillen haben und von Luxuszügen nach Monaco geführt werden, fühlen sich durch den Antisemiten vielleicht weniger genirt als durch den in Elend verkommenen Glaubensgenossen. Wir aber brauchen Männer in den Cultusvorstand, die einen Mund haben, um zu reden, nöthigenfalls zu schreien, die im Stande sind, eine Volksversammlung einzuberufen, um gegen ein Unrecht zu protestiren, gleichviel, ob die Nerven unserer feinen und noblen Glaubensgenossen dadurch angenehm oder unangenehm afficirt werden, 2vir brauchen, wre Fialla so schön sagt, unseren Cultusvorstand als Anwalt, Bertheidiger, Führer! Und darum soll möglichst Vielen Gelegenheit geboten sein, sich dieser herrlichen Aufgabe zu widmen, und möglichst weite Kreise, wenigstens die Fünfguldenmänner, sollen zur Cultussteuer herangezogen, aber auch zum Wahlrecht erhoben werden. Das Interesse für die jüdische Sache soll weitere u n d w e i t e r e K r e i s e e r g r e i f e n, der Religionsunterricht soll wieder zu den H e r z e n der Jugend sprechet: u n d s e i n e U n t e r st ü tz n n g z u r H e r z e n s s a ch e d e r E l t e r n werde n. Unsere Rabbiner, die jetzt so viel weniger mit rituellen. Anfragen bemüht werden, sollen andere Fragen beantworten, die imtuer stürmischer an die Pforten des Jildenthums klopfe::. Wozu s i n d w i r I u d e n? Warum solle:: wir es bleiben? Welche ist unsere Vergangenheit und was schulden wir ihr? Was für große und herrliche Zukunft entschädigt uns für. die Bedrängnisse der Gegenwart? U e b e r d i e s e u n d ä h n l i ch e F r a g e n w i r d v i e l zu wenig g e l eh rt u n d g e s p r o ch ewenigstens dringt viel zu wenig über das spärliche A u d i t o r i u ::: d e r S y n a g o g e n h i n a u s. Endlich drängt die Frage des Deficits. Wie sollen die fehlenden 56.000 fl. unsere r C u l t u s r e ch n u n g gedeckt werden, wein: nicht die neue Basis durch Heranziehung 'der Fünfguldenmänner mehr eine breitere und die Steuerprogression eine wirksamere wird. Mit Recht hat Dr. Fialla darauf hingewiesen, daß der Wiener Steuerträger im Durchschnitt blos mit 14% Gulden, in Maximum mit 4500 Gulden, der Berliner in: Durchschnitt mit 34 Gulden, in: Maximum mit fast 9000 fl. (15.000 Mark) belastet erscheint. Wollen wir in den gegenwärtigen traurigen Verhältnissen einen Anker der Hoffnung und des Trostes finden, so können nur wir selbst ihn uns schmieden. Versuchen wir mehr Achtung zu verdienen, helfen wir uns selbst, und Gott wird uns helfen. Darum, .Glaubensgenossen, lasset Euch nur diesmal nicht von kleinlichen Persönlichen Rücksichten und thatenschener Indolenz bestimmen. Hier liegt Euer Schicksal in Euren eigenen Händen, wählet nicht auf's Gerathewohl, prüfet Herz und Geist Eurer Candidaten, seid Eurer Verantwortung eingedenk vor der Judenheit und vor der Geschichte, wählet Männer, nicht Honoratioren! Die Heimchen-Politik. Der Leopold-Orden wird seit einigen Tagen durch seinen jüngsten Inhaber, den Tondichter Carl Goldmark, geehrt. Wir verrcthen der Mitwelt kein Geheimniß, wenn wir der einigermaßen bekannten Thalsache Erwähnung thun, daß der Ruhm des Componisten etwas älteren Datums ist, als sein Orden. Es bedurfte wirklich nicht der Budapester Aufführung von „Heimchen am Herd", um der Welt zu sagen, daß der Thronerbe Richard Wagner's der Jude Goldmark sei; wohl aber fand die officielle Welt unserer Monarchie erst dann den Muth, an die äußere Auszeichnung des Kiinstlers zu gehen, als sich der Anlaß bot, ihn mit der ungarischen