Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-09 · 41 (9.10.1896) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
41 (9.10.1896)
Date
1896-10-09
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021157--06070-3030335
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 41 Seite 823 Dr. Vlvch's Wochenschrift „Was wünscht Ihr von mir?", fragte Manasse liebenswürdig. „Würdet Ihr — würdet Ihr sehr — sehr böse sein — wenn ich — wenn ich Euch bitten würde —" „Nicht zu kommen", lag auf seinen Lippen, blieb aber dort kleben. „Wenn Ihr mich bitten würdet?" wiederholte Manasse ermnthigend. „Ein paar von meinen Kleidern anzunehmen", fuhr Grobstock mit einer plötzlichen Inspiration heraus. Manasse war trotz Allem ein schöner Mann; wenn er ihn bewegen könnte, seine schmierigen Kleider abzulegen, könnte er ihn beinahe als einen Prinzen von Geblüt ausgeben — für einen ausländischen von wegen seines Bartes; auf jeden Fall könnte er ihn für den Livree-Bedienten präsentabel machen. Bei dieser glücklichen Lösung der Situation athmete er wiederum erleichtert aus. „Abgelegte Kleider?" fragte Manasse. Grobstock war nicht ganz sicher, ob der Ton hochmüthig oder eifrig klang. Er beeilte sich, ihn aufzuklären. „Nein, nicht gerade abgelegte Kleider, sondern etwas abgetragene, die ich noch immer trage. Meine alten Kleider habe ich bereits zu Ostern Simeon, dem Psalmensager, gegeben. Die jetzigen sind verhültnißmüßig neu." „Dann bitte ich, mich zu entschuldigen".sagte Manasse mit einem majestätischen Schwenken des Sackes. „Oh, warum denn?" murmelte Grobstock, dessen Blut wieder erstarrte. „Ich kann Nicht", sagte Manasse kopfschüttelnd. „Aber sie würden Euch gerade passen", flehte der Phhilantrop. „Darum war es umso lächerlicher von Euch, sie Simeon, dem Psalmensager, zu geben", sprach Manasse streng, „Aber da er Euer Kleiderempfänger ist, fällt es mir nicht ein, mich in sein Amt zu drängen. Das ist kein Anstand. Es überrascht mich, daß Ihr mich fragt, ob ich böse wäre. Natürlich wäre ich böse — — sogar sehr böse." „Aber er ist nicht mein Kleiderempfänger", protestirte Grobstock. „Vorige Ostern habe ich sie ihm zum erstenmale gegeben, weil mein Vetter Hyam Rosenstein, der sie gewöhnlich bekam, gestorben ist." „Aber sicherlich hält er sich für den Erben Eures Vetters", sagte Manasse. „Er erwartet, fortan alle Eure alten Kleider zu bekommen." „Nein, ein solches Versprechen habe ich ihm nicht gegeben." Manasse zögerte. „Nun, in diesem Falle" „In diesem Falle?" wiederholte Grobstock athemlos. „Natürlich unter der Bedingung, daß ich fortan dauernd die Stelle habe —" „Natürlich", wiederholte Grobstock eifrig. „Denn Ihr seht, es schadet dem Rufe, wenn man einen Kunden verliert", erklärte Manasse herablassend. „Ja, ja, natürlich", stimmte Grobslock besänftigend zu- „Ich verstehe vollkommen." , Aber er fühlte, daß er in künftige Verlegenheiten hineinglitt und fügte daher schüchtern hinzu: „Natürlich werden sie nicht immer so gut sein, weil" „Kein Wort mehr", fiel Manasse beruhigend ein. „Ich werde mir sie sofort abholen." „Nein, ich schicke sie Euch", rief Grobstock, von Neuem entsetzt. „Nicht im Traume würde es mir einfallen, das zu gestatten. Wie, ich sollte Euch alle die Mühe verursachen, die mir rechtmäßig zukommt? Ich gehe sofort -- die Sache soll unverzüglich erledigt werden, das verspreche ich Euch; wie es geschrieben steht: „Ich eilete rind zögerte nicht!" Folgt mir." E Grobstock unterdrückte ein Stöhnen. Da hatten ihn nun alle seine Manöver in eine ärgere Patsche gebracht als zuvor. Nun mußte er Manasse dem Livr«-'Bedienten sogar ohne das reine Gesicht präsentiren, das man am Sabbath nicht unbilliger Weise von ihm erwarten durfte. Trotz der von dem gelehrten Schnorrer citirten Bibelstelle bemühte er sich, die böse Stunde hinauszuschieben. „Möchtet Ihr nicht lieber zuerst Eurer Frau den Lachs bringen?" fragte er. „Meine Pflicht ist es, Euch in Stand zu setzen, Eure gute That sofort zu vollbringen. Meine Frau weiß nichts von dem Lachs; sie befindet sich in keiner Ungewißheit." Noch während Manasse sprach, blitzte es durch Grobstock's Kopf, daß Manasse mit dem Lachs präsentabler war als ohne denselben — in der That. daß der Lachs die Situation rettete. Wenn Grobstock Fische kaufte, nahm er sich oft einen Mann auf, um den Kauf nach Hause zu tragen. Manasse sah ganz wie ein solcher Eckensteher ans. Wer würde ahnen, daß der Fisch und selbst der Sack dem Träger gehörten, obwohl sie mit dem Gelde des Herrn gekauft waren? Grobstock dankte stumm der Vorsehung für die kluge Art und Weise, in der sie seine Selbstachtung rettete. Als ein bloßer Fischträger würde Mauasse von den Hausleuten wenig beachtet werden; wenn er einmal drin war, würde es verhältnißmäßig leicht sein, ihn herauszuschmuggeln, und wenn er dann am Freitag Abend känre, würde die metamorphosirende Glorie eines Leibrockes ihn umgeben, seine unaussprechlichen Unterkleider unter einem Hemde und sein Turban unter einem Dreispitz stecken. Sie langten in Aldgate an, wandten sich dann nach Leman Street, einem eleganten Viertel, und von dort nach Great Preseott Street. An der kritischen Straßenecke begann Grobstock's Fassung ihn zu verlassen; er zog seine schön verzierte Schnupftabackdose heraus und nahm eine mächtige Prise. Da sie ihm gut that, schritt er weiter und war beinahe schon bei seiner eigenen Thür angelangt, als Manasse ihn plötzlich bei einem Rockknopf faßte. „Bleibt eine Secunde stehen", rief er gebieterisch. „Was gibt's?" murmelte Grobstvck erschreckt. „Ihr habt Euren ganzen Rock mit Schnupftabak bestreut", antwortete Manasse streng. „Haltet einen Augenblick den Sack, während ich ihn abstaube." Joseph gehorchte, und Manasse entfernte jedes Stäubchen gewissenhaft und mit solcher Geduld, daß Grobstock erschöpft war. „Ich danke Euch", sagte er endlich, so höflich er konnte: „Es ist gut." „Nein, es ist noch nicht gut", antwortete Manasse. „Ich kann mir doch nicht meinen Rock verderben lassen. Bis ich ihn bekomme, wird er ein einziger Fleck sein, wenn ich nicht aus ihn Acht gebe." „Also darum gabt ihr Euch so viel Mühe", sagte Grob stock, gezwungen lachend. „Warum denn sonst? Haltet Ihr mich für einen Tempeldiener, einen Gamaschenabbürster?" fragte Manasse hochmüthig. „So, reiner kann ich ihn nicht mehr machen. Ihr würdet den Schnupftabak nicht mehr verschütten, wenn Ihr die Dose so halten würdet." Manasse nahm Grobstock die Schnupftabakdose sanft aus der Hand und begann seine Erklärung, indem er ein paar Schritte weiterging. „Ah da sind wir", rief er, plötzlich den Anschauungsunterricht unterbrechend. Er stieß das Thor auf, lief die Stufen hinan, klopfte donnernd an und schnupfte daun majestätisch aus der juwelenbesetzten Schnupftabakdose. Hinter ihm, Manasse da Costas fischtragend, kam Joseph Grobstock kraftlos einhergeschlichen. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Biblische Frarrengestalten. Unter diesem Titel veröffentlicht B. Jakob so hn ein Buch, welches eine Reihe von gediegenen Charakterschilderungen für die weibliche Jugend enthält. Die Ausgabe, die der Verfasser sich stellte, Musterbilder wahrer Weiblichkeit zu schildern, Frauengestallen, geschmückt mit echt weiblicher Keuschheit und Demuth vorzusühren, die durch ihre leuchtenden Herzens- und Geisteseigenschaften vorbildlich wirken können, ist ihm in hohem Maße gelungen. In dem Buche ist auch der Poesie eine große Stelle eingeräumt, denn es dringt eine Reihe von formvollendeten Dichtungen, die den Geist erheben, das Gemüth erwärmen und zweifellos das Interesse der ideal angelegten weiblichen Jugend fesseln werden. Das im Verlage von Oscar L e i n e r geradezu prachtvoll ausgestattete, mit künstlerisch vollendeten Illustrationen geschmückte Buch wird eine Zierde jedes Büchertisches bilden, aber wir wünschen, daß dasselbe wegen seines trefflichen Inhaltes auch fleißig von den jüdischen Mädchen gelesen werde. Das Buch soll ihnen eine Mitgabe für das Leben bedeuten. Es soll unserer weiblichen Jugend die Begeisterung für unsere Geschichte und ihre edlen weiblichen Gestalten lehren, es wird sie mit Stolz erfüllen, einem Bolksstamm anzugehören, der solche Persönlichkeiten hervorgebracht hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.