Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 818 Dr. Vloch's Wochrnrchrifl. Nr. 41 gefundenen Versammlung heißt es: „Es wurde der Beschluß gefaßt, in Göding einen jüdischen Verein ins Leben zu rufen." Ein solcher Beschluß wurde nun thatsächlich nicht gefaßt, sondern da sich aus der ziemlich eingehenden und lebhaften Debatte zur Genüge ergab, daß das Gros der Gödinger Juden nicht auf dem jüdisch-nationalem Standpunkte stehe und den Abfall von der deutsch-fortschrittlichen Partei nicht billigen könne, wofür insbesondere locale Gründe maßgebend waren, einigte man sich nur darüber, daß eine Organisation der Juden wünschenswertst wäre, überließ aber einem zu diesem Behufe gewählten fünfzehngliedrigen Comite die Erörterung der Frage, ob mit Rücksicht auf unsere localen Verhältnisse die Gründung eines jüdischen Vereines opportun wäre, und aus welchen Grundlagen derselbe eventuell aufgebaut werden sollte. Das heißt doch noch lange nicht einen Verein gründen. Mit dem Ausdrucke vorzüglicher Hochachtung ergebenst Dr. Schmid, Realschulprofessor in Göding, Dr. Körner, Advocat. Brünn, 30. September. Wenn eine Bühne trotz der Absage von drei Stützen des Repertoires die Aufführung eines neuen Stückes durch Heranziehung junger Talente ermöglicht — wenn trotz solcher Hindernisse die Premiere zu einer Mustervorstellung wird — dann ist der Leitung zu einer solchen Bühne das Lob aller Welt sicher. Der junge jüdische Verein in Brünn, Vielen ein Dorn im Auge, war in einer ähnlichen Lage. Obercantor Heller und Prof. Dr. Max Grünfeld, waren zwar nicht verhindert, bei dem Mittwoch veranstalteten musikalisch-declamatorischen Abend zu erscheinen, wohl aber, zu ihrem und der Anwesenden Leidwesen, als Milwirkende theilzunehmen. Nichtsdestowenrger fiel der Abend glänzend aus. Dr. Strach, der Obmann des Vereins, konnte in seiner Begrüßungsrede dem zahlreich erschienenen Publikum mit vollem Rechte den Zweck des Vereins dahin erläutern, die herrlichen Schätze der jüdischen Literatur seinen Mitgliedern vertraut zu machen; denn die auf Anregung des Herrn Straßer für Samstag, 26. v. M. in Brünn abgehaltene Berathung von politischen Vertrauensmännern war nickt vom jüdischen Verein — der keine politischen Tendenzen hat — einberufen worden. Dem Zwecke des Vereins kam der erste Unterhaltungsabend in indealer Weise nach; eine gemüthliche Stimmung, halb wehmüthig, halb heiter, bemächtigte sich bald der Anwesenden. Eine Serenade von Rubinstein für Violine, vorgetragen von Herrn Jakob Sonderling und begleitet von Herrn Kornitzer, fand lebhaften Beifall. Mit rauschendem Beifall begrüßt, richtete hierauf Ingenieur Tintner an die zahlreich erschienenen Mädchen und Frauen seine Worte. Mit beredten Worten pries er die Bedeutung des Weibes in der Geschichte unseres Volkes, das sich, wie der Redner in geistreicher Anspielung an die Geschichte Esthers sagte, allein unter allen Völkern rühmen können, einem Weibe seine Existenz zu verdanken. Freilich trachten heute viele Töchter Israels alles Jüdische abzustreifen, sich alle möglichen Kenntnisse über alles Unmögliche zu verschaffen; diesen ist es denn auch gelungen, als Blaustrümpfe den Typus der höheren Töchter in unser Bolksthum einzubürgern. Doch schon jetzt habe die männliche Jugend in Brünn an Mädchen und Frauen tapfere Bundesgenossinnen im Kampfe für die Wiedererweckung des jüdischen Geistes gefunden. Ihnen zum Danke brachte der Redner unter stürmischem Beifalle sein Glas: Dem jüdischen Weibe! Im weiteren Verlaufe des Abends brachte 8tuä. weä. Munk die Gedichte „Neujahrsnacht" und „Der ewige Jude" (letzteres von Rappaport) wirkungsvoll zum Vortrage. Herr Kornitzer verpflichtete sich alle Freunde des Vereins zu großem Danke, indem er in letzter Stunde einsprang. Die von ihm zart und gemüthvoll gesungenen Lieder „Das Mädchen von Juda" und das bekannte Zionslied von Cantor Friedland brachten ihm reichen Applaus. Große Bewunderung fand der jüngere Bruder der beiden Sonderling jun. wegen seines schönen -Organs sowohl als der künstlerischen Vollendung, mit der er das Keduscha (am Jomtow zu singen) und Mischeberach recitirte. Zum Schluffe declamirte in jugendlicher Wärme Herr Jacob Sonderling auswendig das berühmte Zionslied von Jehuda halevi und ließ die Zuhörer die erschütternde Schönheit dieses erhabenen Gedichtes wiederfühlen. Budapest, 5. October. (Ein Hetzartikel gegen die Jude n.) Vor dem hiesigen Strafgerichte wurde heute ein interessanter Preßproceß durchgeführt. Angeklagt erschienen der 22jährige, wegen Preßvergehens bereits einmal verurtheilte Journalist Gelse i-B i r o, und zwar wegen eines im März veröffentlichten Hetzarttkels gegen die Judeir, der in einem obsmren Wochenblatte erschienen war. Die Anklage wurde von der Ober-Staatsanwaltschaft auf Grund des § 172 des Strafgesetzbuches wegen Aufteizung gegen eine Religions-Gesellschaft erhoben, Die Verhandlung fand unter dem Vorsitze des Gerichtshofpräsidenten Z s i c v a y statt; auch wohnte derselben der nenernannte Oberstaatsanwalt Eugen H a n n e r s w e r g bei. Die Anklage verttat der Staatsanwalts-Substitut Dr. Franz Goch. Der Angeklagte wurde von dem Katecheten Julius Markos vertheidigt. Er bekannte sich als den Verfasser des Artikels, womit das Beweisverfahren geschlossen war. Der öffentliche Ankläger, Dr. Goch, verwies in seiner Anklagerede darauf, daß die katholische Religion Achtung vor der Gerechtigkeit, ferner Freiheit der Menschen gebiete, und überdies auch noch die Liebe zum Nebemnenschen predige. Der Angeklagte, der sich zu dieser Religion bekennt, predige aber in der unsinnigsten Weise den Haß gegen die Angehörigen eines anderen Bekenntnisses; er hetze gegen die Juden, denen er ihre guten Rechte nehmen wolle. Der öffentliche Ankläger macht darauf aufmerksam, daß, wenn man aus sogenannten politischen Gesichtspunkten gegen die Anhänger einer anderen Confession in der Zeitung hetze, dann auch unmittelbar das Volk gegen gewisse Classen der Bevölkerung aufgehetzt werden könnte, was die Sicherheit der Person und des Eigenthums aller Staatsbürger gefährden würde. Den Angeklagten bezeichnete der Staatsanwalt als einen an Jahren und Bildung ganz unreifen Jungen, bei dem nur die Vermessenheit groß sei und der, kaum daß er wegen Hetzereien verurtheilt worden, sich zu neuen Uebertretungen des Gesetzes Hinreißen ließ. Ein solcher Mensch verdiene keine Nachsicht, sondern strenge Bestrafung, wie er (Staatsanwalt) es auch von dem Wahrspruche der Geschwornen erwarte. Die Geschwornen bejahten die S ch u l d f r a g e auf A u freizung gegen eine Religionsgenossenschaft mit a ch t gegen vier Stimmen, worauf der Gerichtshof den Angeklagten zu zweiMonatenStaatsgefängn i ß und z w a n z i g Gulden Geldstrafe verurtheilte. Der Verurtheilte blieb gegen Gutstellung auf freiem Fuß. Fürth t. B., 26. September. ^Der hiesige „C. A." vom Heutigen schreibt: Eine Ueberraschung eigener Art wurde heute ftüh 9 Uhr dem Waisenhausdirector Dr. Deutsch zu Theil. Derselbe befand sich gerade mit. der Ausschmückung der Laubhütte für das heute- Abend einttetende israelitische Fest beschäftigt, als bei demselben der Königlich bayerische Staatsminister v. Landmann aus München in Begleitung des hiesigen Bürgermeisters von Langhaus zum Besuch erschienen waren. Die hohen Herren bewunderten zunächst die prachtvoll geschmückte Laubhütte und nahmen alsdann, nachdem Herr Dr. Deutsch seine hohe Position — derselbe befand sich gerade auf einer Leiter — verlassen hatte, Einsicht von den Einrichtungen, den schönen Wohn- und Schlafräumen der israelitischen Waisenanstalt. Mit dem Wunsche, daß dieses für die bayerischen Israeliten so überaus wichtige humanitäre Institut weiter wachsen und gedeihen möge, verließen die Excellenz und seine Begleitung die Räume dieser hervorragenden Anstalt. Warschau, 2. October. Daß der Grundsatz: „Jüdisches Geld soll in jüdische Hände gelangen" bei der gegenwärtigen traurigen Lage der Juden mehr als berechtigt ist, kann wohl schwerlich von irgend Jemandem angezweifelt werden; nichtsdestoweniger jedoch gibt es Fälle, in denen die Juden ihren Pflichten als Staatsbürger ebenfalls gerecht werden müssen, und ist es Unrecht, sie darob zu schmähen und anzugreifen. Eines solchen Unrechts hat sich die „Jüdische Presse", Berlin, in Nummer 37, schuldig gemacht, indem sie eine Correspondenz aus Warschau brachte, in welcher zwei Banquiers wegeil eines Stipendiums, das sie anläßlich des Hinscheidens des Historikers Pawinski gegründet, aufs Unfreundlichste beurtheilt wurden. Nun muß hervorgehoben werden, daß einer der besagten Banquiers zu den wohlthätigsten Mitgliedern der hiesigen Gemeinde gehört und daß der zweite, obgleich seit Jahren kein Jude mehr, sich an allen Wohlthaten seines Schwagers und Cvmpagnons betheiligt. Es gibt thatsächlich in unserer Stadt keine philanthropische Institution von Bedeutung-, zu der sie ihr Scherflein nicht beigetragen hätten. Eine Muster-Feriencoloiüe für hundert kranke Kinder (zur Hälfte Juden, zur Hälfte Christen) in dem Soolbade Ciechocinek, die sie ausschließlich aus eigenen Mitteln erhalten, eine technische Mittelschule, zu deren Unterbringung sie eilt besonderes Haus gebaut, stehen an der - Spitze ihrer Gründungen. Außerdem betheiligten sie sich mit einer bedeutenden Summe am Bau des neuen jüdischen Hospitals, richteten unentgeltliche Zeichencurse (ohne Unterschied der Confession) für unbemittelte Knaben und Mädchen im Gewerbe-Museum ein und befassen sich mit der Veröffentlichung technischer Werke zu den mäßigsten Preisen, damit die Bildung anch dem unbemittelten Handwerker zugänglichgemacht werde. Daß es auch an stillen Privatwohlthaten nicht fehlt, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden. Verdienen nun solche Leute, die den Leiden ihrer Mitbürger mit offener Hand und offenem Herzen gegenüberstehen, einen Tadel, weil sie den Kreis ihres Wohlthnns erweitern? Ich glaube kaum, daß sich Jemand finden wird, der