Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 41 Dr. Vloch's WochrnfchrNt Seile 815 ist unbekannt und seine Artikel sind nur aus Citaten späterer Autoren geschövft. Nach diesen Citaten dürsten die Artikel dieses unbekannten Antors meist aus Behauptungen, die den Glauben au die Attribute Gottes wie: Seine Ewigkeit, Weisheit, Allmacht u. dgl. betonen, bestanden haben. ') Wichtiger für unseren Gegenstand sind die Hervvrbringnngen des fünfzehntel'. Jahrhunderts, besonders jene der spanischen Schriftsteller. Die fünfzehn Artikel R. Lipmann Mühlhausens, in der Vorrede zu seinem wohlbekannten „Buch des Sieges"'') (pnsB "lao) [1410] unterscheiden sich nur unbedeutend vor:'jenen des Maimonides. In der Übereinstimmung mit der antichristlichen Tendenz seines polemischen Buches legt er mehr Gewicht auf die zwei Artikel: Einheit und Unkörperlichkeit und macht daraus vier. Daher können wir mit dieser kurzen Bemerkung ihn abthun und sogleich zu den spanischen Rabbis übergehen. Der erste derselben ist R. Chasdai ibn Crescas, der ungefähr ün Jahre 1405 seine berühmte Abhandlung „das Licht Gottes" verfaßte. Chasdai's Buch ist durch seine Angriffe auf Aristoteles und seinen Einfluß auf Spinoza sehr bekannt. Doch behandelt Chasdai auch die dreizehn Artikel des Maimonides, denen er sich sehr stark entgegensetzte Schon in seiner Vorrede greift er Maimonides deshalb an, weil er den Glauben an die Existenz Gottes in seinem „Buch der Gebote" als eine „positive Vorschrift aufstellt. Chasdai hält dies für sinnlos, denn, wenn jedes Gebot von einer gewissen höheren Macht eindictirt sein muß, auf lvessen Autorität können wir die Annahme dieser Autorität dietiren? Seine Aussetzungen den dreizehn Artikeln gegenüber gehen im Allgemeinen dahin, daß Maimonides Dogmen, d. h. Fundamental-Glaubenssätze des Jndenthums, ohne welche ja das Judenthum nicht denkbar ist, mit Glaubensmeinungen, d. h. Lehren, die das Judenthum wohl eingeprägt, durch deren Leugnung, obwohl eine solche eine starke Ketzerei involvirt, es jedoch nicht unmöglich gemacht wird, verwechselt. Er behauptet, daß, falls Maimonides blos die Absicht hatte, die Fundamentallehren aufzuzählen, es deren nicht mehr als sieben gäbe; falls er jedoch auch die Glaubensmeinungen einrechnen wollte, er hätte sechzehn auszählen müssen. Als Glaubenssätze der ersteren Classe — nämlich Fundamentallehren, — betrachtet er die folgenden Artikel: 1. Gott weiß unsere Handlungen; 2. Vorsehung; 3. Gottes Allmächtigkeit -- sogar gegen die Naturgesetze zu handeln; 4. Prophenthum; 5. Freier Wille; 6. Das Ziel der Thora ist den Menschen auf's Engste mit Gott in Verbindung zu setzen. Der Glaube an Gottes Dasein, meint Chasdai, ist ein Axiom, mit dem jede Religion zu beginnen hat, weshalb ihn als Dogma mitzuzählen zweifelhaft ist. Die Lehren, die jeder Jude zu glauben verbunden ist, ohne welche das Judenthum jedoch nicht unmöglich ist, theilt Chasdai in zwei Abtheilungen : A. 1. Creatio ex nihilo; 2. Unsterblichkeit der Seele; 3. Lohn und Strafe; 4. Auferstehung von den Todten; 5. Unabänderlichkeit der Thora; 6. Vorrang des Prophetenthums Mosis; 7. Der Hohepriester erhielt die verlangten Unterweisungen von Gott, wenn er durch die Vermittlung. der Urim und Thummin seine Fragen stellte; 8. Das Kommen des Messias. B. Lehren, die durch gewisse religiöse Gebräuche ausgedrückt sind und durch deren Glauben diese Gebräuche bedingt sind: 1. Der Glaube an die Wirksamkeit der Gebete, wie an die Fähigkeit des Priestersegens, uns Gottes Segnungen zuzuführen; 2. Gott ist dem Reumüthigen gnädig; 3. Gewisse Tage, z. B. der Versöhnungstag, sind besonders geeignet, uns Gott näher zu bringen, wenn sie in der Weise gehalten werden, wie sie uns geboten wird. Daß Chasdai in der Wahl seiner „Lehren" ein wenig willkürlich war, braucht kaum gesagt zu werden. In der That besteht die Wichtigkeit Chasdai's für die Dogmenstage mehr in seinen kritischen Anregungen als in seinen positiven Resultaten. Er war, wie wir gesehen haben, der Erste, der die Unterscheidung machte zwischen Fundamentallehren, den Grundlagen des Judenthums, und jenen anderen einfachen jüdischen Lehren, ohne die das Judenthum nicht unmöglich ist. Sehr kühn ist seine Bemerkung, wenn er darlegt, daß Lohn und Strafe, Unsterblichkeit der Seele und Wiederauferstehung von den Todten nicht als Grundlagen des Judenthums betrachtet werden müssen, weil das höchste Ideal der Religion darin bestehe, Gott zu dienen ohne 4) S. Albo, c. III. Wahrscheinlich identisch mit den von Daran erwähnten Autor 13 b. "ISO „Sepher Nizzachon-" Hoffnung auf Lohn. Noch kühner aber ist, was er über die Unabänderlichkeit des Gesetzes sagt: „Einige", sagt er, „haben gefolgert, weil Gott die Vollkommenheit sei, müsse auch sein Gesetz vollkommen und daher der Verbesserung unfähig sein". Doch meint er, dieser Schluß sei nicht folgerichtig, obwohl die Thatsache an sich, bie Unabänderlichkeit des Gesetzes, wahr sei. Tenn, könnte man antworten, diese Vollkommenheit der Torah könnte nur der Einsicht derer entsprechend gedacht werden, für die sie gemeint war; sobald aber die Anhänger der Thora einen höheren Zustand der Vollkommenheit erreicht hätten, müßte auch die Thora, wenn sie der fortgeschrittenen Intelligenz entsprechen sollte, geändert werden. Ein Schüler Chasdai's erläutert die Worte seines Meisters durch ein Beispiel aus der Arzneikuust. Der Arzt muß seine Heilmittel den verschiedenen Stufen anvassen. die sein Patient zu überstehen hat. Daß er seine Vorschrift ändert, hat jedoch keineswegs zu bedeuten, daß seine Arzneikunde unvollkommen ist, oder daß seine ersteren Reeepte oder Anordnungen falsch oder aus Unwissenheit gewählt waren; der wechselnde Zustand des Kranken war die Ursache des Wechsels der ärztlichen Behandlung. Aehnlich, wäre nicht die Unabänderlichkeit der Thora ein „Lehrsatz", könnte man behaupten, daß die Voll kommenheit der Thora nicht mit der Annahme unvereinbar wäre, daß sie einer Modifieation durch unsere wechselnden und fort schreitenden Verhältnisse fähig sei. Aber alle diese Schlußfolgerungen sind nur rein theoretischen Charakters; denn in Wirklichkeit hat jeder Jude, nach Chasdai, all' diese Glaubenssätze anzunehmen, mag er sie Fundamentallehren oder nur jüdische „Lehrsätze" nennen. ") Einige Jahre später, obwohl er sein Buch in demselben Jahre wie Chasdai beendigt hatte, erschienen die Forschungen R. Simeon Duran's (1366—1444) über die Dogmen. Seine Studien über diesen Gegenstand bilden eine Art Einleitung zu seinem Hivbcommentar, den er im Jahre 1405 beendet hatte. Daran ist kein so starker Gegner der dreizehn Artikel wie Chasdai oder ein anderer „Denker unseres Volkes", der sie für eine bloße willkürliche Nachbildung der dreizehn Attribute Gottes hielt. Duran versucht, den Maimonides zu rechtfertigen: nichtsdestoweniger stimmt er „älteren Autoritäten" bei, welche die jüdische Religion in drei Artikeln formulirten — die Existenz Gottes, die Offenbarung und Lohn und Strafe — in die, wie Daran meint, sich die dreizehn Artikel des Maimonides allerdings leicht einreihen lassen. Höchst interessant sind seine Bemerkungen über die Giltigkeit der Dogmen. Er erzählt uns, daß nur diejenigen als Häretiker zu gelten haben, die auf ihren eigenen Meinungen bestehen,obwohl sie wissen, daß solche den Ansichten der Thora zuwiderlaufen. Jene,welche die Fundamentallehren desJudenthums annehmen, jedoch durch ihre eigenen tiefen Studien und durch ernstes Nachdenken dahin gebracht werden, von den bei ihren Glaubellsgenossen geläufigen Meinungen theilweise abzuweichen und gewisse Stellen in der Schrift in ihrer eigenen Weise zu erklären, dürfen keineswegs als Häretiker betrachtet werden. Wir dürfen daher, fährt Duran fort, nicht solche Männer tadeln wie Maimonides, der gewissen Stellen in der Bibel von Wundererscheinungen eine allegorische Auslegung gab, oder R. Levi den Gerschvm, der gewissen unjüdischen Ansichten in Betreff des Glaubens an die creatio ex nihilo beipflichtete. Nur die Ansichten sind verdammenswerth, nicht aber die Träger, von denen sie gehegt werden. Gott verhüte, sagt Duran, daß solch' ein Ding sich in Israel ereigne, daß ehrenhafte Denker wegen ihrer abweichenden Ansichten verdammt würden. Es wäre interessant zu wissen, wie vieler solcher toleranter Theologen wie dieses verfolgten Juden, das fiinfzehnte Jahrhundert sich rühmen kann. ') Wir können jetzt zu einem populäreren, wenn auch weniger originellen Schriftsteller über den vorliegenden Gegenstand übergehen; ich meine R. Joseph Albo, den Autor der Jkkarim („Glaubenswurzeln").^ Er war ein Schüler Chasdai's, ein jüngerer Zeitgenosse Duran's, schrieb jedoch viel später als diese Schriftsteller. Grütz hat ihm mit Recht viel Originalität abgesprochen. Das Hauptverdienst Albos besteht in der Popularifirung der Ideen Anderer, obwohl er nicht immer Bedacht trägt, ihre Namen zu nennen. Wer indessen, mit dem Inhalte der Jkkarim nur halbwegs vertraut ist, wird leicht herausfinden, daß Albo's beste ") Siehe n ->1X (ed. Johannesburg) Vorrede und pag. 20a, 44b, 59b und an anderen Stellen. Der Styl dieses Autors ist sehr dunkel; Bergl. Joels Schrift über diesen Autor (Breslau 1874). ft Siehe die ersten Seiten von rTQK pö (Livorno 1758) und sein toawö ans pag. 13 ff. 8) D'Hpj? Jkkarim „Wurzeln" oder „Fundamentallchren".