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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-09 · 41 (9.10.1896) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
41 (9.10.1896)
Date
1896-10-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 812 Dr. Bloches Wochrnfchrifl Nr. 41 Die deutschnationalen Türken. Die „Ostdeutsche Rundschau" von 6. October schreibt in einem Leitartikel über die ermordeten Armenier: „Es ist wohl nicht zu viel behauptet, wenn die Mehrzahl der hier lebenden Europäer die Armenier als die Blutegel und Ausbeuter der türkischen Nation bezeichnen. Und daß hier im Orient seit mehr als einem halben Jahrhundert lebende Europäer sich in dieser Beziehung ein Urtheil haben bilden können, wird wohl Niemand bestreiten wollen. Was haben diese Christen, die sich von den Heiden nur durch Ausübung christlicher Gebräuche unterscheiden, für die Cultur der Türkei gethan? Nichts weiter, als daß sie mit der Beharrlichkeit, welche dieser Nation im Verfolgen ihrer Interessen eigen ist, auf das Aussaugen ihrer Nebenmenschen bedacht waren. Man wird diesen Ausdruck nicht übertrieben finden, wenn ich anführe, daß ein Saraf (Geld^chsler) bei Erlegung eines Pfandes, welches den doppelten und dreifachen Werth des aufzunehmenden Darlehens betrug, dem Schuldner im V o r h i n e i n 25, 50 oder gar noch mehr Perzent in Abzug brachte. Sie repräsentiren hier die wucherischen Hebräer. Ebenso verhielt es sich mit den Ham als (Lastträgern). Auf stde Weise machten sie ihren in der Minderheit befindlichen türkischen College» Concurrenz, und zwar hauptsächlich dadurch, daß sie billiger arbeiteten und hierdurch die Löhne herabdrückten. Man nahm sie ihrer Genügsamkeit halber überall gern in den Dienst und zur Arbeit; ihr Verdienst war verhältnißmäßig gut. Was thaten sie aber, als die Regierung die geringen Steuern von ihnen erheben wollte? Auf jede Art und Weise suchten sie die Beamten hintanzuhalten, oftmals unter Thräne» und zahlten dann das dem Staate verweigerte und noch ein gutes Theil mehr den Agitationskomitös für Dynamit, damit der Staat vernichtet werde, in welchem sie lebten und von dem sie ihr Brot aßen! Das Mitgefühl der hier lebenden Europäer für die Armenier hat sich von dem Tage, an welchem man sah, mit was für Mitteln sie das Blutvergießen provocirten, mehr und mehr verringert, bis es einer Erbitterung Platz gemacht hat. Gewiß waren die Metzeleien zu bedauern, und es gibt hier wohl Keinen, der nicht wünschen möchte, daß diese unterblieben wären. Aber es gibt wohl Wenige, welche sich nicht sagen müssen, daß die Armenier ihr Schicksal selbst heraufbeschworen und — verdient haben. Konnte man von dem türkischen Pöbel, der auf derselben Bildungsstufe wie die Armenier steht, etwas Anderes erwarten? Gewiß nicht. Der Haß gegen Diejenigen, welche durch ihre Concurrenz so viele Existenzen vernichtet hatten, war zu lange genährt und zu groß, als daß er andere Früchte tragen konnte." Also die unbequemen Concurrenten wurden todtgeschlagen: das ist germanische Moral. Der Großmeister der italienischen Freimaurer, Ernesto Nathan, ist bekanntlich ein Jude. Derselbe hat jüngst einen Protest gegen den Anti-Freimaurer-Congreß in Trient erlassen. Was uns dabei speciell interessirt, ist die warmherzige Art, in der er seine Brüder zum Schutz der bedrängten Christen in Creta und Constantinopel auffordert. Es heißt in dem Schriftstück: „Und an diesem Tage gedenken wir, geliebte Brüder, jener Christen in Creta und Constantinopel, die im Namen der wahren christlichen Religion kämpfen und sterben für ihr Vaterland und ihre Familie. Wenn auch der starre Egoismus die Mächte verhindert, diese Unglücklichen aus der Tyrannei zu befreien, so müssen wir doch, geliebte Brüder, diesen wahren Christen und Helden unsere besten Gruße und Wünsche entbieten; diesen Märtyrern gehört unser Herz." Auf dem Autifreimaurer-Congreß zu Trient sprach der Wiener Pfarrer Deckert den Wunsch aus, daß allgemein die Ansicht durchbrechen müsse: Antisemit, Antiliberaler, Antifreimaurer seien vollkommen identisch. Nur dann läßt sich das unheilvolle Wirken der Freimaurer abbrechen. Redner erwähnt auch eine von ihm erschienene Broschüre gegen die Freimaurer, die als Motto den Spruch trägt: „Der Antisemitismus ist das beste Wanzenpulver gegen die Freimaurerei." Die Vertilgung der Juden und der Freimaurer sei ein Hauptgebot des christlichen Heiles. Dr. Lueger und die Lehrer in Oesterreich. Eine recht merkwürdige Illustration zu der Lehrersteundlichkeit der Antisemiten und ihres Führers Dr.. Lueger gibt eine Stelle aus einer Rede, welche Dr. Lueger am Sonntag in einerantisemitischen Wählerversammlung in Böhmischkrut gehalten hat. Wir citiren den Ausspruch des ersten Vizebürgermeisters von Men getreu nach seinem Leiborgan. Mehrere Gemeindemitglieder von Böhmischkrut haben weißgekleidete Schulmädchen zum festlichen Empfange des Herrn Doctor Lueger dirigirt, was die Lehrer von Böhmischkrut nicht gebilligt haben sollen. Auch hielten sich die Lehrer der ganzen Umgebung von der Versammlung ferne. Darauf bezieht sich nun nachfolgende „Mahnung", welche Dr. Lueger nach dem „Deutschen Volksblatt" an die Lehrer von Böhmischkrut richtete. Er sagte: „Ich habe vernommen, daß sich dieser feindlichen Strömung auch die Lehrer dieser Gegend angeschlossen haben; ich warne dieselben davor, bevor sie noch das Vertrauen verlieren. Sie haben auch verboten, daß sich die Mädchen für heute weiß kleiden sollen. Ich gemahne die Herren Lehrer, daß sie nur in der Schule ihres Amtes zu walten haben und alles Andere sie nichts a n g e h t. Ich mußte dies sagen, um einem gewissen Hochmuth von gewisser Seite e n t g e g e nzu tr e t en." So sieht also die Lehrerfreundlichkeit der Antisemiten aus, wenn die Lehrer sich einmal nicht als Werkzeuge von ihnen gebrauchen lassen. Weil die Lehrer von Böhmischkrut zur höheren Ehre des Herrn Dr. Lueger nicht weißgekleidete Schulmädchen vorführen wollten, werden sie in die Schranken ihre r L e h r t h ä t'i g k e i t zurückgewiesen und ihnen klipp und klarerklärt, daß sie außerhalb der Schule nichts zu reden haben. Man könnte mit Herrn Dr. Lueger den Lehrern zurufen: „Merken sie sich das, meine Herren!" Wenn es den Lehrern einfiele, anläßlich einer liberalen Wählerversammlung weißgekleidete Schulmädchen als Spalier beizustellen, oder diese Antheilnahme der Schuljugend am politischen Leben auch nur zu gestatten, so würde das Dr. Lueger selbstverständlich als eine Pflichtverletzung hinstellen, da die Lehrer sich auch um das Betragen der Schulkinder außerhalb der Schule zu kümmern haben. Herr Dr. Lueger legt sich eben seine Grundsätze und Anschauungen so zurecht, wie es ihm paßt; als G es i n n u n g s j o n g l e u r ist er ja eine bekannte politisch-artistische Specialität. Die Wahrheit ist, daß Kinder mit dem politischen Leben nichts zu schaffen haben und wenn seinerzeit Dr. Lueger sich in den von ihm und feiner Partei veranstalteten Frauenversammlungen durch weißgekleidete kleine Mädchen Bouquets überreichen ließ, so war das ein unerhörter Unfug, den zu butbeu jeder ernste Politiker sich schämen würde. „Willst Du wissen, was sich ziemt ♦ . „Als alter Parlamentarier," so hat Vicebürgermeister Dr.Lueger im Gemeinderathssitzungssaale dem Gemeinderath Wrabetz zugerufen, „als alter Parlamentarier sollten Sie wissen, wie weit Sie gehen können. Es entspricht nicht der Würde eines Gemeinderathes der Stadt Wien, solche Ausdrücke zu gebrauchen, um den Beifall von einer anderen Seite zu erhalten." Herrn Gemeinderath Wrabetz wurde von dem gestrengen Herrn. Vicebürgermeister wegen „Beleidigung einer Behörde" der Ordnungsruf ertheilt. Diese Beleidigung bestand aber darin, daß Gemeinderath Wrabetz erklärt hatte, „es sei einer Behörde unwürdig", wie es in der Polizeinote über die Hausirer geschehen, „eine Anzahl armer Teufel insgesammt als Diebe und Diebshehler hinzustellen." Herr Dr. Lueger hat bei Ertheilnng des Ordnungsrufes den Umstand, daß Herr Wrabetz ein „alter Parlamentarier" ist, jedenfalls als Erschwerungsgrund angenommen. Bei einem Neuling auf parlamentarischem Boden, so zum Beispiel bei einem Steiner oder Gregorig, hätte Herr. Dr. Lueger gewiß durch die Finger geschaut, aber so ein „alter" Parlamentarier, wie Herr Wrabetz ist, der muß wissen, „wie weit er gehen darf", namentlich einer Behörde gegenüber. Geht er doch weiter, so folgt der Ordnungsruf. Aber w o ist die Grenze, wie weit „ein alter" Parlamentarier gehen darf, um bei Herrn Dr. Lueger ohne Ordnungsruf durchzukommen?" Die Antwort ist nicht so leicht. „Willst Du wissen, was sich ziemt," so könnte man in Variation eines bekannten Wortes allenfalls noch sagen, „so frage nur bei einem alten Parlamentarier an." Zum Beispiel bei Herrn Dr. Lueger selbst. Hören wir an der Hand der stenographischen Protokolle des Landtages und des Reichsralhes, wie weit ein „alter" Parlamentarier gehen darf. „Es ist ein Scandal, wie hier in diesem hohen Hause die Präsidialgewalt mißbraucht wird." (Dr. Lueger, 10. Juni 1895,) „Ah, das gibt's nicht, mein lieber freund. Ich bitte, ein bissel unparteiisch zu sein!" (Dr. Lueger, 11. November 1895.) „Das wissen Hunderttausende von Wienern, solche Unwahrheiten werden vom Ministerpräsidenten gesagt". (Dr. Lueger. 16. November 1895.) „Wenn die Minister nichts Anderes verstehen, als grob zn sein . . . Ich erkläre Ihnen, wenn der Minister nochmals den Anstand verletzen sollte, dann wird der Berg die richtige Antwort finden." „Wie weit" man wieder im niederösterreichischen Landtage gehen kann, kann man gleichfalls vom „alten" Parlamentarier lernen: „Es ist — wie soll ich sagen — eine recht ehrenwerthe Gesellschafthier. Sie müssen sich schämen, daß so etwas vorkommt." (Dr. Lueger, 12. Februar 1894). „Eine so u n f ä h i g e Kö rp e r schaf t, wie der niederösterreichische Landtag ist, kenne ich nicht." (Dr. Lueger, 8. Januar 1895). „Wie weit ein „alter" Parlamentarier gegenüber Richterst a n d und Rechtspflege gehen darf, ist aus Folgendem ersichtlich: „Wenn Se. Excellenz von unabhängigen Richtern gesprochen hat, so erkläre ich hier, daß nur der an die Unabhängigkeit

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