Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 810 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 41 reaktionärer Tendenzen werden. Und immer ist es die geistige Kurzsichtigkeit des Volkes, welche dem Streberthum Vorschub leistet. Der vernünftige A n t i s e m i 1 i s m u s will nicht die Bedrückung des Judenthums, sondern die Abwehr gegen dessen U ebermacht. Antisemitische Ein- und Berkaufsgenossen schäften tragen daher nichts an sich, gegen das sich das Gefühl der- Gerechtigkeit und Humanität erheben würde, und sind das einzige und richtigste Mittel, um das Zuströmen des Nationalreichthnnis in jüdische Cassen entsprechend zu unterbinden. Anstatt Gesetze zu schaffen, die eine unlautere Concurrenz, den Schwindel und die Ausbeutung überhaupt unmöglich machen, mißbraucht man den Antisemitismus dazu, den Boden der Gesetzgebung für die Rückeroberung der alten Rechte des Adels und des Clerus entsprechend vorzu bereiten. Der Jubel in der clericalen Presse Oesterreichs über die heutige Tages st römung läßt darüber keinen Zweifel a u f k o m m e n, wohin wir st e u e r n. Was thun? Das einzige Mittel ist eine stramme, correkte Haltung der Lehrerschaft. Keine Gelegenheit unbenutzt lassen, um das Volk aufzuklären. Das Leben gebärt wirthschaftliche und nationale Gegensätze die Menge. In der Schule aber gibt es nur eines: Menschenbildung auf neutralem Boden. Wenn wir diesen Boden verlassen, daun schlagen die clericalen Sturmwellen über uns zusammen, und eine neue Zeit wird uns neue „Herren" bringen, die durch Jahrzehnte hindurch von dem vielen, in den letzten 25 Jahren angesammelten erziehlichen und methodischen Wissensstoff, von den vielen vom Volke für Schulzwecke aufgewendeten Millionen zehren würden wie der Dachs von seinem Fette. Waldmeister." Bor Mem wollen lvir den kurzen Sinn des oben angeführten Artikels in allgemein verständlichem Deutsch feststellen. Unwiderleglich klar und trocken ist hier jener Gedanke zum Ausdrucke gebracht, den fast die gesammte arische Lehrerschaft Oesterreichs schon seit nahezu einem Jahrzehnt denkt, der sie bei den Wahlen, im socialen Leben und selbst in der Ausübung ihres Berufes lenkt und leitet, und den zu äußern erst jetzt ein Lehrer unter dem Pseudonym „Waldmeister" den Muth faßte. Aber fast alle Anderen dachten wie der Schreiber schon längst: „Der Antisemitismus ist uns schon recht, w e n n w ir n ur ni ch t den Cl cri c a lis mus mit in den Kauf nehmen müßten; der A n t i s e m i t i s m u s i st w o h l e i n w a h r e r S e g e n, w e n n n u r nicht die Concordatschulemitin Sicht käme; der Antisemitismus ist Werth, von uns Lehrern pussirt zu werden, wenn wir nur nicht fürchten müßten, hiedurch wiederum unter die Knute des Herrn Pfarrers und seiner Köchin zu kommen." Zuerst hieß es nach Schönerer: „Der Antisemitismus darf nur national sein!" Dann kam Lueger und rief: „Nein, nicht national, der Antisemitismus kann nur unter der Flagge der christlich-socialen Idee siegen!" Nun kommt „Waldmeister" — wir wollen loyalerweise sein Pseudonym nicht lüften — und ruft: „Nein, weder deutschnational, noch christlich-social, der Antisemitismus kann nur auf wirthschaftlicher Grundlage blühen und gedeihen." Man unterschätze ja nicht diesen Weckruf der Lehrerzeitung, sie wird 'nur zu bald der Anhänger genug finden. Dieser Weckruf ertönt aus Lehrerkreisen nicht von heute und gestern, es ist ein altes Lied, wird mit jedem Tage lauter und populärer, und nicht lange wird es währen, wird der wirthschastliche Antisemitismus den christlich-socialen, wie den deutschnationalen verdrängen. Den Beweis hiefür wollen wir in einem nächsten Artikel erbringen. Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. LXI. Im Vergleiche zu den armenischen Gräueln in der türkischen Metropole sind die jüdischen Gräueln in dem podolischen Städtchen freilich nichtssagend; laut officiellem Bericht sind es n u r fünf Todte und etwa dreißig mehr oder minder schwer Verwundete, einige Häuser sind eingeäschert worden, einige Buden wurden gebrandschatzt. Trotzdem wirkt die tragische Episode in dem kleinen podolischen Neste geradezu niederschmetternd, und allein die Möglichkeit derselben wirst einen düsteren Schatten auf die gesammte Sachlage. Die Armenier befinden sich in offener Nebellion gegen die Regierung.des Padischah, sie wollten Constantinopel in' die Lust sprengen, das erklärt (wenngleich nicht entschuldigt) die Metzeleien, mit denen sich letzthin die Geschichte des osmanischen Staates besudelte. Und da muß man berücksichtigen, daß dergleichen Excesse in einem Lande Vorkommen, das, Dank zerfahrener und haltloser Zustände und europäischer Bevormundung, in welchem Neid, Habgier und Mißgunst die Hauptelemente bilden, sich in einem höck st gefährlichen Zersetzungsproceß, factisch im Zustande der Anarchie befindet. Und das Abschlachten der Armenier fand durch den fanatischen Janhagel statt, während die Schlächterei in dem kleinen Podolischen Städtchen durch die Säulen des Staates, durch die Führer der bewaffneten Macht inscenirt wurde. Kleine Ursachen — große Wirkungen. Ein russischer Dragonerofficier insultirt in einem Wirthshaus harmlose Juden. Wider Erwarten lassen sich diese podolischen Kinder Israels eine derartige, ihrerseits durch nichts provocirte Behandlung nicht gefallen, wodurch der Herr Officier geradezu empört wird. Was, der Jude wagt noch zu raisonniren, will nicht dulden, daß man ihn hänsle. Das ist eine unerhörte Frechheit, die strengste Rüge verdient. Der Officier in seiner Unfehlbarkeit und Gottähnlichkeit durch die renitente Handlung der Juden empfindlich betroffen, will an denselben sein Müthchen kühlen, wird aber von dem Nachkommen der Maccabäer überwältigt und tüchtig durchgebläut. Selbstverständlich, daß dieser unerwartete Ausgang der Collision zwischen dem Vertreter der bewaffneten Macht und dem Vertreter des Judenthums nicht ungeahndet bleiben darf. Der racheschnaubende Officier stellt sich gn die Spitze einer Schwadron von 150 Dragonern und in Begleitung etlicher seiner gleichfalls nach Revanche an den frechen Juden dürstender Kameraden wird dem jüdischen Städtchen bis Fehde erklärt: ein blutiges Bild des Krieges im Frieden. Etliche Häuser werden in Brand gesteckt und bei der knisternden Begleitung der Flammen beginnt eine Hetzjagd der bewaffneten Soldateska auf die friedlichen Bewohner. Mit blankem Pallasch dringen die Soldaten vor, machen schonungslos Alle nieder, die sich ihnen in den Weg stellen, erbrechen die Magazine und vollziehen das Plünderungs- und Zerstörungswerk, wie es bei Brandschatzung mit der Waffe in der Hand genommener feindlicher Städte üblich ist. Der Himmel weiß, welche Dimensionen diese glänzende Waffenthat unserer Baterlandsvertheidiger angenommen hätte, wenn nicht die Vertreter der heiligen Ortshermandad, erschreckt durch die auf ihnen für solch ein unerhörtes Gebühren ruhende schwere Verantwortlichkeit, intervcnirt und dem Blutbade ein Ende gemacht hätten. Der Commandant des Regimentes bekam einen strengen Verweis und wurde versetzt, die Officiere, welche diese Tragödie „Krieg 'im Frieden" inscenirt hatten, wurden zu Gemeinen degradirt, „weil sie über die eben unter ihrem Befehle stehenden Mannschaften eigenmächtig disponirt hatten", und den russischen Zeitungen wurde verboten, über die ganze Geschichte ein Wort zu verlieren; man wollte sie eben todtschweigen, da sonst Europa den armenischen Gräueln jüdische Gräuel gegenüberstellen könnte. Die tapferen Officiere wurden degradirt, weil sie über ihre Mannschaft eigenmächtige Dispositionen getroffen hätten. Das ist das Motiv der Strafe, die sie betroffen, eine harte Strafe, freilich, doch in keinem Verhältniß stehend zu dem Verbrechen, welches sie hervorgerufen: Brandstiftung, Mord friedlicher Bürger durch die bewaffnete Macht, die doch zu ihrem Schutz berufen ist, offener Aufruhr. Die Anstifter gehörten vor ein Kriegsgericht und müßten erschossen werden; sie hätten sogar den entwürdigenden Tod durch den Strang verdient, und dieses Schicksal hätte sie sicher erreicht, wenn sie sich an Christen vergriffen hätten. Ein Schrei des Unwillens wäre durch's ganze weite Reich hörbar geworden und hätte die Regierung gezwungen, unnachsichtlich gegen die Uebelthäter vorzugehen. Aber im gegebenen Falle handelte es sich blos um Juden, und daher wnrde in dem Urtheil die Art des Vergehens gar nicht erwähnt. Ai an ging geflissentlich darüber hinweg. Denn hätte man das Verbrechen genau präcisirt, so wäre auch die Strafe ganz anders ausgefallen. Das Trostlose an dieser Geschichte ist, daß die Rechtlosigkeit der russischen Juden nochmals erhärtet wird. In Bezug auf die christliche Bevölkerung würde sich ein Officier nie zu derartigen unerhörten Gewaltthätigkeiten Hinreißen lassen, da er im Voraus überzeugt sein konnte, daß die Sühne eine furchtbare sein würde. Der Jude jedoch ist so rechtlos, daß man in der That wähnt, sich in Bezug auf ihn Alles gestatten zu dürfen. Die alten Beschränkungen, denen er in