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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-09 · 41 (9.10.1896) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
41 (9.10.1896)
Date
1896-10-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41 Dr. Vloch's Wochrnfthrifi Sette 807 Untersuchung hat der Angeklagte — nein, der Zeuge vorläufig, ausgesagt, die Mutter hat geklagt, daß der Schlüssel auf unerklärliche Weise verschwunden sei, aber von Erb nichts." Auf diese gründliche Ermahnung des Präsidenten erwiderte der Zeuge: „I ch b i t t e, ich erinnere mich n i ch t, d a s je gesagt zu haben, das ist jetzt drei Monate her, ich war damals krank vor Aufregung, kopflos, und konnte doch nicht glauben, daß mein i n t i m st e r Freund zu der Sache in Beziehungen stehe; offenbar hat man mich nicht befragt, wer den Schlüssel haben könne. Ein Studiencollege des Angeklagten und des Zeugen Bader, der Mediciner Albert H o l i t s ch e r gibt unter Eid an, daß er wiederholt nach Besuchen bei Bader den Wohnungsschlüssel mitgenommen und oft eine Woche behalten habe. Das erste Mal hatte ihn Arthur Bader selbst aufgefordert, es zu thun. Darauf erhob sich der Staatsanwalt H a n u s ch und erklärte: „Die Widersprüche in den Llngabender zuletzt vernommenen Zeugen veranlassen i h n, u m e i n e Abschrift des Protokolls zu ersuchen u n d e r behalte sich v o r, A n t r ä g e b e z ü g l i ch e i n e r Untersuchung wegen Verbrechen des Betruges durch falsche Zeugenaussage zu st e l l e n." Nun sehen wir uns die Zeugen im Processe gegen die arme jüdische Hausirerin Jellinek an, wir meinen jene, die belastend aussagten. Der eine Zeuge, der famose Herr Haslinger ist ein Tischlermeister, der bei der Anzeige gegen die arme Jüdin weniger an die Salvator-Medaille des Herrn P s i st e r dachte, sondern an den Umstand, daß er wegen M i ß h a n d l u n g eines Kindes der Hausirerin zu einer G e l d st r a f e v e r u r t h e i l t w o r d e n war. Eine zweite Belastungszeugin war die Hausmeisterin Fruhstorfe r, die gegenwärtig wegen fortgesetzter Unterschlagung der Zinsgelder in landesgerichtlicher Untersuchung steht. Sie hatte auch einmal behauptet, die Hausirerin habe den Zins noch nicht gezahlt, während diese den Beweis erbringen konnte, daß sie gezahlt habe. Als dritter Belastungszeuge war der Gatte der Frau F r u h st o r f e r, der anfänglich bei b er Polizei erklärt hatte, die fragliche Aeußernng, welche die Anklage gegen die Hausirerin vera n laßt e, sei nicht gefallen. Die Unschuld der Angeklagten kam trotz dieser Belastungszeugen an den Tag; die arme jüdische Hausirerin wurde sogar f r e i g e s p r o ch e n. Man fragt nun, wieso es denn komme, daß gegen diese in ihrer Art gewiß classischen B e l a st u n g s z e u g e n seitens des Staatsanwaltes auch nicht einmal die Drohung ausgesprochen wurde, er werde gegen sie d i e A n k l a g e w e g e n Betrug e s durch falsche Zeugenaussagen erheben? Es wäre gewiß nicht ganz mit dem eporischen Jniperativ und auch nicht mit dem Gesetze vereinbar, als Beschädigter e n t l a st e n d für einen Angeklagten auszusagen, wenn diese Aussage nicht auf Wahrheit beruht. Ist es aber sittlicher, edler, humaner, gesetzlicher, als B el a st u n g s z e u g e die Unwahrheit gegen einen Unschuldigen auszusagen? Das sind die Fragen, die anläßlich der Processe E r b und I e l-l i n e k an uns gerichtet werden. Wir können sie nicht beantworten, wohl aber gestatten wir uns, in aller Ergebenheit diese Fragen einer löblichen Staatsanwaltschaft zu übermitteln. ' Ihres Amtes wäre es wohl, die Antwort zu geben. Wir meinen, die richttge Antwort, die gewiß nicht darin besteht, dem Fragesteller den Mund zu schließen. —a— Morituri- Die Geschichte vom worituria ist augenblicklich überall actnetl, die Frage, mit welchen Empfindungen der Mensch in den Tod geht, wie der alte Gothe sich zum Sterben anschickte, wie der Eavalier der Rococo-Zeit in das Jenseits hiuübertänzelte und wie der moderne Mensch sich an der Grenzscheide zwischen Sein und Nichtsein benimmt, ist ja in den letzten Tagen burgtheaterfähig geworden. Vielleicht geschah es mit feiner Ironie, daß S u d e r m a n n, der Dichter der „Llorituri", als Vertreter des modernen Menschenthumes das uniformirte Individuum erkor, und dem aushorchenden Burgtheaterpublicum zeigte, wie der Officier stirbt. Die Wirklichkeit ist an keine Hoftheaterrücksichten gebunden, sie kann den Menschen tiefer unten anfaugen lassen, und sie wird sich gewiß auch lebhaft dafür interessiren, wie der Mann ohne Officiersepauletten, wie der gemeine Soldat stirbt. Das Interesse, welches diese simplen, sternlosen wvritnri einslößen, ist ein recht begreifliches, und mau wird einsehen, daß es durch die Schablonen-Psychologie jener alltäglichen Notizen: „Selbstmord eines Einjährig-Freiwilligen" nicht genügend befriedigt wird. Geht es so weiter, wie bisher, so wird das Beiwort „alltäglich", welches wir eben gebrauchten, nicht mehr lange eine Uebertreibung bedeuten. Das weiß jeder Zeitungsleser, daß die Fülle der Soldatenselbstmorde eine entschieden steigende Tendenz aufweisen. Unsere Antisemiten, die sich sonst nicht genug darüber beklagen können, daß sich das jüdische Element angeblich überall hervordränge, werden Lurch die Thatsache vollkommen kühl gelassen, daß der Percentsatz, den die jüdischen morituri in Uniform einnehmen, ein übergroßer, ein völlig unmäßiger ist, daß die Steigerung des Soldaten- Selbstmordes zum guten Theil auf ihre Rechnung zu schreiben ist. Diese trefflichen Leute, die sonst keinen, auch nur im Geringsten jüdisch anklingenden Namen ohne ein halbes Dutzend Ausrusungszeichen niederschreiben, haben es ruhig hingenommen, daß gleich an einem Tage die Selbstmordchronik die Namen Kohn und Purjez als Selbstmörder in Uniform bezeichnete. Für uns aber entsteht dic ernste Frage, wie diese tieftraurige Erscheinung zu deuten ist, warum kräftig blühende, fast- und kraftstrotzende Bäume vom Blitzstrahl des Todesschicksals getroffen werden. Das steht in keinem Leichenbefund zu lesen, das meldet kein Regimentsrapport, davon schweigt der Tagesbefehl. Manneszucht und eherne Disciplin bilden eherite Wände, die keine Ohren haben. Und der jüdische Soldat, der den Heldentod im Frieden stirbt, nimmt sein tieftrauriges Geheimniß mit sich ins Grab. Die maßgebenden Faktoren zerbrechen sich die Köpfe nnd stellen tiefsinnige Meditationen darüber an, was diesen und jenen braven jungen Mann in den selbstbereiteten Tod getrieben hat. Man verbucht die complicirtesten Schlüssel, diese Räthseln zu lösen und vergißt das Nächstliegende, das Einfachste . . . Man hält an dem Dogma fest: In der Armee gibt es keinen Antisemitismus!! Man glaubt, daß die schöne Theorie, des Kaisers Rock macht Alle gleich, die ihn träger;. ihre praktische Befolgung unbedingt verbürge, und vergißt gleichmüthig, daß schließlich nicht von Allen und Jedem die glückliche Lueger'sche Chamäleonnatur verlangt werden kann, der die Gesinnungen öfters wechselt als Hemden und von heute auf morgen der bisherigen Anschauungen und Principien vergißt. Nein, die Leute, die heute in Civil ihr „Nieder mit den Juden!" geschrieen, den „Manschet" verhöhnt, ihre Mitbürger israelitischer Confession als Wesen niederer Ordnung verachtet haben, bleiben im zweifarbigen Tuche dieselben. Ihre Anpassung an die Grundlage des Militärs ist eine rein äußerliche und wenn ihnen auch der Knotenstock aus der Hand gewunden wird, auch mit Nadelstichen kann man Mißliebige und Verhaßte in Tod und Wahnsinn treiben. Die Llorituri der Armee könnten Manches erzählen, ihr furchtbares Los gehört zum guten Theile auf das über und über belastete Conto jener Professionellen Schuldenmacher, die als Hetzer und Volksverführer schurren und wählen und Schulden contrahiren auf das Wohl der Gesammtheit, auf das Interesse des Staates. I'bmi'l (Die Psychologie des Justament-Präsidenten.) Herr S t r o b a ch war ans jenen Urlaub gegangen, der sein dermalen so anstrengende Thätigkeit dringend heischte. Da übernahm Dr. Lueger die Stellvertretung seines dermaligen Stellvertreters und war einige Wochen hindurch der Mühe überhoben, feine Reden

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