Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 40 Vr. Vloch's Wochrnfitzrifi. Seite 803 Feuilleton. Der König der Schnorrer. Bon I. Z a n g w i l l. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Die Kühnheit des Schnorrers ernüchterte Josef Grobstock vollständig; sie hätte ihn reizen können, den Slerl zu züchtigen, aber das geschah nicht. Seine bessere Natur bekam die Oberhand, er begann sich zu schämen und suchte in seiner Tasche verlegen nach einer Krone; dann zögerte er. als fürchte er, daß dieses Friedensgeschenk einem so seltenen Geiste nicht völlig genügen würde, und als schulde er dem Fremden mehr als eine Sitbernlünze — eine Entschuldigung. Er schickte sich an, sie ehrlich zu bezahlen, aber in ungeschickter Weise wie Einer, der an solche Miinze (licht gewöhnt ist. „Ihr seid ein unverschämter Kerl, aber Ihr suhlt Euch wohl verletzt", sagte er. „Nehmt die Versicherung, daß ich nicht wußte, daß in dein Päckchen nichts sei. Wirklich nicht." „Dann hat mich Ener Rentmeister bestohlen", ries der Schnorrer aufgeregt. „Ihr habt die Päckchen von ihm machen lassen, und er hat mein Geld gestohlen — der Dieb, der Sünder — dreifach ist verflucht, wer den Armen beraubt." „Ihr versteht mich nicht", siel der Magnat sanftmüthig ein, „ich habe selbst die Päckchen zusammengestellt." „Warum sagt Ihr da, daß Ihr nicht wißt, was darin war? Geht, Ihr spottet meines Elends". „Nein, Hort mich zu Ende", rief Grobstock verzweifelt. „In einige steckte ich Goldmünzen, in die meisten Silber, in ein paar Kupfermünzen und nur in ein einziges nichts. Das habt Ihr gezogen. Es ist Euer Unglück". „Mein Unglück", wiederholte der Schnorrer zornig. „Es ist Euer Unglück — ich habe es nicht einmal gezogen. Der Heilige — gelobt sei sein Name — hat Euch für Euer herzloses Spiel mit den Armen gestraft — weil ihr Euch über ihr Unglück lustig macht, sowie die Philister über Samson. Die gute That, die durch ein freiwilliges Geschenk für mich auf Euere Rechnung geschrieben worden wäre, hat Gott Euch jetzt genommen. Er hat Euch unwürdig erklärt, durch mich Gerechtigkeit zu erlangen. Geht Eurer Wege, Mörder!" „Mörder?" wiederholte der Philantrop. Dieses harte Urtheil über seine That machte ihn ganz verblüfft. „Ja, Mörder! Steht es nicht im Talmud, daß Einer, der einen Anderen beschämt, gleich dem ist, der sein Blut vergießt? Und habt Ihr mich nicht beschämt? Wenn Jemand Ener Almvsengeben mitangesehen hätte, würde er mich da nicht ausgelacht haben?" Der Säule der Synagoge war zu Muthe, als ob sein Wanst eiuschrnmpfte. „Aber die Anderen", murmelte er reuig. „Ihr Blut habe ich nicht vergossen. Habe ich nicht mein schwer erworbenes Geld freiwillig hergegeben?" „Zu Euerer Belustigung", entgegnete der Schnorrer- „Aber wie steht es im Midrasch? In der Welt rollt ein Rad -- nicht der, der heute reich ist, ist morgen reich, sondern Diese erhöht er und Jene erniedrigt er, wie es im snnfnndsiebzigsteu Psalm steht. Darum erhebe Dein Horn nicht zu hoch und sprich nicht mit einem steifen Nacken." Er stand vor dem unglücklichen Capitalisteu wie ein alter Prophet, der im Begriffe ist, einen aufgeblasenen Herrscher anzuklagen. Der arme Mann griff mit der Hand unwillkürlich an seinen hohen Kragen, als wollte er damit seine scheinbare Anmaßnng erklären, in Wirklichkeit aber, weil ihm bei dem Angriffe des Schnorrers der Athem ausging. „Ihr seid ein hartherziger Mann", keuchte er hitzig. Er ward zu einer Bertheidigungsweise getrieben, die er nicht voransgesehen hatte. „Ich that es nicht ans Uebermuth, sondern ans Vertrauen in den Himmel. Ich weiß sehr gut, daß Gott ein Rad dreht, darum maßte ich mir nicht an, es selbst zu drehen. Ueberließ ich es nicht der Vorsehung, wer die Silbernnd wer die Goldmünzen, wer bas Kupfergeld und wer die Niete bekommen sollte? Außerdem weiß Gott allein, wer meinen Beistand wirklich braucht — ich habe ihn zu meinem Almosenier gemacht, ich habe meine Last dem Herrn aufgebürdet. „Epikuräer!" schrie der Schnorrer. Gotteslästerer! So also möchtet Ihr mit den heiligen Worten handeln? Bergeßt Ihr, wie es im nächsten Verse heißt: Blutdürstige und Betrüger sollen nicht die Hälfte ihrer Tage erleben? Schande über Euch! — Und Ihr seid ein Gabbai (Schatzmeister) der großen Synagoge! Ihr seht, ich kenne Euch, Josef Grobstock. Hat nicht der Tempeldiener Eurer Synagoge sich gegen mich gerühmt, daß Ihr ihm eine Guinee für das Aus bürsten Eurer Gamaschen gabt? Würde es Euch eiufallen, i h m ein Päckchen anznbieteu? Nein, nur auf die Armen wird getreten - auf solche, deren Verdienste weit größer sind, als die von Tempeldienern. Aber der Herr wird Andere finden, die ihm leihen - denn wer Mitleid hat mit dem Armen, leiht dem Herrn. Ihr seid kein treuer Sohn Israels". Die Tirade des Schnorrers war lang genug, um Grobstock wieder zu Athem und in den Besitz seiner Würde gelangen zu lassen. „Wenn Ihr mich wirklich kennen würdet, müßtet Ihr wissen, daß der Herr beträchtlich in meiner Schuld steht", entgegnete er ruhig. „Wenn Ihr das nächstemal über mich sprechen wollt, so sprecht mit den Psalmeuleuten, nicht mit dem Tempeldiener. Noch nie habe ich die Bedürftigen vernachlässigt, selbst jetzt bin ich, obwohl Ihr frech und lieblos ward, bereit, Euch beizustehen, wenn Euch etwas abgeht". „Wenn mir etwas abgeht," wiederholte der Schnorrer zornig. „Gibt es etwas, was mir nicht abgeht?" „Seid Ihr verheiratet?" „Ihr habt Recht — Weib und Kinder sind das Einzige, tvas mir ll i ch t abgeht." „Keinem Armen", meinte Grobstock mit wiedererwachtem Humor blinzelnd. „Nein", stimmte der Schnorrer finster zu, „der Arme lebt in der Furcht Gottes, er gehorcht dem Gesetz und den Geboten. Er heiratet, so lange er jung ist, und seine Gattin ist nicht mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Nur der Reiche überschreitet das Gebot und zögert, unter den Traualtar zu treten". „s)hut gut, hier ist eine Guinee im Namen meiner Frau", fiel Grobstock lachend ein, „oder halt, hier ist noch eine, da Ihr keine Gamaschen bürstet". „Im Namen meines Weibes danke ich Euch", entgegnete der Schnorrer würdevoll. „Dankt mir in Eurem eigenen Namen", antwortete Grobstock, „das heißt, sagt ihn mir." „Ich bin Manasse Bueno Barzillai Azevedo da Eosta", antwortete Jener einfach. „Ein Sephardi?" rief der Philantrop. „Steht das nicht auf meinem Gesichte geschrieben, so wie aus dem Euren, daß Ihr ein Tedesco seid? Es ist heute das erste Mal, daß ich von Einem Euren Geschlechtes Geld annehme." „Oh, wirklich", murmelte Grobstock, der sich wieder ganz klein vorkam. „Ja, sind wir denn nicht viel reicher als Eure Gemeinde? Was brauche ich meinen eigenen Leuten die guten Thaten wegnehmen, da sie ohnehin so wenig Gelegenheit zur Wohlthätigkeit haben, weil es so viele Wohlhabende unter Ihnen gibt — Bankiers, westindische Kaufherren und" - „Aber ich bin auch ein Financier und ein Director der ostindischen Compagnie", erinnerte ihn Grobstock. „Mag sein, aber Eure Gemeinde ist noch jung und aufstrebend — Eure Reichen gleichen an Menge den Guten in Sodom. Ihr seid erst vor Kurzem eingewaudert — Flüchtlinge aus den Ghettos Rußlands, Polens und Deutschlands. Wir aber, wie Ihr wißt, haben uns seit Generationen hier niedergelassen; auf der Halbinsel zierten unsere Ahnen den Hof von Königen und controlirten die Ausgaben von Fürsten; in Holland hatten wir den Handel in den Händen; die Dichter und Gelehrten in Israel gehören zu den Uuserigen. Ihr könnt nicht erwarten, daß wir Euer Gesindel anerkennen, das uns in den Augen Englands schadet. Wir machen den Namen Jude zu etwas Ehrenhaften, Ihr entwürdigt ihn, Ihr seid wie die gemischte Menge, die mit unseren Voreltern aus Egypten kam." „Unsinn", sagte Grobstock zornig, „ganz Israel sind Brüder." „Esau war der Bruder Jakobs", antwortete Manasse sententiös. „Aber Ihr werdet mich entschuldigen, wenn ich jetzt einkaufen gehe; es ist ein solches Vergnügen, Geld in der Hand zu haben."