Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 800 Dr. Vlortz's Wochenschrift. Nr. 40 und Andersgläubigen die größte Eintracht herrschte. In diesen 4 Jahren hat sich aber so Manches geändert. Nach dein Absterben Seiner Hochwürden des Canonicus Eymbul, eines durchaus humaneu Btannes, dem säunntliche hiesige Einwohner das beste Gedächtuiß bewahren, wurde Pfarrer O . . . aus Wesvla bei Dynüw tvegen Judenverfolgung strafweise nach Tyezyn übersetzt. Mit seiner Ankunft in Tyezyn ist sofort der Same der Zwietracht unter das Volk gestreut worden und die Folge dessen war die Bildung eines Gauvereines. Die Herren Beamten dieses Vereines verstanden das Geschäft aber derart zu fuhren, daß schon kaum nach Verlaus eines Jahres circa 500 fl. aus dem Vermögen des Vereines verschwanden. Vor einigen Wochen fand hier nach dem Absterben des sehr liberalen Bürgermeisters Herrn Rozejvwski, gewesenen Apothekers, die neue Bürgermeisterwahl statt. Es gelang nun den hiesigen Israeliten, trotz sämmtlicher Bemühungen des Pfarrers O. die Vice-Bürgermeisterstelle durch einen Juden zu besetzen. Ties versetzte die hiesigen Antisemiten in eine derartige Aufregung, daß sie den eben gewählten Vice- Bürgermeister Herrn Nston T u ch m a n n, Haupttrasikauten hier, durch einen höheren Beamten aufforderten, auf seine Vice-Bürgermeisterstelle zu resigniren, widrigenfalls gegen ihn anonyme Anzeigen einlausen werden. Podgürze, 27. September. Aus Anlaß der Creirung einer neuen k. k. Bezirkshauptmannschast in Pvdgörze erschien beim k. k. Bezirkshauptmanne Grafen Starzenski eine Deputation des hiesigen Cultusvorstandes, bestehend aus den Herren: S. Tunkelblum, Präses; Vorstehern: I. Alexandrowicz, Dr. S. Aronsohn, dem Rabbiner und Cultussecretär, welche vom Herrn Bezirkshauptmanu auf's Freundlichste empfangen wurde. Aus die kurze jedoch inhaltsvolle Begrüßungsansprache, welche Tr. Aronsohn hielt, bemerkte Gras Starzenski, daß es sein Bestreben sein wird, die Gleichberechtigung aller Consessionen h o ch zu halten — und die rücksichtsloseste Strenge walten zu lassen, wenn er erfahren sollte, daß die Juden kraft ihrer Religion in welch' immer Beziehung in ihren Rechten beeinträchtigt werden sollten. Zum Schluffe gab der Herr k. k. Bezirkshauptmanu dem Wunsche Ausdruck, daß Friede und Eintracht unter den in seinem Bezirke wohnenden Coufessioncn herrschen mögen. Nach einer halbstündigen Audienz entließ der Herr Bezirkshauptmanu die Deputation auf's Herzlichste. Berlin, 21. September. Die Einrichtung unserer Gemeinde, in den für die hohen Feiertage gemietheten Betsälen die reiferen Hörer der L e h r a n st a l t für die W i s s e n s ch a f t d e s I u d e n t h u m s als Prediger anzustcllen, hat sich auch in diesem Jahre, und zwar diesmal besonders gut bewährt. Die Caudidaten Dr. B g ek, Dr. N e um a r k, Dr. H o ch s e l d, Tr. Joseph, Dr. L u c a s, W a r s ch a u e r, Silber st ein, I e l s k i, Walter und W v r m s haben mit ihren Predigten sich und der Anstalt, die sie herangebildet, Ehre eingebracht. Es ist uns eine anuehmc Pflicht, dies ausdrücklich zu coustatiren, und zwar ans zwei gewichtigen Gründen. Einmal, weil ein so reiches Material an tüchtigen Predigern wohl geeignet ist, die besten Hoffnungen für die Zukunft zu erwecken und dem augenblicklich noch herrschenden Mangel gründlich abzuhelsen, sodann aber, weil uns diese Thatsache den sicheren Beweis liefert, daß das Studium der H o m i l e t i k, das in den Rabbinerseminaren früher nur sv nebenher betrieben rvurde — etwa in den Stunden, die an den modernen Jeschibot für die sogenannten „proüinen" Wissenschaften übrig bleiben —, an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, wo allerdings ein Meister der Rede dasselbe lehrt, als ein Hauptgegenstand betrachtet und demgemäß behandelt lvird. Am Ende sind doch gute Prediger noch wuchtiger als große Gelehrte für die Zukunft des Judenthums in Deutschland. Berlin. «G e w e r b e s ch u tz c o u f e r e n z.) Der österreichische Verein für den Schutz des gewerblichen Eigenthumes, der trotz der kurzen Zeit feines Bestandes schon eine bemerkenswerthe Thätigkeit entwickelt und Einfluß aus die einschlägige Gesetzgebung (Marken, Patente 2C.) gewonnen hat, wird gemeinschaftlich mit dem deutschen Verein gleichen Namens am 12. und 13. October in Berlin eine Conferenz abhalten, in welcher über den Anschluß Deutschlands und Oesterreichs au die internationale Staatenunion über die Reform des Geschmackes, Musterschutzes und über den gesetzlichen Schutz der Herkunftsbeziehungeu verhandelt werden wird. Als Referenten fungiren österreichischerseits Dr. Theodor S ch u l o s f und Ingenieur K a r m i n, dann Dr. Isidor Deuts ch (Budapest). Anmeldungen zur Theilnahme an diesem Evngreß sind an den Schriftführer des Vereines Dr. Jacob W e ch s l e r, Hof- und Gerichtsadvocaten, I., Schvttenring Nr. 0 zu richten oder an den Präsidenten des Vereines Hvfrath W. E x n e r. Ltzolfenbüttel, 25. September. Vor Kurzem fand hierunter Theilnahme von Vertretern der Behörden des Landes und der Stadt sowie vielen früheren Schülern die feierliche Einweihung des N e n b a u e s der Sa m s o u f ch u l e (berechtigten Realschule) statt. Das Weihegebet sprach der Landrabbiner Dr. Rnlf aus Braunschweig; darauf übergab des Vorsitzende der Administration des Samson'schen Legatenfonds, Jnstizrath Dr. Magnus, das neue Gebäude dem Director der Anstalt, Dr. Dachau, der in längerer Rede die Grundsätze darlegte, nach denen die Erziehung der Samsonschule geleitet wird. Professor Tauber überbrachte dann namens der herzoglichen Ober-Schnlcommiffion in Brauuschweig und endlich Director Dr. Philippson aus Sensee namens der dortigen Jacobsonfchnle herzlichste Glückwünsche. Nachmittags fand ein Festessen im Speisesaale der Anstalt statt. Der Neubau, ein sehr stattliches Gebäude, liegt in hoher, freier Lage am Rande des Waldes und ist äußerst zweckmäßig unter Berücksichtigung aller neuesten Forderungen der Hygiene eingerichtet. Im Erdgeschosse befinden sich die Unterrichtsräume, darunter Pyhsik- und Zeichensaal, sowie ein Handsertigkeitssaal. Im ersten Stock sind 15 Arbeitszimmer der Zöglinge, der Speisesaal und der Festsaal; im zweiten Stock befinden sich Schlaf- und Wafchsaal, sowie abgesondert gelegen die Krankenzimmer. Sämmtliche Räume werden durch Central-Niederdrnckdampsheiznng erwärmt. Paris. (D i e Pa r i s e r I u d e n u n d de r Cz a r.) Paris befindet sich in fieberhafter Erregung in der Vorwoche des Czarenbesuches. Die französische Presse beschäftigt sich ,.ans's Lebhafteste und Ausführlichste mit demselben. Kaum war der Grvß-Rabbiner Herr Zadoc Kahn von seinen Ferien nach der Stadt zurückgekehrt, als auch schon Vertreter des „Figaro" ihn über die Stellungnahme der Inden dem Czar gegeniiber und die Art der Begrüßung befragten. Die Antworten des Herrn Zadoc Kahn zeugen vom feinsten Geschmacke und er hütete sich etwas zu sagen, das als Anspielung ans die russischen Verhältnisse gedeutet werden könnte. Wenngleich er und sein) Glaubensgenossen auf's Schmerzlichste berührt werden von den gegen die Inden Rußlands gerichteten Maßregeln, betrachten sie es doch als ihre Pflicht als gute Franzosen und Patrioten, sich mit den allgemeinen Gefühlen in Einklang zu bringen. Er kenne die Intentionen der Regierung in Bezug ans den kaiserlichen Besuch nicht, sei aber überzeugt, daß, wenn religiöse Festlichkeiteil aus dem Programme siguriren werden, die Juden, welche hinter den Gefühlen anderer Gemeinden nicht zurückstehen, auch hier Organisationen auf gleicher Basis treffen werden. Die jüdische Gemeinde veranstaltete einen Trauergvttesdienst anläßlich des Todes 'Alexander III.; sie feierte die Thronbesteigung und Krönung Nicolans 11. und wird sicherlich auch jetzt ihre patriotischen Gefühle gleich dem Reste von Paris manisestiren. Aus die Frage, ob die Synagoge deccrirt würde, antwortete er, daß dies Sache der Stadtvertretung wäre, da der Tempel ein Municipal- Gebäude ist. — Der Großrabbiner machte auch einige interessante Bemerkungen über den Zustand der jüdischen Gemeinde in Paris. Sie besteht aus 50.000 Seelen, worunter 15.000 russische Inden sind, welche durch. die sie aus dem Ansiedlungsrayon beschränkende Gesetzgebung zur Emigration gezwungen wurden. Die Hauptopfer dieser Legislative siild die jüdischen Cvlonien Besfarabiens. Diese Flüchtlinge sind ehrliche Familienväter und intelligente, thätige Arbeiter, zum größten Theile Kunsttischler. Tausende vor: ihnen sind in den Fabriken von Faubourg St.-Antoine beschäftigt. Seitdem jedoch die Maßregeln gegen die Juden von den russischen Behörden ein wenig gemildert wurden, Zehrten viele zu ihrem heimatlichen Boden zurück, dem sie noch immer leidcns hastlich ergeben sind. Stockholm, im September. Welche Stellung die Juden in Schweden einuehmen und in welchem Ansehen einzelne von ihnen bei dem hochgebildeten König Oscar stehen, mag Ihren Lesern solgende Mittheilung beweisen. Der früher bei der israelitischen Gemeinde in Elbing hervorragend beliebte und durch seine theologische und philosophische Bildung ausgezeichnete Rabbiner Dr. Klein waltet seit circa 15 Jahren hier seines Amtes und genießt nicht nur bei unseren Glaubensgenossen, sondern auch bei allen Gebildeten und speciell bei seinen christlichen Amtsbrüdern das höchste Ansehen. Seit mehreren Jahren