Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 796 Nr. 40 Dr. Bloch's Wortzenschrtfr. rühren, rvenn ich auf Abarbanel werde zu sprechen kommen. Hier geheich sogleich zur zweiten Classe der Anti-Maimonisten über. Diese besteht aus Denjenigen, die in Betress der Annahme von Dogmen im Indenthum zwar mit Maimonides übereinstimmen, jedoch sich non ihm unterscheiden hinsichtlich des Inhalts oder einer verschiedenen Auszählung der Dogmen. Als ersten in dieser Classe der Anti-Maimonisten können wir Nachmanides in Bedacht ziehen, der in seiner berühmten Predigt vor dem Könige von drei Fundamentalprincipien spricht; Schöpfung id. h. Nicht-Ewigkeit der Materie), Gottes Allwissenbeit und Vorsehung. Nach ihm zunächst kommt R. Abba Mari beit Moses aus Montpellier. Er schrieb zu Beginn des XlV. Jahrhunderts und ist in der jüdischen Geschichte wegen seines Eifers gegen das Studium der Philosophie berühmt. Wir besitzen von ihm ein kleines Schristchen über diesen Gegenstand, zugleich eine Art Vorrede zu seiner Sammlung von polemischen Briefen gegen die Rationalisten seiner Zeit?) Er stellt drei Artikel aus als Fundamentallehren der Religion : 1. Den metaphysischen: Das Dasein Gottes einschließlich seiner Einheit und llukörperlichkeit; 2. den mosaischen: Creatio ex uiliiio durch Gott — als Folge dieses Princips der Glaube an die Fähigkeit Gottes, die Naturgesetze beliebig zu ändern; Z. den ethischen: Special-Vorsehung — d. h. Gott kennt alle unsere Handlungen in allen ihren Einzelheiten. Abba Mari führt die dreizehn Artikel des Maimonides nicht an, es wäre jedoch falsch, daraus zu folgern, daß er den Glauben an das Kommen des Messias oder irgend einen anderen Satz des Maimonides zurückgewiesen habe. Der ganze Ton und die Richtung dieses Schriftchens ist polemisch und es ist also wahrscheinlich, daß er nur diejenigen Punkte nachdrücklicher hervorhob, die von den Skeptikern seiner Zeit entweder in Zweifel gezogen oder dem strengen Glauben zuwiderlaufend erklärt wurden. (Forts, folgt.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein Wort Sr. Majestät des Kaisers. Aus Anlaß der Anwesenheit Sr. Majestät des Kaisers in Orsova erschien die Deputation des israelitischen Gemeindedistrictes unter Führung Salomon Sternthal's, welcher gegenüber der Kaiser sich in folgenden Worten äußerte: „Ihre Huldigung und den Ausdruck Ihres Tankes nehme ich gnädigst an. Es wird mir jederzeit zur Freude gereichen, zu hören, daß Sie Ihre durch das Gesetz gesicherten Rechte in gemeinnütziger patriotischer Tätigkeit genießen können." Das Judenthum und die Wissenschaft. Daß der Kampf gegen das Judenthum in letzter Linie lediglich ein Kampf ist gegen die freie Forschung und die Wissenschaft überhaupt haben Männer von Einsicht seit je behauptet. Nun, da der Antisemitismus ein Weltfactor geworden, wird die Maske abgeworfen und man scheut sich nicht, die neuen Ideen unverhüllr in die Welt hinauszurufen: Die Toleranz, die Wissenschaft, die freie Forschung, sind Werke des Teufels, welche aus der menschlichen Gesellschaft verbannt werden müssen. Vom Antifteimaurer-Congreß wird berichtet: Trient, 30. September. In der heute abgkhaltenen vierten Generalversammlung befand sich unter den zur Verlesung gebrachten Zustimmungs - Telegrammen auch eines des Vice-Bürgermei st ersDr. Lueger aus Wien, welcher bedauert, wegen Arbeitsüberhäufung dem Congresse nicht beiwohnen zu können, aber demselben den besten Erfolg wünscht. Das Telegramm wurde mit brausendem Beisalle ausgenommen. Advocat R e s p i n i, ehemaliger Regierungs-Präsident des Canton Tesiin, schildert die Ermordung seines Collegen Rossi, die angeblich durch die Freimaurer am 1l. September 1890 erfolgt sein soll. Redner erzählt, wie er selbst in's Gefängniß geworfen wurde und „beinahe" ermordet worden wäre, wenn nicht eine Ordensschwester den Anschlag enthüllt hätte. Domprediger Steigenberger aus Augsburg vergleicht die Freimaurerei mit einer Epidemie und findet als Ursache für die Verbreitung dieses „gefährlichen Bacillus" die Toleranz in religiösen Fragen. Der Boden, worauf dieser Bacillus gedeiht, sei die freie Forschung, welche nach der Meinung des Redners nothwendig zur Zertrümmerung des Amoritätsprincipes führt. Vor Schluß der Generalversammlung weihte Cardinal Haller die Herz-Jesu-Fahne des österreichischen anti-freimaurerischen Comitss. *) rnhp r.TOÖ siehe pag. 1—19. Wie im Mittelalter, so erweist sich heute lviederum das Judenthum als die letzte Zufluchtsstätte des freien Gedankens und der wissenschaftlichen Forschung. Zur Frage des Hausirverbotes. Gegenwärtig wird über das Schicksal zahlreicher armer Familienväter entschieden, die Existenz der Hausirer soll vernichtet werden, weil deren Feinde von dem Glauben ausgehen, daß die Hausirer das Kleingewerbe schädigen. Wieso aber die armen Hausirer z. B. den Faßbindern, Claviermachern, Orgelbauern, Zimmermalern, Zahntechnikern, Fuhrwerksbesitzern und Gewerbetreibenden ähnlicher Kategorie Concurrenz bereiten können, ist unerfindlich. Und gerade diese Genossenschaften befürworten am eifrigsten das Haufirverbot. Um nun die Stichhältigkeit dieser Maßregel zu widerlegen, möchte ich — obwohl die gegenwärtig herrschende Partei im Gemeinderathe Vernunftgründen schwer zugänglich ist — die Aufmerksamkeit der leitenden Kreise nicht nur in der Gemeinde, sondern auch der Regierung auf folgenden Passus eines vor hundert und einem Jahre und sechs Monaten erlassenen kaiserlichen Rescriptes lenken. Die Stelle lautet: „Da das Hausiren den geschwinden Verschleiß der erbländischen Kunstproducte zum Nutzen der Produceuteu befördert und vervielfältigt, auch der noch größeren Zahl der Consumeuten den Vortheil verschafft, so manche Waaren wohlfeiler als in den Kauf- und Kramladen an sich zu bringen, und übrigens es ja Jedem fteisteht, von Hausirern oder Kaufleuten eiuzukauseu, so gehört das Hausiren unter die nützlichen Geschäfte und Nahrungszweige, die man deswegen, weil sich Mißbräuche wie bei allen menschlichen Handlungen einschleichen können, nicht abstellen muß. Wien, 4. April 1795. Franz." Ich glaube, daß noch heute diese damals in den höchsten Kreisen verbreitete Ansicht vollkommenen Anspruch auf Giltigkeit hat. Mehr zu sagen ist überflüssig. Das gleiche Matz unter dem neuen Regime. Das „Amtsblatt der Stadt Wien" qualificirt sich immer mehr zu einer Fundgrube von flagranten Belegen über die „unentwegte Objectivität", mit der das neue Regime praktisch die „Gleichberechtigung" übt. Die letzte Nummer dieses Blattes veröffentlicht unmittelbar hintereinander — wahrscheinlich, um den Contrast noch auffälliger zu machen — folgende Stadtrathsbeschlüsse : Stadtrath G r ä f referirt über das Ansuchen des Jofef Ch leb na um Anbringung von W a a r enk äst en, einer Sonnenschutzplache und zwei G a s l a t e r n e n vor seinem Geschäftslocale, XVI., Ottakringerstraße 106, und beantragt die Gesuchsgewährung. (A n g e n o m m e u.) Gleich darauf: Stadtrath G r ä f referirt über das Ansuchen des Isidor Spitzer um Schaukästenanbringung, XVI., Ottakringerstraße 122, und beantragt die Abweisung aus „Passagerücksichteu". (A n g e n o m m e n.) Also in derselben Gasse, einige Häuser von einander entfernt, suchen Chlebna und Spitzer um die Aufstellung von Waaren-, respective Schaukästen an. Dem Chlebna wird das Ansuchen bewilligt, dem Isidor Spitzer nicht. Beim Chlebna sind keine Passagerücksichten, beim Isidor Spitzer aber, der auf derselben Straßenseite nur acht Häuser weiter entfernt ist, müssen bei der gleichen Straßenbreite „Passagerücksichten" herhalten. Die Waarenkästen sind auch von beiden Petenten bereits errichtet. Der städtische Ingenieur hat bei Vornahme des Localaugenscheines Herrn Isidor Spitzer gegenüber bemerkt, daß der Anbringung von Waarenkästen kein Hinderniß entgegeustehen werde: das Trottoir ist vordem Locale des Spitze r drei gemessene Schritte breit und Jeder, der nur halbwegs objectiv die dortige Sachlage beurtheilt, wird von einer Passagestörung durch die bereits bei beiden Gesuchstellern angebrachten Waarenkästen auch nicht das Geringste wahrnehmen. Für die Herren Stadträthe aber scheint es ausschlaggebend gewesen zu sein, daß der eine Gesuchsteller Chlebna und der andere Isidor Spitzer heißt! Die Königin von England und die Juden. Ganz England und nicht zum wenigsten die stets durch Patriotismus ausgezeichneten Juden Englands feiern in Wort und Schrift das große Ereigniß, die Vollendung einer Regierungsperiode, die einzig ist in der englischen Geschichte. Beim Regierungsantritte der Königin war'einer der Sheriffs von London und Middlesese ein Jude, Sir Moses Moutefiore, und wenn die hohe Frau im nächsten Jahre ihr sechzigjähriges Regierungsjubiläum feiern wird,