Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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'cktr. 40 Vr. Vlortz » Vortzensryrift. Seite 795 sogenannten mündlichen Gesetzes nicht bedürftig; 6. die Thora muß von jeglichem Inden im hebräischen Urtext stndirtwerden; 7. der heilige Tempel war ein von Gott für seine Kundgebungen anserwählter Ort; 8. die 'Auferstehung von den Tvdten; 9. das Kommen des Messias, des Sohnes Davids. Wie weit die Vorgänger Hadassi's von einem gewissen Albassir (um 950), von dem ein handschristliches Werk: „Grundlehren des Glaubens" da ist, beeinflußt waren, kann ich nicht angeben. Das Wenige, was wir von ihm wissen, deutet mehr auf seine Vertrautheit mit der arabischen Philosophie als auf seine Wichtigkeit für seine Secte im Besonderen und für das Judenthum im Allgemeinen. Nach Hadassi ist Elia Baschiazi ein karäscher Schriftsteller aus dem XV. Jahrhundert hier zu erwähnen. Dieser von Maimonides stark beeinflußte Autor läßt den zweiten und siebenten Artikel weg. Um die zehn jedoch voll zu machen, zählt er den Glauben an die Ewigkeit Gottes als einen Artikel und theilt den vierten in zwei: Im fünften betont Baschiazi nicht so stark wie Hadassi die Vollkommenheit der Thora und läßt den Theil, der gegen die Tradition gerichtet ist, hinweg. Interessant ist die Unterscheidung zu beobachten, die Baschiazi zwischen dem Pentateuch und den Propheten macht. Während er von den fünf Büchern Mosis glaubt, daß sie niemals geändert werden können, faßt er die Worte der Propheten nur als ans ihre Zeitgenossen sich beziehend und daher Umwandlungen unterworfen auf. Um nicht dem System des Mainronides vorzugreifen, enthalte ich mich hier, die von Salomon Trvki zu Beginn des XVM. Jahrhunderts niedergelegten Artikel vorzubringen, da sie mit einigen leichten Aendernngen karüischer Färbung eine bloße Nachbildung der Artikel des Maimonides sind. Ich muß mit diesen wenigen Bemerkungen über die Karäer schließen, da es mein Hauptzweck ist, die Dogmen der Synagoge zu besprechen, von der sie sich getrennt hatten. Wie in allem Karäischen hat überdies auch da keine Weiterentwicklung stattgesunden. Wie Baschiazi sie niedergelegt hat, so werden sie noch heute von den Karäern gelehrt. Ich kehre also zu den Rabboniten zurück/) Bekanntlich war Maimonides (1183—1205) der erste Rabbanite, der die Dogmen der Synagoge formnlirte. Doch gibt es Anzeichen früherer Versuche in dieser Hinsicht. Das Werk R. Saadia Gavn's (892—942) „Religionslehren und Glaubensmeinungen" verräth solche Spuren. Er sagt in seiner Vorrede: „Mein Herz wird überdrüssig zu sehen, daß der Glaube meiner Religionsgenossen unheilig und ihre theologischen Ansichten verwirrt sind". Die Stoffe, die er in seinem Buche behandelt, wie Schöpfung, Einheit Gottes, Wiederauferstehung der Todten, das künftige Heil Israels, Lohn und Strafe und andere verwandte theologische Gegenstände dürften vielleicht daher als die Hanptprineipien des Glaubens betrachtet werden, die der Gaon in reiner, vernünftiger Form darzustellen wünschte. R. Hannaneel aus Kairowanft in der ersten Hälfte des XI. Jahrhunderts, sagt in einem seiner Commentare, daß, um das ewige Leben zu verdienen, man an vier Tinge glauben müsse: an Gott, an die Propheten, an eine künftige Welt, wo die Gerechten belohnt werden, und an die Ankunft des Erlösers. Aus dem Kusari R. Jehuda Halevi's (verfaßt zu Anfang des XU. Jahrhunderts) könnten wir den Schluß folgern, daß dem Autor als Cardinaldogma des Jndenthums der Glaube an die Auserwähltheit Israels durch Gott galt/') Ein Zeitgenosse des Maimonides, Abraham ibn Daud, in seinemBuche „Der hohe Glaube"ft spricht von Grundlehren, unter denen außer solchen metaphysischen Prineipien wie Einheit, vernünftige Auffassung der Attribute Gottes ic. der Glaube an die ft' S. nns iGoslow 1835) pag. 48. In meiner Auseinandersetzung der Dogmen der Karäer bin ich hauptsächlich dem dem Artikel „Karaiten " des Verstorbenen Dr. Frankl in Ersch und Gruber's Encyklopädie (Sect II Votum. XXXVI, pag. 12—18) gefolgt. S. auch seine Schrift „Ein mutazilitischer Kalani" und seine Beiträge zur Literaturgeschichte der Karäer (Berlin 1837) über Baschiazi. Bergt. Jost's Geschichte I, Cap. 13. ft Kairuan war einer der größten Mittelpunkte jüdischer Gelehrsamkeit in Nordafrika während dieses Zeitraumes. ft Sind dagegen Professor D. Kaufmann's Bemerkung im Jewish Quarterly Neoieu I. pag. 441. Hiernach würde es scheinen, daß der Glaube Jehud.r Halevrs in den folgenden Artikeln formulirt werden müsse: Die Ueberzeugung von dem Dasein Gottes, von seiner Ewigkeit, von seiner Leitung unserer Väter, von dem göttlichen Ursprung des Gesetzes und dem Beweise für alles dieses, dem llnterpfaiwe oder Zeichen seiner Wahrheit, dem Auszug aus Egypten. ft nöl rwittK pag. 44 und 68; Vergl. Gutmann, Monatsschrift 1878, pag. 304. Unveränderlichkeit des Gesetzes rc. eingeschlossen ist. Al! diese Werke jedoch wollen eher Beweise erbringen für die Wahrheit der Religion aus Geschichte und Philosophie, als eine Erklärung dieser Wahrheit geben, welch letztere Ausgabe von Maimonides unternommen wurde. Ich verweise auf die dreizehn 'Artikel in seinem Erstlingswerke „Ter Eommentar zur Mischnah". Sie sind der oben besprochenen Mischna zu Sanhedrin beigefügt. Obwohl sie jedoch keine selbstständige Abhandlung bilden, dürfen dieselben nicht als blos zufällige Bemerkungen des Maimonides betrachtet werden. Daß Maimonides sich ganz der Wichtigkeit dieser Auseinandersetzung bewußt war, kann ans den Schlußworten an den Leier entnommen werden: „Wisse und wiederhole sie oftmals und überlege sie, wie sich's gebührt. Gott weiß, Du würdest Dich selber täuschen, wenn Du glaubtest, Du habest sie verstanden, nachdem Du sie einmal oder gar zehnmal überlesen hast. Sei also nicht hastig im Turchlesen. Ich habe sie nicht ohne tiefes Studium und ernstes Nachdenken zusammengestellt." Das Resultat dieses tiefen Studiums war, daß die folgenden dreizehn 'Artikel das Glaubensbekenntniß des Jndenthnms bilden; fie sind: 1. Ter Glaube an die Existenz eines Schöpfers; 2. der Glaube an Seine Einheit: 3. der Glaube an feine Unkörver lichkeit; 4. der Glaube an seine Ewigkeit; 5. der Glaube, daß alle Verehrung und Anbetung Ihm allein gebühren: 6. der Glaube an die Propheten; 7. der Glaube, daß Moses der größte aller Propheten war, die vor und nach ihm lebten; 8. der Glaube, daß die Thora Moses offenbart wurde am Berge Sinai: 9. der Glaube an die Unveränderlichkeit dieser offenbarten Tlwra; 10. der Glaube, daß Gott die Handlungen der Menschen kennt: 11. der Glaube an Lohn und Strafe; 12. der Glaube an das Kommen des Messias; 13. der Glaube an die Wiederauferstehung der Todten. Der von dem großen Philosophen und noch größerem Inden gegebenen Anregung kamen die nachfolgenden (Geschlechter mit einem Eifer nach, daß das Judenthnm in den Besitz einer dogmatischen Literatur gelangte, wie sie vor Maimonides niemals bekannt war. Maimonides ist der Mittelpunkt dieser Literatur, und ich werde daher zum Schlüsse dieser 'Abhandlung nur von Maimvnisten und Anti-Maimonisten zu sprechen haben. In Wirklichkeit bezeichnet man mit diesen 'Ausdrücken die streitenden Parteien, die sich um des Maimonides „Führer der Verirrten" gebildet hatten, doch mögen sie im engeren Sinne der Kürze wegen auch hier in diesen Blättern zur Anwendung kommen, um auf die Gegnerschaft in Betreff der dreizehn 'Artikel zu verweisen. Zn den Maimonisten kann mit höchster Wahrscheinlichkeit die große Mehrheit der Juden gerechnet werben, welche die dreizehn Artikel ohne weiteres Bedenken annahinen. Maimonides muß in der That eine große Lücke in der jüdischen Literatur ansgefüllt haben, eine Lücke überdies, deren Vorhandensein allgemein sehr empfunden wurde. 'Noch kein Jahrhundert war verstrichen, als die dreizehn Artikel bereits der Lieblingsstoff der Dichter der Synagoge waren. Fast jedes Land, wo Juden lebten, kann ein Gedicht oder ein Gebet aufweisen, das diese Artikel zur Grundlage hat. R. Jacob Mvlin (1420) ans Deutschland spricht von metrischen und gereimten Gedichten in deutscher Sprache, deren Stoff die dreizehn Artikel waren und die von dem allgemeinen Publicum mit großer Andacht gelesen wurden. Die zahlreichen Commentare und Predigten über diesen Gegenstand würden an sich eine kleine Bibliothek ausmachen, ft Aber es darf auch nicht geleugnet werden, daß Die Anti-Maimvnisten, das heißt jene jüdischen Schriftsteller, die mit dem von Maimonides formulirren Glaubensbekenntnisse nicht übereinstimmten, oder blvs zum Theile mit ihm übereinstimmten, ebenfalls eine starke, beachteuswerthe Minorität bilden. Sie verdienen unsere 'Aufmerksamkeit umso mehr, als es ihr Werk war, in den Gegenstand Leben und Vertiefung gebracht zu haben, Nicht immer ist es ein Amen zu Allem, was ein großer Mann behauptet, wovon die Wahrheit oder die Literatur einen Gewinn hat. Die Anti-Maimoniften können in zwei Elasten getheilt werden. Tie eine Elaste leugnet kategorisch, daß das Judenthnm Dogmen hat. Ich werde Gelegenheit haften, diese Ansicht zu be l) Siehe Die verschiedenen llebersetzungen der Dreizehn rinikel, welche ursprünglich arabisch aägefaßt waren, Steinschneider, Cat. Bodl. col. 1887. Vergl. Rosin Ethik des Maimonides pag. 30; Weiß Beth Talmud I pag. 330, und Ben Chananjah, 1863 pag. 942, und 1394 pag. 648 und 697, und Landshul mo^ri »Tal? pag. 231.