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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-02 · 40 (2.10.1896) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 40 Vr. VLoch's »ochrnfchrifl. Sette 797 wird die Bürgerschaft Londons bei der Feier aller Voraussicht nach auch durch einen Inden vertreteil sein, durch den zukünftigen Bürgermeister von London Fandet Phillips. Dieses Zusammentreffen ist imnierhin ein Symbol dessen, was die Inden in England unter der Regierung der Königin Victoria erreicht haben. Alle Schranken sind eingefallen, ein Hinderniß nach dem andern ist beseitigt worden. Als die Königin den Tyron bestieg, waren die Äemter, die Inden bekleiden durften, nur in beschränkter Anzahl vorhanden: seit vielen Jahren gibt es kein Amt, das die Krone zu verleihen hat, von dem Inden als solche ausgeschlossen wären. Enland ist die einzige von den sechs Großmächten Europas, die frei ist von religiöser Unduldsamkeit. Dazu hat nicht znm Wenigsten der persönliche Einfluß der Königin beigetragen. Das Geheimniß dieses großen persönlichen Einflusses ist in ihrem Charakter zu suchen. Sie ist ihren Unterthanen stets ein Ideal gewesen in der Ausübung häuslicher Tugenden. Die Inden von England haben alle Ursache, ihrer Königin unbegrenzte Dankbarkeit und Verehrung zu zollen. Der neue jüdische Lord-Mayor von London. Ein vornehmes englisches Blatt bringt eine interessante Notiz über den zukünftigen Bürgermeister von London, George Fandet Phillips. Schon sein Vater, Sir Benjamin Phillips, zeichnete sich im Jahre 1805 als Bürgermeister von London ans. Fandet Phillips, der für einen Millionär g'lt, zieht sein Heim und seine Bibliothek im Allgemeinen dem Parguetsaal vor. Er ist ein Mann von literarischem Sinn, spricht fließend französisch und besitzt viel Humor. Seine Gemahlin wird eine würdige Frau Bürgermeisterin sein; sie ist in Folge ihres distingnirten Wesens und ihrer Liebenswürdigkeit wohl im Stande, ihren Gemäht in aller: ecremoniellen Pflichten, die sein Amt ihn: auferlegen wird, würdig zu unterstützen. Wieder Einer! Ans Mosbach «Badens wird untern: 21. d. M. berichtet: Die hiesige Strafkammer verurtheilte den katholischen Pfarrer M. v. Schlossau wegen Zittlichkeitvverbrechens begangen an einer fünfzehnjährigen Sonntagsschülerin, zu anderthalb Jahren' Gefängniß. Der Fall erregt im badischen Odenwald nicht wenig Aufsehen. Arische Sittenrichter. Stettin, September. Pastor R a n ch ans Kladow, ein ehemaliger christlich-socialer Führer, wurde wegen Unterschlagung von Kirchencassengeldern, Fälschung von Kirchenbüchern und eiiffachen Bankervtts zu s i e b e n I a h r e n Z u ch t h a u s und s i e b e n I a h r e n E h rv e r l u st verurtheilt.?)ur Blutlüge. Wie aus B a l a s s a - G y a r m a t, dem Hauptvrt des Neograder Eomitats, unter dem 2:>. d. M. mitgetheilt wird, hat der dortige Tischlermeister P a c z v l a y gemeinsam mit einem seiner Lehrlinge gegen die Judenschaft des Ortes die Anzeige wegen versuchten Ritnalmordes erhoben. Er gab an, daß der Lehrjnnge am sogenannten laugen Tage in die Synagoge gelockt worden sei, rvv ihn die Inden entkleiden und in eine Lade sperren wollten. Die vom Stnhlrichter sofort eingeleitete und sehr sorgfältig geführte Untersuchung ergab alsbald, daß die Anzeige u u r a u f p lu iu p er E r d i ch tu :: g beruht e, und es wurde gegen die beiden Kläger wegen Verl e u m d u n g die Anklage erhoben. Der Lehrling sitzt bereits hinter Schloß und Riegel, sein Herr und Meister, der wahrscheinliche spiritus rector der Eomödie, ist aber flüchtig geworden und wird nun gerichtlich cnrrentirt. Die Bedeutung des Alten Testamentes für unsere Aeit. L o n d o n. Ein Buch ans der Feder des berühmten Londoner Predigers S t o p f v r d B r o o k e ist immer ein literarisches Ereigniß, und zwar nicht nur für die allerdings große Gemeinde von Freireligiösen, welche sich jeden Sonntag in der Bedfordcapelle versammeln, sondern für alle Gebildeten, welche Sinn haben für echte Poesie in jeder Gestalt und eine bedeutende Individualität. Das jüngste Werk dieses Mannes aber hat für uns Juden eine ganz besondere Bedeutung; es ist gewissermaßen eine Kriegserklärung eines Ariers an die Vertreterarischer Ueberhebung und arischer Moral. „Das Alte Testament und das moderne Leben" heißt die Sammlung von Predigten, welche soeben im Berlage von Jsbista in London erschieneir ist, und der Titel sagt ziemlich deutlich, was der Verfasser mit seinem Werke bezweckt. Das moderne Leben mit seiner Aesthetik, dem übertriebenen Cultus des Schönen, dem „wohlverstandenen Egoismus", der Interessenvertretung, seinem Evangelium von der freien Entfaltung aller individuellen Kräfte, das heißt mit anderen Worten: das Recht des Stärkeren und die Moral vom Uebermenschen dieses Leben und diese ans solcher Basis ausgebante Gesellschaft ist dem Tode geweiht. Stopsord Brooke Hort bereits die dumpfen Hiebe der An, welche bestimmt ist, den stolzen, aber innerlich durch und durch faulen Baum zu fällen. Die arische Gesellschaft mit ihrer z:veifachen „Renaissance" - welch' eine Ironie. Diese „Wiedergeburt" des arischen nationalchristlichen Ideals! hat sich iir eine Sackgasse verrannt: wer wird sie zur gesunden Umkehr bewegen, :ver zeigt ihr den Weg zur Wahrheit und znm Leben'? Srovwrd Brooke hat den Math, seinen Landsleuten und Glaubensgenossen den in unseren Tagen kühnen Rath zu geben: Leset das Alte Testament! Er kennt alle Ergebnisse der Bibelkritik, er ist mit allen zerstörenden Hypothesen der neueren und neuesten Schulen vertrant, und erschreckt selbst nicht davor zurück, manche Erzählung als Legende und Mathe zu erklären. Aber was hat die Bibelforschung an dem Geiste der Bibel geändert V Es ist für uns ganz gleichgiltig, sagt er, wo Abraham geboren wurde, wann er eine Frau nahm, in welcher Ordnung und Reihenfolge und an welchen Orten er seine Opfer darbrachte; daraus kommt es nicht an, das können nur ruhig dem Kritiker überlassen. Aber der Geist, die Seele dieser großen Gestalt, die ist für uns von der größten, von nicht genug zu schätzeilder Bedeutung. Unsere Feit hat das Reich des Individuums proclamirt; int Alten Testamente können wir das Reich der Menschheit, das ist das wahre Hinnnelreich, wieder entdecken. Wir haben die Vorbilder für unser politisches und sociales Leben den Griechen und Römern abgegnckt und haben vergessen, daß das Alte Testament in allen Lehren und Einrichtungen nicht nur himmelweit alle Bücher irgend eines Volkes überragt, sondern daß der Geist der Freiheit und Gerechtigkeit, den alle Propheten athn:en, einzig und unvergleichlich dasteht in der Welt, so daß der Psalmist mit Recht sagte: In Inda ist Gott bekannt, sein Name ist groß in Israel!" Neue Straßennamen. Zu Ehren des Geheimrathes Ignaz Edlen v. Plener, der das unverzeihliche Verbrechen begangen, daß er ein liberaler nnd toleranter Mann war, wurde eine Gasse in Wien Plenergasse genannt, Nun handelt es sich darum, dein verdienstvollen Pfarrer Aninann zu Euren eine Ltraße pt benennen, nnd da ist denn, wie wir bereits mittheilten, dem Lehrer T o m o la, dem es dank seiner Zugehörigkeit zur antisemitischen Partei gelungen ist, eine Stadtrathssielle zu ergattern, der grnndgescheite Gedanke gekounen, just den Namen Plener ans den Gassenbezeichnungen binanszuwerse». Daß einem hochbetagten, verdienstvollem Staatsinanne. einem ehrwürdigen Greise dadurch eine schinerzliche Kränkung bereikel werden könnte, das geht dem Herrn Tomola. diesem wundersamen Exemplar der durch den Antisemitismus an der Oberfläche der Oessentlichkeit emporgeschwemmten Stadtfiguren, einen Pfifferling an. Er halte pvar eine der vielen Feldgassen oder Schnlgassen zur Ehrung des Pfarrers Anmann Vorschlägen können, aber das wäre ja ein Tomvla'sch'r Antrag, der die anständigen Menschen nicht ärgert, während Herr Tomola principiell keinen Antrag stellt, der nicbt einen Beweis seiner Unbildung und Gemüthsrohheit liefern würde. Dieser Herr Tomola ist eben ein durchaus würdiger, vorzüglich dressirter Zögling des neuen Regimes, unter rvelchem die Büsten liberaler Männer ans den Sitzungssälen entfernt nird in die Rumpelkammer geworsen, die Porträts Wiener freisinniger Bürger, die sich um ihre Vaieistadt verdient gemacht, von den Wänden gerissen und in eine alte Kiste gesteckt werden. Nunmehr durfte eine genaue Sichtung der Wiener Straßennamen vorgenommen nnd aus denselben Alles entfernt werden, was an Freisinn und Toleranz, an Bildung und an Wissenschaft erinnert. Die Aera Tomola soll auch in dei: Straßenbezeichnungen Wiens bleibend verewigt werden, nnd ein genauer Kenner der berrschenden Richtung theilt uns mit, daß eine ganze Ainahl von Straßennamen in einer Weise nmgeändert werden soll, welche dieser neuen Aera würdig ist. Die Aendernngen, welche zunächst erwarbn sind, erscheinen in dem nachstehenden kleinen Tableau angegeben, welches jedoch weder auf Vollständigkeit noch aus Authenticität Anspruch macht. Bisheriger Name: Pestalozzigasse. Zelinkagasse. Sonnenfelsgasse. Uhlplah. Goetheplatz. Brestelgasse. Mühlfeldgasse. Galileigasse. Leibnitzgasse. Anastasius Grüngasse. Darwingasse. Hnmboldtplatz. Anzengrubergasse. Anton Langergasse. Grillparzerstraße. Lessinggasse. Künftiger Name: Tomolagasse. Strobachgasse. Luegergasse. Strohmannplatz. Berganiplatz. Ghrenbürgergasse. Mühldorsergasse. Abschreibergasse. Pauschaliengasse. A. F. Umgehergasse. Deckertgasse. Ernst Schneiderplatz. Stampigliengasse. Feichtingergasse. Psisterstraße. Hepp-Heppgasse.

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