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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-02 · 40 (2.10.1896) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 794 Vr. Vtortz's Wortzenfltzrist. Vtx. 40 und die daraus eventuell je erwachsenden Folgen gar nicht beachtet. Der Abfall von der rechtgläubigen Kirche (besonders noch seitens eines Proselyten) wird bei uns als das größte Verbrechen betrachtet und schwer geahndet. Endlich kam diese heikle Angelegenheit an s Tageslicht. Ein Zufall entdeckte den Verbrecher und er ward dem geistlichen Gerichte übergeben, welches den Verirrten wieder in den Schoß der alleinseeligmachenden Kirche zurückführen sollte. Das geschah im Jahre 1875 und seit dieser Zeit, also im Laufe von mehr als 20 Jahren, dauerte der Kampf zwischen der geistlichen Behörde und dem sein Christenthum negirenden Renegaten. B o r i s s o w erklärte kategorisch, daß er sich nicht als Christ betrachten könne, da man ihn als Kind gewaltsam getauft und er sofort, als er zum Bewußtsein dieses an ihm verübten Gewalacres gekommen, zum Judenthum zurückgekehrt, das er überhaupt nie verlassen. Tie geistliche Behörde befand sich in Bezug auf diesen störrischen Renegaten in einer Zwangslage, die nicht ohne komischen Beigeschmack ist. Sie wagt es nicht, ihn zur^ Verantwortung vor das weltliche Gericht zu ziehen, da sie selbst dadurch sich großer Gefahr aussetzt: man könnte bei dem Consistorium fragen, wieso sich die hochwürdigen Mitglieder desselben so wenig um ihre geistliche Heerde bekümmern, daß ein Schaf abtrünnig geworden und im Laufe vieler Deeennien durch sein ganzes Leben und Treiben die herrschende Kirche verhöhnt, ihr sozusagen einen dröhnenden Faustschlag versetzt, das Dogma ihrer Unfehlbarkeit untergraben. Der Erzbischof und Bischof und andere hochgestellte Geistliche haben sich im Laufe dieser Jahre vergeblich bemüht, den störrischen Renegaten zur Raison zu bringen, ihm sein Unrecht darzuthun und ihn zu ersuchen, den öffentlichen Scandal zu vermeiden, der doch für ihn selbst die allerschwersten Folgen nach sich ziehen dürfte. Boris so w beharrt auf seinem von po^nmus und keine Drohungen, keine Versprechungen können ihn bewegen, auf das Judenthum zu verzichten. Nicht wahr, unter den obwaltenden Zeitverhältniffen und der gegenwärtigen Strömung ein seltsamer Kauz, der sich mit aller Gewalt dagegen sträubt, aus einem Paria ein Bramine zu werden und der es vorzieht, eher das gehetzte Wild, als der Jäger zu sein. Diese außerordentlich verzwickte Angelegenheit hat sich im Laufe der Jahre noch dadurch complicirt, daß die Söhne des „Deliuauenten" herangewachsen, daß sie Pässe bedürfen und die-! selben ihnen nicht ausgefolgt werden können, da man nicht weiß, zu welcher Religion sie zugezählt werden sollen. Da sie Kinder eines getauften Juden sind, so müssen sie eo ipso als Christen betrachtet werden. Während dessen ist an ihnen die Beschneidung nach mosaischem Ritus vollzogen und sind sie überhaupt ganz im Judenthum erzogen worden und mit demselben verwachsen. Diese interessante Frage soll der heiligen Synode zur Lösung überantwortet werden. Die Localzeitung „Orlowski Wjestnik", der ich diesen hochinteressanten Jncident entnehme, spricht die Ansicht aus, daß B o r i s s o w keineswegs als Apostat zu betrachten und straffällig sei, da er doch als Kind und gewaltsam getauft wurde. Daß ein russisches Blatt eine derartige ketzerische Ansicht auszusprechen wagt, ist ein symptomatisches Zeichen der Zeit. Was wohl die Synode für einen Ausweg aus diesem Dilemma finden wird? Oder sollte sie es gar der Entscheidung des Monarchen anheimstellen? Ueberhaupt scheinen in Bezug auf Judentaufen jetzt ganz andere Ansichten vorzuherrschen, als einst. Früher — vor etwa vierzig Jahren — erhielt ein jeder Jude, der sich taufen ließ, 25 Rubel. Diese Zahlung veranlaßte auch folgenden Dialog, der vollkommen verbürgt ist. Ein Christ und ein Jude stritten über die Vorzüge ihrer Religion. Selbstverständlich, daß der Rechtgläubige feine Confessivn als die herrschende höher stellte. Der Jude hingegen machte sich erbötig, ihm a<l ocoius zu beweisen, daß der Glauben Most weit höher stehe. „Ich bin auf diesen Beweis sehr begierig", sagte der Russe. „Siehst Du", sagte der Jude, „wenn ich einen Pelz habe und Du einen Rock und wir tauschen und Du mir eine gewisse Summe beim Tausch noch darauf zahlst, wessen Kleidung repräsentirt einen höheren Werth?" „Selbstverständlich", erwiderte der Russe, der nicht wußte, worauf der Jude hinaus wollte, „Dein Pelz, da ich Dir dagegen meinen Rock und noch eine Daraufgabe gebe." „Nun also, so ist auch die jüdische Religion besser, all die rechtgläubige", erwiderte der Jude, „da Ihr uns Juden, wenn wir unsere Religion gegen die Eurige Umtauschen, noch 25 Rubel zuzahlt." Dir Dogmen im Iudenthum. Aus S. Schechter's „Sludies in Judaism", London, A. & C. Black, 1896, übersetzt von Ignaz Kaufmann, Kojetein. (Fortsetzung.) Ich habe noch zu bemerken, daß man im Talmud Stellen findet wie: „Der Jude ist, sogar wenn er gesündigt hat, immer noch ein Jude," oder „Derjenige, der den Götzendienst leugnet, heißt ein Jude." Diese und ähnliche Stellen sind häufig benutzt worden, um zu beweisen, daß das Judenthum nicht eine positive Religion sei, sondern nur die Negation des Götzendienstes involvire. H^bei wurde jedoch übersehen, daß die citirten Behauptungen mehr einen gesetzlichen als theologischen Charakter besitzen. Der Jude gehörte seiner Natron an, selbst nachdem er die schwerste Sünde begangen hatte, nerade wie der Engländer nicht aushört, Engländer zu sein, — in Fällen wie Hochverrats) und dergleichen weil er ein abscheuliches Verbrechen begangen hat. Seine Handlungsweise war freilich recht unenglisch und er wird für sein böses Verhalten zu büßen haben, da er die Gefühle der ganzen Nation beleidigt hat. Aehnlich behaupteten die Rabbinen nicht, daß Derjenige, der an Offenbarung und Auferstehung zu glauben aufhörte und die Lehrer Israels unehrerbietig behandelte, seine Verbindung mit dem jüdischen Volke durchtrennte, sondern nur, daß er für seine Verbrechen aufs Schwerste bestraft, vom Jenseits ausgeschlossen zu werden Gefahr lief. So wichtig jedoch auch die angeführte Stelle aus Sanhedrin ist, wäre es dennoch ein Jrrthum, zu glauben, daß sie das ganze Glaubensbekenntniß der Rabbinen erschöpfe. Die Liturgie und unzählige Stellen in den Midraschim zeigen, daß sie dem Glauben an die Ankunft des Messias mit Eifer anhingen. Ihre ganze Hoffnung war der kommenden Erlösung und der endlichen Begründung des Himmelreiches auf Erden zugewendet. Dieses Glaubens entblößt, wäre das Iudenthum ihnen bar von Bedeutung gewesen. Auch wird in der alten rabbinischen Literatur immer von Neuem der Glaube an Lohn und Strafe wiederholt, und ist kaum eine nachdrucksvollere Erklärung ihres Vorsehungsglaubens denkbar, als die nachfolgenden Stellen sie enthalten: „Alles ist vvrhergesehen, der Wille ist frei gegeben, und die Welt wird gnädig gerichtet." „Was geboren ist, ist da, um zu sterben, was tobt, um wieder aufzuleben, und was lebt, um gerichtet zu werden. Denn wisse und merke und mag es Allen bekannt werden: Er (Gott) ist der Bildner und Er der Schöpfer, Er, der Alles wahrnimmt und richtet, Er, der Zeuge rc."') Es darf jedoch nicht vergessen werden, daß es nicht die Gewohnheit der Rabbinen war, für die Praxis oder Theorie Regeln anfzustellen, die allgemein bekannt waren. Wenn sie die drei oben bemerkten Punkte nachdrücklich geltend machten, so muß dafür ein historischer Grund vorhanden gewesen sein. Wahrscheinlich wurden diese Principien von gewissen Häretikern angesochten. In der That ist der Ton der aus Sanhedrin citirten Stelle ein Protest gegen gewisse Ungläubige, die mit Strafe bedroht werden. Andere, nicht minder wichtige, jedoch minder bestrittene Glaubenssätze bleiben unerwähnt, weil keine Nothwendigkeit, sie zu behaupten, da war. Erst zu einer viel späteren Zeit, da der Jude mit neuen philosophischen Schulen und auch mit neuen Religionen, die der Verwechslung mit dem Iudenthum in höherem Grade ansgesetzt waren als das Heidenthum, in engere Berührung kam, wurde diese Nothwendigkeit empfunden. Und so werden wir mit Einem Male in die Periode versetzt, wo der Jude mit den Lehren der mohammedanischen Schulen bekannt wurde. Die Karäer kamen sehr früh mit den nicht-jüdischen Systemen in Berührung. Und so finden wir, daß sie auch die Ersten waren, von denen die jüdischen Dogmen in bestimmter Zahl und systematischer Ordnung formulirt wurden. Es ist auch wohl möglich, daß ihre Trennung von der Tradition und ihre frühzeitige Zersplitterung in kleinere Secten sie zur Ergreifung dieser Maßregel nöthigte, um weitere Parteibildungen abzuwehren. _ Die Zahl ihrer Dogmen beläuft sich auf zehn. Nach Inda Hadassi (1150),. der sie von seinen Vorgängern übernommen zu haben scheint, sind die folgenden Artikel in ihren Dogmen enthalten : 1. 6reatio ex nihilo; 2. die Existenz eines Schöpfers, Gott; 3. dieser Gott ist eine absolute Einheit, unkörperlich; 4. Moses und die anderen Propheten sind von Gott gesandt; 5. Gott hat uns die Thora gegeben, die wahr und vollkommen in jeder Beziehung ist, der Hinzuthunng des 0 Sprüche der Väter III. £ 9, IV. § 22.

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