Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Vir. 40 Dr. Vlorh's Mochrnschrikk Seite 793 Doch Zabludewski, der von einer rührenden Bescheidenheit ist, ließ sich durch die errungenen Erfolge nicht beeinflussen, auf Lorbeeren zu ruhen. Er ging nach Berlin, Wien, Paris, Amsterdam, um sein Wissen zu bereichern, was ihn auch vollauf gelang. Nachdem Bergmann zum Nachfolger Langenbeck's an die Berliner chirurgische Universitätsklinik berufen worden, wurde gleichzeitig eine Stätte für die systematische Ausübung der wissenschaftlichen Massage bei chirurgischen Krankheiten geschaffen und Bergmann betraute Zabludewski als den bewährten, ihm persönlich bekannten Fachmann mit _ der einschlägigen Thätigkeit. Die von Zabludewski im Laufe von Jahren ersprießlicher Thätigkeit gesammelten Erfahrungen, sowie seine Behandlungsmethode wurden Gegenstand von Bortrügen auf den Congressen der deutschen Chirurgie, wie auch in der Berliner medicinischen Gesellschaft und machten bald den Namen der Massagisten außerordentlich populär. Gleichzeitig erwarb er auch eine große Praxis in den höchsten Gesellschaftssphären und behandelte unter Anderen ' auch Kaiser Friedrich _ 111. Zahlreiche seiner Arbeiten sind in Langeubeck 's Archiv und in der Berliner Klinischen Wochenschrift erschienen. Professor Bergmann lernte seinen jungen Assistenten bald kennen und schätzen, dank dessen Geschicklichkeit bei Operationen und der außerordentlich „leichten Hand", die er in Bezug ans die Behandlung von Berwundeten bekundete. Das gab den ersten Anstoß zu der Idee, sich der Massage zu widmen, die noch damals im Embryo war und gar nicht als Wissenschaft behandelt, sondern von Jeden, der sich berufen wähnte, ausgeübt wurde. Professor Bergmann, der für seinen jungen Assistenten ein stets wachsendes Interesse empfand, das er ihm bis auf den heutigen Tag bewahrt, ermunterte ihn in dieser Idee, und Zabludewski begab sich Anfangs der Achtziger-Jahre nach Amsterdam zu der» bekannten Massagisten Professor Metzger, theils weil seine durch die Kriegsstrapazen zerrüttete Gesundheit es erforderte, theils weil er sich mit diesem neuen Zweige der medicinischen Wissenschaft bekannt machen wollte, der übrigens bereits im Alterthnm bekannt war und auch gegenwärtig. im Orient (freilich blos auf empirische Weise) sehr häufig angewandt wird (z. B. das sogenannte Kneten in den türkischen Bädern ist ja auch eine Massage). Durch Professor Bergmann anfgemnutert, überfiedelte Zabludewski nach Berlin, wo er in der chirurgischen Universitätsklinik seine Thätigkeit begann und bald sich eines sehr guten Rufes erfreute (er behandelte sogar einige Zeit Kaiser- Friedrich III) und eine große Praxis erwarb. Um die Einbürgerung dep Massagecnr in Deutschland hat Zabludewski unstreitig große Verdienste, die auch allgemein anerkannt wurden. Trotzdem war seine Stellung in Berlin eine äußerst schwierige. Ausnahmsweise und dank besonderer Vergünstigung war ihm die Ausübung der Praxis gestattet worden, doch konnte ihm diese besondere Gunst zu jeder Zeit genommen worden, da er nicht nur Russe, sondern noch zudem Jude war. Es handelte sich also darum, sich nationalisiren zu lassen und deutscher Reichsangehöriger zu werden, wozu sich Zabludewski dank seiner precären Stellung entschlossen hatte. Doch für einen russischen Juden war das keine leichte Aufgabe, da in Preußen grundsätzlich keine russischen Juden uationalisirt werden. Das preußische Regime behauptet, es wäre schon übergenug an den eigenen Juden, als daß man noch Fremde absorbiren sollte. Und wer weiß, ob es Dr. Zabludewski gelungen wäre, (trotz seiner Relationen in der höchsten Sphäre) das ersehnte Ziel zu erreichen, wenn er nicht zufällig den ehemaligen Minister des Innern, Grafen Eulenburg, behandelt hätte, der alle die Schwierigkeiten erkannte, alle Hindernisse beseitigte. Und Dr. Zabludewski ward ein Deutscher, ist aber trotzdem ein warmer jüdischer Patriot geblieben, der für die Leiden seiner russischen Glaubensgenossen ein empfängliches Herz hat und zu helfen bereit ist, wo er nur helfen kann. Das Glück hat ihn nicht übermüthig gemacht und jede Selbstüberhebung, jeder Hochmuth liegt ihm fern. Trotz seinem fiinfzehnjährigen Aufenthalt in Berlin beherrscht Dr. Zabludewski die russische Sprache vollkommen und interessirt sich außerordentlich fiir seine ehemalige Heimat, mit welcher er, dank seiner zahlreichen in Rußland lebenden Verwandten und dank seiner „russischen" Praxis in steter Fühlung ist. Dr. Zabludewski hat es verstanden, sich in Berlin eine geachtete Stellung zu verschaffen, und seine Ernennung zum Professor dient als Beweis, daß seine Verdienste auch in den competentesten Sphären anerkannt werden. Er wird nicht nur als Arzt geachtet, sondern ist auch als Mensch geliebt und verehrt. Mit einem Worte, die russischen Juden haben begründete Rechte, auf diesen ihren Glaubensgenossen stolz zu sein, der mit seiner Nationalität nicht seine Gesinnungen gewechselt und dessen Herz auch durch das Glück nicht verknöchert worden. LX. Ueber Neophiten nnd Proselytismus. In den geistlichen Eonsistorialgerichten der Städten Orel wird gegenwärtig über eine sehr charakteristische Angelegenheit verhandelt, welche als Echo einer längst entschwundenen Vergangenheit in die Gegenwart hereinhellt und sicherlich erst in der Zukunft zum Austrage kommen wird. Das in ein höchst verwickelter Proceß, der seinen Ursprung noch während der Regierungsperivde Nicolai 1 hat nnd in welchem es dem Urenkel dieses Monarchen, Nicolai I!, atigenscheinlich beschieden sein wird, die Entscheidung zu treffen, ans welche man sowohl in jüdischen als in rechtgläubigen Kreisen sehr gespannt ist. Bei meiner Charakteristik Nicolai I erwähnte ich der ersten Periode der Verirrungen dieses chevaleresken Monarchen, der kleine jüdische Kinder in die Militärcolonie als Eantonisten stecken ließ, wo sie durch Schläge und Hunger, durch moralische Erniedrigung und phnsiiche Vergewaltigung zum Uebertritt in die griechische alleinseligmachende Kirche gezwungen wurden. Mein sehr geehrter und talentvoller Freund Victor Nikititsch Nikitin (gegenwärtig Staarsrath und Ritter hoher Orden, gleichzeitig ein sehr bekannter und viel gelesener Schriftsteller, der in seinen Werken unnachsichrlich die Schwächen und Gebrechen der verschiedenen Zweige des Administration geißele ist selbst einer dieser Eantonisten, der durch eine unmenschliche Behandlung gezwungen wurde, dem Glauben seiner Väter untreu zu werden, während zahlreiche andere seiner kleinen Gefährten, zarte Künder, zu Märtyrern für ihre religiöse Ueberzeuguug wurden. Obgleich Herr Nikitin (jetzt bereits ein hochbetagter Herr) reit einem halben Jahrhundert rechtgläubiger Christ ist, so hat er, der Würdenträger, Mitglied des Conseils des Ministeriums der Reichsdomänen, seinen ehemaligen Glaubensgenossen ein vietätvolles Andenken bewahrt, ist im Grunde seines Herzens Jude und sympathisirt ruit mir. Gleichsam, um sein Renegatentbum zu sühnen, hat Herr Nikitin ein prächtiges Werk über das abscheuliche Unwesen des Cautonistensysteuis in den einstigen Militärcolouien veröffentlicht, welches schonungslos die damaligen Zustände geißelt und diese kleinen dunklen Herren init einem Glorienschein umgibt. Wenn Jemand an der historischen Treue dieser haarsträubenden Schilderung zweifeln sollte, so genügt es. diesem Skeptiker folgende dem Leben der Gegenwart entnommene Erzählung vor Augen zu halten, um jeglichen Zweifel verstummen zu machen. Ter Sachverhalt dieser höchst interessanten Angelegenheit ist folgender: Seit vielen Jahren lebte in der Gouvernementsstadt Orel ein hochbejahrter Handwerker Namens Konstantin Gregorjewitsch Borissow, der, trotz seines echt russischen Via mens dennoch ein Jude war ititb, obgleich er zu der rechtgläubigen Kirche gehörte, vielleicht ein besserer Jude als mancher, der fleißig die Synagoge besucht. Dieser Borissow gehörte zu der zahlreichen Kategorie jüdischer Knaben, die im zartesten Alter ihren Familien entrissen worden, in die Militärcolonie gesteckt wurden, um daselbst durch barbarische Behandlung zu den Glauben an den wahren Gott der Liebe und Versöhnung bekehrt zu werden. Das Kind ward gewaltsam getauft und dann, als es etwas herangewachsen war, in ein Fußregiment in Orel eingereiht. Als der Knabe jedoch zum Jüngling herangereift war und in ihm das Betvußtsein ausdämmerre, welch ein schreiender Act von Vergewaltigung an ihm vollzogen worden war, reift in ihm der heroische Entschluß, die ihm ausgedrungene Religion zu ignoriren, die an ihm vollzogene Taufe nicht auznerkennen und zu den Glauben seiner Väter zurückzukehren. Diesen Entschluß brachte er auch zur Ausführung. Wieso ein derartig nach russischen Begriffen verbrecherisches Gebühren ungeahndet blieb — ist bis jetzt noch nicht aufgeklärt. Es genüge zu sagen, daß der iir Rede stehende Borissow einfach wieder Jude ward, alle Gebräuche des Jndentlmms beobachtete, eine Jüdin heiratete, mit ihr nach jüdischem Ritus getraut wurde, so daß Niemand ahnen konnte, daß man es mit einem freilich wider seinen Willen zum rechtgläubigen Russen Gewordenen zu thun habe. Ter Ehe entsvroßen vier Knaben, die der Beschneidung unterworfen und ganz jüdisch erzogen wurden. Kurz, der Mann verfuhr so, als habe er die an ihm in seiner Kindheit vollzogene Taufe ganz aus seinem Gedächtniß gelöscht