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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-02 · 40 (2.10.1896) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 792 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 40 Publicums einen Herrn, dessen lebhaft colorirtes, von einem ganz weißen, kurzgeschorenen Vollbart umrahmtes Gesicht mir außerordentlich bekannt vorkam, obgleich ich ihn Dank der Entfernung und meiner Kurzsichtigkeit nicht zu erkennen vermochte. In dem Augenblick, wo ich mein Hirn vergeblich abmarterte, um zu ergründen, wo und unter welchen Umständen ich dieses sympathische Gesicht gesehen, drängte sich der Gegenstand meiner Wißbegier durch die Menge und kam mit ausgestreckten Händen auf mich los, und zu meiner Beschämung erkannte ich da erst, daß es ein alter Petersburger Freund war, dem ich hier so unerwartet auf der Tramwaystation des idyllischen belgischen Badeortes begegnete. Es war der in Petersburg uwhlbekannte Arzt Dr. Adam Julgewitsch Hirschhorn, wirklicher Staatsrath, Excellenz, Mitglied des gelehrten Comite im Ministerium der Bolksanfklärung, ein trotz seiner Schwächen sehr liebenswürdiger Mann, und was mir besonders an ihm sympathisch war, ein aufrichtiger jüdischer Patriot, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, wo er seinen Glaubensgenossen nützlich sein konnte und, Dank seiner Stellung, ihnen in der That manchmal nicht unwesentliche Dienste leistete. Dr. Hirschhorn kam eben vom Aerztecongreß in London, wo er als Delegirter des russischen Unterrichtsministeriums sunctionirt hatte, wohnte in Ostende, hatte eine kleine Excursion nach Blankenberghe gemacht und kehrte jetzt nach seiner Residenz in Ostende zurück. „Das trifft sich sehr gut", sagte er mir, „daß wir uns begegnet, ich werde Sie in Ostende mit zwei hervorragenden Glaubensgenossen und Aerzten, den Doctoreu Rosenbach und Zabludewski, bekannt machen, zwei eben so charmante als gelehrte Herren, die sich sehr freuen werden, Sie kennen zu lernen." Dr. Rosenbach kannte ich bereits von früher. Das ist in der That ein hervorragender Psychiater, und er wäre längst ordentlicher Professor an der Kaiserlichen Militär-Medicinischen Akademie geworden, wenn er in der Wahl seiner Eltern etwas vorsichtiger gewesen wäre und nicht als Jude das Licht der Welt erblickt hätte. So aber — mit solch einem Geburtsmakel behaftet, war es nicht zu verwundern, daß Dr. Pawel Jekowlewitsch Rosenbach, trotz feiner bedeutenden Gelehrsamkeit, die Stufenleiter der bureaukratisch-hierarchisch-akademischen Leiter nicht erklomm. Und trotz seines großen Rufes, trotz seiner zahlreichen wissenschaftlichen Schriften, konnte er es nicht weiter bringen als bis zum Ordinator in der psychiatrischen Klinik und zum Privatdocenten und mußte noch froh sein, daß ihn der Präsident der Akademie (der judenfeindliche Kriegsminister General Wannowski) auch in dieser untergeordneten Stellung beließ, da die besagte Akademie nicht nur für jüdische Professoren, sondern auch für jüdische Studenten hermetisch geschloffen ist. Was Dr. Zabludewski anbetrifft, so kannte ich ihn nicht, hatte aber viel von ihm gehört, als einen außerordentlich geschickten Massagisten, dem es gelungen war, sich in Berlin eine sehr geachtete Stellung und eine bedeutende Praxis zu erobern, für einen russischen Juden in der deutschen Metropole ein geradezu unerhörter Fall, der in der Folge, wie Sie weiter unten sehen werden, letzthin einen geradezu sensationellen Charakter annahm. In Gesellschaft dieser drei liebenswürdigen Männer brachte ich einen sehr angenehmeil Tag in Ostende zu, und da die beiden anderen Herren baldigst nach Petersburg zurückreisen mußten, so war es nur Dr. Zabludewski, der meine Einladung, mich in Blankenberghe zu besuchen, aunahm und auch seinem Versprechen bald nachkam. Hier war es, wo ich den interessanten Mann näher kennen lernte, der gegemvärtig durch feine Ernennung zum Professor so sehr Gegenstand der öffentlichen Aufmerksamkeit geworden ist. In der That ist die Ernennung eines russischen Juden zu einem deutscheil Professor eine so außerordentliche Erscheinuiig, daß es sich verlohnt, den Lebenslauf des Mannes näher zu betrachten, dem eine so ungewöhnliche Ehre zu Theil geworden, und ich glaube, daß es für die Leser Ihres Blattes nicht uninteressant sein wird, mit der Biographie eines Mannes vertraut zu werden, der nicht nur auf dem Gebiete einer der Zweige der Wissenschaft Hervorragendes geleistet, sondern auch ein gelehrter Talmndift und ein glühender jüdischer Patriot ist. Isidor Weiljawinowitfch Zabludewski ist in Bjelostok 1852 geboren und entstammt einer sehr angesehenen und wohlhabenden, streng religiösen, jüdischen Familie. Sein Vater, der noch gegenlvärtig in Bjelostok wohnt und den fein berühmter Sohn voll kindlicher Pietät alljährlich besucht, ist ein rechtgläubiger Jude von altem Schrot und Korir, der seinen zahlreichen Kindern eine streng orthodoxe Erziehung angedeihen ließ und besonders darauf sah, daß sie nicht nur Talmudstudien betrieben, sondern sich auch die heilige Sprache in Schrift und Wort aneignete. Professor Zabludewski beherrscht das Loscheu-Hakodisch vollkommen und hat trotz seiner zahlreicheil anderseitigen Beschäftigungen seine hebräischen Studien nicht anfgegeben. Noch unlängst lieferte er einen glänzeudeir Beweis seiner außergewöhnlichen talmudischen Erudition. Bei einem kürzlich in Berlin stattgefundenen Hochzeitsmahle, dem auch ich beiwohnte, hielt Dr. Zabludewski eine längere Rede, die von talmudischen Citaten wimmelte, die er meist in der Ursprache vorbrachte, wobei er noch außerdem verschiedene ältere und neuere Koryphäen der hebräischen Literatur citirte und die Aussprüche in einem so gewühlten, classischeleganten Loschen-Hakodisch vortrug, daß mehrere anwesende jüdische Gelehrte ganz starr vor Staunen wurden. Hiebei muß ich noch bemerken, daß Professor Zabludewski auch aus dem Gebiete der hebräischen Journalistik Erkleckliches geleistet und daß der beliebte Arzt noch gegenwärtig seine talmudischen Studien, trotz einer ungeheuren Praxis, fortsetzt, und zwar mit ganz besonderer Vorliebe — in der That eine ganz außerordentliche Erscheinung. Der Besuch des Gymnasiums in Bjelostok ging Hand und Hand mit hebräischen Studien, was den jungen Zabludewski nicht hinderte, den Gymnasialcursus mit Auszeichnung zu absolviren und dann in die Militär-Medicinische Akademie in Petersburg einzutreten, die damals noch ihre Thore nicht vor den Bekenueru der Lehre Most geschlossen hatte. Kurz vor Ausbruch des russisch-türkischen Krieges promovirte Zabludewski zum Arzt und trat in den Militärdienst ein. Rach erfolgter Kriegserklärung ward er an die Donau geschickt, wo ihn ein gütiges Geschick zum Assistenten des Chefarztes und Chirurgen Bergmann, dazumal noch Professor an der Dorpater Universität, machte. Es war eine _ glückliche Schicksalslaune, welche der Zukunft des jungen russisch-jüdischen Arztes eine ganz andere Wendung gab/ Ohne diesen Zufall (kann man es Zufall nennen?) wäre Zabludewski beim Friedensschluß aus den Reihen der Armee, wie es in Bezug auf die Juden üblich ist, ausgestoßen worden, um fortan als freiprakticirender Arzt irgendwo in der Provinz ein kärgliches Dasein zu fristen. Das hohe Verdienst von Dr. Zabludewski besteht unstreitig darin, daß er die Massage zu der Ehre gebracht hat, als Wissenschaft betrachtet zu werden, daher auch die ihm gewordene Auszeichnung — die erste in dieser Art nicht nur in Deutschland, sondern auch in ganz Europa — die Ernennung zum Professor er ausschließlich sich selbst zuzuschreiben hat. Es ist ein gar seltsames Schicksal, welchem die Behandlung durch Massage im Laufe der Zeiten unterlag. Bereits im Alterthum erkannte der Stammvater der Medicin, Hippokrates, die Massage als eines der wirksamsten Heilmittel bei Behandlung verschiedener menschlicher Gebrechen und gelangte diese medicinische Disciplin zu weiter Verbreitung, hoher Blüthe und allseitiger Anerkennung. Dann jedoch folgte die Reaction des Mittelalters und Dank Empiriker, Feldscheern, Badern u. dergl. gelangte diese einst so verherrlichte Heilmethode in Verruf, so daß sie aus den Reihen der Wissenschaft fast ganz gestrichen ward. Neuerdings trat sie in der Gegenwart wieder ans, fand Anerkennung, ward jedoch erheblich discreditirt, daß sie größtentheils von unberufenen Laien ausgeübt wurde, welche den Kranken größtentheils nicht nur nicht nützte, sondern ihnen oft erheblich schadete. Dr. Zabludewski gebührt nach Dr. Metzger das Verdienst die Massage auf eine rein wissenschaftliche Grundlage gestellt zu haben. Während seines Dienstes als Militärarzt in der russischen Armee in Bulgarien hatte Zabludewski Gelegenheit, bei den großen Terrainschwierigkeiten aus dem türkischen Kriegsschauplatz zu coustatiren, daß bei den dadurch häufig vorkvmmenden Verrenkungen und Verstauchungen die Massage mit großem Erfolg angewendet wurde. Und so kam der junge Stabsarzt allmälig dazu, die Massage auch in chirurgischen Fällen anzuwenden, wobei er durch seiner: Chefarzt, den nachmals berühmten Chirurgen Professor Bergmann, ermuntert wurde, der dieser Methode seines jungen Assistenten den lebhaftesten Beifall zollte. Nachdem der Friedensvertrag vor: San Stefano der Thätigkeit Zabludewski's als Militärarzt ein Ziel gesetzt hatte (er ward durch Verleihung von Rang ur:d Orden nach Verdienst ausgezeichnet) kehrte er nach Petersburg zurück, wo er sich eisrigst experimentellen Forschungen über die phisiologische Wirkung der Massage widmete und 1879 eine höchst interessante Monographie über Massage gesunder Menschen veröffentlichte. Ex uuque leonem. Dieses Erstlingswerk bekundete der Meister.

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