Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 790 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 40 w erde n, aus keinem anderen Grunde, als weil sie dem seßhaften, steuerzahlenden Gewerbsmanne Concurrenz bereiten. 9tun muß man wissen, welche Anforderungen das Gesetz ohnedies an die Hausirer stellt, um die ganze Größe der geplanten Attaque gegen viele Hunderte ehrlicher Staatsbürger zu begreifen. Es ist fast leichter, in Oesterreich Minister zu werden, als einen Hausirpaß zu erlangen. Wer einen solchen will, der muß nicht mir ein gewisses Alter erlangt haben und österreichischer Staatsbürger sein, er muß auch — was von keinem Minister verlangt wird — gänzlich unbescholten, ferner hinsichtlich seines moralischen und politischen Lebenswandels vorwurfsftei und von jeder ansteckenden oder ekelhaften Krankheit ftei sein. Er muß nicht nur eine Gebühr für den Hausirpaß, sondern auch, wie der seßhafte Gewerbsmann, eine Erwerb- und Einkommensteuer zahlen. Die neuen Gesetze über die Personalsteuern schreiben sogar vor, daß der Hausirer die ganze Jahresschuldigkeit an Steuer im voraus entrichten, daß er die Steuer nach dem Satze der Landeshauptstadt des Kronlandes, welches er besucht, bezahlen muß, auch wenn er in diese Hauptstadt gar nicht kommt, und endlich, daß er von den Nachlässen, welche den übrigen „kleinen" Männern gewährt werden, ausgeschlossen bleibt. Dazu hat er natürlich auch die neue Personal-Einkommensteuer zu entrichten. Man sieht, daß in Bezug aus den Hausirhandel die strengsten Anforderimgen gestellt und die Hausirer in Bezug aus die Besteuerung geradezu ungerecht hart behandelt werden. Man kann auch füglich behaupten, daß der Hausirhandel, so lange er nicht Uebergriffe sich erlaubt, volkswirthschaftlich nicht nur auf dem flachen Lande, sondern auch in der Stadt nützlich wirkt. Er erhöht die Kanslöst des Publicums, bringt neue Consnmenten und führt auch Erzeugnisse des Kleingewerbes in Schichten, welche sonst diese Ankäufe nicht vornehmen würden. Er ist ein sehr thätiger Vermittler zwischen Producenten und Consumenten; den mageren Verdienst, welchen er unter vielen Demüchigungen und schwerer Mühe erwirbt, verdient er reichlich. Was kann man also gegen ihn einwendeu? Daß er Zwischenhandel ist, wohl kaum. Man würde es allenfalls begreifen, wenn die Aufhebung des Hausirhandels als ein volkswirthschaftliches Postulat im Anschlüsse an jene immerhin verständliche, wenn auch vielfach übertriebene Theorie von der Schädlichkeit des Zwischenhandels ausgestellt würde. Allein unter den Anhängern des edlen Führers des „christlichen Volkes" befinden sich ungleich mehr Zwischenhändler, als es Hausirer in Wien^gibt. Die „Greißler" zum Beispiel, die stolzen Beherrscher der Madt Wien, die Fleischhauer, die ergebenen Knappen Dr. Luegers u. s. w. u. s. w., sie sind alle Zwischenhändler, und unter ihnen gibt es eine große Anzahl solcher, welche diesen Zwischenhandel mit Wuchervortheil betreiben und gerade die ärmsten Bevölkerungsclassen ausbeuten. Man versuche, in Wien die Consumvereine zu befördern, welche den Zwischenhandel doch um ein Glied verkürzen, und alsbald werden die Greißler ein mörderisches Geschrei erheben. Die Phrase vom Zwischenhandel ist eitel Humbug; die Wahrheit ist, daß die Kerntrnppe der sogenannten „christlich-socialen" Partei in Wien ein Sammelsurium von Gewerbsleuten bildet, welche in schlecht verstandener Auffassung ihres Vortheiles ihr Ziel darin sehen, möglichst Vielen ihren Erwerb zu rauben, damit ein größerer Brocken ans sie entfalle, eine Coalition, welche den Namen des Christenthums, wie den des Socialen gleichermaßen schändet und in dem Verlangen um Aufhebung des Hausirhandels ein ihrer würdiges Stückchen geleistet hat. Man darf darauf gespannt sein, ob die Regierung dieser häßlichen Strömung sich beugen wird, wie allerdings nach dem, gelinde gesagt, erstaunlichen Gutachten der löblichen Wiener Polizei- Direction scheint. Hier handelt es sich nicht um politische Fragen, um die Autonomie der Gemeinde und Aehnliches, wie etwa bei der Bestätigung eines Bürgermeisters. Die Gewerbefreiheit, die wir in Oesterreich noch haben, ist eine staatliche, keine communale Einrichtung. Auch der Wiener Stadtrath besitzt keine Competenz, den Hausirhandel auszuheben, es steht bei der Regierung, ihn zu verbieten. Und wir stehen nicht au, zu erklären, daß, wenn die Negierung diesem Verlangen Folge leistet, sie sich auf einen verhängnißvollen Weg begibt; daß sie damit die denkbar niedrigste Politik, diejenige nämlich, einer Gruppe armer Staatsbürger ihr Brot lvegzunehmen, um den Mund der Helden des kleinen Bürgerthums zu stopfen, zu der ihrigen macht. Wenn die Regierung die Aufhebung des Hausirhandels für Wien decretirt, so zeigt sic, daß sie eine christlich-sociale Regierung in der Bedeutung des Wortes ist, welches dasselbe in Oesterreich besitzt, wo es stets an luens a non lucendo erinnert. Vom goldenen Horn. C o n st a n 1 i n o p e l, 20. September. Bereits zweimal war an dieser Stelle die Rede von der Besichtigung der Schulen der Alliance durch ihren zweiten Secretär, Herrn S. Benedict, und bei seiner Ankunft und Abreise wurde die hohe Wichtigkeit des sehr ehrenvollen, aber auch sehr schwierigen Auftrages genügend hervorgehoben. Wenn ich nun zum dritten Male auf dieses Ereigniß zurückkomme, so veranlaßt mich dazu ein besonderer Umstand. Mit Bezug auf die erwähnte Jnspection brachte nämlich das bedeutendste Blatt der türkischen Hauptstadt, der „Stambul", einen Artikel, der verdient, in seinem ganzen Inhalte wiedergegeben zu werden. Die Aeußerungen, sind von umso größerem Interesse als sie aus christlichem Munde kommen. Und verwöhnt, Gutes von dieser Seite zu vernehmen, sind wir ja nicht. Das genannte Blatt schreibt: „Unsere Leser kennen die Wichtigkeit der Anstalten, die die „Alliance Jsraelite" im Orient unterhält. In Constantinopel allein zählt dieser Verein fünfzehn Schulen, die von fast 3000 Schülern besucht und von ungefähr 40 Lehrern und Lehrerinnen geleitet werden. Letztere sind in der Mehrheit auf der höheren orientalischen Normalschule, welche die Alliance mit großen Kosten in Auteuil, an den Pforten von Paris, unterhält, ansgebildet worden. Außer diesen Volksschulen, für welche die Alliance jährlich mindestens 100.000 Francs ausgibt, unterhält diese Gesellschaft noch in unserer Stadt eine große Anzahl von Ateliers für weibliche Arbeiten und eine bedeutende Handwerksanstalt. Ihre Ansicht dabei geht dahin, eine ganze Classe der jüdischen Bevölkerung den kleinen Zusallsgeschäften, zu welchen sie die Noth und die Unwissenheit getrieben, zu entreißen und verschiedenen Professionen zuzusühren. Wir werden ein andermal an dieser Stelle sagen, was die Alliance, die erst vor 30 Jahrm gegründet wurde, gethan, um die jüdische Bevölkerung des Orients emporzuheben, und welch großen Antheil sie an ihrer Emancipation genommen. Es genüge, daran zu erinnern, daß man zum großen Theile dieser Gesellschaft die in diesem letzt-n Vierteljahrhunderi so schnelle Verbreitung der französischen Sprache in diesen Gegenden verdankt, die nun der jüdische Theil unserer Mitbürger wie seine Muttersprache spricht. So ist mit zwei Worten das Werk der Alliance in Constantinopel. Heuer war es nun Herr S. Be'nidict, zweiter Secretär dieses Vereines, dem die Aufgabe zugefallen, die verschiedenen Anstalten zu besichtigen, die er in der Türkei und in Bulgarien unterstützt. Das Central-Comite der Alliance hat die delicate Mission keinem besseren Händen anvertrauen können, um ihr genauen Bericht über den Gang der Anstalten zu erstatten, die sie mit so großen Spesen unterhält Man kann nicht genug den vollendeten Tact und die höfliche Freundlichkeit des Herrn Benedict loben; er hat davon Beweis geliefert in seiner Beziehungen zu dem Lehrkörper der Alliance, den er zurückläßt, entzückt durch sein beredtes und geistreiches Wesen, gestärkt durchseine Rathschläge und durch sein Beispiel der Arbeit und der Hingebung an das gemeinsame Werk." Seitdem diese Zeilen übersetzt und niedergeschrieben wurden, haben Ereignisse in unserer Stadt stattgesunden, an die ich noch mit lebhaftem Grausen zurückdenke. Ich war Augenzeuge von Scenen, die mir Furcht, Mitleid und Abscheu zugleich einflößten. Drei Wochen sind bereits vergangen und noch stehen mir die gräßlichen Bilder in ihrer vollen schauderhaften Wirklichkeit vor den Augen. Ich denke nicht daran, sie zu schildern. Die ausländischen Blätter haben darüber die ausführlichsten Berichte gebracht. Wenn ich gleichwohl auf diese schrecklichen Vorkommnisse zurückkomme, so thue ich es in der Absicht, eine kleine Berichtigung, betreffend die Juden der türkischen Hauptstadt, zu veröffentlichen. In einer Depesche des Reuter'schen Bureau stand zu lesen: „Spanische Juden werden angeklagt, in Haskeuy am Gemetzel ge> en die Armenier theilgenommen zu haben." Im Grunde genommen, ist an dieser Nachricht nichts auszusetzen, weil sie ja blos die Form einer Behauptung trägt. Ich habe nach der Wahrheit geforscht und habe folgende Thatsachen erfahren: Als in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag (26. August) die Armenier auch in der Vorstadt Haskeuy, am Goldenen Horn gelegen, ihrer Verzweiflung durch Angriffe auf die Türken Lustmrchten, forderten diese und die Polizei die Juden, die sie antrafen, auf, ihnen hilfreiche Hard zu leisten. Dabei ist zu bemerken, daß diese Israeliten, der untersten Classe der jüdischen Bevölkerung angehören. Es sind dies Leute, fast zum Verwechseln ähnlich mit den Muselmanen gleicher Stufe: so ähnlich sind ihre Sitten, ihre Gewohnheiten, ihre ganze Lebensart. Trotzdem haben sie die Zumuthungen in patriotischer Form zurückzuweisen, indem sie erklärten, sie seien ja selbst nur geduldet und wüßten nicht, was ihnen der Morgen bringen werde. Die Antwort hierauf an den Mann, der so gesprochen, war der sehr beredte Knall einer Kugel oder der blitzschnelle Schnitt eines haarscharfen Messers in den Unterleib des Unglücklichen, der tobt zusammenbrach. Was Wunder nun, daß die Anderen ruhig folgten. Aber an Todschlägen hat ein Jude nicht theilgenommen, das steht fest. Sie sollten nur die Ueberreste des Raubes, der in armenischen Häusern verübt wurde, mitnehmen. Vielen spanischen Juden wurden von den Plünderern auch viele Sachen zum Abkaufe zu einem Spottpreise aufgedrängt. Da galt kein Zurückweisen. Ein ehrwürdiger Chacham erzählte mir, daß er in jener Nacht gezwungen wurde, viel