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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-02 · 40 (2.10.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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mm i Seite 788 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 40 in jenen der Deutschen geschehen ist. Insoweit es uns nicht von Außen her geradezu unmöglich geworden war, haben wir uns ^ssimilirt. Die Gegner wagen, ihren „Judenpunkt" mit einem Mangel an Ehrgefühl bei den Juden rechtfertigen zu wollen. Haben die Juden wirklich weniger Verständnis; für den Ehrenpunkt? Das müßte sich zu allererst bei jenen Juden zeigen, welche dort Verwendung finden, wo die peinlichste Auffassung des Ehrbegriffes die Voraussetzung des Berufes ist. Nun wollen nur für die Juden gar nicht jene Zierden und Spitzen des österreichischen Staatsbeamtenthums reclamiren, welche, wie Glaser und U n g e r, Ltaatsrath H v k und Feldzeugmeister K u hu, Dr. S t e i n b a ch und Dr. Joh. Nep. Berger und noch so viele Andere mir diesen nur durch ihre Provenienz zusammengehängt haben oder hängen. Es ist eine viel bezeichnendere, ungleich lunveiskräftigere Thatsache, daß im ganzen Bereiche Oesterreichs noch deiner, wvhlgemerkt Keiner der in den Jahren vor der antisemitischen Aera, 1860 bis 1880, immerhin schon nicht ganz unbedeutend ernannten jüdischen Beamten auch nur eine strafweise Versetzung erlitten hat. Ja, wir behaupten noch mehr, wir behaupten, daß die jüdischen Beamten durchwegs eine bezüglich ihrer Fähigkeit ausgezeichnete, bezüglich ihrer Charakters tadellose Qualificativu aufweifen. Ganz genau dieselbe Erfahrung mache die Armeeleitung mit den jüdischen Officieren. Aber der Vorwurf wird noch sonderbarer durch Jene, die ihn erheben. Sind die Hammerstein, Ahlwardt, diese Feichtinger u n s e r e Führer'? Schicken wir zur Vertretung unserer Ehre einen Defraudanten in den niederösterreichischen Landtag? Nein, meine Herren, wir Juden haben zumindest so viel Ehre im Leibe als irgend eine Schichte und Elaste unserer Gegner. Geben wir hievon diesen edlen Herren einen eclatanten Beweis dadurch, daß wir auf die entehrende Znmuthung, welche Promber und Genossen den Glaubensgenossen in Mähren stellen, hier in Wien mit Entschiedenheit antworten: Meine Herren von der deutschliberalen Partei — die Rechnung ist zerrissen, suchen sie sich andere Stimmen! Tie unseren erhalten sie nicht. Man wird uns mit dem Siege der Antisemiten im ersten Bezirke drohen. Meine Herren! Bei dem jetzigen Stande der Dinge und speciell in diesem niederösterreichischen Landtage ist ein weiterer Zuzug von einigen Antisemiten von keiner Bedeutung mehr. Ein Anderes ist wichtiger. Wir Inden sind im buchstäblichen Sinne „Bürger des Jahrhunderts, das kommen wird", Nun ist doch ganz sicher, daß die alte deutfchliberale Partei, aus deren Lenden schon seit Tecennien kein frischer Same mehr sprießen will, diese Wendung nicht herbeiführen wird. Das kann nur eine ungleich radicalere Partei. Wir schaffen, so weit es eben an uns liegen kann, durch unseren Beschluß Raum für den ersten Anfang einer solchen, Platz für solche Eandidaturen. Und wenn sie auch jetzt unterliegen — sehen tvir uns wieder bei der Reichsrathswahl! An dieses Referat tnnpste sich eine äußerst lebhafte, stellenweise sehr erregte Debatte. H.rr Gemcinderath Dr. Alfred Mittler bezweifelt, ob in dem Beschläge des Vereins-Vorstandes. das Tischtuch zwischen dem Vereine und der liberalen Partei zu zerschneiden, sich der Gesammtwille des Vereines wiederspicgle. Die Juden standen der liberalen Partei nichl als Juden, sondern als fortschrittlich gesinnte Männer zur Seite, und deshalb könne von einer Lösung dieses Verhältnisses feine Rede fein. Redner ist überzeugt, daß die Juden immer wieder zur liberalen Partei zurückkehren werden. (Lebhafter Widerspruch seitens der Majorität der Versammlung.) Wenn die Führer der liberalen Partei es für nothwendig gefunden haben, in Mähren Compromisse mit den Deutsch-Nationalen zu schließen, um den deutschen Besitzstand zu erhalte», so könne dies für die Juden in Bezug auf die bevorstehenden Landtagswahlen in Wien nicht maßgebend sein. Heute handle es sich bloß darum, ob die Juden das Central-Wahl-Comite auch fernerhin unterstützen wollen oder nicht. (Mehrseitige Rufe: Nein.) Wenn die National-Extremen den Judenhaß propag'ren, so dürfen letztere den deutschen Gedanken in Oesterreich nichtverwerfen, denn eine wirklich freiheitliche Entwicklung in Oesterreich ohne einer deutschen Partei sei nicht möglich. Dentschthum und Freisinn seien immer Hand in Hand gegangen. (Rufe: Niemals.) Deutsche Männer seien es gewesen, die diejenigen Gesetze schufen, welchen die Juden ihre heutige Gleichberechtigung verdanken. Auf keinen Fall könne man in der deutschen Stadt Wien von einem Candidaten verlangen, daß er national indifferent sei, ebensowenig, daß er ein Anhänger des Allgemeinen Wahlrechtes sei. Redner warnt die Juden vor einem Treubruch und bittet schließlich, den Stab über die künftige deutsche Fortschrittspartei nicht zu brechen, bevor man selbe nicht an der Arbeit gesthe» habe. Hof- und Gerichtsadvvcat Dr. Schnabl bemerkt, daß wir uns heute in eii'em Uebergangs-Stadium befinden, in welchem die Juden die Rolle der Zuschauer zu spielen haben. Eines stehe jedoch fest, daß wir mit einer Partei, die Compromisse mit unsere erbittertsten Gegnern schließt, nicht weiter gehen können. Ob 6 oder 6 Abgeordnete von uns i.l dem Landtage sitzen, kann bei der zukünftigen voraussichtlichen Zusammenst.llung dieser Körperschaft ganz irrelevant sein. Wir Juden, die wir stets zu den unterdrückten gehören, haben gewiß kein Recht, Anderen politisch Rechtlosen ihr Wahlrecht zu wehren. Auch diese zahlen ihre Blut- und andere Stenern an den Staat, und haben daher auch das Recht, mitzuthun. Redner erklärt sich mit dem Beschlüsse des Vereines vollkommen einverstanden. Dr. Bloch verwahrt sich gegen die Bemerkung des Dr. Mittler, welcher die Juden des „Treubruchcs" anklagte. Er verweist auf die geradezu beispiellose Treue, mit welcher die Juden auf gefährdetem slavischem Posten deutsche Sprache vertheidigten, als Märtyrer des Deutschthums alle Leiden ertrugen. Aber diese Treue werde dem Juden schlecht gelohnt: wir haben dem Deutschthum die größten Dienste geleistet und der Lohn dafür war die Propaganda des Antisemitismus. Wenn Herr Dr. Mittler den Pact, welchen die deutsche Fortschrittspartei in Mähren mit den deutschnationalen Antisemiten abgeschlossen hat, mit der Nothwendigteit der Erhaltung des deutschen Besitzstandes rechtfertigt, so möge er uns gestalten, daß auch wir in erster Linie auf die Erhaltung uns eres Besitzstandes in Anwendung der Staatsgrundgesine Gewicht legen. Redner vertheidigt die Aufnahme des Programmpunktes des allgemeinen gleichen Wahlrechtes durch die Union. Es ist jüdische Tradition, für das gleiche Recht Aller einzulreten, jegliche Rechtsungleichheit und Ausnahmsbcstimmuiigen zu perhorrescirnr. Es genügt nicht, daß wir unsere Rechte fordern, wir müssen auch für die Rechte Aller eintreten. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Elias warnt vor einer etwaigen Abstinenz. Es wäre unklug, die 6 sicheren Mandate in der Inneren Stadt, eventuell die 2 sicheren Mandate in der Levpoldstadt in die Hände der Gegner gelangen zu lasten. Die Juden müssen ihr Hauptaugenmerk daraus richten, daß die Antisemiten weder imReichsrathe noch im Landtage eine eminente Majorität erreichen. Redacteur Fleischer sagte: Herr Dr. Mittler habe ein Plaidoyer für das Deutschthum gehalten, ist uns aber den Beweis schuldig gebliebeii, daß die liberale Partei auch liberal geblieben ist. Nie hätte die jüdische Wählerschaft ihre Gesinnung gegenüber dieser Partei geändert, wenn sie liberal geblieben wäre. Die deutlchliberale Partei war jederzeit ein Hemmniß für den wirklichen Fortschritt und die Ausgestaltung unserer freiheiilichen Verfassung. Dies zeige ihr Kamps gegen das allgemeine Wahlrecht; er begrüße den Beschluß des Vereines, der nichts anderes bezwecke, als neuen Männern die Gelegenheit zu bieten, zu candidiren. Es sprachen noch die Herren B i e l i tz, Marcus, H o f b a u e r, Otto Lang und der Referent Herr Sigmund Mayer. Letzterer betonte ausdrücklich, daß die Union mit hrem derzeitigen Beschlüsse radicaleren Männern einen Wink geben will, zu candidiren, und solche Männer werden sich finden, wenn sie das Bewußtsein haben werden, auf eine Wählerschaft rechnen zu können. Zu einer Abstimmung der vom Referenten beantragten Resolution kam es in Folge der vorgerückten Nachtstunde nicht. Dieselbe bleibt der nächsten Plenarversammlung Vorbehalten. Der ,,fortschrittliche" Antisemit. Wenn man auf den „Liberalismus" unserer Liberalen zu sprechen komnit, dann beginnen die Parteibonzcn ein wahnsinniges Tamtam zu schlagen. Dann schmettern die blechernen Trompeten, dann wird wie wahnsinnig die große Trommel geschlagen, die alten Posaunen fahren ans und all' dieser markerschütternde Lärm verfolgt den Zweck, daß jener „Verräther" ja nicht gehört werde, jener Abtrünnige, der die Behauptung wagt, daß unsere Liberalen alles andere eher seien, denn liberal .... Besonders den Juden wird es verargt, wenn sie behaupten, daß die Chlumeckys den Fortschrittsmantel nach dem Wind drehen und daß die Freiheitspantalons der Prombers bereits furchtbar verschossen und ausgefranst sind. Von den Jude» ist diese Wahrheitsmeierei die höchste „Undankbarkeit". Die Juden, die in dem Schoße der großen Vereinigten Linken so warm gebeitet waren, haben kein Recht, den Herren auf den Zahn zu fühlen. Wie es mit der Judensreundlichkeit dieser Herren bestellt ist, das lehrt eine Geschichte aus den letzten Tagen gar prächtig. K1 a g e n f u r t hat einen „liberalen" Abgeordneten. Derselbe „Liberale" Dr. Jro von H i b l e r hat den früheren Landtag geziert und wird im neugewähllen Landtag mitthun und mitrathen. Nun schreibt das leitende Blatt der fortschrittlichen Partei, die „Neue Freie

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