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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-10-02 · 40 (2.10.1896) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
40 (2.10.1896)
Date
1896-10-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 Vr. Vloch's Wochrnptzrist Seite 787 anregende, auffrischende Thätigkeit von vierzig Arbeitern im Parlamente gebildet haben. Daß wir Alle da einen besseren Tausch gemacht hätten, wird Niemand bestreiten. Weniger allgemeine Zustimmung dürfte meine zweite These finben: Weg mit dem Natiottalitätenkampfe im Interesse A l l e r, und darum soll der Abgeordnete zwar natürlich ein deutscher Mann, ein deutscher Politiker sein, aber er darf im I n t e r e s s e A l l e r keiner eigentlichen n a t i o n a l e n K a m p f p a r t e i angehören. Wohin sind wir in Oesterreich mit diesem nationalen Kampfe gekommen? Sehen Sie, die Linke ist schon tobt, Dr. Hallwich hat schon officiell die Auflösung angekündigt. Und wodurch unterscheidet sich die Nachfolgerin, die „Deutsche Fortschrittspartei" von der deutschliberalen Partei? Absolut durch gar nachts anderes als daß sie, wie sie offen erklärt, ebenso wenig wie die anderen Parteien mehr eine Staatspartei sein will. Meine Herren! Jetzt ist das Narrenhaus eomplet! Denn ein Staat, ui dem keine einzige Partei mehr Staatspartei, keine mehr die Partei des Staates nehmen will, ist kein Staat, sondern thatsächlich ein politisches Narrenhaus. Und welche schwerwiegende Folgen hat dieser Nationalitätenkamps für das Leben dieses Staates? Nicht das, was für die Bevölkerung wirklich wichtig ist, der politische, wirtschaftliche, sociale Fortschritt ist das bewegende Moment unseres Parlamentes, sondern dieser Streit zwischen Slaven und Deutschen. Nur widerwillig geben sich die Abgeordneten den ersteren Fragen hin, und wenn sie es thun, wird jede dieser Frage von jeder Partei einzig von diesem nationalen Gesichtswinkel ans betrachtet. Wie schwer verspürt jeder Einzelne der Bevölkerung die materiellen Conseqnenzen, wie schwach ist einerseits das ganze Parlament Ungarn gegenüber, wie schwach anderseits der ganze, nicht polnische Theil des Hauses den Polen gegenüber! In dem Augenblicke, als sich Czechen und Deutsche vereinigen würden, wäre es mit der Herrschaft der Polen vorbei. Heute existirt aber dieselbe und wie benützen sie diese! Und kann dieser Kampf überhaupt einem vernünftigen Ziele führen? Bei dem Kampfe zwischen Czechen und Deutschen in Böhmen und Mähren um die Herrschaft handelt es sich allerdings nicht um eine leibliche, greifbare Unterdrückung um jene von Person zu Person, sondern nur um die Borherrschast des einen oder des anderen Idioms. Aber in seinen Conseqnenzen will diese sprachliche Herrschaft vielfach das Gleiche sagen. Mit der politischen Herrschaft der einen Sprache sind die Nationalen der anderen von jeder öffentlichen Thätigkeit, vonderBeamtencarriLre von jedem politisch-socialen Einflüsse ausgeschlossen. JnBöhmen entspricht der Terrorismus der Czechen gegen die Deutschen gewiß nicht der Gerechtigkeit, aber zumindest doch dem gewohnten constitntionetlen Brauche oder vielmehr Mißbrauche der Majorität. Aber in Mähren sind umgekehrt die Deutschen die gleiche Drittel- Minorität und wollen trotzdem sprachliche Herrschaft. Meine Herren! Da kann nichts Gescheidtes herauskommen! Welcher vernünftige Deutsche kann heute mehr hoffen, die Slaven unterzukriegen, sie wirklich zu besiegen, welcher vernünftige Slave kann hoffen, jenen Theil der gesammten Deutschen, welche in Oesterreich hausen, dauernd zu unterwerfen? Was folgt daraus? Gar nichts anderes, als daß die Beiden sich einigen müssen. Die böhmischen Deutschnativnalen sind schon entschlossen, für das „deutschböhmische Sprach- und Berwaltungsgebiet" die antvnomistische Umgestaltung Gesammt-Oesterreichs zuzugestehen. Unser, der Juden traditioneller Centralismus ist ein ehrlicher und selbstloser. Aber wenn dieser Centralismus ohne die Verewigung des inneren Krieges nicht zu erreichen ist, so hat er keine Berechtigung — das hieße ja Inhalt und Zweck des Staates seiner Form opfern — und wenn er wirklich nur aufgebant werden kann auf eine „Besiegung" der Slaven in Oesterreich, so hat er keine Zukunft. Das ist klar für Jeden, der nicht blind ist. Tie beiden Völker werden sich also thatsächlich einigen müssen, sei es durch Curiatsvoten oder durch sonstige politisch vernünftige Einrichtungen. Und wie kann diese Einigung zu Stande kommen? Wieder einzig und allein dadurch, daß auf dem Wege des allgemeinen Wahlrechtes und durch seine Conseqnenzen diesem bürgerlich privilegirten nationalen Sporte ein Ende gemacht wird, daß die wirklichen Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung entscheidend werden. Und wenn das Alles richtig ist, und es ist richtig, darf also der zu wählende Abgeordnete im Interesse der ganzen großen Bevölkerung, nicht des Häufleins Juden, kein nationaler K a m p f h a h n sein, er m u ß das allgemeine Wahlrecht in sein Programm ausgenommen haben, er m u ß auch die socialen Ergebnisse desselben concediren. Denn ein Abgeordneter, welcher heute noch nicht im Stande ist, dem socialen Zuge der Zeit in sein Denken Eingang zu gewähren, dieser Abgeordnete hätte ein politisches Mandat, aber kein politisches ltrtheil. Wir Inden brauchen also mit denjenigen Eigenschaften und Gedanken, welche w i r von den Candidaten verlangen, kein Bersteckens zu spielen. Die ganze Bevölkerung muß dasselbe verlangen. Und weil dem so ist, weil wir aus diese Weise das Recht und die Pflicht haben, nur solche Candidaten, wie wir sie hier gezeichnet, zu wählen, und weil das vielgenannte Central- Wahlcvmite solche Candidaten schwerlich ansstellen wird, müssen wir uns bestreben, andere von ihm unabhängige Candidaten zu finden, llnd weil es ganz unmöglich erscheint, daß sich solche Candidaten melden, wenn sie nicht wissen, daß sie aus eine größere Gruppe der Wähler schon rechnen können, hat Ihr Vorstand diesen Beschluß nicht nur fassen, sondern ihn auch hier durch Ihren Referenten enunciren m ü s s e n. < Sv weit, das heißt mit den Landtagswahlen, meine Herren, wären wir ja fertig. Aber gestatten Sie mir noch einige allgemeine Schlußworte. Wir gehen einem Kampfe entgegen, welcher den höchsten Grad von Mnth verlangt, jenen ganz außerordentlichen Math, wenil der Soldat statt mit dem Bajonette anzngreisen im Kugelregen Gewehr bei Fuß stehen muß. Bor diesem Kampfe, einem Kampfe, in welchem wir Inden keine andere Waffen haben als die Spitze des Geistes und die Schneide des Gedankens, ist ein Wort der Selbstprüsung wohl angebracht. Wir dürflu wohl, um Vas rechte Vertrauen sowohl aus die Gerechtigkeit unserer Sache, wie aus die Ungerechtigkeit der Gegner zu gewinnen, uns fragen : Haben wir Juden vielleicht den Antisemitismus verdient? Meine Herren, ich habe hierüber viel gedacht, ich bin glücklich, sagen zu können: Nein, dreimal Nein! Wie mit» wodurch sollen wir dieselbe verdient haben? Etwa durch unser moralisches Verhalten? Gewiß, auch im Ghetto läßt der gütige Gott seine Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte, und sicher, wo viel Licht, ist mancher Schatten. „Aber", pflegt der Feldherr zu sagen, „man muß das Ganze überschlagen". Und thnt man das, so erweist die Criminalstatistik, diese unbestechliche, unbeugsame Nothzeugin, durchaus das Gegentheil. Daß die „wilden" Verbrecher unter uns nahezu ganz fehlen, weiß ohnehin jedweder. Aber selbst in dem Bereiche der „Telicte aus Gewinnsucht" sind wir, wenn man den ganz - überwiegenden Percentsatz der Inden calculirt, welche sich mit Handel und Gewerbe befassen müssen, in entschiedenem Vvrtheil. Noch maßgebender sind gewisse Erscheinungen, die, gerade weil sie entweder gar nicht oder nur unter schwacher Strafsanctivn stehen, für die wirkliche Ethik einer Bolksclasse noch viel bezeichnender sind. Auch für den letzten der Inden hätte es keines „Trnnkenheitsgesetzes" bedurft. Nicht für unsere Mädchen sind die Findelhäuser gebaut. Nicht die jüdischen Weiber sind es, welche von ihren Männern geprügelt, nicht die jüdischen Kinder sind es, welche von ihren Eltern mißhandelt werden. Nicht unsere Ehen liefern die pikanten Gerichtsverhandlungen; was eine „Engelmacherin" ist, könnte man einer Jüdin kaum begreiflich machen; kein Richter war noch je bemüssigt, eillen jüdischen Sohn zu bestrafen, der gegen seinen Vater oder seine Mutter die frevelnde Hand erhoben hätte. Nicht die jüdischen Meister sind es, welche wegen unmenschlicher Lehrlingsmißhandlung, nicht die jüdischen Lebensmittelhändler sind es, welche wegen den empörendsten Lebensmittelversälschungen vor Gericht geschleppt werden müssen. Daß Kinder angestrengt arbeiten, um ihre dürftigen Eltern in Liebe und Ehre 51t ernähren, daß Brüder ans einen eigenen Herd insolange verzichten, als bis es ihnen nicht gelungen ist, die Schwestern zu verheiraten, lauter Dinge, die ini „Allgemeinen" sehr selten, sind bei uns selbstverständlich. Ja die Herren mögen ja nur aus der Gasse die Augen öffnen, der Jude gibt sein Almosen, ohne zu denken, ob der Arme Jude oder Christ, d.r Christ gibt keinem jüdischen Bettler — und wir, sollen die Schlechteren sein?! Oder sollen wir diesen Antisemitismus durch unser sociales Verhalten verschuldet haben, durch unsere Exclusivität? — Kein Vorwurf kann überhaupt ungerechter sein als dieser. Wir machen der zahlreichen deutschen Bevölkerung in Petersburg und anderen russischen Städten gewiß keinen Vorwurs daraus, daß sie dort ein „Gast-Volk" geblieben sind, welches, um den antisemitischen Jargon zu gebrauchen, dem einheimischen „Wirths-Vvlke" ganz fremd gegenüber steht, aber gegen uns dürfen die Deutschen ihn am allerwenigsten erheben. Tenn die ganze Geschichte Europas zeigt weiter kein Beispiel von einem solchen Anschließen, von einem solchen völligen Ausgehen in den geistigen und politischen Jnteressenkreis, wie von Seiten der deutschen Juden in Oesterreich

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