Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 40 (2.10.1896)
- Date
- 1896-10-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 786 Dr. Vloch's Wochrnfchrifl Nr. 40 bis zu diesem Dr. Ofner hinab bewegt haben: „es trennt uns doch," sagten sie sich im Stillen, „von den Antisemiten gar nichts weiter, als dieser Streit um die Inden, und das ist doch keine Sache, um die wir uns ernstlich st r e i t e n! Wenn uns sonst nichts scheidet — werden wir uns schließlich noch immer zusammenfinden!" Und siehaben si ch auch wirklich zu sa mmenge f u n d e n! Und merkwürdiger Weise wo? In Mähren! In dem Lande, dessen Verwaltung ohne Hilfe und weiteren Beistand der Juden unrettbar in czechische Hände übergeht, haben die Herren Promber und Genossen mit den Antisemiten für die Landtagswahl einen Pack, ein förmliches Wahlbündnis geschlossen! Und was enthält derselbe? Vielleicht die entschiedenste Ablehnung des Antisemitismus durch sämmtliche Contrahenten, die Verpflichtung für beide Theile, die Rechte des Juden anzuerkennen? Keine Idee, im Gegentheile! Die Herren sind untereinander zu folgender Einigung gelangt: Die „deutschliberale Partei" Mährens gewährt den deutschnationalen Antisemiten in Mähren, ohne ihnen irgend eine Verpflichtung für den Fall des Gewählttverdens aufzuerlegen und ohne Kampf die Mandate, um welche Letztere sonst kämpfen müßten. Sie gibt ihnen weiter, wenn sie gewählt sind, thatsächlich das Recht, im Landtage, bei der Landes -Verwaltung die allerärgsten Antisemiten zu sein, allen, wenn auch vielleicht anonymen, aber deshalb nicht weniger wirksamen Anträgen gegen die Juden zuzustimmen, natürlich auch solche selbst zu stellen. Wenn diese Anträge kommen, dann werden sich diese Deutschnationalen ohne jede Scrupel zur Durchführung derselben mit den auf die Juden aufgebrachten Czechen im Landtage vereinigen. Und für diesen Pact, verlangen die Herren Promber und Genossen, müssen die Juden sich nicht nur weiter als Kanonenfutter gegen die Czechen brauchen lassen, gegen die Czechen, die ihnen, den Juden, ja gar nichts gethan haben, sondern müssen sie aus Commando der liberalen Parteileitung laut Inhalt dieses famosen Wahlbündnisses in den betreffenden Wahlbezirken für diese deutsch-nattonalen Antisemiten ihre jüdischen Stimmen geben. Ist das nicht geradezu ttagikomisch? Ohne die Juden wird die Verwaltung slavisch. Jetzt eilen diese braven Juden zu Hilfe, jetzt wird die Verwaltung mit ihrer Hilfe antisemitisch! Meine Herren! Speciell dieses mährische Wahlbündniß, diese ganz unglaubliche Zumuthung an die Juden war für ihren Vorstand bestimmend, das Tischtuch zwischen sich und dieser Partei zu zerschneiden. Er hat sich in keiner Weise dadurch beirren lassen, daß es sich um Mähren, nicht um Wien handelt, auch davon nicht, daß wir ja heute noch gar nicht wissen, wie sich die mährischen Juden selbst zu der Wahl stellen werden. Wir hier sind nicht durch locale Beängstigungen und Rücksichten gehindert, zu handeln, wie unsere Freunde in den mährischen Gemeinden, und die Beleidigung, die Geringschätzung und die Ueberlistung ist eine gegen alle Juden begangene. Jbr Vorstand hat auch beschlossen, es dem Centralwahlcomit6 gegenüber mit diesem von der obersten Parteileitung mit den Anttsemiten geschlossenen Compromiß zu begründen, wenn er die altliberalen Candidaten, und wir kennen ja die Herren, es wechseln vielleicht einige Namen, nicht die Farbe, ablehnt. Aber natürlich ist mit dieser Negation noch nichts Positives gethan. wir müssen nicht nur sagen, wir wollen die Candidaten dieser Couleur nicht — wir müssen auch sagen, welche Candidaten wir verlangen, welche wir unterstützen, welche wir gewählt wissen wollen. Es ist in den letzten Jahren viel und oft von einer „jüdischen Politik" gesprochen worden. Meine Herren! Ich kann mir ganz gut eine jüdische Taktik nicht nur denken, sie ist uns ja wirklich aufgedrängt, wir discutiren sie ja eben, aber eine wirkliche jüdische Politik, d. h. eine Politik, die darin bestünde, daß wir Juden zu unserem politischen, wirthschaftlichen undsocialenFortschritt, daß wir zu unserer Förderung etwas Anderes brauchen und anstreben müssen als was für alle, alle unsere Mitbürger, von Allen angestrebt werden muß, eine solche specielle jüdische Politik darf es nicht geben und gibt es auch nicht. Das muß und wird sich gerade und sofort an dem Gegenstände zeigen, den wir in diesem Momente discntiren, an der Frage nach der politischen Beschaffenheit t»er Candidaten. Und es muß sofort klar werden: Genau die Candidaten, die wir Juden wünschen müßten, sind genau jene, wie sie und nicht anders im Interesse der gesammten Bevölkerung gewählt werden m ü s s e n. Setzen wir nämlich den Fall, wir wollten wirklich als Abgeordneten zwar keinen Juden aber einen solchen Nichtjuden wählen, welcher speciell das Interesse der Juden zu vertteten geeignet und gewillt sein soll. Was muß nun ein solcher besitzen? Bor Allem das, was den tiefsten Kern alles und jedes wirklichen und echten Liberalismus ausmacht: ein gerechtes Herz! Er muß die Fähigkeit haben, auch das Unrecht zu fühlen, welches ein Anderer erleidet. Blos den eigenen Schmerz zu empfinden, dieses Talent hat auch das Thier. Ueber die Nothwendigkeit dieser Eigenschaft brauche ich wohl nichts zu sagen. „Gerechtigkeit" ist die Lebenslust, ohne welche wir Juden nicht athmen können. Aber dieser Abgeordnete, dieser Vertreter der jüdischen Interessen dürfte zweitens, wenn er auch ein guter Deutscher ist — und ein anderer Candidat ist ja in Wien überhaupt nicht möglich — kein nationaler Chauvinist sein. Der nationale Chauvinismus ist der N ä h r b o d e n des Antisemitismus, der Antisemitismus ist das nothwendige Krank heit s- Product der überreizten, nationalen Nerven. Das gilt für ü b e r a l l. Aber speciell bei uns in Oesterreich ist die Nationalitäten Hetze jene für uns Juden allergefährlichste Atmosphäre. Wenn ein deutscher Abgeordneter im Parlamente, wie es Dr. Knotz gethan, von den Czechen als den struppigen Karyatiden-Häuptern sprechen darf, wenn der Reichenberger Magistrat das städtische Bad von den Czechen „rein halten will unb zu dem Zwecke dort czechisch zu sprechen verbietet", warum sollen die deutschen Bürger von den Juden anders denken, mit ihnen anders verfahren? Dieser Nationalitätenkampf bringt eine solche Verwilderung, daß die streitenden Theile, um die Masse mitzureißen, die ewig unsterbliche Bestie im Menscheil mobilisiren, den alten Hepp -Hepp-Rnf ausstoßen, der nie versagt, weil ihn jeder, auch der Dümmste, versteht. Wenn einer schon gar nichts mehr ist, ist er zumindest ein Antisemit. Und drittens und letztens, da diesen unsinnigen Nationalitätenkämpfen auf keine andere Weise ein Ende zu machen ist, als dadurch, daß diese bürgerlichen Classen ganz andere Sorgen kennen lernen, so daß sie sich diesem ihrem bürgerlich privilegirten Special-Sport der Nationalitäteil- und Judeuhetze nicht mehr gönnen können,muß dieser „judenliberale"Abgeordnete ganz und durchaus für das allgemeine, gleiche und directeWahl - recht sein, sprechen und handeln. Und wenn dieses allgemeine Wahlrecht, allerdings nicht gleich, denn die coite Wirkung der V. Curie tvird — ich komme noch darauf zurück — eine ganz andere sein, den socialen Reform-Gedanken lebendig machen wird, meine Herren, wir Juden haben btefeit Gedanken nicht zu scheuen, zum wenigsten auch nicht annähernd tu dem Maße wie einen etwaigen Sieg des Antisemitismus, dieser Carricatilr des socialen Gedankens, diese egoistische Monopolisirung unb Verdrehung desselben zu Gunsten eines geistig ganz lind gar allsgehausten Pfahlbürgerthums. Ich will nicht wiederholen, was ich speciell über dieses Thema am 23. Mai hier an demselben Tische gesagt habe. Lassen sie mich dem damals Gesagten nur noch Eines hinzufügen: Kein Volk, dessen ganzes geistiges Leben und Weben von beut socialen Einschlag vom Beginne an so beherrscht wäre, wie das unsere. Nur in der Sprache, mtr aus dein Herzen unseres Stammes konnte jener Ausruf erschallen: „Kommt her Alle, die Ihr mühsam und beladen seid, ich will Euch erquicken." Lassen wir uns durch die Extreme von dem gesllnden Kern nicht abschrecken. Die socialistischeu Thevrietl, welche glauben, die Welt llnlzugestaltell, merbeit Theorien bleiben. Aber der sociale Refvrmgedanke, das Eilltreteil der Gesammtfür Alle, für die „Enterbten", der wirklich gesunde Kern ist ein durchaus jüdischer Gedanke; wir sind die Letzten, lvelche dieser Consequenz wegen das allgemeine Wahlrecht und mit ihm die einzige Panacee gegen nationale unb Judenhetze zurückweisen können. Nun, meine Herren, resumireu wir! Ich habe Ihnen beit Vertreter des wohlverstandenen jüdischen Interesses zu zeichnen versucht, ihn vielleicht getroffen — ja, ist das nicht genau mit jedem Zuge jener Abgeordnete, wie er überhaupt gar nicht anders sein darf, wenn seine Wirksamkeit den Interessen der gesammten nichtjüdischen Bevölkerung zum Heile gereichen soll? Daß er gleichfalls ein gegen alle Schichten gerechter Mensch sein muß, brauche ich darüber erst viele Worte zu verlieren? Muß er nicht gegen alle Schichten gerecht sein? Wie schwer hat sich die unverständige Ungerechtigkeit Plener's gegen die Arbeiterclasse an uns Allen gerächt? Hätte er seinerzeit, anstatt diese breite Basis des ganzen gewerblichen und industriellen Schaffens für ganz Oesterreich mit sieben Mandate abspeisen zu wollen, solche vierzig angeboten und durchgesetzt, so würde den Nebergang zum allgemeinen Wahlrecht nicht die fünfte Curie mit ihrem clericalen und agrarischen Gefolge, sondern die mehrjährige reinigende,