Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Vloch's VochrnsttzriN. Seite 783 Hamburg. 18. September. Aus Interesse für Ihr Blatt, welches ich als ein Organ der B e r s ö h n u n g d e r P artete n im Judenthume kennen gelernt habe, gebe ich Ihnen Nachricht von einer hier znm geflügelten Worte gewordenen Aeußerung unseres Predigers Dr. D. Leimdörfer am jüngsten Bersöhnnngstage. Nach der Beleuchtung der traurigen Zersplitterung innerhalb des Jndenthums redete der Seelsorger der Versöhnung aller Parteien in Israel das Wort, nannte feilt Thema „die Versöhnung im Innern" und stellte an der Hand eines Textes aus Micha von der „Wahrheit Jakobs" und der „Liebe Abrahams" als das allerdringendste Zeitbedürfniß die Einigung und Versöhnung der Gegensätze innerhalb der jüdischen Gemeinden hin. Den Höhepunkt der genial angelegten Rede bildete Folgendes: „D i e A l t e n halten, die Neuen schreiten fort! Jedes für sich allein ist Halbheit, Einseitigkeit und daher vom Uebel! Unerläßlich aber ist es, daß die Fortschreitenden an den religiösen Satzungen festhalten, und daß die die Religion Ausübenden nicht stille stehen, auch in geistiger Beziehung! Die Thätigkeitswörter „halten" und „fortschreiten", die für die Bezeichnung der Parteien zu Schlagwörtern geworden, müssen innerhalb jedweder religiösen Richtung einander ergänzen, denn", fügt L. hinzu, „man hält mit der H a n d, man schreitet fort mit dem Fuße, die Haltenden haben meist eine Religion der Hand, die sich in Thaten und Handlungen kundgibt, die Fortschreitenden hinwieder haben meistens eine Religion des Fußes, die vor lauter Vorwärtsstürmen und Fortschreiten keinen festen religiösen Boden, keinen positiven Halt unter ihren Füßen mehr haben. Mein Standpunkt aber ist, daß wir eine Religion nicht der Hand allein und nicht des Fußes allein haben, sondern daß wir eine Religion mit Hand und mit Fuß haben, das ist die Religion des Propheten Jona, der auf die Frage, was er sei, nicht antwortet: Orthodoxer oder Reformer, sondern: „Ich bin ein Hebräer und fürchte den Gott des Himmels", oder die Religion Mi^as, der in einem Athemzuge für Israel erfleht die Wahrheit Jakobs und die Liebe Abrahams. So muß denn das Trennende innerhalb Israel dem Einenden und Verbindenden weichen, und es ist höchste Zeit, zur Besinnung auf uns selbst, zur Versöhnung im Innern der Judenheit zu schreiten. I h r Haltenden schreitet fort u n d I h r Fortschreitenden haltet ein und haltet f e st, das gibt Euch allesammt den Unterbau zur Erhaltung Israels in einer Zeit, wo häßliche Stürme von Außen mahnen znm Aufbau der eingefallenen Friedenshütte Davids: Versöhnung!" — New-Hork. Am 11. August fand hier die Trauung des Herrn Dr. William S. Gottheil, eines Sohnes des Rabbiners Dr. Gottheil, mit Fräulein Viola Spindler-Sheppord statt. Das Brautpaar wurde vom Vater des Bräutigams getraut. Die Braut befand sich während der Ceremonie — hu Bette. Seit mehreren Jahren verlobt, wollte das Brautpaar die Trauung nicht länger aufschieben, die durch eine schwere Erkrankung der Braut schon einmal einen Aufschub erfahren hatte. Feuilleton. Der König der Schnorrer. Von I. Z a n g w i l l. (Nachdruck verboten.) 1. C a p i t e l. Zeigt, wie der boshafte Philantrop in einen Fischträger verwandelt wurde. In jenen Tagen, da Lord George Gordon Jude wurde und für wahnsinnig gehalten ward, als England aus Respect vor den Prophezeiungen seinen Juden jedes bürgerliche Recht mit Ausnahme des Steuerzahlens verweigerte, als jüdische Heiraten ungiltig und Legate für hebräische Collegien nichtig waren, als ein Prophet, der den Primrose-Tag prophezeit hätte, in's Gefängniß gekommen wäre, obwohl Pitt sein privates Ohr den Ansichten Benjamin Goldsmid's über die fremden Anleihen lieh — in jenen Tagen, als Tevele Schiff Rabbi in Israel war, Doctor de Falk, der Meister des Tetragrammaton, der Heilige und kabbalistische Beschwörer in Wellclose Square blühte und der Compvnist von „Nelson's Tod" Chorknabe in der großen Synagoge rvar, trat Josef G r o b st o ck, eine Säule derselben Synagoge, eines Nachmittags als einer der Letzten in dem Strome der sich entfernenden Andächtigen in den Frühlingssonnenschein hinaus. In der Hand trug er einen großen Sack und in seinem Auge lag ein Blinz-ln. Es hatte eben ein besonderer Bitt- und Dankgottesdienst für die glückliche Genesung Seiner Majestät stattgefunden und der Cantor sich für den „königlichen Georg" und „unsere vielgeliebte Königin Charlotte" melodisch bei der Vorsehung verwendet. Die Zuhörerschaft war groß und elegant gewesen — viel größer und eleganter, als wenn es sich blos um einen himmlischen Herrscher gehandelt hätte — und darum war der Hof mit einer Bande von Schnorrern (Bettlern) besetzt, die die Entfernung der Zuhörer abwarteten, geradeso wie sich im Vestibül der Oper die Lakaien anfreihen. Es war eine bunte Menge mit zerrauften Bärten und langem Haar, das in Locken herabfiel; es waren wohl nicht die Locken der Periode, aber die langen Röcke der deutschen Ghettos hatten zumeist den Kniehosen und vielknöpfigen Jacken der Londoner Platz gemacht. Wenn die vom Continent herübergebrachten Kleider abgetragen sind, ist man gezwungen, die Kleidung der Höherstehenden zu adoptiren oder man muß sich welche kaufen. Viele trugen einen Stab in der Hand uitb hatten die Lenden mit bunten Taschentüchern umgürtet, als wären sie jeden Augenblick bereit, aus der Gefangenschaft heimzukehren. Ihr klägliches Aussehen wurde fast gänzlich durch Ungewaschenheit bewirkt; der Natur oder zufälliger Hilfe in Form von Mißgestaltungen hatten es Wenige zu danken. Nur die Wenigsten konnten sich körperlicher Gebrechen rühmen, und kein Einziger zeigte Wunden, wie die Lazarusse Italiens oder Verrenkungen, wie die Krüppel Cvnstantinopels. Solche plumpe Methoden sind in der hohen Kunst des Schnorrens verpönt. Ein grüner Schirm mag Augenschwäche andeuten. aber der Stockblinde trug kein prahlerisches Placat; sein Gebrechen war eine alte, feststehende Sache, die dem Publicum wohl bekannt war und dem Eigenthümer einen bestinlmten Status in der Gemeinde verlieh. Er war kein unbenanntes Atom, wie solche so häufig wandernd und um Entschuldigung bittend sich durch die Christenheit treiben. Der seltenste Anblick in dieser Zurschaustellung jüdischen Bettlerthums war das hohle Beinkleid oder der leere Äermel, oder das hölzerne Glied, das beide ausfüllte. Als die Schnorrer Josef Grobstock erblickten, fielen sie mit lautem Segensgeschrei über ihn her. Er aber strich ohne jede Ueberraschung pomphaft durch die Segenssprüche hindurch, obwohl das Blinzeln in seinem Auge zu einem schelmischen Blitzen wurde. Außerhalb des eisernen Thores, dort, wo das Gedränge eint dichtesten war und wo einige elegante Wagen, die Andächtige aus dem fernen Hackney gebracht hatten, eben aufbrechen wollten, blieb er, von den lärmenden Schnorrern umringt, stehen und tauchte seine Hand langsam und ceremoniös in den Sack. Unter den Bettlern entstand ein Augenblick athemloser Erwartung und Josef Grobstock hatte einen Augenblick köstlichen Bewußtseins seiner Wichtigkeit, während er, sich blähend, im Sonnenschein stand. In der Judenschaft des achtzehnten Jahrhunderts gab es keine ausgesprochene Mittelclaffe; die Welt war in Reiche und Arme getheilt, und die Reichen waren sehr, sehr reich, und die Armen sehr, sehr arm, so daß Jeder leine Stellung kannte. Josef Grobstock war mit der zufrieden, in die ihn zu setzen es Gott gefallen hatte. Er war ein jovialer, vollbackiger Mensch, dessen glattrasirtes Kinn sich zu verdoppeln begann, und trug wie ein Mann von höchster Ehrbarkeit einen schönen, blauen Leibrock mit einer Reihe großer Goldknöpfe. Das gekräuste Hemd, der hohe Kragen von neuester Mode und das reiche, weiße Halstuch hoben die massive Fleischigkeit des rothen Halses. Sein Hut hatte die Quäkerform und seinem Haupte fehlte nicht die Perücke und der Zopf, da der letztere blos dem Namen nach etwas Ketzerisches war. Das, was Josef Grobstock aus dem Sacke zog war ein kleines, weißes Papierpäckchen, und fein Sinn ftir Humor bewog ihn, es in die Hand zu legen, die von seiner Nase am weitesten entfernt war. Sein Humor war nämlich nicht fein, sondern plump; er setzte ihn in Stand, ein Vergnügen daran zu finden, wenn der Hut eines Nebenmenschen im Winde dahinflog, that aber wenig dazu, die Jagd nach seinem eigenen zu lindern. Seine Scherze kitzelten nicht zart; sie gaben Einem einen Schlag auf den Rücken. So war der Mann beschaffen, der jetzt der Zielpunkt aller Augen, selbst der Blicklosen wurde, sobald das Princip seiner mildthätigen Operationen der Menge verständlich geworden war. Der erste Schnorrer hatte, nachdem er sein Päckchen fieberhaft aufgerissen, einen Gulden darin gefunden, und wi-