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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-09-25 · 39 (25.9.1896) · page 20

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
39 (25.9.1896)
Date
1896-09-25
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 784 Dr. Bloch's Wochrnsttzrist Nr. 39 durch Elektricität wurden Alle mit Ausnahme des blinden Bettlers sich bewußt, daß Josef Grobstock Gulden anstheile. Der Austheiler nahm au dem allgemeinen Bewußtsein theil, und seine Lippen zuckten. Schweigend griff er wieder in den Sack, wählte diesmal die nächste Hand und legte abermals ein weißes Päckchen hinein. Ein freudiger Ausdruck erhellte das schmutzige Gesicht, um sich sofort in einen des Entsetzens zu verwandeln. „Ihr habt Euch geirrt, Ihr habt mir eiiren Pfennig gegeben," schrie der Bettler. „Behaltet ihn für Euere Ehrlichkeit," antwortete Josef Grobstock unerschütterlich und stellte sich, als mache ihm das Gelächter der Uebrigen keine Freude. Der dritte Bettler hörte zu lachen auf, als er entdeckte, daß die' Falten des Papieres einen winzigen Sixpence umschlossen. Es war nun klar, daß der große Mann Preispäckchen austheilte und die Aufregung der scheckigen Menge wuchs mit jedem Augenblick. Grobstock fuhr fort hineinzugreifen, wobei er mit Luchsaugen Zögen jeden zweiten Appell auf der Hut war. Eines der wenigen Goldstücke in dem Glücksacke siel auf den einzigen Lahmen, der vor Freude auf seinem gesunden Bein tanzte, während der arme Blinde seinen halben Pfennig cinsteckte, ohne sich seines Mißgeschicks bewußt zu sein, und wundert sich blos, warum die Münze in Papier gewickelt war. Nun aber konnte Grobstock sein Gesicht nicht länger beherrschen und die letzten Episoden der Lotterie spielten sich unter Begleitung eines breiten Grinsens ab. Sein Vergnügen war groß und mannigfaltig. Es handelte sich ihm nicht blos um die allgenreine Ueberraschung über diese neue Art des Almosengebens, sondern auch um die speciellen Details der Ueberraschung, die sich auf allen Gesichtern hinter einander malte, während sie in Uebereinstrmmung mit dem Inhalte des Päckchens aufblitzten oder lang wurden; als Unterströmung dazu gebe es ein köstliches Gesumme von Ausrufen und Segenssprüchen, ein Ausstrecken und Zurückziehen der Hände, ein rasches Wechseln der Gesichter, das aus der Scene ein G rnisch von Erregungen machte. So rührte das breite Grinsen coenso wohl von Befriedigung wie von Belustigung her, und ein Theil der Befriedigung entsprang einer wirklichen Gutherzigkeit, denn Grobstock war ein leichtlebiger Mann, mit dem die Welt sanft umgegangen war. Die Schnorrer nahmen eher ein Ende als die Päckchen, aber der Philantrop hatte keine Sorge, den Rest los zu werden. Er schloß die Oeffnung des beträchtlich erleichterten Sackes, packte ihn fest beim Halse und schritt, sein Gesicht wieder in ernste Falten legend, wie ein stattliches, von Sonnenlicht beschienenes Schatzschiff langsam die Straße hinab. Sein Weg führte nach Goodman's Fielt», wo sein Haus lag, und er wußte, daß das schöne Wetter Schnorrer genug herauslocken würde. In der That hatte er nicht viele Schlitte zurückgelegt, als er einer Gestalt begegnete, die früher gesehen zu haben er sich nicht erinnern. konnte. An einem Pfosten am Einga;ge der engen Straße, die nach Bevis Marks führte, lehnte ei; hochgewachsener, schwarzbärtiger, beturbanter Mann, der si h auf den erstell Blick als einer vom echten Stamme erwies. Mechanisch griff Josef Grobstock in den Glückssack, zog ein zierlich gefaltetes Päckchen heraus und reichte es dem Fremden. Der Fremde nahm die Gabe freundlich entgegen und faltete sie ernsthaft auseinander, währe der Philantrop ungeschickt zögerte, um das Ergebniß abzuwarte;. Plötzlich wurde das dunkle Gesicht schwarz wie eine Gewitterwc r und die Augen schossen Blitze. „Ein böser Geist fahre in > e Gebeine Eurer Ahnen", zischte der Fremde zwischen den scl Knnernden Zähnen hervor. „Seid Ihr gekommen, um mich zu l chünpfen?" „Ich bitte tausendmal um Eni uldigung", stammelte der Magnat ganz bestürzt, „ich glaubte, hr wäret ein — ein — ein Armer." „Und darum kömmt Ihr her, um mich zu beschimpfen?" „Nein, nein, ich wollte Euch halfen", murmelte Grobstock, und die Röthe seines Gesichtes verwandelte sich in Scharlach. War es möglich, daß er sein Almosen einem Millionär aufgedrängt hatte? Nein, durch alle Wolken seiner eigenen Verwirrung und des Zornes des Empfängers schimmerte die Gestalt eines Schnorrers zu deutlich, als daß ein Jrrthum möglich gewesen wäre. Kein Anderer als ein Schnorrer konnte einen zu Hause verfertigten Turban, das Ergebniß eines schwarzen, mit einen; weißen Taschentuch umwickelten Käppchens, tragen; kein Anderer als ein Schnorrer konnte die ersten Knöpfe seiner Weste aniknöpfen, oder diese Erleichterung, falls sie dem warmen Wetter > entsprach, durch das Tragen eines Ueberkleides aufheben — besonders eines solchen, das so schwer war, wie eine Decke, mit Knöpfen, die so groß waren, wie Compasse und Schößen, die beinahe bis an die Schuhschnallen reichten — selbst wenn seine Länge nur mit der des unteren Nockes übereinstimmte, der bereits den Saum der Kniehosen erreichte. Außerdem würde kein Anderer, als ein Schnorrer diesen Ueberrock wie einen Mantel tragen, mit baumelnden Aermeln, die, wenn man sie von der Seite her sah, auf die Bermuthung brachten, daß der Träger keine Arme hatte. Ganz abgesehen von der Schäbigkeit des schnupftabakfarbigen Zeuges war es offenbar, daß sein Eigenthümer sich in seiner Kleidung nicht durch Maß und Regel leiten ließ. Trotzdem erhöhte das Mißverhältniß der Kleidung nur das Malerische einer Persönlichkeit, die selbst in einem Bade aufgefallen sein würde, obwohl sie dort schwerlich zn sehen gewesen wäre. Der wallende, ungekämmte Bart war pechschwarz und lief den Wangen entlang dem rabenschwarzen Haar entgegen, so daß das lebhafte Gesicht ganz von Schwarz umrahmt war; es war ein langes kegelförmiges Gesicht, in denen die blutreichen Lippen wie im Herzen eines dunklen Busches leuchteten; die großen lodernden Augen saßen in tiefen Höhlen unter schwarzen, gewölbten Augenbrauen, die Nase war lang und koptisch, die Stirne niedrig, aber breit und struppige Haarbüschel drangen unter dem Turban hervor. Mit der rechten Hand umfaßte er einen einfachen Eschenstab. Auf den würdigen Josef Grobstock machte die Gestalt des Bettlers einen nur allzugroßen Eindruck; er schrack unruhig vor den zornigen Augen zurück. „Ich gedachte,, Euch zu helfen", wiederholte er. „So also hilft man einem Bruder in Israel?" fragte der Schnorrer, indem er das Papier dem Philantropen verächtlich ins Gesicht warf. Es traf ihn auf dem Nasenrücken, schlug aber so weich an, daß er sofort merkte, was vorging. Das Päckchen war leer, — der Schnorrer hatte eine Niete gezogen, die einzige, die der gutmüthige Mann in den Sack gethan hatte. (Forl,etzn>,g folg;.) Literatur. Geehrte Redaction! Der Verfasser der Ghetto-Erzählung „Masvl Tow" bittet höflich um gefällige Richtigstellung seines in Nr. 38 Ihres geschätzten Blattes unrichtig wiedergegebenen Namens. Er heißt nicht: Knlka, sondern: Eduard Kult e. Briefkasten. a—n. B e r g a n i liebt es vielleicht darum im Mondenscheine zu reisen, weil er sich nicht immer wohl in der Sonne fühlt. Dr. S. K. H a u ck erhielt von G e ß m a n n die Genugthunng, daß er ihm nicht „Verlogenheit", sondern nur „Verlegenheit" zum Vorwürfe habe machen wollen. Die Antisemiten fallen eben leicht aus einer Verlogenheit in die andere Verlegenheit. I. L. Nur ein pathologischer Zustand erklärt die Sucht der Antisemiten. überall „Verjudung" zu suchen. Nun sucht sie V e r g a n i schon selbst im Vatican, weil dieser eine neue — M esse in Ungarn celebriren läßt! Das geschieht nämlich angeblich nur, um den—Juden Freude zu machen!!! Jgn. L— g. Der Antisemit Verhovay, der in Ungarn wieder zur Geltung kommen soll, ist derselbe, der seinerzeit wegen Unterschlagung der Csangogelder eingesperrt wurde. Das schadet aber einem echten Antisemiten nicht.? Sie können versichert sein, daß Lueger den Bergan i nach — Budweis nicht begleiten würde. nn. Dieses verblödete Witzblatt will seinen Namen wohl damit rechtfertigen, daß es einen wahren Mistberg bildet. I—g. Das Bellen der kleinen antisemitischen Kläffer stört uns nicht im Geringsten. Jeder nach seiner Natur. Wilhelm Groß in Jaffa. Herzlichen Dank für die freundliche Gabe. K. in Wien. Die Lügen über die Betheiligung der Juden an den Metzeleien in Constantinopel wurden von uns wiederholt gebrandmarkt. Oie Jüdische akademische Lesehalle empfehlt tüchtige und gewissenhafte Hauslehrer, Hofmeister und Stenographen Gefällige Anträge sind linier Wien, IX. Bezirk, i Porzellangasse Nr. 45 zu lichten. Herausgeber u. verantw. Redakteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien, VIII., i'enir^ei rei;u. 4t».

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