Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 781 den Wünschen der jüdischen Aerzte und ihrer Freunde geordnet zn sein. Die „Med. Reform" schreibt nämlich: „Inzwischen ist uns die Mittheilnng zugegangen, daß für die jüdischen Aerzte, welche den Congreß besuchen wollen, die Aufenthaltsdauer in Rußland ans fünf Wochen beschränkt werden soll. Es wäre zn wünschen, daß das deuffche Reichscomitä sowohl diese Mittheilung, wie die frühere, wonach den Frauen der jüdischen Aerzte versagt sein sollte, ihre Männer zum Congreß zu begleiten, klipp und klar berichtigen könnte. Sollten diese ungeheuerlichen Einschränkungen wirklich aufrecht erhalten werden, so wären die deutschen Aerzte jüdischer Confession es sich schuldig, von dem Congreß fern zu bleiben und ihrem Beispiel würden sicher viele christliche Aerzte in Bethätigung collegialer Solidarität folgen." Bonn. Eine antisemitische He ld e n t h a t wird uns aus Bonn telegraphirt: In vvrverflossener Nacht wurde der bei E n d e n i ch gelegene j ü d i s ch e Kirchhof in unglaublicher Weise demolirt. Fast sämmtliche Leichensteine wurden umgestürzt und mittels scharfer Instrumente gewaltsam zertrümmert. Sämmtliche eiserne Grabgitter sind auseinandergerissen. Bon den Frevlern fehlt jede Spur. Rom. Die bereits vor längerer Zeit erfolgte Ernennung unseres Glaubensgenossen Luigi Luzatti zum Minister des Schatzes verdient das volle Interesse jüdischer Kreise, da Luzatti der erste Jude ist, welcher in Italien (znm zlveiten Male) einen Ministerposten bekleidet. Hingegen ist bisher von einer ferneren durch das neue Ministerium vollzogenen Rangerhöhung eines Glaubensgenossen noch Glicht die Rede gewesen, welche in gewissem Sinne noch größeres Interesse beanspruchen dars, ich meine die Ernemmng des Herrn Giacomo Malvano zum General-Secretär im Ministerium des Aeußern. Wie Ihre Leser aus meinen früheren Mittheilungen wissen, bekleidete Herr Malvano den Rang eines Directors im Ministerium des Aeußern, bis Crispi dieses Amt unterdrückte und Ntalvano den Gesandtenposten in Japan anbot, den dieser ablehnte. Ministerpräsident Rudini hat den gefeierten Diplomaten, welcher bereits früher seinem Cabinet angehört hatte, wieder für den Staatsdienst gewonnen und einen Posten für ihn neugeschaffen, durch welchen er der thatsächliche Leiter des Ministeriums des Aeußern wird. Warschau, bcn 16. September 1896. Trotz der neuen Aera, welche den Juden zu winken schien und welcher dieselben mit freudiger Hoffnung entgegensahen, geschehen hierzulande Dinge, denen gegenüber aller europäische Antisemitismus fast als Kinderspiel zu bezeichnen ist. Solange einzelne Volksschichten gegeneinander aufgereizt werden und sich gegenseitig bekämpfen, mag lvohl der Anblick ein betrübender sein, aber immerhin rechnet man in letzter Instanz auf den Schutz des Gesetzes, der schließlich unter einer gerechten Regierung allen Bürgern des Landes in gleichen! Maße zu Theil wird. Wie aber nun, wenn der Druck von „Oben" ausgeht und auszugehen nicht aufhört, wenn unseren Kindern, weil sie jüdischer Confession, der Weg zur Bildung versperrt wird, die Möglichkeit benommen, zum Kampfe um's Dasein das gleiche Rüstzeug wie ihre Gegner sich zn verschaffen? Als Beweis dessen, daß Solches hier ohne Unterlaß geschieht, mögen folgende Thatsachen dienen: Seit Langem schon machte sich bei uns das Bedürfniß nach einer gediegenen Handelsschule geltend, und ist eine solche gegenwärtig endlich ins Leben gerufen worden. Da die das Studium der Juden beschränkenden Gesetze auch hier zur Geltung hätten koinmen müssen, gab inan sich Mühe, den Percentsatz der aufzunehmenden Juden nach der Odessaer Handelsschule gestalten zn dürfen. Wie bekannt, steht derselbe dort im richtigen Verhältnisse zum Percentsatze der Kaufleute jüdischer Confession. Obgleich man nun berechtigt war, die Gewährung dieses Wunsches zn erwarten, wurde diese Hoffnung getäuscht, indem, auf Grund eines Befehls vom Ministeriunr der Aufklärung in Petersburg, Inden von der Aufnahme in die neugegründete Schule v o l lk v m ui e n ausgeschlossen werden sollen. Ein anderes Factum auf anderem Gebiete: Die Besitzer einer Tramwaylinie, welche Warschau mit dem Bvrorte Mokotow verbindet, reichten an's Ministerium die Bitte ein, man möge ihnen gestatten, ihre Compagnie in eine Aktiengesellschaft uinzuwandeln. Die Entscheidung erfolgte in günstigem Sinne, mit der Bedingung jedoch, daß kein Jude Besitzer einer Actie werden dürfe. Daß dies nicht zur Hebung der Actieu beiträgt, braucht lvohl nicht erst erwähnt zu werden, doch ist dies schließlich belanglos. Hauptsache ist und bleibt die hohe Idee, die allen diesen Restrictionen zu Grunde liegt. In Moskau wiederum ist jetzt eine neue technische Schule gegründet worden. Wem wird, laut Verordnung des Ministeriums die Aufnahme in dieselbe verweigert? Jungen Leuten schwächlicher Gesundheit und Juden! Und da wagt man es noch, von Pflichten gegen das Vaterland zu sprechen! Wagt, von einem Volke, das von oben gedrückt und von unten verfolgt wird, zn verlangen, daß es sich normal entwickle, und will nicht einsehen, daß die bloße That sache der Existenz und zwar der lebensfähigen Existenz eines Volkes, dem die Luft zum Athmen und das Brod zum Essen benommen wird, fast an Wunder grenzt! X . . . St. Petersburg. Aus zuversichtlicher Quelle erfahren wir Genaues über den jüngsten Scandal in Mejibujie iPvdoliem, in Folge dessen mehrere Ofsiciere des 35. Dragoner-Regimentes degradirt wurden. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: In einer Weinstube begann der betrunkene Officier Bakounin einen Streit mit einigen dort anwesenden Juden, indem er sie in der rohesten Weise beschimpfte. Als er auch handgreiflich zn werden begann, verloren sie die Geduld, prügelten ihn durch und rissen ihm die Epauletten herunter. Ter Officier flüchtete sich in die Kaserne und klagte seinen Collegen sein Leid. Bon 150 Dragonern gefolgt, stürmten die Officiere in die Weinstube, zündeten das Haus an und machten es dem Erdboden gleich. Es entstand nun ein regelrechtes Handgemenge, da die Juden sich aus Leibeskräften wehrten, fünf von ihnen wurden getvdtet, dreißig schwer verwundet. Die Dragoner plünderten nun jüdische Häuser und Läden, und ihrem Treiben wurde erst durch die Polizei Einhalt gethan. St. Petersburg. Die St. Petersburger „W j e d o m o st i" bringen eine interessante Notiz über die neue transkaukasische Secte. In einigen Dörfern haben diese Sectirer beschlossen, jüdische Religion und jüdisches Leben so viel als möglich nachzuahmen. Der jüdische sei der einzig wahre Glaube und so müsse es denn ihr Streben sein, Juden zu werden, in jeder Beziehung, in Religion, Kleidung, Sitten. Ten Kindern wird Hebräisch lesen und schreiben gelehrt. Sie tragen Kappen und essen jüdische Speisen. Das Interessante an dieser Geschichte ist, daß die Juden diese eifrigen Sectirer nicht als ihre Glaubensgenossen betrachten. Einer derselben wollte eine Jüdin heiraten und erhielt nur deswegen nicht die Einwilligung ihrer Eltern, weil er eben dieser Secte angehört. „W j e d o m v st i" glauben, daß die Inden diese Secte aus dem Grunde nicht anerkennen wollen, weil sieben Generationen existiren müßten, bevor das geschehen dürfe. Doch liegt der Grund wohl tiefer. Wahrscheinlich fürchten die Juden Verfolgung wegen „Bekehrung vom Christenzum Judenthum". Rtschon Le Hion-Colonie (Palästina). Wer diese Colvnie vor zehn Jahren gesehen hat, würde es nicht geglaubt haben, daß ihr ein so blühendes Gedeihen bevorstand, wie es jetzt beobachtet werden kann. Es ist erst vierzehn Jahre her, daß ein paar russische Auswanderer ein Stück sandigen Boden kauften und unter ungeheuren Schwierigkeiten zu bebauen begannen. Pessimisten verspotteten sie, aber selbst Optimisten hatten nicht viel Hoffnung auf Erfolg. Und dieser wäre wohl auch zweifelhaft gewesen, wenn den Ansiedlern nicht in Baron Rothschild ein Helfer in der Roth erstanden wäre. Seither hat die Colonie alle Kinderkrankheiten durchgemacht und glücklich bestanden und allmälig das blühende Aussehen gewonnen, das sie nun besitzt. Ein Besuch der Rischon-Le-Zion-Colonie, welche man zu Wagen von Jaffa in einer Stunde erreicht, muß Jedem, der Gefiihl für seine Glaubensgenossen hat, großes Vergnügen bereiten. Die blühenden Weingärten, die netten, wenn auch einfachen Häuschen der Colonisten, die Synagoge auf dem höchstgelegenen Punkte, der öffentliche Garten, das Krankenhaus — alles das bietet dem Beschauer ein angenehmes Bild. Was ihn aber gänzlich vergessen läßt, daß er in Palästina ist, das ist ein Besuch des Weinkellers. Dieser ist ein Complex von Gebäuden, in denen Wein, Cognac und Alkohol erzeugt wird, mit Waarenlager, Werkstätten und allem nöthigen Zugehör, wie Dampfmaschinen, Böttcherwerkstätten, Maschinen zur Eisbereitung rc. :c. Gerade jetzt herrscht hier das regste Leben, denn es ist die Zeit der Weinernte. Es wird Tag und Nacht gearbeitet, und es ist ein Vergnügen, zu sehen, mit welcher Lust und Liebe es geschieht. Ebenso erfreulich ist es, die Colonisten zu beobachten, wenn sie sich nach angestrengter Arbeit erholen; auch dabei gewahrt man Zufriedenheit, Eifer und Ordnung. Die Rischon-Le-Zion-Musikcapelle wird bald berühmt sein, wenn auch nicht so bekannt, wie der Rischon-Le-Zion-Wein. Die beliebteste Cvmposition ist der von einem russischen Musiker componirte Rischon-Le-Zion-Marsch.