Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 39 Vr. Vlortz's WochrnfltzrM «seite 779 im Lager der Juden zu finbeu, „dafür aber steht", führte er aus, „hinter der Jugend, der wir für ihre Führerschaft und die Hingebung ihrer jugendlichen Kraft nur aus vollstem Herzen danken können, die große Masse des Volkes!" Und er selbst könne aus eigener Erfahrung versichern, daß sich speciell dem durchaus edlen Programm des „Jüdischen Vereines" eine bedeutende Anzahl von Gesinnungsgenossen anschließen werde. Dies der Verlauf der Versammlung. Der „Jüdische Verein" hat inzwischen, wie wir aus bestimmter Quelle vernehmen, recht erfreuliche Erfolge und eine ansehnliche Mitgliederanzahl zu verzeichnen. Freilich fehlt es auch nicht an Anfechtungen. Ihnen gegenüber muß der Verein nur immer wieder betonen, daß er keinen aggressiven Charakter hat, daß es vielmehr seine Aufgabe ist. einen Zusammenschluß der Juden zum Zwecke der g esellschaftlichen und moralischen Organisation und der s y st e m a t i s ch e n '.>1 6 ft i I f e gegen jüdisches Elend zu ermöglichen. Manche fürchten von dieser Bewegung ein Anwachsen der antisemitischen Bewegung. Darauf wollen wir ihnen mit den Worten des vorhin als Referenten vom 5. September genannten Herrn Onnck. jur. Feiwel antworten, der sich annähernd über diese Frage so äußerte: Wenn Deutsche uno Czechen, Katholiken und Protestanten, Adel und Arbeiter zum Zwecke besserer Interessenvertretung sich zusammenthun, ohne daß man darin Feindseligkeit sieht, sollte den Inden ein so kleines Recht verwahrt sein und Was hindert denn einen Juden, was ein Mitglied des „Jüdischen Vereines," was endlich einem jüdischen Verein, sich in nichtjüdischer Gesellschaft zu bewegen, wo er kein Geduldeter oder Lächerlicher, als Gleicher unter Gleichen, ein Freisinniger unter Freisinnigen, das findet, was er gewöhnlich vergeblich augestrebt hat? So kann man denn dem „Jüdischen Vereine in Brünn" und all den anderen Vereinen in Mähren, die sich jetzt auf gleicher Basis bilden werden, nur die besten Wünsche für ihre friedliche Thäligkeit im Interesse des Judenthums mit auf den Weg geben. L. L. Graz. Der einst demokratische Altbürgermeister Kienzl, dessen Frau eine geborene Kafka ist, empfahl an Stelle des mittelalterlichen einen „m o d i f i e i r t e n" Antisemitismus und sagte, das Uebel liege nicht in der Religion der Juden, sondern in der Race; D e r s cf) a 11 n, der Antisemit von Gestern, gab mit feinem bekannten Brusttöne der Ueberzeugung die Erklärung ab, daß es ihm als nationalen Wahlwerber nicht im Schlafe einfalle, mit der clericalen Partei zu gehen oder zu pactiren. Neben ihm stand aber als Wahlwerber derselben Partei der Clericale Gärtner W i e d n e r, der unter Gelächter erklärte, er sei Mitglied des katholischen Meistervereines, aber nicht e l e r i c a l und für ihn sprach der Schuster S ch ö n e m a n n, ebenfalls ein Clericaler. Daß D e r s ch a t t a nicht ein Wort der Richtigstellung fand, als sein früherer Chef, Lehrmeister und Gönner Schreiner von dem Schuster Schönemanu durch eine Reihe von Angaben verdächtigt wurde, deren Unrichtigkeit dem gewesenen Concipienten Schreiner's bekannt sein mußte, ist ebenfalls aufgefallen. Lrohobycz, im September 1896. Als Stammgast Badens bei Wien Pflegte ich jedes Jahr diesen Curort aufzusuchen; da jedoch der Äntisemitismus letzterer Zeit auf dem gesellschaftlichen Gebiete Oberhand gewann, wollte ich Heuer denselben meiden und beschloß, nach Treucsen-Teplitz, der Sommerfrische im freien Ungarlande, mich zu begeben. Dies hat mich auch nicht gereut, denn Trencsen-Teplitz ist beiweitem mehr als Baden. Erstens hat es Naturschwefelquellen von 28—81"Reaumur, die selbstredend stärker und nachhaltiger sind. Manche derselben sind mit Prachtcabinen versehen, wo man nach Gebrauch der Bäder ausruhen kann. Die Wirkung derselben erkennt mau an den Leidenden, die radical geheilt werden. Zn den Bädern kommen noch in Betracht die schönen Hotels und billgen Privatwohnungen, die hübschen Billen, umgeben von reizenden Gärten und Wäldern, aus welchen eine reine, vom Antisemitismus nicht verseuchte Luft weht. Die Annehrnlichkeiten, die man in Baden hat, findet man auch hier, einen schönen Park, hübsche Spaziergänge, Ausflüge, eine deutsche Bühne (Arena), die nicht im Mindesten von Antisemitismus angehaucht ist u. dgl. Diese meine gemachte Erfahrung übermittle ich meinen Glaubensgenossen zur Beachtung, daß wir Curorte, in welchen man uns nur duldet, nicht aussuchen müssen, da wir dieselben Heilquellen dort finden können, wo man uns mit offenen Armen aufnimmt. Krakau. Am 16. d. M. (Kol Nidre-Abend) hat Sr. Majestät der Kaiser bei der Rückkehr von den Manövern nach Wien Krakau passirt und sich hier am Bahnhofe 10 Minuten aufgehalten. Die israelitische Cultusgemeinde hat Sr. Majestät ihre Huldigung durch eine Deputation der Cultusrepräsentanz dargebracht. Die Deputation bestand aus dem Präsidenten der Cultusrepräsentanz Gemeinderath Dr. Leon Horowitz, dem Vice- Präsidenten Gemeinde- und Handels kammerrath Herrr Hirsch Landau, dem Rabbiner-Stellvertreter Herr Ch. L. Horowitz, der mit der Thora erschien, sowie aus 10 Cultusräthen. Mährisch Ostrau, 21. September 1896. Am Samstag den 19. d. fand hier ein von jüdisch-nationalen Hochschulern Mährisch-Ostraus veranstalteter (Discussions-)Commers statt, welcher einen geradezu glänzenden Verlauf nahm. Sowohl bte Qualität als Quantität des Auditoriums hat in jeder Hinsicht die Erwartungen übertroffen und deutete nnmittelber daraufhin, welch' lebhaftes Interesse die Mährisch-Ostrauer jüdische Bürgerschaft der Versammlung entgegeubrachte. Un<er Anderen waren erschienen: Se. Ehrwürdeu Herr Rabbiner Dr. Spira, der Vertreter der israelitischen. Cultusgemeinde in Mährisch-Ostrau Herr Dr. Alois Hilf, sowie viele maßgebende Persönlichkeiten der Stadt und Umgebung. Der Commers begann um 8 Uhr Abends und wurde vom Präses Herrn Ingenieur Max Stein von der „Unitas" eröffnet. Nach eurer krirzen Begrüßungsansprache seitens desselben und Absiugung des „Gaudeamus" sprach Herr Stein einen Kaisertoast, der zum Schluffe in ein dreifaches Hoch auf Seine _ Majestät den Kaiser Franz Josef i. ausklang und in welches die Versammlung begeistert einstimmte, Nach einem kurzen Cvlvquium hielt Herr Jur. Emil Kohn von der „Jvria" die Festrede welche, vornehm gehalten, einen sichtlichen Eiudrrrck auf die Versammlung ausübte. Nachdem das Beifall-? klatschen, das seinen Worten folgte, sich gelegt hatte, sang Herr Med. Louis Poborski von der „Jvria" ein zu Herzen gehendes, ergreifendes Lied: „Sehnsucht nach Zion". ' _ . Als nächster Redner ergriff Herr Med. Isidor Schalit, Altbursch der „Kadimah," das Wort zur Tendenzrede. Mit bekannter Virtuosität verstand es derselbe, die Zuhörer in seinem einstündigeu, wiederholt vom Beifalle unterbrochenen Vortrage zu fesseln. Die animirte Stimmung, welche sich der Versammlung bemächtigt hatte, wurde noch unterstützt durch die Executirung des vierstimmigen Chores: „Brüder, laßt den Sang ertönen" nach der mächtigen Melodie von Josef Hartmann-Stuntz. Damit war der erste Theil des Programmes zu Ende geführt und der Vorsitzende Herr Ingenieur Stein schritt an die Erledigung des zweiten, indem er die Discussion eröffnete und als Erstem dem Herrn Dr. Alois Hilf das Wort ertheilte. welcher zum Schluffe eine Begrüßung des Commerses seitens der israelitischen Cultusgemeinde aussprach. Hierauf erhielt Herr Professor Alois Schwarz das Wort, der, den Schwerpunkt seiner Rede in eine Vertheidigung der liberalen Partei verlegend, nicht den von ihm gewünschten Erfolg erzielte, sondern bei der größten Mehrzahl der anwesenden jüdischen Mitbürger dem lebhaftesten Proteste begegnete. Herr Jurist Hvllitscher von der „Gamala", der nächste Redner, polemisirte gegen den Vorredner. Seine Ausführungen wurden mit langanhaltendem Beifalle belohnt. An der weiteren Debatte betheiligten sich Herr Hermann Friedländer, Herr Schalit, Herr Dr. Hermann Fuchs und zum Schlüsse Herr Jurist Richard Rappaport von der „Unitas". Der Erfolg des Commerses war ein durchschlagender; abgesehen davon, daß der größte und angesehenste Theil d r jüdischen Bürgerschaft nunmehr der jüdischen Fahne folgt, hat derselbe einen „Jüdischen Verein" gezeitigt, welcher sich auf Grund von Statuten constituiren wird, die maßgebend sind für alle ähnlichen Vereine der Monarchie; dieselben werden zu einem großen Central-Verbande mit dem Sitze in Wien vereinigt werden. Mähr.-Ostrau, 21. September. Ein drastisches Beispiel von „liberaler Toleranz" zeigt folgender Fall, den ich Sie ersuche, in Ihrem geschätzten Blatte gütigst aufnehmen zu wollen. Der „Deutsche Turnverein" in Mährisch-Ostrau nimmt Juden als Mitglieder auf, aber nur als — zahlende. Solche, welche dem, durch jüdischen Einfluß zum größten Theile ins Leben gerufenen Verein, als active Mitglieder angehören wollen, werden stets zurückgewiesen, und zwar mit Motivirungen, die umso lächerlicher erscheinen, nachdem der jetzt „national-deutsche" Ausschuß Gründe bei der Ablehnung eines Äufnahmewerbenden nach dem Statute gar nicht bekanntgeben muß. Ein Exempel: Voriges Jahr bewarb sich ein jüdischer Hochschüler (sunl jur.), dem die Zustände in dem Vereine nicht bekannt waren um die Aufnahme, nachdem er vorher durch den Obmann-Stellvertreter eingeführt, einige Zeit als eine Art Hospitant den Hebungen rc. stets gewissenhaft beigewohnt hatte und erst dann sein Gesuch übergab, als er vom Obmann-Stellvertreter hiezu aufgefordert wurde. Da er-