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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-09-25 · 39 (25.9.1896) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
39 (25.9.1896)
Date
1896-09-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 7V8 Vr. Vloch's Wochenschrift. wäre! Die paar jüdischen Millionäre blenden die Augen der Antisemiten, so daß sie den Schatten hinter diesen Gvldlichtern, die Tausende und Abertausende armer Juden, nicht sehen wollen Auf der Warschauer h y g i e n i s ch e n A u s st e l l u n g könnten sie vielleicht doch eine Ahnung davon bekommen. Diese Ausstellung enthält eine statistische Abtheilung und hier stellt Herr Provisor Koskowski sehr interessante Tabellen über die Ernährung der Juden in den kleinen Städten Russisch- Polens aus. Er hat 30 jüdische H a u s i r e r aus Loszczow untersucht und das Gewicht ihrer wöchentlichen Nahrung registrirt. Das Ergebniß war, daß sie in der Woche je 3000^ Gramm Brod und je 650 Gramm Fleisch verzehren. Sachverständige meinten, daß sie im Berhältniß zu ihren Arbeitsleistungen mindestens 7000 Gramm Brod und 2000 Gramm Fleisch verzehren müßten, um die zu ihrem Beruf nöthigen Kräfte zur Verfügung zu haben. In Bezug auf das Trinken sind die untersuchten Männer die reinen Temperenzler. Zwölf von den dreißig nehmen überhaupt keine geistigen Getränke zu sich, neun andere sehr wenig (20 bis 75 Gramm) in der Woche. — Eine andere Tabelle erzählt uns, daß Juden, deren Einkommen schon 200 Rubel im Jahre beträgt, sich bereits den Luxus einer Nahrungsmenge von 773 Gramm an Werktagen und 1510 Gramm an Sonnabenden gestatten. Das sind doch die richtigen Neidobjecte für die antisemitische Agitation. Juden in Sibirien. Ein Mitarbeiter des „Courier" in Tschinkiang schrieb über die Juden in Nordasien: „Rußland herrscht über sie mit eiserner Ruthe und doch sind sie gleichsam Mark und Sehnen derjenigen Ansiedlungen, welche am besten gedeihen. Sie verhandeln Fischangeln und Messer an der Küste von Jaghalin gegen Eichhörnchenfelle und Thran; sie graben im hohen Norden an den Ufern der Lena nach Mammuthzähnen; sie vertreiben in den Ortschaften am Obi Waaren, die von der Nowgoroder Messe kommen und erhalten dafür Gold, das aus den kaiserlichen Gruben durch Schmuggel in den Verkehr gekommen ist. Kurz, überall in Sibirien treffen wir den Juden und überall sucht er Geld zu erwerben, zeigt Ausdauer, Unternehmungsgeist, Geduld, Scharfsinn und l bt, hat also Eigenschaften, welche den besten Bestrebungen zur Ehre gereichen würden. Mein Schlitten fliegt förmlich über den gefrorenen Schnee dahin: der Kutscher ist ein Jude. Auf der nächsten Station im dichten Walde werden die Pferde gewechselt; auch dort ist der Posthalter ein semitischer Mann. Die Juden bilden in Sibirien eine werthvolle Classe von Unterthanen, und gewiß hat die russische Regierung einen Mißgriff gethan, indem sie allen Juden den Aufenthalt in ihren Hafenplätzen am großen Ocean verbot." Correspondenzen. Wie«. (Der Co nd ucteur als Antisemit.) Vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes L e o p o l d st a d t, Adjuncten Dr. B i e h a l, hatten sich die Kaufleute Osias Laub und Moriz Langfelder wegen A m t s e h r e n b e leidig u n g zu verantworten, weil sie den Conducteur der Dampftramway, Josef Fischer, während er im Dienste stand, öffentlich geschmäht hatten. Der Anklage lag folgender Thatbestand zu Grunde: Die genannten Kaufleute, welche Beide Juden sind, saßen kürzlich in dem Parke an der Stefanicbrücke. Bei dem dort befindlichen Geleise der Dampftramway war ^eben der Conducteur Josef Fischer beschäftigt. Als er der Juden ansichtig wurde, begann er dieselben zu Häuseln und schrie: „Maier, Maier, S a u j u d'!" und diverse andere Schimpfworte. Herr Laub stellte den Conducteur zur Rede, dieser jedoch setzte seine Schmähungen fort. Da riß Herrn Laub die Geduld^ er beschimpfte ebenfalls den Conducteur und spie ihn an. Schließlich mischte sich auch Herr L a n g f e l d e r in den Streit und schimpfte mit. Ein Wachmann war von der Stefaniebrücke aus Zeuge dieser Scene und escortirte die beiden Kaufleute auf das Polizeicommissariat. Bei der Verhandlung gaben die Angeklagten zu, den Conducteur beschimpft zu haben, behaupteten jedoch, daß sie nicht gewußt hätten, Herr Fischer stehe im Dienste, obwohl derselbe die Uniform trug. Der Wachmann bestätigte unter Diensteid vollständig den Inhalt der Anklage. Trotzdem sprach der Richter die Angeklagten frei und führte in der Begründung aus: „Die Angeklagten konnten nicht wissen, daß Fischer im Nr. 39 Dienste stehe, denn es wäre traurig in Oesterreich bestellt, wenn im Dienste st e h e n d e Männer gegen andere C o n f e s s i o n e n Hetzen würde n." Brü»lN, 15. September 1896. Wir erhielten folgende Zuschrift: Ihr geschätztes Blatt hat über die sehr interessante Debatte, die sich anläßlich des am 6. l. M. in Brünn veranstalteten Discnssionsabendes über das Jndenthum berührende Fragen entwickelte, vorläufig keinen eingehenderen Bericht gebracht, weswegen ich mir hiezu einige Ausführungen gestatte: Referent Jurist F e i w e l lieferte eine durchaus sachliche Kritik betreffend die Stellung der Juden zu den politischen Parteien und beleuchtete dieses Berhältniß nach den praktischen Erfahrungen der letzten Jahre und den gegenwärtigen Parteiprogrammen. Das endliche Resultat, zu dem er gelangte, war, daß die Juden auch im künftigen Reichsrath für ihre beiden wichtigsten Interessen, für die Herstellung ihrer moralischen und politischen Gleichberechtiguug, ohne Vertretung sein werden. Die neue liberale Partei, bemerkte Redner mit Recht, hätte ihre Thätigkeit mit dem Abschlüsse eines Compromisses mit den unversöhnlichsten Gegnern des Judenthums begonnen. Der Referent kam dann auf die Jungczechen zu sprechen, die sich bekanntlich in Mähren antisemitisch erklärt haben, und führte hiezu aus, daß die Czechen, keineswegs radikale Antisemiten, nur eine Verjudung ihres unverfälschten Czechenthums fürchten, daß sie demnach dem Juden unter sich Feind, dem Juden neben sich Freund sein werden. Die Socialdemokraten könnten für die moralische E h r e n r e t t u n g der Juden nicht eiutreten, weil ihnen damit die Gefahr, als Judenschutztruppezugelten und dadurch den Boden im Volke zu verlieren, drohe,und sie könnten sich für die politische Gleichberechtigung schon aus Princip nicht einsetzen, weil sie, wie sie selbst erklären, gegen die gegenwärtige Amtsordnung und Beamtenordnung überhaupt seien. Es hieße also, für das jüdische geistige Proletariat, geduldig mit ihrer Forderung nach Amt und Stelle zu warten, bis die Socialdemokraten an's Ruder gelangt seien. Der Redner kam demnach zu dem sich aus den geschilderten Verhältnissen ergebenden Resultat, daß für die Juden einfach nichts Anderes erübrige, als daß sie, ohne genügenden Schutz von Seite der Parteien, s i ch wenigstens s e l b st zusammenschließen und sich selbst, Juden für Jude n, helfen müssen. Damit aber gelangte er zum Hauptprogrammpunkt der jüdischen Bewegung. Wenngleich solch' ein enger Zusammenschluß der Juden freilich auch politisch kaum einen belangreiche« Erfolg bringen dürfte, so winken doch große Erfolge in moralischer und gesellschaftlicher Hinsicht. Hier hätten die jüdischen Vereine in Stadt und Land einzugreifen. Aus den „Jüdischen Verein in Brünn" übergehend, führte der Redner des Weiteren aus, was der veröffentlichte Aufruf an Programmpunkten enthält, und erörterte besonders eingehend diejenigen Actionen, die i m I n t e r e s s e d e s doppelt beklagenswert heu jüdischen Proletariats einzuleiten ivären. Der Referent schloß unter lautem Beifalle mit den Worten : „P o l i t i s ch u n d g e s e l l s ch af t l i ch frei, auf der Höhe der modernen, durchaus modernen Denkungsart, nichts Menschlichem fern, so mögen die Juden, Einer neben dem Anderen, arbeiten, so mögen sie nebeneinander schaffen, so mögen sie endlich, dies ist mein Wunsch, siegend ihr Ziel erreichen!" Hierauf ergriff Ingenieur Tintner das Wort und entwarf ein getreues Bild des gesellschaftlichen Lebens in Brünn. Er geißelte unter Anderem das Borgehen der bisherigen jüdischen Führer die selbst die Großziehung jener Phrase ermöglicht haben: „Jude, Du bist, auch wenn Du das Beste geleistet hast, kein Bollblutmensch!" Die sogenannte Gleichberechtigung in der Schule unv im öffentlichen Leben habe im Volke nicht Wurzel gefaßt, trotz oder wegen so langer liberaler Herrschaft ständen den Juden ihre Mitbürger feindlich oder fremd gegenüber und an Stelle des örtlichen sei ein geistiges Ghetto errichtet worden. Die Brünner Juden, die Redner unter Beifall der Versammlung „H y p e r a s si m i l a n t e n" nennt, seien dennoch trotz dieser Eigenschaft nicht im Stande gewesen, eine wahrhafte Assimilation zu erzielen, vielmehr gelangte Ingenieur Tintner an der Hand zahlreicher, im klebrigen stadtbekannter drastischer Beispiele zu dem Raisonnement, daß alle Bemühungen der Juden, eine solche Anpassung in Wirklichkeit zu ermöglichen, vergebliche gewesen seien. Er schloß unter lebhaftestem Beifall mit den zündenden Worten: „Unsere Zeit scheint nun den Sättigungspunkt für all unsere gesellschaftlichen Leiden und den Ekel gegen fortwährendes, vergebliches Kriecherthum erreicht zu haben. Wir wollen die Zwangsjacke, in die wir uns eingezwängt haben, um in der Gesellschaft verkümmert und geduldet vegetirenzu dürfen, abwerfen, wir wollen lieber frei sein im Kreise von Juden! Und so läßt sich die Entstehung der jüd ischenVereine erklären, deren Aufkommen kein zufälliges, kein Product müßiger Köpfe ist, sondern eine historische Rothwendigkeit, ein Ausfluß jenes in uns übriggebliebenen jüdischen Gemüthes, das sein Volk groß und glücklich wissen will!" Als wahrer Volksredner erwies sich Herr Alfred Straffer, der mit seinen populär gehaltene« Worten stürmischen Beifall erntete. Er bedauerte, die oberen Zehntausend der Brünner Judcnschaft nicht

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