Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr Vlortz's Wochrnschrtft. Seite 777 Wettbeloerbe auf dem Gebiete des Handels und Verkehrs Antheil nehmen zu dürfen." Der Tod eines Wieners in Transvaal. Ein Eisenbahnunglück bei G r o 0 t Fontaine. Eure Wiener Familie ist durch die vorgestern eingelangte Nachricht von dem tragischen Ende eines ihrer Angehörigen in tiefste Trauer versetzt. Herr Sigmund H a r p n e r, Geschäftsleiter der „Victoria"-Dampfmühle in Budapest, ist in Transvaal bei einem Eisenbahnunglück getvdtet worden, und zwar unter Umständen, welche die größte Theilnahme für sein Schicksal erwecken und ihm ein ehrendes Andenken sichern. Sigmund H a r p n e r, der einzige Sohn des in der Leopoldstadt, Novaragasie 21 wohnhaften Privatiers I. H a r p n e r, 28 Jahre, Reserve-Lieutenant eines Jäger-Bataillons, bezog als Vertreter der Budapester „Vietoria"-Dampfmühle einen Jahresgehalt von 0000 Gulden. Vor einigen Wochen wurde ihm die Verdoppelung dieses Gehaltes unter der Bedingung angeboten, daß er in Johannesburg die Leitung einer Niederlage der Fabrik übernehme; er nahm dieses Anerbieten an und schiffte sich in London nach Captown ein. Von hier trat er mittelst Eisenbahn die Weiterreise nach Johannesburg an. Kurze Zeit nach dem Zuge, mit welchem H a r p n e x weggesahren war, ging ein zweiter Zug in der Richtung nach Johannesburg ab. Bei diesem Zuge brach die Bnnsenbremse, und der Loeomotivführer, welcher dadurch außer Stande war, die Fahrgeschwindigkeit zn reguliren und den Zug anzuhalten, gab für den vorausfahrenden Zug das telegraphische Signal, daß er au keiner Station anhalten solle. Dieser Zug konnte aber nicht schnell genug fahren, um dem heranbrausenden zweiten Zug zu entgehen, und da die Passagiere erfuhren, daß ihnen Gefahr drohe, sprangen sie aus den Waggons, und viele von ihnen erlitten schwere Verletzungen. In dem letzten Waggon befand sich nur Sigmund H a r p n e r, sowie eine Amme mit einem Kinde. H arpner wollte diese beiden Menschenleben retten, nahm das Kind und faßte die Amme bei der Hand, um ihr beim Abspringen vom Waggon behilflich zu sein. In demselben Augenblicke, in welchem er die rückwärtige Plattform des Waggons betrat, kam der nachfahrende Zug herangebraust und fuhr in den Waggon hinein. H a r p n e r, die A m m e und das Kind wurden g e t ö d t e t; sie waren die einzigen Todesopfer, die der Zusammenstoß herbeiführte. Eine amtliche Zuschrift des österreichischen Consulats in Beaufort enthält die Nachricht von dem schrecklichen Unglück, das den hoffnungsvollen jungen Mann in der Blüthe seiner Jahre vernichtet hat, und ein dieser Zuschrift beigeschlossener Zeitungsbericht schildert den Vorfall, bei welchem H a r p n e r in Folge des Versuches, zwei Menschenleben zu retten, zn Grunde gegangen ist. Wie ans dem Briese des Consnls in Beaufort hervorgeht, hat sich das Unglück in der Nähe der Station Groot-Fontaine ereignet. Für die Opfer desselben wurde ein würdiges Leichenbegängniß veranstaltet. Bei der Leiche H a r p n e r's wurde ein größerer Geldbetrag vorgesunden, welcher von der Behörde in Verwahrung genommen wurde. Die Eltern H a r p n e r's sind in Folge der Trauerbotschaft erkrankt. Sie haben ihren einzigen Sohn verloren, der die Freude und Stütze ihres Alters war. Antisemitisches Christenthum. Von den Briganten in S ü d i t a l i e n erzählt ein Reisender: „Daß die Briganten in die Kirche gingen, versteht sich von selber. Religion ist zwar bei ihnen nicht zu finden, sonst wären sie nicht Raubmörder von Handwerk. ... Der Brigant schneidet einem Nebenmenschen ganz kaltblütig den Hals ab, er wird aber nie versäumen, die äußeren Kirchenceremonien mitzumachen, Kreuze zu schlagen und was dergleichen mehr ist. Alle jene Banditen in Montella waren über und über behängt mit Kreuzen Amuletten, Marien- und Heiligenbildern. Mehrere trugen auch Zauber bei sich; sie hatten dieselben aus der päpstlichen Hauptstadt, dem frommen Rom, erhalten und glaubten, durch solche von Geistlicheil eingesegnete Schnurrpfeifereien kugelfest zu werden. EinigeBairden haben stets einenPriester bei sich g e h a b t, der regelmäßig Messe lesen, Beichte hören und absolvi'-en mußte. Diese Priester könnten Aufschluß über die Zahl der verübten Mordthaten geben, denn jeder fromme Brigant beichtet ehrlich — um sich absolviren zu lassen. Dann hat er ein hübsch seines Gcwisseu und kaun wieder guten Mnthes weiter morden." Den Deutschnntionalen in's Stammbuch. Es ist interessant, zu Horen, wie ein Racenantisemit, Eugen T ü h r i.i g, über Teutschthümelei nrtheilt. In seiner „Wirklichkeitsphilosophie" schreibt er: „Im Gegentheil scheint selbst bei den besten Nationen die Erinnerung an gute Nationaleigenschaften theilweise dahin auszuschlagen, den blinden National wahn und die Herauskehrung der schlechten N a t i o n a l e i g e n s ch a s t e n zu nähre n. Meist ist es Nativnalitätsheuchelei, die von schlechten Elementen für schlechte Zwecke betrieben wird, was sich als urwüchsiges und zur Wiedergeburt befähigendes Volksthum aufspielt. Wenn unter modernen Verhältnissen beiipielsw-ise deutscher Geist auf diese 'Weise parodirt und geschändet wird, so ist das sicherlich keine Ermuniirung, an ein Auflrben wirklich sittlicher El.meme des Teutschthums zu glauben. Alte Rohheiten werden hervorgesucht und alte Beschränktheiteir werden angepriesen; das heißt über, die deutschen Fehler zu Vorzügen umzu'.ügen und das wirklich Gute im Geiste der Nation als unbequem zur Seite lassen." Gerade durch die Aufnahme tüchtiger fremder Ideen lvird der Geist einer Nation mehr behauptet, als durch Züchtung und Anbetung von Raceneigenheiten. Das hat Rudolf von I h e r i n g unübertrefflich in seinem „Geist des römischen Rechts" ansgeführt, worin es heißt: „Das Leben der Völker ist kein isolirtes Nrbeneinandcrsteyen' sondern es ist wie das der Individuen im Staat eine Gemeinschaft, ein System der gegenseitigen Berührung und Einwirkung, friedlicher und feindlicher Art, ein Geben und Nehmen, Entlohnen und Mittheilen, kurz ein großartiges, alle Seiten des menschlichen Daseins umfassendes Austauschgeschäft. Dasselbe Gesetz, welches für die leibliche Welt gilt, besteht auch für die geistige: Leben ist Annahme von Außen und innerliche Aneignung; R e c e P t i o n und Assimilation sind die b e i d e n F u n d a m e n t a l s u n c t i o n e n, auf deren D a s e i , und Gleichgewicht das B e st e h e n und die Gesur dheit jedes lebenden Organismus beruht. Die V usnahme von Außen verwehren und den Organismus zur Ent', ncklung von „Innen heraus" verurthrilen, heißt ihn tödten — die Entwicklung von Innen beginnt erst bei der Leiche! Das Individuum kann sich diesem Gesetze nicht entziehen, ohne dem leiblichen oder geistigen Tode zu verfallen sein Leben ist unausgesetztes leibliches und geistiges Athmen. Aber bei den Völkern wäre eine Absperrung aus sich selber, die Abwehr jedes Einflusses von Außen her nicht gerade undenkbar, und es fehlt in der That in der Bölkerfamilie nicht an einem Volke, welches — ein echter Don Quixote des Na tio nalitä tsp ri n cips! — diese seltsame Idee durchzusühren versucht hat, dem chinesischen. Und warum nicht, möchte man fragen, wenn es sich wohl dabei fühlt, wenn es aus die Bortheile des Verkehrs und der Berührung mit fremden Völkern verzichtet? Leidet es doch selber am meisten dabei. Der Einwurf wäre richtig, wenn jedes Volk blvs seiner selbst wegen existirte; aber jedes Volk existirt zugleich der übrigen wegen, alle andern Völker der Erde baden ein Recht ans die Berührung mit ihm. Das Gesetz der Theilung .der Arbeit gilt auch für das Leben der Völker. Nicht jeder Boden trägt Alles, nicht jedes Volk kann Alles. Aber diese Unvollkommenheit des Einzelnen soll ausgeglichen werden durch gegenseitige Aushilfe und Mittheilung — die Vollkommenheit kommt erst >m Ganzen in der Gem inschaft zur Erscheinung. Der Austausch der materiellen und geisti -n Erzeugnisse ist die Form, in der die Geschichte die Ungleichheit der eographischen, natürlichen und geistigen Ausstattung der Völker wi derum aufhebt, in der die Beschränktheit der Natur überwunden nid die Ideeder höheren Gerechtigkeit in derWeltge schichte verwirklicht wir d." Blnthen deutscher Cultur. Die „Ostdeutsche Rundschau" vom 22. September, S. 4, bringt nachstehende Zuschrift unter dem Schlagwort: Die goldene Maus. Ein getreuer Abnehmer der „ Ostdeutschen Rundschau" war, wie er uns schreibt, in der abgelaufeneu Woche mit Frau und Schwester in Mariazell. Dort erklärte in der Schatzkammer ein Cooperator den Besuchern die verschiedenen Gegenstände. Unter Anderem sagte er von einer goldenen Maus: Ein Bauer opferte dieselbe der Kirche, um von der Unmenge von Mäusen, welche ihm Haus und Hof belästigten, erlöst zu werden, und richtig, als er nach Hause . kam, waren alle Mäuse todt. Dazu meint nun unser schlichter Berichterstatter, daß, wenn es unseren Clericalen oder Herrn Dr. Lueger mit ihrem Antisemitismus ernst sei, sie ja nur die goldene Figur eines Juden nach Mariazell zu widmen hätten, so wären sie die 'Inden aus einmal los. Dieselben brauchten ja deswegen nicht einmal wie die Mäuse zu sterben. An, an! Neidobjecte. Es ist bekannt, daß der Antisemitismus zum großen Theile ans gemeinen Neid zurnckzunihren ist. Doch wenn der Neid wenigstens in den Thatsachen begründet