Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Vir. 39 Dr. Vlortz's WochrnlArrisl. Seite 775 Vom Jahrmarkt des Lebens. Die Deutschmeister san do, hallo! Zum 1. Oktober. Reges Leben herrscht ab 1. October in den Kasernhöfen, hervorgerufen durch das Einrücken der Recrutcn. — Hauptsächlich ist es die Rennweger Kaserne, wo sich das Ergänzungs- Bezirks-Commando des erst kürzlich gestierten k. u. k. Infanterie- Regimentes Nr. 4 befindet. Die Wiener Kinder jeden Berusstandes eilen in ihre respectiven Eintheilungen — alle frohen Muthes, freudig erregt den Widmungs- oder Einberufungsschein stolz am Hutbande gesteckt, mit einer Blume im Knopfloch, zumeist einer weißen Nelke, die dulciuea oder dulcineas am Arme führend, marschieren die jungen Baterlandsvertheidiger in größeren oder kleineren Trupps mit der üblichen Begleitung jauchzend und johlend durch die Straßen. — Die besser sitnirten bedienen sich einer Fahrgelegenheit, und es ist nicht uninteressant, die Insassen der verschiedenen, nach der „Deutschmeisterkaserne" rollenden Vehikel näher zu betrachten. Tie thpischen Figuren der „Burgmnsikpülcher", stark angeheitert, die Kopfbedeckung oder die Begeisterung spendende Flasche schwingend, lassen jubelnd alle „Gassenhauer" vom Stapel deren Refrain mit dem bekannten: „Verkaufts mei' Gwand i fahr' in'n Himmel"! ansklingt. — Bei diesen hat die freudige Stimmung wohl Berechtigung, da mancher der bislang die Gastfreundschaft der „grünen Bettfrau" in Anspruch nehmen mußte, einer geregelten sorgenfreien Lebensführung entgegengeht. Andere wieder übermannt die Freude, bei den „Edelknaben" dienen zu dürfen und sie können ihre Lust nicht zügeln. — Mitunter sieht man Comfortables mit blos drei Insassen dahinrollen. Der junge Mann in anständiger Kleidung mit der nagelneuen Extrakappe auf dem Haupte, wird von seinen Eltern zur Kaserne begleitet. Wortlos, in tiefstes Sinnen versunken, sitzen die „Alten" ihrem Sohne gegenüber. Ihre Miene verräth Besorgniß und Herzbeklemmung, welche wohl Jeder begreiflich findet, der iir ihnen unsere Glaubensgenossen erkannt hat. Welche Behandlung wird unserem Sohne zu Theil werden? Wieviel Wiederwärtigkeiten wird er zu ertragen haben, da fast alle seine Kameraden überall dabei waren, wo Freibier etc. zu holen war, damit brausende „Hoch's" auf die „geliebten Führer" ausgebracht werden, welche dem christlichen Volke von Wien unablässig verkünden, daß in dem Worte „Jude" der Inbegriff aller Schlechtigkeit liegt und daß an allem Unglück einzig und allein die Juden schuld sind, deren Herrschaft nun gebrochen werden muß. Wenn so hohe Herren dieses so oft wiederholen, so muß es doch wahr sem! Soll die von den dermaligen Herren von Wien mit so viel Stolz gepriesene Thatsache der Jndenreinheit bei den kürzlich stattgehabten Deutschmeisterfesten nicht auch im jubilirten Regiiw'nte selbst durchgeführt werden? An Mitteln fehlt es wahrlich nicht, einem Recruten das Leben zu verleiden, ohne scheinbar gegen die Vorschrift zu verstoßen, und wollen wir hier blos einen „Fall" anführen. In einem Festungs-Artillerie-Bataillon diente ein junger intelligenter Mann aus angesehener Familie, der das Unglück hatte, Jude zu sein, wodurch er die Gunst des Zugsführers nicht erlangen konnte. An diesem Unglücksmenschen wurde wiederholt die „gründliche Reinigung" vorgeuommeu, trotzdem an seinem Körper selbst mit Zuhilfenahme einer Lupe nicht die geringste Spur einer Unreinlichkeit entdeckt werden konnte. Diese „gründliche Reinigung" bestand darin, daß man dem armen Jungen trotz der rauhen Witterung, beim Brunnen im Hofe den Oberkörper mir frischem Wasser begossen, mit Sand bestreut und mit St roh bündeln gerieben und hierauf wieder ausgiebig mit Brunnenwasser übergossen hat. Doch fand der Zugsführer den „Mauschl" noch immer nicht rein genug, und so wurde diese Procedur so oft wiederholt, als es dem Herrn Zugsführer gefiel. Gedachte Methode der „gründlichen Reinigung" ist in manchen Regimentern in Anwendung, doch erscheint dieselbe vielleicht bei Huzzulen, Goralen, Zigeunern, Bakas und Csikosen gerechtfertigt, denen ein Reinigungsbad ein ftemder Begriff ist. Aber auch hier könnte der gleiche Zweck auf einfachere und humanere Weise erreicht werden, wenn man die Leute in die vom liberalen Gemeinderathe geschaffenen „Volksbäder" führen und die Kosten von 5 kr. pro Mann, aus dem „Proprietäten-Pauschale" bestreiten würde. Natürlich entfällt die Nothwendiakeit der „Zwangsreinigung" bei einem reichen Fabrikantenssohn, dem das öftere Baden ein Lebensbedürfniß ist, daher ist es auch gar nicht denkbar, daß an ihn die Vornahme der geschilderten Reinigungsprocednr öfters wiederholt werden mußte, welches ihn schließlich zum Selbstmorde trieb. Bekanntlich ist der jüdische Soldat seit jeher und unter normalen Verhältnissen stets der Prügelknabe gewesen. Um wieviel mehr wird er bei der jetzigen Strömung, wo die Verrohung in den untersten Volksschichten den höchsten Grad erreicht hat, als solcher behandelt werden? Es ist nun P s l i ch t aller Berufene n, d e m Capitel „So ld a t e nm i ß h an d l n ng" ihre ganze Aufmerks a m keit zu wi dm en, um die leider so häufig vorkommenden Selbstmorde in der Armee zu verhüten. Nnnöthig wäre es, hervorzuheben, daß die jüdischen Soldaten ebenso eifrig und gewissenhaft ihre Dienstpflicht erfüllen werden wie ihre andersgläubigen Kameraden. Getreu dem geleisteten Eide werden sie ihr Leben ftendig im Dienste des Kaisers und des Vaterlandes aus dem Felde der Ehre lassen. Aber auch die Eltern müssen fiir den Verlust ihres Kindes einen Trost finden in dem Bewußtsein, daß sie ihr Liebstes dem Vaterlande geopfert haben. Dagegen ist der unsagbare Schmerz solcher Eltern, deren Kind durch kleinliche Ehicanen während der Erfüllung der schwersten Bürgerpflicht in den Tod getrieben wurde, kaum zu ermessen. Dieses wollen die Herren Vorgesetzten der neu einrückenden Deutschmeister sich stets vor Augen halten. Dmuchalski. Der „jüdische" Verräther Dreyfus. Man kennt die Nervosität, von der jedes Volk nach einem verlorenen Feldzuge bei dem Gedanken an Spionage ergriffen ist, und mau weiß, daß die französische Nation in ganz besonderem Maße an der „Spionenriecherei" krankt. Die Affaire Dreyfus war für die Franzosen somit eine nationale Angelegenheit, denn jeder „Patriot" war in dem Augenblicke mit dem Verdammungsurtheil fiir den unglücklichen Officier bereit, als die erste Anklage, mochte sie auch durch gar keine oder nur durch die nichtigsten Gründe unterstützt sein, gegen ihn laut wurde. Die nationale Erbitterung gegen Dreyfus war aber in Frankreich nicht so groß, wie der Fanatismus, mit der die deutsch sich nennende Antisemitenpresse über ihn Hersiel. Für sie war ja Dreyfuß ein noch größerer Verbrecher, es war der „Jude" Treyfuß, den sie verunglimpfte und beschimpfte. Schüchtern erheben sich nun selbst in dem chauvinistischen Frankreich einzelne Stimmen, die für die Schuldlosigkeit des Officiers eintreten, der, wie nunmehr sich herausstellt, aus Grund der vagesten Beschuldigungen des infamsten Verbrechens bezichtigt wurde. Doppelt interessant ist unter diesen Umständen eine in dem „Fremdenblatt", dem Organe unseres auswärtigen Amtes, veröffentlichte Erörterung dieser Affaire. Da wird es klipp und klar herausgesagt, daß auf haltlose und flüchtige C o m b i n a t i v n e n ein schwerwiegendes Urtheil aufgebaut wurde, das die Existenz eines tapferen Officiers, seine Ehre, seinen Namen vernichtete und zugleich eine Familie ihres Ernährers beraubte. Was lag Gravirendes gegen den Capitän Dreyfus vor? Man will einen chiffrirten, Dreyfus compromittirenden Brief aufgefangen haben, welchen die Militärattaches Deutschlands in Paris ihren Collegen von der italienischen Botschaft geschrieben haben. Das „Fremdenblatt" bemerkt hiezu treffend, daß dieser „Fang" sein Bedenkliches habe, denn die Attaches der einen Botschaft hätten im Leben nicht „c o r p o r a t i v" mit einer anderen durch Briefe verkehrt, während einzelne sich mündlich sehr leicht verständigen konnten. Seit wann, fiagt das Organ des Auswärtigen Amtes weiter, seit wann liefert eine Botschaft der anderen, und wäre sie selbst die befreundetste, den Schlüssel zu ihrer Geheimschrift ans? Zum Schluffe heißt es dann: „Nicht mit Unrecht weist die Gattin des Deportirten in ihrem Gesuche an die Abgeordnetenkammer auf die durch Mercier's „Enthüllungen" klargestellte, ganz außergewöhnliche Thatsache hin, daß den einzigen, angeblich unwiderleglichen Schuldbeweis gegen Dreyfus ein Brief gebildet hat, der nur im strengsten Vertrautenkreise mitgetheilt und weder dem Angeklagten, noch