Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 774 Nr. 39 Vr Vlortz's Wochenschrtfl So ist das ganze Gebäude der Bibel auf der sichtbaren Thatsache der Existenz eines Gottes und auf dem Glauben an die engen Beziehungen Gottes zu den Menschen, insbesondere zu Israel, ausgebaut. Trotz Allem, was für das Gegentheil gesagt wurde, legt die Bibel Gewicht auf Glauben, wo Glaube erforderlich ist. Wiederholt weist sie die Ungläubigen zurecht — wie Asaph (Psalm 78, 31) klagt — wegen Alles dessen, „was sie gesündigt immerdar und nicht glaubten an seine Wunderthaten" und preist den Glauben in begeisterter Rede, wie: „So spricht der Herr, Ich bringe Dir zur Erinnerung den sanften Gehorsam Deiner Jugend, die Liebe Deiner Berlöbnißzeit, als Du mir nachfolgtest in der Wüste, in unbebautem Lande" (Jer. II, 2). Die Bibel, zumal die Bücher des Propheten, besteht zum großen Theil aus Verheißungen für die Zukunft, von den Rabbinen mit Recht bezeichnet als „Trostreden".') Für unseren Zweck ist es von keinen! Belang, zu untersuchen, welche Zukunft die Propheten im Sinne harten, ob eine unmittelbare oder eine spätere, am Ende der Tage. Jedenfalls prägten sie die Hoffnung und das Vertrauen ein, daß Gott eine bessere Zeit bringen werde. Ich glaube, selbst der fortgeschrittenste Bibelkritiker — wenn nicht von gewissen modernen arischen Beweggründen geleitet — muß in Stellen, wie: „Der Herr wird regieren immer und immerdar", „Der Herr wird sich Seiner Werke freuen" und vielen anderen eine Hoffnung aus mehr sehen, als die Einsetzung der „nationalen Gottheit unter seinen Getreuen in „Palästina". Wir haben mm einen Zeitraum von vielen Jahrhunderten, dessen Länge von den Ansichten über die Zeit der Abschließung des Canons abhängt, zu übergehen und zu untersuchen, was die Rabbinen, die Stellvertreter des Propheten, über diesen Gegenstand dachten. Mcht als ob die Ansichten des Verfassers der „Weisheit Salvmonis", Philo's, Ariftobul's und vieler Anderer der jüdisch-alexandrinischen Schule sür uns kein Interesse hätten. Doch war ihr Einfluß auf das Judenthum gewisserinaßen blos ein vorübergehender und wurden ihre Lehren niemals in der Synagoge richtunggebend. Wir müssen uns hier nur auf Jene beschränken, die selbst nach dem Zeugnisse ihrer bittersten Feinde den Stuhl Mosis eiunahmen. Die Nachsolger der Propheten hatten es mit neuen Umständen zu thun, und daher wurden ihre Lehren den Bedürfnissen der Zeit angepaßt. Als das Ergebniß mannigfacher fremder Einflüsse war die sichtbare Thatsache der Existenz Gottes, wie sie in der Bibel erkennbar, etwas verdunkelt worden. Das Prophetenthum erlosch und seine Stelle wurde von dem heiligen Geiste eingenommen, der nur wenigen Auserwählten zu Theil wurde. Sein Einfluß wurde später auf das Hören einer Stimme aus dem Himmel herabgesetzt, die noch Wenigeren vernehmlich war. Doch hatten andererseits die Rabbinen den Bortheil, daß es ihnen nicht, wie ihren Vorgängern, den Propheten, auferlegt war, gegen Götzendienerei ankämpfen zu müssen. Die üble Steigung, Götzen anzubeten, war tvie der Talmud es allegorisch ansdrückt, durch die Männer der Großen Synagoge getödtet, oder, wie wir sagen würden, durch die Leiden der babylonischen Gefangenschaft niedergeschlagen worden. Dieser Wechsel der Umstände wird aus folgender Thatsache ersichtlich: Während die Propheten meist den Götzendienst als die Ursache aller Versündigung ansahen, sind die Rabbinen stark geneigt, das Sündigen einer Unvollkommenheit im Glauben oder einem gänzlichen Mangel desselben von Seite des Sünders zuzuschreiben. Sie lehren, daß Adam nicht gesündigt haben würde, hätte er nicht vorher „die Wurzel von Allem" (oder das Hauptprincip), den Glauben an die Allgegenwart Gottes nämlich, geleugnet. Von Kain sagen die Rabbinen, er habe, ehe er seinen Bruder ermordete, erklärt: „Es gibt keinen Tag des Gerichtes, denn es gibt keinen Richter, es gibt keine künftige Welt und so gibt es auch keinen Lohn für den Gerechten und keine Strafe für den Bösewicht."-) An einer anderen Stelle lesen wir, daß das Begehen einer Sünde im Geheimen ein grobthörichter Versuch ist, Gott aus der Welt zu schaffen. Wenn so Unglaube als die Wurzel allen Uebels betrachtet wird, so darf von dem Gegentheile, dein vollkommenen Glauben, erwartet werden, daß er in den höchsten Lobpreisungen gerühmt wird. So lesen wir: Der Glaube ist so groß, daß, der ihn besitzt, ein würdiges Gefäß des heiligen Geistes zu werden hoffen darf, oder, wie wir uns ausdrücken würden, hoffen darf, durch diese Fähigkeit den höchsten Grad der Gemeinsamkeit mit seinem Schöpfer zu erlangen. Der Patriarch ') Laba bathra 14 b; vergl. Fürst's Canon pag. 15. 2) S. Sanhedin 38 b. und Pseudo-Jonathan zu Gen. 4, 8, Abraham wurde trotz all' seiner anderen Vorzüge allein durch das Verdienst seines starken Glaubens „der Besitzer beider Welten". Ja sogar die Erfüllung eines einzigen Gesetzes, wenn von wahrem Glauben begleitet, genügt den Rabbiney zufolge, um den Menschen Gott nahe zu bringen. Und so hängt, auch die künftige Erlösung von dem Grade des Glaubens ab, den Israel bewährt.') Es ist oft gefragt worden, was die Rabbinen von einem Manne gedacht haben würden, der alle Gebote der Thora erfüllt, jeboch nicht glaubt, daß diese Thora von Gott gegeben wurde, oder gar, daß ein Gott überhaupt existire. Es ist in der That sehr schwer, diese Frage mit einigem Grade von Gewißheit zu beantworten. In der Zeit der Rabbinen war das Volk für eine so diplomatische Religion noch zu harmlos und Gleichthuerei im modernen Sinne war noch etwas ganz Unbekanntes. Nach den früheren Bemerkungen jedoch möchte es scheinen, daß die Rabbinen eine solche Monstrosität wie atheistische Orthodoxie nicht fassen konnten, denn, wie wir gesehen haben, dachten die Rabbinen, daß Unglaube uothwendig in Sündeil endet, indeß der Glaube der Quell alles Guten ist; sie würden in dem eben angenommenen Falle daher entweder die Orthodoxie dieses Mannes beargwöhnt oder in Abrede gestellt haben, daß seine Ansichten wirklich so seien, wie er sie darstellte. Noch wichtiger als die oben citirten agadischen Stellen ist eine, die wir im Begriffe sind aus dem Tractate Sanhedrin zu citiren. Dieser Tractat handelt von der Verfassung des obersten Gerichtshofes, vom Zeugenverhör, von den Amtsgeschästen der Richter und den verschiedentlichen Strafausmaßen für Gesetzesüberschreitungen. Nachdem unterschiedliche Arten von Todesstrafe aufgezählt wurden, fährt die Mischnah hinzufügend fort: „Dies sind die Leute, die vom zukünftigen Leben ausgeschlossen sind: Der, der da sagt, es gibt keine Auferstehung vom Tode; der, da sagt, es gibt keine Thora vom Himmel, und der Epikureer.-) Diese Stelle galt bei den Rabbinen des Mittelalters sowohl als bei den neueren Gelehrten für den loeus classicus in Bezug auf die Dogmenfrage. Es gibt in der rabbinischen Literatur viele Stellen, die den Menschen wegen dieser oder jener Sünde vom Jenseits ausschließen. Diese sind jedoch mehr oder weniger agadischen (legendarischen) Charakters und daher nicht frei von Uebertreibungen oder Hyperbeln, weshalb sie als ernste Gesetzesaussprüche oder als die allgemeine Meinung der Rabbinen nicht in Betracht gezogen werden können. Die Mischnah in Sanhedrin jedoch hat, wenn auch nur in Folge ihres Vorhandenseins in einem Gesetzestractat, einen gewissen halachischen (obligatorischen) Charakter. Und die Thatsache, daß eine so frühe Autorität wie Rabbi Akiba Zusätze zu ihr machte, verbürgt ihr hohes Alterthum. Die ersten zwei Sätze dieser Mischnah sind klar genug. Modern ausgedrückt und positiv sprechend, stellen sie so viel als Glaubensartikel über Wiederauferstehung und Offenbarung dar. Große Schwierigkeit für die Erklärung bietet jedoch der Sinn des Wortes „Epikurs". Die Autoritäten des Mittelalters, auf die ich wiederholt zu verweisen haben werde, definiren ihn als einen Mann, der den Glauben an Lohn und Strafe leugnet; Andere identificiren ihn mit einem solchen, der den Glauben an eine Vorsehung leugnet, indeß wieder Andere den Epikurus für einen Solchen halten, der die Tradition leugnet. Doch lassen die Parallelstellen, in denen dieses Wort vorkommt, vielmehr denken, daß es keine Bezeichnung einer Art von Ketzerei sein kann. Eher läßt es sich auf ein leichtfertiges Umgehen mit den Worten der Schrift oder Tradition anwenden. Im Falle der letzteren (der Tradition) wird nicht die ehrliche Meinungsdifferenz verurtheilt, denn die Rabbinen selber wichen gar häufig von einander ab, und selbst mittelalterliche Autoritäten fühlten keine Gewissensbisse, die Schrift in anderer Weise als die rabbinischen Erklärungen zu deuten, und verstiegen sich sogar so weit, die Ansicht dieser oder jener großen Autorität als eine vereinzelt dastehende, nicht weiter zu berücksichtigende Meinung hinzustellen. Getadelt wurde, wie schon gesagt, nur die Irreligiosität und die Spottsucht. Wir können daher getrost behaupten, daß Ehrfurcht für die Lehrer Israels das dritte Hauptprincip des Judenthums bildete?) - (Fortsetzung folgt.) J) Mechilta 33, b. -) lat. Epikurus. 3) S. Mischna Sanhedrin X. § 1, und Talmud 90 a und b., und Rabbinowitz variae lectiones IX, pag. 247 in den Noten. Neben den gewöhnlichen Commentaren zum Talmud müssen auch die Bemerkungen von Crescas, Duran, Albo und Abarbanel über diesen Gegenstand berücksichtigt werde». Vgl. auch Kämpf in der Monatsschrift 1663, pag. 144 kk.; Oppenheim ibid. 1864, pag. 144; Friedmann im Beth Talmud pag. 210 ff. S. auch die talmudischen Wörterbücher s.v. OlNIp'srr. Die von mir angenommene Erklärung stimmt zum Theile mitFriedmanns und zum TheilemitOppenheims Ansichten überein.