Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Vloch's Wochenschrift Seite 773 irr sein System nicht hineinpaßt, nicht mir dem kritischen Geiste des Geschichtsschreibers. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß durch die Vernachlässigung dieses Gegenstandes viele Verwirrung entstanden ist. Besonders ist dies in England, welches ganz eigentlich ein theologisches Land ist und wo man nicht leicht über Dinge, die das heiligste Interesse und das höchste Heil angehen, zu forschen nachläßt, bemerkbar, wie denn auch unsere Hervorbringungen in jüdischer Theologie im Vergleiche zu denen in allen anderen Zweigen der jüdischen Wissenschaft, die hier nur sehr schwach vertreten sind, verhältnißmäßig reich sind. Wir besitzen einen Ueberfluß an Essays über so heikle Gegenstände, wie ewige Strafen, Unsterblichkeit der Seele, Tag des Gerichtes u. s. w. und viele Abhandlungen über den Begriff des Judenthums. Doch da wir von den letzten Fortschritten in der jüdischen Theologie, von den vielen Protesten gegen allerlei in unserem Jahrhundert oder in älteren Zeiten zum Canon erhobenen Arten von Unfehlbarkeit wenig oder nichts wissen, so behaupten wir immer noch in England, daß das Judenthum keine Dogmen habe, als ob niemals Etwas für das Gegentheil gesagt worden wäre, suchen die Grundlage des Judenthums in der politischen Oekonomie, in der Hygiene, in Allem, nur nicht, was Religion ist, messen, der Mode des Tages folgend, den Werth der Religion nach ihrer Fähigkeit ab, sich jedem möglichen und unmöglichen System anzupassen, suchen ängstlich aus dem Judenthum den letzten Tropfen von Glauben und Hoffnung auszupressen und streben es so biegsam zu machen, daß wir es überallhin drehen und wenden können, wie wir es brauchen. Aber ach! Die Biegsamkeit ist bereits so fortgeschritten, daß wir das Judenthnm unter die Speeies der Jnvertebrata (Wirbellosen), der niedrigsten Ordnung der Lebewesen einordnen können. Schon hat es eine starke Aehnlichkeit mit einer gewissen christlichen Schule, die sich an alle Welt wendet und Jedem gleich zu genügen vorgibt. Den Anhängern Karl Marx' und Lassalle's will es Svcialismus, den Bekennern Comte's und St. Simon's Menschencnltus sein; dem Worte „Gott" geht es sorgfältig aus dem Wege, den Agnostikern und Skeptikern zum Tröste, behauptet aber andererseits das Scepter über Paradies, Unsterblichkeit und Hölle zu führen, zur Erbauung der Frommen und Gläubigen. In solchen Illusionen gefallen sich viele unserer Theologen; denn Illusionen sind es ja, da mau nicht Alles sein kann, wenn man eben Etwas sein will. Sind Illusionen an sich jedoch schon schlecht genug, wie viel schlechter ist das, was daraus droht! Das Judenthum, jedes höheren religiösen Motivs beraubt, läuft Gefahr, zum gröbsten Materialismus herabzusinken. Kann es betnt etwas anderes heißen, wenn erklärt wird: „Glaube, was Du willst, nur setze Dich mit dieser oder jener Lebensweise in Uebereinstimmung", oder wenn gesagt wird: „Wir können nicht erwarten, daß Du glaubest, die Dinge, die man Dich thun heißt, gehen auf höhere Autorität zurück, ein Glaube existirt nicht, sollst Du die Dinge nur thun, weil sie auf Verabredung beruhen oder weil es Dein eigener Bortheil heischt?" Aber keines dieser beiden Motive — die gute Meinung unserer Mitbürger oder unser leibliches Wohl — hat Etwas mit unseren höheren und edleren Empfindungen zu schaffen auch wird das Judenthum durch sie zu einem Gegenstände der Schicklichkeit oder politischen Klugheit erniedrigt. Ist es doch schon so weit gekommen, daß wohlmeinende, aber übelberathene Schriftsteller dem Judenthum einen Dienst zu erweisen glauben, wenn sie erklären, daß es eine Art erleuchteten Hedonismus oder gemäßigten Epikureismus sei. Ich habe nicht die Absicht, hier die Frage zu beantworten: „Was ist das Judenthum?" Diese Frage ist nicht weniger verwirrend als das Problem: „Was ist Gottes Welt?" Das Judenthum ist ebenfalls ein großes Unbestimmtes, aus ebenso vielen unendlichen Einheiten, den Juden, zusammengesetzt. Und diese Judeneinheiten waren und sind in der ganzen Welt zerstreut, einer Unendlichkeit von Einflüssen, guten und bösen, ausgesetzt. Können wir nun, wenn dem so ist, das Unendliche, genannt Judenthum, genau definiren? Wenn jedoch Etwas sicher ist, so ist es das Eine, daß die höchsten Motive, die für die Geschichte des Judenthums hindurch thätig waren, der starke Glaube an Gott und die unerschütterliche Zuversicht sind, daß am Ende dieser Gott Israels, der Gott der ganzen Welt sein wird; oder mit anderen Worten, Glaube und Hoffnung sind die hervorragendsten Merkmale des Judenthnms. - _ Auf den folgenden Seiten werde ich kurz zu berichten versuchen, wie diese zwei Principien des Judenthums von den ältesten Zeiten bis hinab zum Zeitalter Mendelssohn's zum Ausdruck kamen; das heißt eine Skizze der Geschichte der jüdischen Dogmen zu entwerfen trachten. Zuvor jedoch einige Bemerkungen über das Verhältniß der Bibel und des Talmuds zu unserem Gegenstände. Ungenügend und arm, wie sie nach Maßgabe der Wichtigkeit dieser zwei Fundamenraldoeumente des Judenryums sein mögen, dürften diese Bemerkungen nichtsdestoweniger ein verbindendes Glied zwischen den Lehren des jüdischen Altertbums und denen des Maimonides und seiner Nachfolger an die Hand geben. Ich beginne mit den heiligen Schriften. Die Bibel selber enthält raum ein Gebot, das uns befiehlt, zu glauben; z. B. au die Existenz Gottes zu glauben, kann schwerlich als ein biblisches Gebot gelten. Ich sage schwerlich, obwohl ich durchaus nicht leugne, daß ein Gebot wie dieses vorhanden ist. Freilich drückt es die Schrift nicht gerade so aus, als wie folgt: „Ich gebiete Euch, an Gottes Dasein zu glauben"; auch wird nicht eine Strafe bezeichnet, die Denjenigen erwartet, der es leugnet. Trotz dieser Thatsacheu aber sinder dennoch eine ganze Reihe jüdischer Autoritäten — darunter so bedeutende Männer, wie Maimonides, Rabbi Jehubah Halevy, Rachmanides — in den ersten Worten des Dekalvgs „Ich bin der Herr. Dein Gott" das Gebot des Glaubens an Seine Existenz enthalten. ') Sei dem, wie es wolle, so kann dennoch nicht der Schatten eines Zweifels vorhanden fein, daß die Bibel, in der jedes Gebot von Gott eingegeben ist, und in der alle ihre Heldengestalten die Diener, Freunde oder Boten Gottes find, bei dem Einzelnen, dem jene Gesetze gelehrt und diese Heldeil nahegebracht werden, einen solchen Glauben voraussetzr. Ja ich glaube, daß das Wort „Glaube" hier nicht einmal entsprechend gewählt ist. Jrc einer Welt mit so vielen sichtbaren und unsichtbaren Ursachen, wie Leben und Tod, Wachsthum und Vergehen, Licht und Finfterniß; in einer Welt, wo die Sonne ans- und untergeht, die Sterne nach festen Regeln geordnet erscheinen, wo Regen vom Himmel herniederströmt, häufig von so großartigen Erscheinungen wie Blitz und Donner begleitet: in einer Welt voll derartiger Wunder, die zumal noch von all den modernen wahren oder falschen Erklärungen der heutigen Wissenschaft keine Ahnung hat, — wer außer Gott steht hinter all diesen Dingen? „Sind Dir", ftagt Gott, die Pforten des Todes aufgeschlossen worden? Oder hast Du die Thore der Todesnacht gesehen? Wo weilt das Licht? Und wo ist der Ort der Finsterniß? Hat der Regen einen Vater? Wer erzeugt des Thanes Tropfen? Kannst Du die süßen Wirkungen der Plejaden binden oder die Fesseln des Orion lockern? Kannst Du Blitze entsenden, daß sie dahinfliegen und zu Dir sprechen: Hier sind wir?" (.tob. XXXVlli.) Von all' diesen Wundern tvar Gott nicht nur die erste Ursache, sie waren das Resultat seines unmittelbaren Handelns, aus keinen dazwischenliegenden Ursachen hervorgehend. Und es ist ebenso unsinnig, zu sagen, daß die alte Welt an Gott glaubte, als die Behauptung eines künftigen Historikers es wäre, das neunzehnte Jahrhundert habe an die Wirkungen der Elektrirität geglaubt. Wir sehe n sie und so s a h das Alterthum Gott. War eine Gefahr vorhanden, so lag sie nicht in der Leugnung der Existenz eines Gottes, sondern in einem falschen Glauben, in dem man befangen war. Ter Glaube an ebensoviele Götter, als Manifestationen in der Natur vorhanden sind, die Beilegung falscher Attribute für dieselben, das Mißverständniß der Beziehungen Gottes zu den Menschen führen zur Unmoral. So ist der größte Theil der Gesetze und Lehren der Bibel entweder gegen den Polytheismus gerichtet mit all' seinen niederen Vorstellungen von Gott oder vielniehr Göttern oder bestimmt, die Beziehungen Gottes zu den Menschen zu regeln. Der Mensch ist ein Diener Gottes, sein Prophet oder gar sein Freund. Diese Beziehungen jedoch sind nur von dem Verhalten des Menschen bedingt. Ja, alle Handlungen des Menschen sind genau durch Gott geregelt und mit seiner Heiligkeit verknüpft. Das 19. Capitel Leviticus, von den Rabbinern als derjenige Theil des Gesetzes betrachtet, in dem die wichtigsten Artikel der Thora enthalten sind, trägt bezeichnender Weise die Worte an der Spitze: „Ihr sollt heilig sein dem Herrn, denn ich, der Herr, Euer Gott, bin heilig." Und so ist jedes Gesetz, das wir hier antreffen, sogar jene Vorschriften, die unser Verhalten gegeneinander zum Gegenstände haben, nicht auf Gründe der Nützlichkeit basirt, sondern darum verordnet, weil das Gegentheil davon die Heiligkeit Gottes verletzen und seine Geschöpfe entweihen würde, von denen er wünschte, daß sie so heilig seien, als er.-') Z S. die Commentarien über Maimonides Sepher Hamizwoth 011LVN N22), besonders R. Siveon Daran ypT! TW; sind auch alte und neue Commenlare über Erod. 20, 2. f 2) S. Siphra (ed. Weiß) pag. 86 b., 93 b.