Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 772 Dr. Vlorh's Wochenfchrist. Nr. 39 Abfatzqucllen entstehen, werden die Orangen, der Weinstock, die Oliven- und Mandelbäume, dazu etwas Getreide, wahrscheinlich noch auf lange Zeit die Haupthilfsquellen des Ackerbaues iit unserer Gegend bleiben. Beholzungen. Wenn es eine interessante Arbeit gibt, so ist dies zweifelsohne die Beholzung eines Steinbruchs. Stellen Sie sich eine ungeheuere Schlucht vor, die alles Mögliche aufweist, welche den Omelikennestern, den Schlangen und den Schakalen zum dlufenthalte dient, den Anblick unserer Weinberge entstellt und sich wie ein häßlicher Fleck inmitten unserer Culturen ausnahm; diese Schlucht nun, dieser Steinbruch ist zu einer malerischen Anpflanzung umgewandelt worden. Wir haben daselbst Cedrabäume, Pinien, Eukalyptusbäume angepflanzt und das Ganze mit einer Tuyhecke umgeben. Wie man sieht, ist die Anpflanzung dieses Steinbruches keine Luxusarbeit; wir finden in den Cedrabäumen eine neue Geldquelle, ohne dabei in Betracht zu ziehen, daß wir für unsere Lehrlinge während der ungünstigen Jahreszeit Arbeit schaffen konnten. Diese Bodenverbesserung mit der gewohnten Beackerung und der Pflege, die wir allen unseren Beholzungsarbeiten zuwenden, hat nahezu 1000 Francs gekostet. Keller. Der Auffchwung des Weinverkaufes ist in diesem Jahre ein ganz besonderer. Der Verkauf beläuft sich im Durchschnitt auf mehr als 2800 Francs monatlich, also auf 70 Hektoliter, während wir im vorigen Jahre kaum 40 Hektoliter absetzten. Thatsächlich werden unsere Weine täglich mehr geschätzt und die Qualität unserer Producte kann es mit der größten Concurrenz aufnehmen. Hier entsteht nun eine nüchtige Frage: Wird unser Weinhandel sich noch lange entwickeln bei den: steten Wachschum der palästinensischen Weinberge der jüdischen Colonien, die sich auf den Bau von Weinen aller Arten und Qualitäten einrichten, und ist es ein Vortheil für uns,' unsere Weinberge noch zu erweitern? Vor Ablauf von zwei bis drei Jahren wird man sich nicht darüber aussprechen können, ob unser Wein sich lange mit derselben Leichtigkeit und demselben Nutzen wird verkaufen lassen, und zwar bis die Colonien S i ch r o n I a a c o b, Rechob o t h und R i s ch o n l'Z i o n ihre ungeheueren Weinvorräthe in den Handel gebracht und die verschiedenen jüdischen Weingärten zu tragen begonnen haben. Was die Ausdehnung unserer Weinberge betrifft, so kann dieselbe nur befürwortet werden. Die einzige Schattenseite der neuen Gründungen könnte allein in einer Verlangsamung des Absatzes bestehen, was uns aber trotzdem nicht davon abhalten darf. Wenn die Zukunft des Weinbaues in Palästina einer Krisis entgegengeht, so werden wir sie in jedem Falle durchmachen müssen, wenigstens was unseren Bestand an Reben und Wein betrifft. Nehmen wir den kritischesten Augenblick an, eine Periode, in der wir gezwungen wären, unseren Wein mit 15 Francs per Hektoliter zu verkaufen, also zur Hälfte des heutigen Preises, so würde der Ertrag eines Hektars Weinland noch immer 250 Francs ergeben (ein Hektar bringt uns jetzt etwa 500 Francs jährlich). Wäre denn 250 Francs ein zu verachtender Ertrag, da wir Boden im Ueberfluß besitzen und Einrichtungen, die für nahezu 2000 Hektoliter genügen? Der Weinbau wäre damr immer noch dem Ackerbau und der Milchwirthschaft vorzuziehen. Ställe. Wenn wir den Werth des Rindviehes im Inventar, der sich auf Francs 1616*10 beläuft, berechnen, so müssen wir gleich zum Unterhalt derselben während des vergangenen Semesters eine Ausgabe von Francs 974*10 hinzufügen, gegenüber einer Einnahme von Francs 669*45. Unser Kuhstall weist also zur Stunde ein Deficit von Francs 304*65 auf. Dieses Resultat läßt sich leicht dadurch erklären, daß unser Rindvieh nur aus Kühen des Inlandes besteht, eine Zwergrace, die sehr wenig Milch ergibt und sich nicht zu Kreuzungen eignet, aber dagegen viel frißt, wenig Dünger und geringwerthigen Nachwuchs ergibt. Das Vorhandensein von Rindvieh ist von ünbestreitbarem Werthe für „Mikweh Jisrael", so daß man sagen könnte, daß das Rindvieh, wie wir es jetzt besitzen, ein nöthiges Uebel ist; wir bedürfen durchaus des Düngers, den unsere Culturen unausgesetzt fordern. Wir werden dem Uebel erst abhelfen können, wenn oie Rinderpest vollständig aus der Gegend geschwunden sein wird. Alsdann werden wir versuchen, eine gutgewählte Heerde von Neuem zusammenzusetzen. Die Dogmen im Iudenthum. Aus S. Schechter's „Siudics in Judaism", London, A. & (5. Black, 1896, übersetzt von Ignaz Kaufmann, Kojetein. Der Zweck, den ich mit diesem Aufsatze verfolge, ist der, über die Dogmen des Judenthums ein Wort zu sagen, das, wie ich denke, nicht unausgesprochen bleiben darf. Wenn ich von Dogmen rede, so kann es nur in dem Sinne geschehen, daß ihnen vom Standpunkte des Judenthums feilt Heilsvermögen an sich zukömmt. Der Glaube an ein Dogma oder einen Lehrsatz ohne Mitverpflichtung für all das, was wirklich oder angeblich daraus folgt (wie z. B. der Glaube an die Oratio ex nihilo ohne Sabbathhaltung) ist werthlos. Auch ist die Frage hier nicht, ob gewisse Lehren für gewisse seelische Leiden die gewünschte Zauberkraft besitzen oder nicht, sondern ob sie als dem Judenthum charakteristisch angesehen werden können oder nicht. Es muß jedoch vorausgeschickt werden, daß eine verhältnißmäßig lange Zeit der Gegenstand, der das Denken der größten und edelsten Geister des Judenthums im Laufe so vieler Jahrhunderte beschäftigte, brach liegen gelassen wurde, und dies aus verschiedenen Ursachen. Zuvörderst war es die Majorität der neueren jüdischen Theologen, die Mendelssohn's wirkliche oder angebliche Behauptung in dessen Jerusalem, daß das Iudenthum keine Dogmen habe, als das einzige Dogma des Letzteren aunahmen. Von Dutzenden jüdischer Kanzeln kann man es verkiindet hören, in Dutzenden jüdischer Bücher es geschrieben lesen. Zuzulaffen, daß Mendelssohn sich geirrt haben konnte, hätten insbesondere Jene kaum gestattet, bei denen er eine Art Unfehlbarkeit genoß. War doch sogar die Thatsache, daß er selbst mit seiner Theorie im Widerspruch sich befand und gelegentlich an anderen Stellen erklärte, das Iudenthum besitze Dogmen, nur seien sie reiner und der Vernunft zusagender als die anderer Religionen, und des Weiteren die noch wichtigere Thatsache, daß ein von Mendelssohn herausgegebenes Schulbuch für Kinder auch die sogenannten 13 Artikel enthielt, blos, daß statt der Formel: „Ich glaube" von ihm snbstituirt wurde: „Es ist meine Ueberzeugung" — waren doch so offenbare Thatsachen sogar nicht inl Stande, auf viele unserer modernen Theologen Eindruck zu machen?) Entweder übersahen sie die Thatsache oder commentirten sie auf eine Art und Weise hinweg, daß sie dem Dogma der Dogmenlosigkeit nicht entgegen waren. Denn zur Unfehlbarkeit gehört ja auch das Eine, daß der glückliche Besitzer derselben sich' nie widersprechen kann, daß immer seine Aussagen sich in Uebereinstimmung bringen lassen, mögen sie dem Ungläubigen als noch so crasse Gegensätze erscheinen. Eine andere Ursache für den Verfall, in den dieser Gegenstand gerathen war, ist die, daß unser Jahrhundert ein historisches ist. Nicht nur Bücher, auch ganze Disciplinen und Literaturen haben ihre Schicksale. In der Vergangenheit war die religiöse Forschung das Liebliugsfach der Gelehrten, in unserem Jahrhundert ist es die Geschichte mit ihrer kritischen Grundlage auf gesunder Philologie. Da nun diese beiden so wichtigen Zweige jüdischer Wissenschaft so lange vernachlässigt, vielleicht im wahren Sinne des Wortes niemals überhaupt gepflegt waren und die jüdische Literatur so ausgedehnt und die jüdische Geschichte so weitreichend und ereignißreich ist, kann es uns da wundern, daß die Zeit und die Mühe der größten und besten jüdischen Schriftsteller dieses Jahrhunderts ganz von diesen Studien absorbirt war? Ueberdies besitzt die - Geschichtsforschung im Allgemeinen gegen rein theologische Untersuchungen eine gewisse natürliche Feindseligkeit. Der Geschichtsschreiber hat es mit dem Wirklichen, der Theologe mit dem Abstracten zu thun. Dieser möchte nach seinem Systeme das All gestalten und erzählt uns, wie die Dinge sich verhalten sollten, während Jener uns lehrt, wie sich die Dinge verhalten oder verhalten haben, oder durch seine Darstellung zu rechtfertigen sucht, warum sie gerade so und nicht anders sein konnten. Auch verträgt sich, von dem odium theolosricum abgesehen, das dem Historiker schon wegen des vielen Unheils, das es schon angerichtet hat, verhaßt ist, das oberflächliche Raisonniren des Theologen, womit er Alles zu erklären sucht, was i) S. Jerusalem in Mendelssohn's sämmtlichen Werken, Wien, 1838, besonders von pag. 264 an, und den von ihm in Frank-Grätz Monatschrift 1859 pag. 173 veröffentlichten Brief, lieber Mendelsohn's Stellung 1. Grätz Gesch. 86, ff. besonders pag. 88 und Anmerkung 1, Kaiserling Leben und Werke Mendelssohn's. 2. Ausgabe pag. 394. Steinbeim Moses Mendelssohn (Berlin 1859) pag. 18 ff-, Leopold Löw's Brochure Indische Dogmen (Pest 1871).