Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Vloch's Wochrnpärrist. Seite 769 die wesentlichsten, vermöge bereit die (Jaitbibahtreit zu benrtheilen und unsere Stimmen zn ertheilen wären. Ich unterziehe nunmehr diese meine unmaßgeblichen Anschauungen Ihrer Berathung und Beschlußfassung mit dem concreten Anträge, die geehrte Versammlung wolle den Vorstand des Politischen Volksvereines ermächtigen und beauftragen, behufs Mitwirkung in der Wahlbewegung unter Heranziehung der weiten Kreise der Wählerschaft ein W a h l c o m i t e zu bilden, welches auf Grund Ihrer Beschlüsse über die von mir erörterten Punkte, dieselben abändernd oder erweiternd, einen Wahlaufruf zu erlassen und die weitere Wahlaction zu leiten hätte. Für diese Wahlaction bezeichne ich die Ermittlung der geeigneten Candidaten als eine hervorragende Aufgabe, da es für das Gelingen von großer Wichtigkeit ist, Personen, die selbst nicht hervortreten, geradezu zu dem Amte zn berufen, weil nur die Besten gut genug sind, das Vertrauen der Wählerschaft zn besitzen (Beifall.) Ich kann nicht genug betonen, daß es auf Jahre hinaus für das Gedeihen unseres Gemeinwesens von Wichtigkeit ist, welchen Persönlichkeiten wir diesmal unser Vertrauen.zuwenden und wen wir zur Verwaltung unserer jüdischen Großcommune berufen. Bedeutsamer als alle anderen politischen Wahlen erscheinen mir diesmal diese n n s e r e Wahlen. Hier ist ein Gebiet, welches wir beherrschen, für welches wir verantwortlich sind; hier stehen uns keine Feinde gegenüber, hier sind wir keine bedrückte Minorität, — schaffen wir uns also durch Wachsamkeit und Einmüthigkeit eine Repräsentanz, die nicht nur die Interessen unserer Gemeinde, sondern auch jene der Jndenschaft zn vertreten und zu wahren als ihre Pflicht, als ihre höchste Ehre erkennt und empfindet (Lebhafter Beifall), welche durch offenes, mannhaftes Auftreten auch unseren Feinden Achtung und Anerkennung abnöthigt und nach und nach dazu beitragen wird, die Ehre, das Ansehen und die Würde des Jndenthums nach Außen wieder herzustellen und uns unsere berechtigte Stellung im staatlichen, wie im gesellschaftlichen Leben wiederzugewinnen. Unter diesem Zeichen schreiten Sie zur Berathung und dann zur Wahl, die Ihnen gelingen möge zur Ehre des Jndenthums, zum Heile unserer ehrwürdigen Gemeinde! (Stürmischer, lang anhaltender Beifall und Händeklatschen; der Redner wird von allen Seiten beglückwünscht.) Ulles gerettet! 'Natürlich das Kleingewerbe voran! Sie Alle, Alle haben es nothwendig. Aber der kleine Mann schon gar. Dem muß auf die Beine geholfen werden, die vom vielen Freibier der Wählerversammlungen gar bedenklich wackeln. Dazu gehört nicht viel Einsicht. Gevatter Scharlanter, um den Anzengruber'schen Typus beizubehalten, erhebt in erster Linie daraus Anspruch, von unseren antisemitischen Stadtvätern geatzt zu werden. Und es ist sein gutes Recht. Erinnern wir uns nur, wie viel blaue Montage — es durften zur Noth auch andere Wochentage sein —, wie viel in der Wirthsfpelnnke verlotterte Arbeitsstunden, wie viel versäumte Arbeitsgelegenheit, wie viel nicht ausgeführte Aufträge nothwendig waren, bis die stattliche Antisemitenmajorität im Rathhause zusammentreten konnte. Ja, der kleine Mann hat seinen Rücken als Postament hergegeben für die Ruhmesstatuen der Luegers und der Strobachs. Er hat bereitwillig zu arbeiten aufgehört, als man ihm zur Evidenz nachwies, daß das Arbeiten ohnehin für die jüdische Katz' sei und daß der Gewerbestand vor Allem gerettet werden müsse. Jetzt beginnt die Rettungsarbeit. Zwar geht sie langsam und bedächtig vor sich, und näher besehen, nimmt sich das Retten und Gerettetwerden sehr eigenthümlich aus. Aber man muß sich an Alles gewöhnen, auch an das Gerettetwerdeu. Auch d«r Kleingewerbetreibende wird sich daran gewöhnen, mindestens ebensogut, wie der berühmte Schimmel, der auf das Fasten dressirt wurde und sich vollständig daran gewöhnt hatte, als er — vor Entkräftung starb. Von den jüdischen Feinden und Bedrohern des Kleingewerbes hat Einer im Gemeinderath eine interessante Interpellation gestellt. Gemeinderath Zifferer hatte angefragt, wie es komme, daß nach der Offertausschreibung durch den Magistrat die Arbeiten bei der Wienslußregulirung im Betrage von 4,120.000 fl. an einen einzigen Unternehmer vergeben werden sollen, während sich der Gemeinderath wiederholt dahin ausgesprochen habe, daß bei Vergebung städtischer Arbeiten möglichst kleinere Unternehmungen berücksichtigt werden sollen. Die Offertausschreibung für Einen Unternehmer sei um so sonderbarer, als mit den Erd- und Maurerarbeiten auch Pflasterungen, Steinmetzarbeiten, Zimmermannsarbeiten, Schlosserarbeilen und Thonwaarenlieferungen verbunden seien, die doch um so leichter an die Gewerbsleute übertragen werden könnten. Diese Interpellation, die augenscheinlich dem großkapitalistischen Sinne entsprungen ist «nd von den Jntereffen des Judenthums dictirt wird, hat die entsprechende Beantwortung gefunden. Gemeinderath Z ifse rer wurde dessen belehrt, daß er von unseren Kleingewerbetreibenden eine viel zu gute Ansicht habe. Es wurde ihm haarklein nachgewiesen, daß er sich aus dem Hohlwege befinde, wenn er etwa glaube, daß unsere Kleingewerbetreibenden leistungsfähig wären, wie völlig falsch sein Optimismus sei, der von unseren ..kleinen Männern" die nothwendige Raschheit und Pünktlichkeit der Lieferungen erwarte. Und diese Belehrung kam von höchst zuständiger Seite, sie erklang aus dem Munde eines Mannes, der seine Wähler, seine Getreuen, seine antisemitischen Kleingewerbetreibenden gründlich und genügend kennt, der über ihren Werth und Unwerth gewiß trefflich unterrichtet ist. Herr Dr. Carl Lueger höchstpersönlich war es, der in offener Gemeinderathssitzung eine Lanze brach für das vielgeschmähte Unternehmerthum, der im Vollbewußtsein der einmal errungenen Macht sich kein Blatt vor den Mund nahm und mit brutaler Rücksichtslosigkeit die Schönheitspflästerchen herunterriß, die er und Seinesgleichen in Hunderten von Wählerversammlungen dem hilfsbedürftigen Kleingewerbe ins Antlitz geklebt hat. Jetzt wissen wir genau und aus guter Quelle, was der Wiener Kleingewerbetreibende werth ist. Er ist nur zu Einem gut, er taugt nur zu Einem, zum Gerettetwerden. Zur Arbeit nicht! Gott behüte! Man treibt sich nicht ungestraft jahrelang in Wählerversammlungen herum. Mit wüsten Agitationen ersetzt man keine Sach- und Fachkenntniß, der schönste Befähigungsnachweis im Schimpfgewerbe macht Einen nicht tauglich, an den Arbeiten bei der Wienfluß-Regulirung theilzunehmen. Das schließt Alles nicht aus, daß der Kleingewerbetreibende „gerettet" werden muß. Aber wer behauptet denn, daß diese Rettung in der Arbeitszuweisung besteht. Auf solche Weise wollen diese Kleingewerbekreibenden nicht einmal gerettet werden. Nie und nimmermehr! Für solche Rettung bedanken wir uns. Hätten wir ehrlich arbeiten wollen» so Hütten wir ja keinen antisemitischen Gemeinderath gebraucht. Und der wiederum braucht uns zu Allem eher, als zur ehrlichen Arbeit. Die Herren im Rathhaus sollen uns wackeren Kleingewerbetreibenden nur mit solchen jüdischen Zumuthungen kommen; wir würden's Ihnen schon zeigen! Nein, Nein, für'n kleinen Mann muß was geschehen, der „kleine Mann", unser „kleiner Mann", will und kann nicht arbeiten, der muß — „gerettet" werden. Blutige Aussauger. Es ist heute schwer möglich, eines jener Feste zu veranstalten, bei dem der Reichthum sich im Dienste der Armuth vergnügt. Wir denken an die farbenreichen Veranstaltungen vergangener Jahre, als sich in in den Prateralleen ein reges, farbenreiches Leben entwickelte die blumengeschmückten Wagen durch ein tausendköpstges Spalier Neugieriger und Schaulustiger fuhren. Bei mittelalterlichen Festen war es Sitte, daß Gold unter die Menge geworfen wurde, damit auch die Armen und die Unglücklichen, die Besitzlosen und die Enterbten des Schicksals Grund hätten, mitzujubeln, sich mitzufreuen. Bon dieser Sitte ist man heutzutage abgekommen und nur bildlich ist der Ausdruck zu verstehen, daß derlei Feste Geld unter die Leute bringen. Und von derlei Festen wiederum hat man Abstand genommen, weil bei uns zu Hause die fahlen Gestalten des Neides, der Mißgunst und der Scheelsucht sich im Spalier vordrängen.