Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 768 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 39 4. dafür einzustehen erklären, dass der neue Vorstand die Organisation der österreichischen Judenschaft als seine dringende Aufgabe anerkenne und schleunigst durchführe. (Allseitiger anhaltender Beifall.) Eine weitere hochwichtige Aufgabe der Gemeindeverwaltung, die gewiß allen unseren Glaubensgenossen sehr nahe geht, zumal sie unsere Kinder, die Heranwachsende Generation, die unserem Blute und Herzen am nächsten steht, nahe berührt, will ich nur nach einer einzigen Richtung hin besprechen. Ich schicke voraus, daß dem Systeme und der Durchführung des Religionsunterrichtes in dem Statut ein großer Raum gewährt und derselbe als eine religiöse Pflicht, deren Erfiillung der Gemeinde obliegt, anfgefaßt wird. Es werden im Statute auch jene wesentlichsten vier Gegenstände aufgezählt, welche in ihrer Gesammtheit den Unterricht bilden und erschöpfen sollen und welche bestehen: 1. im Unterricht der Bibel im Urtext; 2. in der Liturgie; 3. in der Glaubens¬ und Sittenlehre, und 4. in der jüdischen Geschichte. So umfassend dieser Lehrstoff ist, so veranlaßt mich doch die Auffassung des Motivenberichtes rücksichtlich des Geschichtsunterrichtes zu einer kurzen Bemerkung. Wenn daselbst sich darauf beschränkt wird, den Zweck des Religionsunterrichtes lediglich in einer religiös-sittlichen Erziehung und Charakterbildung zu erblicken, so würdige ich im vollsten Maße die tiefe pädagogische Bedeutung dieser Zwecke, ich vermisse jedoch jenes Element, wodurch die Jugend für das Judenthum gewonnen, erzogen und begeistert wird. (Beifall.) Wir dürfen uns nicht wundern, wenn wir heute bei unserem geliebten Nachwuchse eine beklagenswerthe Indolenz und Unkenntniß in Sachen des Judenthums wahrnehmen. Kinder der besten Erziehung und Lebensführung sind sich dessen kaum bewußt, daß sie Juden sind. Ein tieferer, anregender, das Interesse, die Vorliebe weckender Unterricht in der Ethik des Judenthums und in seiner Geschichte könnte von ausschlaggebender, bessernder Wirkung sein. Wir müssen der Jugend beibringen, daß sie das Judenthum nicht als Last weiter zu schleppen hat. (Lauter, anhaltender Beifall.) Sie soll die Erhabenheit und Lauterkeit unserer Moral, sie soll unsere glanzvolle, ruhmreiche Geschichte ersoffen lernen und ihr Selbstgefühl, ihr Stammesbewußtsein daran festigen und emporrichten, all dies unbeschadet des Unterrichtes im Urtexte, dessen Ergänzung durch Vermehrung der Sprach- und Bibelschulen ermöglicht und thnnlichst gefördert werden soll. Mit einem Worte: Ich erachte es 5, für dringlich, dass dem ethischen und dem Geschichtsunterrichte erhöhte Pflege und der Errichtung mehreren' Sprach- und Bibelschulen volle Aufmerksamkeit zugewandt werde. Ich gelange zu einem weiteren Punkte, der gleichfalls eine Erörterung erheischt, zu der Frage nämlich, ob in dem Statute und in der bisherigen Praxis der Beruf, der Wirkungskreis und die Verwendung unserer r a b b i n i s ch e n Fun ct i o n ä r e genügend entwickelt erscheint. Mir will es scheinen, daß unsere Rabbiner, zumal deren Mehrzahl sich akademischer Bildung erfreut und des Wortes wie der Feder mächtig ist, in der Ausübung der Ritualfunctionen ihre Kräfte nicht erschöpfen und ihren Beruf nicht genügend erfüllen. Alter Tradition folgend, meine ich, daß wir heute in den Zeiten der Bedrängniß unsere Rabbiner als willkommene Apostel u n d b e r u f e n e Missionäre zu verwenden hätten. Warum sollen, frage ich, diese unsere Seelsorger und Lehrer eingeschränkt bleiben auf ihren kirchlichen Dienst und nicht auch in öffentlicher Bethätigung wirken, zumal in Zeiten, wo wir Kämpfer und Anwälte des Judenthums nie genug und nie deren genug gute besitzen? Ich finde, daß das Augenmerk zu richten wäre auf jene Mission unserer rabbinischen Seelsorger, welche in einer aufmunternden Einwirkung auf ihre Glaubensgenossen und in einer wirkungsvollen bekämpfenden Abwehr Alles dessen bestünde, was gegen die Ehre des jüdischen Namens, gegen dessen Moral, gegen dessen historische Bedeutung und gegen dessen Stellung im Völkerleben verlogen und verleumderisch zu unserem Ruin vorgebracht und verbreitet wird; ich erachte es als Fehler, diese Kräfte, deren Wissensschatz und die persönliche Eignung dieser Männer brachliegen zu lassen und uns unserer berufsmäßigen Vorkäinpfer zu begeben. Frei von jedweder verhetzenden Tendenz, ganz ungleich den unwürdigen Erscheinungen, denen wir ans dem feindlichen Kampfplätze nur zu oft begegnen, könnten unsere Rabbiner durch belehrende öffentliche Vorträge ihre und des Judenthums Würde bekunden und der Lüge, dem Mißverstände Wahrheit spendend und fördernd entgegentreten. Wohin soll unsere Passivität noch führen? Mit Entrüstung und Beschämung folgen wir den Erscheinungen der letzten Tage. Da wird ein reactionärer Katholikentag von dem Statthalter in Salzburg, ein direct antisemitischer Bauerntag von dem niederösterreichischen Statthalter begrüßt und in beiden Fällen den Zielen und Bestrebungen Erfolg und Gedeihen gewünscht. Und was geschieht? Auf diesem Bauerntage werden wir in demselben Rathhause, dessen Hauptportal mit dem Reliefbildnisse unseres vortrefflichen _ Architekten Fleischer als eines hervorragenden Miterbaners geschmückt ist, „Fremdlinge" gescholten und an derselben Stelle, als der Genoffenfchaststag mit der Jauche antisemitischer Beredsamkeit überschüttet wurde, als „Feinde" stigmatsirt, deren man sich erwehren müsse. Warum haben w i r noch nicht versucht oder gewagt, einen ähnlichen österreichisch-israelitischen Gemeindetag oder Notablen-Congreß einzuberufen, inn auch der Ehre einer Begrüßung von Regierungswegen theilhaft zu werden, und unsere Gesinnungen zu demonstriren? (Lebhafter anhaltender Beifall.) Sprechen wir es daher als eine ernste Aufgabe der nächsten Zukunft aus, 0. Die apologetische Mission unserer Rabbiner zu verwirklichen. Und nun gönnen Sie mir zum Schluffe noch ein Wort über die w i r t h s ch a f t l i ch e und Vermögenslage unseres Gemeinwesens. Der Rechnungsabschluß für das Vorjahr schließt mit einem Ausfälle von rund 56.000 Gulden. Es wäre sehr gefehlt, irgend Jemanden siir dieses Ergebniß verantwortlich zu machen. Es liegt in beit Verhältnissen, welche der Jahresbericht dahin kennzeichnet, daß stetiger, unverhältnißmäßiger Steigerung der Ausgaben keinerlei Steigerung der Einnahmen gegenübersteht und woran die Hoffnung geknüpft wird, daß das neue Statut auch hierin bessernd wirken werde, indem ein größerer Kreis von Contribuenten herangezogen und insbesondere auch die Steuerleistung nach aufwärts eine Erhöhung erfahren werde. Das Minimum der Einzelsteuerleistung ist statutarisch mit 10 Gulden und das Maximum mit 3000 Gulden normirt; wenn berücksichtiget wird, daß dem Cultusvorstande das Recht zusteht, die Cultussteuer in Ansnahmsfällen um die Hälfte zu erhöhen, wovon allerdings die Elaste der 10 Gulden Zahlenden ausgeschlossen bleiben soll, so gelangen wir zu einem Maximum von 4500 Gulden. Vergleichen wir zum Zwecke orieutirender Belehrung mildem Haushalte unserer Gemeinde einige Wirthfchaftsdaten einer anderen, nächstgroßen Cultnsgemeinde deutscher Zunge: B e r l i n indem wir vorerst feststellen, daß Wien mindestens 130.000, Berlin dagegen blos 80.000 Cultusgemeindemitglieder zählt. Gleichwohl beträgt hier die Gesammtleistung an Cultussteuer blos 190.000 Gulden, während sie in Berlin 910.000 Mark ausmacht. Es kommt sonach in Wien auf den Kopf eine durchschnittliche Leistung von 1 Gulden 45 kr. und in Berlin eine solche von 6 Gulden 80 kr. Hier zählen wir im Ganzen 13.000, in Berlin 16.000 Steuerzahler, so daß ein Steuerzahler in Wien durchschnittlich mit 14 Gulden 50 kr., in Berlin dagegen mit 34 Gulden 20 kr. belastet erscheint. Das Maximum für den Einzelnen in Berlin beträgt 15.000 Mark gegen 4500 Gulden in Wien. Wir sehen darnach, um wieviel größer die steuermäßige Leistung dort ist wie bei uns und wie sehr wir einer Verbesserung bedürfen, die zunächst wohl in der Heranziehung neuer steuerpflichtiger Kreise und in einer Erhöhung des Steuermaximums gefunden werden dürfte. Der Ruf nach 7. Herstellung und Erhaltung des Gleichgewichtes im Haushalte der Cultusgemeinde bildet sonach den siebenten, wesentlichen Punkt in unserem Wahlprogramm, mit dessen übrigens selbstverständlicher Feststellung ich meine allgemeinen Auseinandersetzungen schließen möchte. Weit entfernt, zu glauben, als ob hiemit die Serie der Wünsche, Forderungen, offenen Fragen und Reformen erschöpft wäre, erachte ich gleichwohl die erörterten sieben Punkte als