Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 763 Dr. Vlmtz's Wochrnschrifi Nr. 38 Aber auch Du wirst keinem angehören, sprach er leidenschaftlich weiter. Habe auch Du an den Qualen der Einsamkeit zu leiden, so lvie ich gelitten habe, seitdem Du mich hier gelassen; beweine auch Tu Dein verloren gegangenes Glück, so wie ich es beweint habe. Du littest? — stotterte Lea? — Du littest meinethalben? Wie? Hast Du mich denn geliebt? Ich habe gelitten und Dich geliebt, liebe Dich noch und werde Dich bis zu meinem letzten Athemzuge lieben! Denn ich spiele nicht mit dem Herzen, und wenn Du auch nicht die Meine bist, die eines Anderen wirst Du nie. Nie wird sich ein Anderer mit süßer Lust in Deinen Armen wiegen und nie wird ein Anderer von dem Honigseim Deiner Küsse schlürfen, nie und nimmer! Der starke Mann sank jetzt wie gebrocheir in den Lehnstuhl und während er, über die Bibel gelehnt, sich die Thränen aus den Augen wischte, sprach er mit gezwungener Ruhe weiter: Und jetzt, Lea, ziehe in Frieden und entweihe nicht die Heiligkeit des Jom-Kippur! Reuig küßte er das vergilbte Blatt des heiligen Buches, ans welchem zwei Tropfen glänzten. Lea hörte mit keuchender Brust die leidenschaftlichen Ausbrüche des Mannes an; in ihren Augen blitzte es wie ein himmlischer Freudenstrahl, das schöne Gesicht verklärte sich in dem Gefühle des Glückes und von ihren Lippen kam es in jauchzendem Tone: Miriam, mein Kind, Dein Vater liebt mich! Dann sank sie zu den Füßen des über die Bibel gebeugten Mannes, und das Kind umarmend, welches bald die weinende Mutter, bald Simon angaffte, ergriff sie die schlaff herabhängende Hand ihres Gatten. Simon, ich gehe nicht fort, schließe mich wieder in.Dein Herz, nimm mich zurück in Dein Hans, aus welchem mich frostige Kälte vertrieben hat. Ach, denn ich liebe Dich; ich habe Dich geliebt, 'als Du noch als junger Bocher in das Hans meines Vaters kamst, habe Dich geliebt, als Du mich als Dein Weib heimführtest, habe Dich geliebt, als ich Dich mit blutendem, aber thürichtem Herzen verlassen habe, ich liebe Dich, wenn Du mich auch von Dir treibst, und werde Dich lieben, so lange ein Herz in meinem Busen schlägt. Simon war regungslos iit seinem Lehnstuhl gesessen, auf das aufjauchzende Geschrei Leas aber wandte er sich um und blickte starr aus das flehende Weib. Ein Blutschleier umdiistert seine Augen, seine Ohren sausen.... diese Stimme .... diese Gestalt .... er will sie aufheben, aber die erschlaffte Hand versagt ihren Dienst; er will ihr verzeihende Worte zuflüstern, aber die Stimme versagt ihm und löst sich in einem Schluchzen aus; seine Augen strahlen in Glück und unverständliche Worte stotternd sinkt er auf Leas Schultern. Lea, meine Traute Du, verlaß mich nicht! * -t- * Draußen strömt noch immer der Regen, in rhythmischem Tacte gegen die Fensterscheiben schlagend, noch immer heult der Wind, die leeren Gassen fegend und das traurige Memento mori des traurigen Hinwelkens anstimmend. Aber drinnen flackern die Kerzen heller auf, angefacht durch den belebenden Hauch des Friedens und der Liebe. Am Teppich hingestreckt schlummert sanft das Kind; in seinen Goldhaaren spielen heitere Lichtstrahlen, die düsteren Schatten zerstreuend, welche sonst im Zimmer lagerten. Und Simon, der seine Frau umschlungen hält, als wolle er sie nie wieder loslassen, stimmt mit hellklingender, zitternder Stimme in schwärmerischem Glaubenseifer ein Loblied dem Herrn an, dessen drohender Zorn sich gelegt, und der in seiner unermeßlichen Barmherzigkeit sein Leid in Freude verwandelte. Und wenn er auch in seinem Lobliede durch die süßen Küsse seiner Frau zeitweise unterbrochen wird, braust er nicht mehr aus, er sucht vielmehr seine gläubige Seele, welche hiedurch gegen die Heiligkeit des Jom-Kippur zu sündigen glaubt, mit lauten inbrünstigen Gebeten zu beruhigen. Adonaj, am Sabbate der Sabbate hast Du sie mir zurückgegeben, oh, rechne es mir an diesem heiligen Tage unserer Versöhnung nicht als Vergehen an, daß ich so überglücklich bin — Und Adonaj, er rechnet cs ihm nicht als Vergehen an; W i l h e l m K a m in e r. Literatur. Nachsommer. Neue Gedichte von Hieronymus Lorm. Verlag von Heinrich M i u d e n, Dresden und Leipzig 1897. Preis Mark 2. Lor m, der einzig noch Lebende aus den Reihen des vormärzlichen literarischen Oesterreichs, einer unserer tiefsinnigsten Poeten, der gottbegnadete Dichter hat der deutschliterarischen Welt zu seinem 75. Geburtsfeste ein Gedichtemverk zum Geschenke gemacht. „Nachsommer," dies der treffende Titel L o r ui 's ireirester. Erscheinung, bietet jedem Freunde gedankentiefer Lyrik und philosophischer Betrachtung erhebeirden, herzlichwarmen Genuß. Da gibt es „Neue Blüthen," „Spätfrüchte," „Epigramme und Sprüche." Lorm steht auf der Höhe seines dichterischen Schaffens, Form und Gedanken liefern beredtes Zengniß seiner künstlerischen Vollendung und Reife. Seine innerste Weltanschauung, der grilndlose Optimismus, bildet wieder und naturgemäß den Grundaccord in allen Gedichten und verleiht dem Ganzen ein individlrell-harmonisches Gepräge. In der Canzvne „Friede" berührt unser verehrter Dichter die „friedensfreundlichen" Frageir und schließt: „Natur begeht den Kampf, der Geist die Stille Des Friedens Zauber, des Gemnths Idylle, Daß jeder Streit geschlichtet sei, ans Erden War 's je erreicht, dann müßt die Welt vergehen, Natur ist Kampf, sie könnt nicht mehr bestehen." Die sociale Frage, das Elend des Proletariats geht dem geistigen Aristokraten auch nahe. In der Schlnßstrophe des „Arbeiter" findet er folgende Töne dafür: „Du- Arbeit mich zu wllh'n, Das ist der Menschheit Zwang Sie braucht um zu gedeihen Des Menschen Untergang." Daß das Sehnen nach dem Glück und dessen Nichterreichung auf Erden jede Menschenbrust erfüllt, unterzieht L o r m in den meisten Gedichten feinsinniger Betrachtung. Von den „Spätfrüchten" des „Nachsommers" seien folgende des Besonderen erwähnt: „Grillparzer," „Der Köhler," „Der Prior," „Der alte Lehrer," „Selbstschau". Möge es L o rstn gegönnt sein, uns noch ein solch den Geist erfrischendes, das Gemüth bestärkendes Merkchen zu schenken!" Eduard Kulka als Ghettoschilderer. Eine auffallende Erscheinung am deutschen literarischen Horizont ist, daß es unter den so vielen Romanschriftstellern'und Novellisten jtidischan Stammes nur so wenige gibt, tvelche ihren Stoff dem heimatlichen Boden, der specifisch jüdischen Welt entnehmen. Mit einiger Variation wäre da die Klage der Geliebten (symbolisch, die Chneseth Israel) aus dem Hohenliede am Platze: „Man hat mich zur Wartung der Weinberge bestellt, aber meinen Weinberg habe ich nicht gewartet." Umso merkwürdiger tvird diese Erscheinung, wenn man bedenkt, daß die „Modernen", die sogenannten „Realisten" unter den Schriftstellern, zu denen viele Juden zählen, die neue Richtung dainit begründen, daß die elvig feststehenden Typen in den Romanen und Novellen der „Alten" die Leser schon anekeln, und man doch froh sein sollte, ein ganz neues Gebiet mit neuen Gestalten, wie es das jüdische Leben in seiner Abgeschlossenheit ist, erschließen und bearbeiten zu können, was selbst materiell dankbar sein müßte, weil sogar jndenfeindliche Leserkreise, die ja selbst den Talmud lesen möchten, Alles, was jüdisches Leben behandelt, gierig verschlingen. Christliche Skribenten haben sich üt der That dieses Interesse für eine solche Lectnre zu Nutzen gemacht und gebrauchen in ihren Erzählungen die Juden als den dankbarsten Stoff, aus welchem sie ihre häßlichen Kobolde formen und dem Publicum vorführen. Das Unheil, welches sie damit anrichten, ist schrecklich. Sie impfen dein Volke die Vorurtheile, die Verachtung und den Haß gegen uns noch tiefer ein, als der Katechet in der Religionsstunde und der Geistliche auf der Kanzel, sie vollenden das Werk, das diese begonnen. Mit nur ein wenig mehr jtidischem Patriotismus müßten die Roman- und Novellenschreiber unseres Stammes, deren es viele gibt, die auf dem deutschen Parnaß glänzen, durch Behandlung jüdischer Stoffe die judenfeindliche Roman- und Novellen-Literatur, die doch nur die dichterische Auszehrung ihrer Autoren bekundet, zu paralysiren sich bestreben. Es wäre vielleicht zu viel gefordert, daß sie wie Zangwill in London in seinen „Kindern des Ghetto" ans dieser Atmosphäre gar nicht herauskvmmen; aber einzelne jiidische Figuren in die Erzählung einflechten wie Ludovico Halevy in Paris den Rabbi Sichel in