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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-09-18 · 38 (18.9.1896) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
38 (18.9.1896)
Date
1896-09-18
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 38 Vr Vloch's WortzrnlchrM Seite 755 gegen eine Zuschrift aus Constantinopel gebracht, nkn liegt ein , zweiter Brief vor: „Es ist kein Fall bekannt, daß ein Spagnole sich freiwillig am Rauben oder gar am Morden betheiligt hätte. Ein Armenier von Haßköi, Namens Hadschi Ovaghi Husseindjan, erzählt Folgendes: „Ich und sieben andere Armenier, nebst Frauen und Kinder, wir verdanken unser Leben einem Juden, der uns beim Ausbruch der Krawalle in sein Haus brachte, dort verbarg, schützte und ernährte. Mir ist Alles geraubt worden, ich war ein wohlhabender Mann und habe jetzt nichts, als meine Kleidung am Leibe und ein paar Pantoffel und 400 Pfund, die ich meinem jüdischen Retter vor einiger Zeit geliehen. Hätte der nicht einen Vortheil davon gehabt, wenn ich mit allen Meinen umgekommen und Niemand dagewesen, die Schuld einzufordern? Die Beschuldigung gegen die Juden von Haßköi ist, ich schwöre es, erlogen, und jeder Armenier von Haßköi, der dem Blutbad entronnen ist, wird Ihnen dasselbe sagen." Der angebliche Antheil der Juden an jenen Geschehnissen beschränkt sich darauf, daß seitens der Polizei zur Niederwerfung des armenischen Anschlages die „Tulumbadschis", das heißt die freiwillige Feuerwehr, aufgeboten wurde, zu welcher neben Türken, Griechen und Armeniern auch Juden gehören. Es ist nicht meines Amtes, die Constantinopler Polizei zu rechtfertigen und zu untersuchen, ob sie nicht besser gethan hätte, anstatt dieser aus dem niedrigsten Gesindel sich znsammensetzenden Rotten Hilfskräfte zum Schutze der Europäer aus dem besseren Publicum heranzuziehen. Aber nicht darum handelt es sich hier, sondern einzig und allein um die nachdrückliche Constatirung der Thatsache, daß, wenn wirklich — was durchaus nicht feststeht — einzelne Juden an jenen Gräuelscenen betheiligt gewesen sind, so waren es jüdische Feuerwehrmänner, welche den Befehlen ihrer Vorgesetzten blindlings zu gehorchen gewöhnt und auch in diesem Falle deren willenlose Werkzeuge gewesen sind. Glaubt man daraus eine Anklage gegen „die Juden" construiren zu dürfen, dann müßte man dieselbe auch gegen die Griechen erheben, denn unter den Feuerwehrleuten befinden sich noch mehr griechische, als jüdische. Wenngleich entschieden zu verurtheilen, aber doch zu begreifen wäre es allerdings gewesen, wenn die Juden in den Vororten am Goldenen Horn sich hätten dazu hinreißen lassen, den Moment des allgemeinen Losschlagens zu benutzen, um nur einen winzigen Theil ihrer großen Rechnung mit den Armeniern in's Reine zu bringen. Seitdem Bajazid im Jahre 1452 unseren Altvorderen ein Asyl in den türkischen Landen gewährt hat, sind es die Armenier, welche den Geist des Vorurtheils und der Verfolgung gegen Juden und Judenthum zu nähren und zu stacheln und, wo sie die Macht haben, uns mit allen Mitteln wüthigen Glaubenshasses zu unterdrücken suchen. Mit den Türken raun Jedermann, welchen Glaubens er sei, vortrefflich auskommen, und wenn das Sultansreich nicht das wahre Paradies für uns geworden ist, wenn auch hierzulande bisweilen Haß und Verkennung sich bemerkbar machen, so ist dies die Frircht der Jntriguen und Ränke der Armenier. Wie wenig die Juden diese Empfindungen erwidern, beweist die Thatsache, daß die jüdischen Geschäfte zumeist Armenier als Portiers, Laufburschen rc. angestellt haben. Dies gilt namentlich von den Handlungshäusern in Galata und Pera, deren Inhaber Juden österreichischer Staatsangehörigkeit sind, und Letztere waren es, welche bei ihrem Consulat ftir ihre armenischen Angestellten Schutz erwirkt haben — sicherlich kein Beweis von Mordlust und Zerstörungswuth. Noch viel mehr Armenier danken die Erhaltung ihres Lebens und ihres Eigenthums den Juden und sind des Lobes darüber voll. Nochmals die „jüdische Partei". Wir erhalten zu diesem das allgemeine Interesse wachrufenden Thema folgende Zuschrift: Es war uns von vornherein klar, daß das Project einer jüdischen Partei auf pseudo-liberaler Seite nicht gerade gern gesehen werden würde. Eine Wurzen verliert man schon nicht gerne. Die deutschliberale Partei ist indessen mit der Idee des Liberalismus nicht identisch, in deren Interesse die Gründung einer besonderen jüdischen Partei sogar erforderlich wäre. Für die deutschliberale Partei zu stimmen, herrscht auf jüdischer Seite mit Recht wenig Neigung. Die Partei ist ganz und gar dem Opportunismus verfallen — oder deutlicher gesagt dem Wahlschacher. In Mähren rechnet sie auf die Stimmen der Juden gegen die Czechen, in Oesterreich verbindet sie sich mit den deutfchnationalen Antisemiten gegen die Clericalen. Es ist klar, daß die liberale Partei durch dieses Wahlbündniß mit den Antisemiten das Tischtuch zwischen sich und den Juden zerschneidet. Nur die allergrößten Kälber Wählen ihre Metzger selber. Und wenn wir auch leider von der politischen Gedankenlosigkeit unserer Glaubensgenossen häufige Beweise gehabt haben, so sind doch viele von ihnen nicht geneigt, einem Liberalen ihre Stimme zu geben. Ties bedeutet in manchen Kreisen Abstinenz der jüdischen Stimmen und damit Verlust des liberalen Mandates. Wir meinen, daß in dieser Beziehung die Erfahrungen bei den letzten Wahlen in der inneren Stadt und der Lepoldstadt doch deutlich genug sprechen. Besteht dagegen eine jüdische Partei, so gibt es weniger Wahlabstinenz, und die jüdischen Stimmen sind daun in der Stichwahl leicht dem liberalen Candidaten zuzusühren. Dadurch werden auch innerhalb der liberalen Partei die wirklich liberalen Elemente gegenüber den zahlreichen Chamäleons der Partei gekräftigt, denn die Chamäleons, welche die stärkste Truppe der Partei bilden, hätten dann mehr Veranlassung, mit den Juden und deshalb mit den liberalen Bestrebungen zu rechnen. Die jüdische Partei würde niemals eine confessionelle Partei sein, sondern die Rechtspartei einer unterdrückten Minorität. Der Partei würde jeder angehören können, der als Jude geboren ist, ohne irgend welche Rücksicht aus religiöse Ueberzeugungen. Wir werden unserer jüdischen Abstammung wegen bedrückt, im Erwerb gehindert, von Staatsstellungen ferne gehalten, beschimpft und angegriffen. Darum müssen wir uns gemeinsam vertheidigen. Theoretisch wäre es denkbar, die Bertheidigung innerhalb einer liberalen Partei zu führen. Eine solche gibt es aber in Oesterreich nicht mehr. Können die verletzten Rechte der Juden im Rahmen einer Staatsbürgerpartei vertheidigt werden, so gilt dasselbe von den Rechten der Deutschen. Darüber ist nicht hinwegzukommen. Hat eine jüdische Partei keinen Sinn, trotzdem wir Juden in den letzten Jahren die Kosten der inneren Politik haben tragen müssen, so hat eine deutsche Partei erst recht keinen Sinn. Jedenfalls haben wir ganz andere Schmerzen als die Gymnasialclaffe von Cilli und wir können doch den Schutz unserer Rechte nicht den Bundesgenossen der Deutschnationalen anvertrauen. Also mag auch die Frage offen sein, ob neben einer schlechthin fortschrittlichen Partei eine jüdische Partei Existenzberechtigung hat, neben einer deutschfortschrittlichen ist sie nöthig. Anderenfalls würden die Juden eben Socialisten wählen, welche nicht czechisch oder deutsch, sondern — vorläufig österreichisch sind. Schon Fischhos hat gesagt, daß eine nationale Partei nicht liberal sem kann. Die deutschliberale Partei hat den Fischhos unterdrückt, wie es denn überhaupt für die Falst äffische Tapferkeit der Partei bezeichnend ist, daß sie mit ihren Feinden paktirt, die abweichende Meinung in der Partei aber terrorisirt und unterdrückt hat. Wir haben die Partei trotz ihres Niederganges nicht verlassen, nachdem sie mit den Antisemiten Wahlbündnisse geschlossen hat, können wir ihr nicht weiter folgen. Nach den eigenen Erklärungen der Liberalen ist folgender logische Schluß genügend: 1. Vordersatz. „Die Rechte der Juden sind nicht innerhalb einer jüdischen Partei, sondern innerhalb einer Staatspartei zu vertheidigen." 2. Nachsatz. „Die deutschliberale Partei soll nicht eineStaatspartei, sondern eine nationale Partei sein." 3. Schlußfolgerung. „Die Juden haben nicht für die deutschliberale Partei zu stimmen." Diese Schlußfolgerung ist logisch so zwingend, daß sie förmlich als Paradigma in einem Handbuch der Logik Platz finden könnte. Es geschieht allerdings lange nicht immer das, was logisch ist, und es ist daher leicht möglich, daß die Wurzen nicht alle werden.

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