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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-09-18 · 38 (18.9.1896) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
38 (18.9.1896)
Date
1896-09-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 754 Vr. VwrVs WortzrnschrM Nr. 38 werde ich jedoch jene Sitte, die dem Knaben das Vortragen des „Kadisch" und des „Borchu" in der Synagoge gestattete, eine Freiheit, die jetzt nur auf den Waisenknaben beschränkt ist. Jnteressant zu vernehmen ist es, daß auch Mädchen in der Synagoge den „Kadisch" vortragen durften, in Fällen, wo ihre Eltern keine mömrlichen Nachkommen hinterließen. Ich selbst habe einen solchen Fall gesehen. In einzelnen Gegenden halte der Knabe das ausschließliche Vorrecht, die Abendgebete an Fest- und Sabbathtagen vorzutragen. Rabbi Samson ben Eleazar im fünfzehnten Jahrhundert erhielt seinen Familiennamen Baruch Scheamar von der Kunstfertigkeit, mit der er als Knabe dieses Gebet vortrug. Er sang es so herzergreifend, daß ihn die Mitglieder der Gemeinde Meister Baruch Scheamar nannten. Die Frage, ob der Knabe unterhalb des vorschriftsmäßigen Alters (der Mcht-Barmizwah also) als einer von den Zehn gelten durfte, wenn man ihn zu dieser nothwendigen Zahl brauchte, oder als einer von den Drei im Falle von Tischgebeten, kann ich nicht anders, als daß die Autoritäten selber in dieser Beziehung niemals einig waren, beantworten. Während der Eine auf der Forderung des gesetzlichen Alters bestand, genügte dem Anderen, wenn die Reife der Intelligenz des Knaben ihn zur Theilnahme an der in Frage stehenden Ceremonie befähigte. Ein Beispiel des letzteren Falles möge hier mitgetheilt werden. Abbaye und Raba, die zwei gefeierten Heroen des babylonischen Talmud, saßen an der Tafel Rabbah's. Bevor das Tischgebet gesagt wurde, fragte der Gastgbeber die Erstgenannten: „Wißt Ihr, zu wem wir. beten?" Darauf zeigte der eine Knabe nach aufwärts zum Dache, während der andere hinausging und zu den Wolken hindeutete. Dem Fragenden waren beide Antworten genügend. Das Vorrecht der Anlegung der Phylakterien (Gebetriemen) bildet jetzt in den meisten Ländern die vornehmste Auszeichnung des „Sohnes des Gesetzes"; in alten Zeiten jedoch hatte ein jeder Knabe darauf ein Anrecht, sobald er sich eines würdigen Betragens bei der Bekleidung mit diesem heiligen Symbole fähig zeigte. Es kam sogar vor, daß man an Knaben, die das gesetzliche Alter noch nicht erreicht hatten, gewisse synagogale Ehrenämter verlieh. Wir besitzen ein Beispiel eines aus dem dritten Jahrhundert stammenden, für einen achtjährigen Knaben in Rom verfaßten jüdischen Grabsteines, demzufolge jener als Archon bezeichnet wird. Die Thatsa'che ist umso merkwürdiger, als andererseits der im selben Jahrhundert lebende palästinensische Rabbi Abuha behauptete, es dürfe kein Mann vor erlangtem fünfzigsten (50.) Lebensjahre in den Vorstand gewählt werden. Daß man Knaben in der Synagoge auch zu predigen gestattete, habe ich schon angeführt. Aus all diesen Bemerkungen wird leicht zu ersehen sein, daß in alten Zeiten dem Knaben fast alle Rechte der Volljährigkeit eingeräumt wurden, lange bevor der Tag seiner „Sohnwerdung im Gesetze" gekommen war. Die Stellung des Novizen überdies ist kaum von der des eingeweihten Priesters zu unterscheiden. Der Talmud, die Gaonim und sogar Rabbi Alfasi und Maimonides kannten weder die Bezeichnung „Sohn des Gesetzes" in dem Sinne, wie das Wort heute verstanden wird, noch auch irgend welche Ceremonie, die damit verknüpft gewesen wäre. Nur die schwache Andeutung einer solchen Institution ist es, was aus der Stelle im Tractat Soferim, die ich zum Schlüsse hier citiren will, zu entnehmen ist; sie lautet: „In Jerusalem bestand der göttliche Brauch, mir dem Beginne des dreizehnten Jahres die Kinder am Versöhnungstage zum ersten Male ganz ausfasten zu lassen. Während dieses Jahres nahm manden Knaben zu den Priestern und Gelehrten, auf daß sie ihn segnen möchten und für ihn beteten, daß Gott ihn würdig halte eines dem Studium der Thora und ftommen Werken geweihten Lebens." „Denn", bemerkt dieser Autor, „so schön von Aeußerem, wie sie waren, war auch ihr Leben, einträchtig und Gott geweihten Sinnes." Vom Jahrmarkt des Lebens. Löw und Deckert. Ein modernes Dioscurenpaar bilden die Freunde, Bundes¬ und Streitgenosfen Löw und Deckert. Man könnte sie auch die Jnseparables nennen, denn man sieht — sie zusammen, wo es nur halbwegs möglich ist. Dr. Löw kann zwar nicht auf der Kanzel neben Deckert Platz nehmen, um von dieser geweihten Stätte aus die Racentheorie zu vertreten, welche lehrt, daß ein Jude auch durch die Taufe kein anderer werden kann. Aber man sieht dafür den Herrn Pfarrer Deckert recht häufig im Gerichtssaale neben seinem Vertheidiger Dr. Löw erscheinen, wo dieser katholische Priester die hohe Genugthuung erlebt, zu hören, wie ein getaufter Jude die ungetansten, sowohl als die getauften Juden mit unfläthigen Schimpfwellen überschüttet. Das moderne Dioscurenpaar oder die beiden Jnseparables waren natürlich auch auf den Katholikentag in Salzburg erschienen, wo sie in brüderlicher Eintracht ihr mitunter nicht blos einträgliches Wirken ergänzten. Löw und Deckert hassen mit aller Inbrunst erstens die Juden, zweitens die Freimaurer, drittens aber — und zwar am heftigsten — die jüdischen Freimaurer. Auf dem Salzburger Katholikentage hetzten die ^beiden Herren, die zwar nicht beide hochwürdig aber doch einander würdig sind, erstens gegen die Juden, zweitens gegen die Freimaurer, drittens — und dies am heftigsten — gegen die jüdischen Freimaurer. Die beiden gleichgesinnten Herren hatten auf dem Salzburger Katholikentage große Erfolge zu verzeichnen. Sie wurden daselbst mit Ehren und Auszeichnungen überschüttet, sie zählten zu den prahlenden Gestirnen, zu denen mit Ehrfurcht und Bewunderung emporgeschaut wurde. In der That sucht dieses Paar seinesgleichen, Deckert und Löw ergänzen sich in harmonischer Weise, sie bestreben sich, mit Selbstaufopferung und Selbstverleugnung für die Wahrheit ihrer Theorien zu kämpfen. Herr Pfarrer Deckert zeigt, daß das Evangelium des Antisemitismus im Hasse und in der Verfolgung besteht und Dr. Löw demonstrirt wenigstens an seiner eigenen Person die Richtigkeit der antisemitischen Racentheorie. Solche Streiter verdienen Ruhm und Preis, Lob und Verehrung und die wurden ihnen in Salzburg im reichsten Maße zu Theil. Auf dem Salzburger Katholikentage zeigte es sich, daß die unter der Flagge des Antisemitismus segelnden Katholiken Oesterreichs nicht Rang und Stellung, sondern nur Gesinnung und Ueberzeugung schätzen. Der kleine Advocat Dr. Löw und der kleine Hetzpfarrer von Weinhaus, Deckert, wurden bejubelt, der Fürsterzbischof von Olmütz aber, der Mann der einen der angesehen st en Bischofsitze der Christenheit einnimmt, wurde mit Hohn und Spott begrüßt. Jawohl, in Salzburg hat man nicht Rang und Stellung, sondern Meinung und Ueberzeugung geehrt. Deckert und Löw verkünden das antisemitische Christenthum, der Fürsterzbischof von Olmütz aber bedeutet schon durch seinen an die Hohepriester des Alten Testamentes mahnenden Namen einen flammenden Protest gegen eine Lehre, die das Judenthum wie das Chriftenthum gleichmäßig negirt und bekämpft. Deshalb zischte man. in Salzburg bei der Nennung des Fürsterzbischofs Kohn und deshalb wurde daselbst der Hetzpfarrer Deckert und der seine Ahnen im Grabe verleugnende Convertit Löw geehrt und gefeiert. Der Fürsterzbischof Kohn paßt eben nicht für eine Zeit, in der es für christlich gilt, die Race zu schmähen, der der Stifter des Christenthums und die Apostel entstammen. Der Fürsterzbischof Kohn paßt nicht für eine Zeit, in der es für christlich gilt, daß katholische Pfarrer auf der Kanzel die Gestalten des Alten Testamentes verunglimpfen. Heute sind die Deckert und Löw, die Paulus Mayer und Brimanus die Säulen der antisemitischen Kirche, die Verkünder des antisemitischen Evangeliums. Heute muß ein Dr. Max Löw zu den Heiligen des neuen Glaubens gezählt werden, für den er die höchsten Opfer brachte, die ein Mensch leisten kann. Er verleugnete seinem antisemitischen Glauben zu Liebe nicht nur seine eigene Vergangenheit, die Religion, in der er erzogen wurde, den Volksstamm, aus dem er hervorgegangen, seinetwillen schmäht er alle Juden, also auch das Andenken an das Theuerste und Heiligste, das andere Menschen haben, das Andenken an seine Eltern. Dieser Dr. Max Löw muß der gefeierte Held eines antisemitischen Katholikentages sein, auf dem ein Fürsterzbischof Kohn verhöhnt wird. — a — Die Unruhen in Constantinopel. Die angebliche Behelligung der spagnolischeu Iud en an d en Unruh en in Constantinopel worüber Reuter's Telegraphenbureau in voriger Woche eine Nachricht versendet hat, die sich als erlogen herausstellte, spukt noch immer in den antisemitischen Blättern. Wir haben bereits da-

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