Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 752 Dr. Vloch's Wochrnfttzrist. Nr. 38 bringen, daß er sinnen und trachten muß, wie er gegen ihn gerichtete, unbarmherzige Gesetze am wirksamsten umgehen könne. Nicht die Juden trifft die Schuld, sondern die Regierung, welche fortfährt, ihre jüdischen Unterthanen so stiefmütterlich zu behandeln, ohne welchen stichhältigen Grund für so ein Gebühren angeben zu können. Selbst das halbbarbarische, islamitische Persieir kann iit Bezug auf religiöse Toleranz mehr Airsprüche erheben, als das civrlisirte christliche Rußland. Die russische Zeitung „Koszij" bringt aus Teheran einige Mittheilungen über den „itexteit Curs" in Persien. Noch vor seiner Abreise aus Tabris hatte der neue Schah sich kategorisch für absolute Duldsamkeit in Glaubenssachen ausgesprochen. Noch neulich wiederholte er öffentlich in Teheran diese seine inrrerste Ueberzeugung: Ihm sei es ganz gleich, welche Religion seine Unterthanen bekennen, werrn sie nur loyal gesinnt mrd ihrem Vaterlande aufrichtig ergeben seien... Freilich ließen sich letzthin auch bei uns ähnliche humarre Ansichten verlauten, und selbst ein so fanatischer Obscurant, als der Redacteur des „Graschdanin", Fürst Meschtscherski, konnte nicht umhin, dem Geiste der Zeit, der nicht ruhet und nicht rastet, den ihm gebührenden Tribut zu zahlen. Gelegentlich der Unduldsamkeit, welche die Regierung in Bezug auf die katholische und polnische Bevölkerung Polens und Litthauens bekundet (fast sämmtliche Blätter — die ultranationalen nicht ausgenommen — verurteilen mit ungewohnter rücksichtsloser Schärfe die repressive Politik der Regierung in Bezug auf die Polen und Katholiken), macht Fürst Meschtscherski unter Anderem folgende höchst bedeutsame Bemerkung: „Sollten wir in der That uns noch in der Periode geistiger Entwicklung befinden, in welcher ich einen Jeden, der in irgend welch' einer Frage mit meiner Ansicht nicht einverstanden ist, zur Polizei oder zur Procuratur schleppen soll, um ihn des Landesverrathes zu beschuldigen und seinen Tod zu fordern? In der polnischen Frage sind wir fast so weit gekommen. Und während dessen sollte doch allein das Factum, daß 33 Jahre nach dem Regime des Terrors des Grafen Murawjew wir in Bezug auf die Polen uns genau in derselben Position befinden wie dazumal, die berechtigte Frage erwecken: Ist es nothwendig, im Namen der Ruffificirung die Polen zu erdrücken, zu Hetzen und zu verfolgen, und wäre es nicht zielentsprechender, den Proceß der Ruffificirung friedlich zu vollziehen, der zumeist verachtungswerth ist, und blos das Schlechte und die Schlechten zu verfolgen. Sollten wir überhaupt nicht mehr Duldsamkeit in Bezug auf Andersgläubige bekunden?" Die vom Fürsten Uchtomski redigirte „Petersburgskije Wjedmosti" polemisiren mit ihren Moskauer Collegen, welche die religiöse Unduldsamkeit auf ihre Fahne schreiben und sagen unter Anderem: „Besondere Umsicht und Delicatesse ist in Fragen religiösen Charakters geboten. Der Uebereifer seitens der Russificatoren, welche die religiösen Gefühle Andersgläubiger beleidigen, wirkt sehr schädlich auf die Assimilirung unserer Grenzmarken ein. Daher auch die unteren Administrativorgane, welche die religiösen Gefühle der Bevölkerung verfolgen, in dem Wahne, damit der Sache Rußlands zu dienen, gemaßregelt werden müßten." Das sind Alles unstreitig sehr schöne Worte, denen aber bis jetzt noch keine Thaten gefolgt sind. Der Jude ist noch immer rechtlos; der jüdische Jurist wird der ihm laut Gesetz unbestreitbaren Rechte gewaltsam beraubt und seine Proteste verhallen unbeachtet; der jüdische Arzt wird zur Ausübung seiner Function in kein Hospital zugelaffeu: sobald aber ein Krieg ausbricht, wird er unter Androhung härtester Strafen gezwungen, in den Militärdienst zu treten (in welchen er zu Friedenszeiten unter keiner Bedingung zugelassen wird), sein Leben auf den Verbandplätzen, auf den Schlachtfeldern, im Kampf mit Jnfectionskrankheiten auf's Spiel zu setzen, Hingebung und Opfermuthigkeit zu bekunden, um dann nach Friedensschluß wieder an die Luft gesetzt mrd ins Ghetto zurückgeschickt zu werden. Tie Regierung bekundet bis jetzt keine Neigung, den Weg, den ihre Vorgänger eingeschlagen haben, zu verlassen, wenngleich selbst in der judenfeindlichen Presse sich Stimmen erheben, welche gegen diese verderbliche Politik, freilich nur schüchtern und in allgemeinen Ausdrücken Verwahrung einlegen. Ein Mitarbeiter der stark in Antisemitismus machenden „Nowoje Wremja" verstieg sich sogar, zu folgender, für die Tendenz dieses Blattes, welche dieselbe abdruckte, ungeheuerlichen Behauptung:' „Meine Formel ist für Jeden, der sie nur verstehen will, klar und läßt sich kurz so ausdrücken: Jede Cultur ist eine mit Schweiß und Blut Hunderter von Geschlechtern erworbene große Kostbarkeit. Welcher Herkunft sie auch sei, vernichtet sie nicht; r u i n i r t nicht fremde Cultur, f o n d e r n n ü tz t sie z um Vo r th e i l e Rußl and s aus. Habt Ihr z. B. eine gute deutsche Universität, so.verwandelt sie nicht in eine schlechte russische, und seid bemüht, die russischen Universitäten auf das Niveau deutscher Hochschulen zu bringen. Ich spreche nicht gegen die Idee der Ruffificirung, sondern gegen die Wiederbelebung der längst bereits verurtheilten todten, römisch-byzantinischen Formel: Ubi solitudinem faciunt., pacem ad peüant**, d. h. sie sehen dort Pacifirung, wo Alles zu einer Einöde wird." Selbst das von General Kvmaraw, eines fanatischen Slavophyleu, redigirte, sehr verbreitete Tagblatt „Sswjet" ist dieser Tage zu der Schlußfolgerung gekommen, daß die Confession mit der Nationalität nichts gemein hat und daß man ein guter Russe sein könne, ohne in rechtgläubige orthodoxe Wolle gefärbt zu fein, daß Juden, Protestanten und Katholiken, wenn sie nur sonst loyale und getreue Unterthanen sind, gleiche Rechte und Pflichten genießen sollen, da sie an dem großen Werke des Aufbaues des Reiches gleichen Antheil genommen." „Spät kommt ihr — doch ihr kommt", ihr gesunden Ansichten, ihr nationalen Meinungen, ihr humanen Grundsätze. Nicht der lange Weg entschuldigt euer Säumen, doch die düstere Nacht des Fanatismus, in welcher ihr verharrtet. Ihr habt die schlimme Saat ausgestreut uub jetzt, da sie zu einer furchtbaren Ernte herangereift, seid ihr selbst über euer verbrecherisches Thun entsetzt. Die bösen Geister der Zwietracht, die ihr so leichtsinnig heraufbeschworen, wollt ihr jetzt los werden, doch sie gehorchen euch nicht mehr, ihr habt die Macht über sie verloren und müßt jetzt suchen, sie zu bändigen, zu zähmen. Ihr habt die öffentliche Meinung jahrelang vergiftet, vom Antisemitismus den Anarchismus großgesäugt und jetzt seht ihr schreckenbleich die Gebilde euerer Hände vor euch erstehen, euch selbst bedrohen. Ihr habt systematisch die Regierung gegen die Juden aufgehetzt und wäret nicht abgeneigt, das Geschehene wieder gut zu machen und 'Liebe statt Haß zu predigen; aber euere Worte stoßen an betreffender Stelle nicht mehr auf Glauben, da man nicht weiß, wann ihr eigentlich gelogen, als ihr gehetzt und insiuuirt und Hader gesät und Verfolgung gepredigt, oder jetzt, wo ihr Friede und Eintracht propagirt und auf Versöhnung und Duldsamkeit hinarbeitet. Air courpetenter Stelle glaubt man eben nicht an euere Auftichtigkeit, wittert in euerer Versöhnungspolitik ein gegen die bestehende Ordnung gerichtetes Manöver. Ihr erntet blos das, was ihr so eifrig gesät.... Das Kind in der jüdischen Literatur. Aus S. Schechters's „Sludies in Judaism", London, A. & C. Black, 1896, übersetzt von Ignaz Kaufmann. (Schluß). Man muß jedoch nicht denken, daß des Spielens zu viel war, wie denn überhaupt die jüdische Erziehung weit davon entfernt war, die Kinder zu verderben, rrnd die Rabbinen, trotz des Gebotes, wenn ein solches überhaupt erst nöthig war, die Kinder mehr als die eigene Seele zu lieben, nicht müde wurden, vor jener blinden Parteilichkeit für unsere eigenen Nachkommen zu warnen, deren Ergebniß nur darin besteht, die Welt mit so vielen Taugenichtsen zu belästigen. Die traurige Erfahrung gewisser biblischer Persönlichkeiten sollte den Nachkommen hiefür eine Warnung sein. Sogar aus dem ganz natürlichen Verhalten Jacobs gegen feinen Sohn Joseph, das die bestmöglichen Folgen hatte, zogen sie die Lehre, daß Niemand eines seiner Kinder gegen die übrigen bevorzugen dürfe. In späteren Zeiten war man sogar beflissen, diese Liebe ganz und gar zu verheimlichen, und es kam so weit, daß einige Rabbinen vom Küssen der eigenen Kinder abmahnten. Die Strenge Akabya ben Mahalaleel's verdient, wenn nicht Nachahmung, so doch eine Erlvähuung. Als dieser Rabbi kurz vor seinem Ableben von feinem Sohne gebeten wurde, ihn dessen Freunden und Amtsgenoffen zu empfehlen, war die Antwort, die der arme Knabe von ihm erhielt: „Deine Aufführung wird an sich meinen Freunden Dich empfehlen, oder Dich ihnen entfremden." Ein anderer Rabbi erklärte (unter Hinweis auf Proverb. XXVIII, 27), es bedeute Lebensspendung für einen Jüngling, wenn man ihn Mäßigkeit in der Lebensweise und Enthaltsamkeit im Fleisch- und Weingenuß lehre. R. Judah der Fromme im Mittelalter gibt reichen Eltern den Rath, ihren