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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-09-18 · 38 (18.9.1896) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
38 (18.9.1896)
Date
1896-09-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Vlvch's Wochenschrift Seite 751 Unsere Leser kennen den Verlauf der ganzen Angelegenheit, doch wird es nicht schaden, wenn wir in knappster Kürze den Sachverhalt wiederholen: Au der Sadagoraer Volksschule, deren Majorität seit Jahren überwiegend jüdisch war, wurde nach dem Ableben des vorigen Oberlehrers durch Einschulung fremder Kinder eine christliche Majorität von 8 Kindern künstlich herangezüchtet, um es zu verhüten, daß der § 48 B.-N. eine Anwendung zu Gunsten der Inden erfahren sollte. Nach jahrelanger, provisorischer Besetzung der Oberlehrerstelle wurde vor nicht langer Zeit der Coneurs ohne das Erforderniß der Confession ausgeschrieben. Diese Art der Concnrsausschreibung entsprach nicht den thatsächlichen Verhältnissen, weil nach einem fünfjährigem Durchschnitt die mosaische Confession überwiegt nnb weil die mit der Knabenschule in Verbindung und unter derselben Leitung stehende Mädchenschule zum weitaus größten Theile von jüdischen Mädchen besucht wird. Die Absicht lag klar zu Tage. Alan sucht es, wenn auch ans ungesetzlichem Wege, zu verhindern, daß ein Jude die Leitung einer Volksschule erhält. Der Protest der israelitischen Cultnsgemeinde von Sadagora wurde zurückgewiesen und nur einem zufälligen Umstande ist es zu verdanken, daß in der am letzten Mittwoch stattgefundenen Sitzung des Landesschulrathes die endgiltige Besetzung der Oberlehrerstelle nicht vorgenommen wurde. Die trüben Schatten der Coneordatszeit ziehen wieder heraus. Oesterreich soll dein Katholicismus wiedergegebeu werden. Unter den Auspicien der hohen Reichsregierung haben die frommen Bischöfe und frömmern Grafen Beschlüsse gefaßt zur größeren Ehre Gottes. Die Schule soll der Kirche wiedergegeben und Volksbildung und Wissenschaft in katholische Fesseln gelegt werden. Bisher hatte man sich begnügt, dem liberalen Vvlksschulgesetz auf Schleichwegen beizukommen, jetzt soll mit Hilfe der Negierung und des Parlamentes der Hauptvorstoß gegen eines unserer vorzüglichsten Gesetze geführt werden. Kein Wunder, daß in einer Zeit, da die katholische Reactivn stolz ihr Haupt erhebt, die gelehrigen und gefügigen Behörden eines Gautsch auf den Wegen der Reactivn wandeln. Die Saat, die im Westen gesäet wird, soll auch im Osten aufgehen. Die hohen Schulbehörden der Bukowina wo.'len nicht die Erziehung der Kinder in der Volksschule einem Inden „preisgeben". Und wie gut kommt dem hohen Landesschulrathe der Bukowina der Zufall zu Hilfe! Oder war es nicht Zufall, daß die entscheidende Sitzung des Landesschnlrathes gerade fiir einen hohen j ü d i s ch e n Feiertag anberanmt war, so daß der einzige jüdische Vertreter im Landesschulrathe der Sitzung fernbleiben mußte °? Doch thun wir den Herren vielleicht Unrecht, weil sie doch ganz gut wissen dürften/ daß der derzeitige jüdische Landesschulrath so unschädlich ist, als sie nur wünschen mögen. Man könnte ja in seiner Gegenwart den 'Ausschluß aller Juden voin Bolksschulunterricht, ja noch viel Schlimmeres beschließen, und der Vertreter der Judenschaft 1 wird sein tiefsinniges Schweigen nicht unterbrechen. So sehr es auch Manche peinlich berühren sollte, wenn wir diese Frage der Vertretung der Inden im Landesschulrathe aufrollen, so können wir^ doch nicht anders. Denn die Interessen der Judenschast selbst sind gefährdet, wenn sie einen Mann von den Qualitäten des derzeitigen Cultnsvorstandes im Landesschulrathe sitzen hat. Er ist der e i n z i g e Vertreter der Juden in der Bukowina, der in Schulfragen entscheidend mitsprechen kann. Das Veto des Vertreters einer Confession bewirkt, daß die Entscheidung einer Schnlsrage dem Ministerium anheimgegeben wird. Wir erinnern daran, daß vor Jahren der damalige Lnndesschulrath Dr. Fechner sein Veto geltend gemacht hat, als es sich unter ähnlichen Verhältnissen lute in Sadagora um die Besetzung der Oberlehrerstelle an der Volksschule in Sereth gehandelt hat. Mau muß endlich einmal wahr und offen reden. Die Juden in der Bukowina sind trotz dem einen jüdischen Landess chulrath e in dieserKö rp erschuft dennoch nicht vertreten, obwohl die gefährdeten jüdischen Interessen einen g anze u Mann verlangen. Es scheint ein gewisses Princip im Landesschulrathe zu herrschen, wornach es in der Bukowina unter keinen Umständen geduldet werden' darf, daß an einer Volksschule jemals ein Jude Oberlehrer werden soll. Der Sadagoraer Fall ist nicht der einzige. An der Volksschule in Suez a w a und Sereth ist die Majorität der Kinder schon feit Jahren jüdisch und schon seit Jahren ist aus gewissen Gründen die Leitung dieser Schulen nur provisorisch besetzt. In S t o r o 2 y n e tz wie in S a d a g o r a werden die Mädchenschulen mit ihrer jüdischen Majorität der Knabenschule angehängt, um ja nicht eine jüdische Oberlehrerin austelleu zu müssen. Das geschieht ut der Bukowina, wo nominell der Antisemitismus nicht zu Hanfe ist. Interessant ist nun ^n er fahren, daß es wo anders keineswegs so schlimm ist als hierzulande. Selbst in der Residenz des Antisemitismus, in der Reichshauptstadt Wien hat in Hinsicht aus die 'Anwendung des ß 48 eine liberale Richtung platzgegrissen. An (> —7 Knabenschulen in Wien sind jüdische Oberlehrer augestellt. In der 'Alt stadt in P r a g wirkt ein Jude namens Manthner als Bürger schuldireetor, und es ließen sich vielleicht noch so manche Fälle ausühren, die von einer ehrlicheren Handhabung der Vvlksschnlnvvelle Zengniß geben könnten. Aber was hilst's! Der Landesschulrath hat z>i entscheiden, und da auch Proteste nicht zu Helsen vermögen, wird wieder die alte traurige Wahrheit sich erfüllen, daß die Gesetze nur gemacht sind, damit sie uiugaugeu werden und daß ein Gesetz anders gedeutet werden darf, wenn es sich um Inden handelt. Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. LY1II. D i e trübe G e g e n w a r t. Es tväre auch wahrlich Zeitz daß es etwas anders und besser werde, denn die Gegenwart präsentirt sich in außerordentlich trübem Lichte, so daß man ordentlich verzweifeln könnte. Es scheint, daß sich gewisse, stark antisemitisch angehauchte Organe der Adnlinistration die Ausgabe gestellt haben, den russischen Inden das Leben so sauer als möglich zu machen. Da man in den höchsten Regiernngssphären gegenwärtig ganz von der internationalen Politik in Anspruch genommen ist, (im Orient da Wetter leuchtet es in einemsort und ein dumpfes Grollen verkündet das Herannahen eines Ungewitters, durch welches auch der Occident stark in Mitleidenschaft gezogen werden dürste) so suchen gewisse Judenfresser, die dadurch weit freiere Hand erlangen, diese Gelegenheit, um an dem ewigen Sündenbocke der Menschheit ihr Müthcheu zu kühlen. Es haben abermals Judenverfolgungen begonnen, die man als schlimme Symptome der nächsten Zukunft hätte deuten dürfet!, wenn es nicht bekannt wäre, daß, Dank einem ans die Spitze getriebenen System der Eentralisation in der Verwaltung, just das Gegentheil erreicht wird, das heißt, daß ein jedes Ressort selbstständig vorgeht und sich eines um das andere gar nicht kümmert. Zu den neuesten Verfolgungsmaßregeut gehören unter An derem folgende: Der .Kriegsminister General Wannowski (bekanntlich ein Antisemit reinsten Wassers, der auch die zu fernem Ressort gehörige Militär-Medicinische Akademie für die Juden 1 hermetisch geschlossen hat», hat den Kriegsconseil veranlaßt, eine Geseye'sabändernng zu beantragen, daß den im Militärdienste befindlichen Juden während der ihnen zu ertheileuden Urlaubszeit der Aufenthalt nur in den Gouvernements zu gestatten sei, die znm jüdischen Ansiedlnngsrayon gehören. Eine derartige Beschränkung existirte bis jetzt nicht, und dem General Wanuvwski gebührt das Verdienst, dieselbe unter dem Regiine 'Nicolai II. ins Leben gerufen und die kaiserliche Sanction erlangt zu haben. Während der Kriegszeit ist es dem jüdischen Soldaten vergönnt, überall sein Blut zu vergießen, auch außerhalb des Ghettos, selbst jenseits der Grenze!: des heiligen russischen Reiches, wie es z. B. im letzten russich-türkischeu Kriege der Fall war, wo sich jüdische Soldaten durch außerordentliche Tapferkeit und Unerschrockenheit ausgezeichnet und viele von ihnen mit dem Georgienkrenz, der höchsten militärischen Auszeichnung, freilich gegen den Willen und die Intentionen mancher Ehess ansge- , zeichnet wurden; im Frieden aber darf der jüdische Soldat das Ghetto nicht überschreiten. Selbst die kurze Zeit des so karg zllgemessenen Urlaubs wird dem jüdischen Soldaten dadurch verkümmert, daß man ihm das Ausenthaltsrecht beschränkt und ihn dadurch in den Augen seiner Kameraden erniedrigt. Und daun wundert man sich, wenn der Jude nicht genug aufopfernden Patriotismus bekundet, wenn er sich zu der ihn bedrückenden Nation abwehrend verhält, tveun er die, seine Thätigkeit lähmenden, seine Existenz untergrabenden repressiven Gesetze zu umgehen bestrebt ist. Sind es nicht die grausamen Einschränkungen und bedrückenden administrativen Maßregeln, welche den in den Grundvesten seiner Subsistenz bedrohten russischen Juden dahin

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