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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-09-18 · 38 (18.9.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
38 (18.9.1896)
Date
1896-09-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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©eite 750 Vr Vloch's Wocheuschrifi. Nr. 38 Confeffwnelle Eintracht. Köuigsverg, 25. August. Der heutigen feierlichen Einweihung der neuen Synagoge wohnten u. A. bei: der Oberpräsident Graf Bismarck, der Stadtcvmmaudant Generallieutenant Keyler, Oberregierungsrath Bergmann als Vertreter des auf Urlaub weilenden Regierungspräsidenten v. Tieschowitz, Geheimer Regierungs- und Landrath Freiherr von Hülleffem, Polizeipräsident Dr. Schütte, Eisenbahnpräsident Simson, Oberbürgermeister Brinkmann, Regierungs- und Baurath Lanner, Professor Dr. Gareis, Professor Dr. Bezzenberger, die Stadträthe Graf und Schaf, Stadtbaurath Mühlbach, Stadtfchulrath Mühlbach, Stadtfchulrath Dr. Tribukait, Stadtverordnetenvorsteher Dr. Rosenstock, Stadtrath a. D. Krohne, Consistorialrath Superintendent Lackner, Prediger Liedtke, die Gymnasialdirectoren Babucke, v. Drygalski und Ellendt. Die formvollendete und ergreifende Weiherede hielt Rabbiner Dr. Werner aus München. Der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Prof. Dr. Samuel gab der freudigen Genugthuung über die langersehnte Vollendung des schönen Werkes, dem Dank für alle, die an dem Gelingen durch Opfersinn und persönliche Hingebung mitgewirkt, Ausdruck und schloß hierauf mit den Worten: „Zum Segen soll dieser Bau gereichen nicht blos für uns und unsere Nachkommen, so lange diese Mauern stehen, sondern nicht minder für unsere Mitbürger aller Confessionen, mit denen wir uns eins fühlen in treuer Mitarbeit für Staat und Gesellschaft, für Handel und Gewerbe/ für Wissenschaft und Kunst, für fleißiges Schaffen jeder Art. Zum Segen für alle, denn die Sittenlehre des Judenthums verlangt Nächstenliebe gegen Jedermann ohne Unterschied der Abstammung und der Religion, verlangt strengste Wahrhaftigkeit in Handel und Wandel, verlangt treue Hingabe an das Wohl des Vaterlandes. Ausdrücklich besagt die Erklärung der 200 Rabbiner Deutschlands vom Jahre 1894, daß die Sittenlehre des Judenthums keinen Ausspruch und keine Anschauung anerkennt, die dem Nichtjuden gegenüber erlaubt, was dem Juden gegenüber verboten ist. So soll die Sittenlehre von dieser Kanzel gelehrt werden im breiten Lichte der Oeffentlichkeit. Andächtige Festversammlung! Als die alte Synagoge nach dem großen Brande der Vorstadt im Jahre 1810, am 19. April 1815 an derselben Stelle eingeweiht wurde, da war der Schluß dieses Actes die Einsegnung der 15 Freiwilligen zum Feldzuge von 1815. Die Namen derselben sind uns größtentheils erhalten. Dank der Wiederherstellung des Deutschen Reiches durch das erlauchte Haus der Hohenzollern, dank der Friedensliebe und Weisheit Sr. Majestät können wir heute die Einweihung der Synagoge im tiefsten Frieden feiern. Möge uns dieser Friede lange erhalten bleiben! Aber wenn das Vaterland ruft, dann wird unsere Jugend, die in diesem Tempel zum Fahneneid vorbereitet wird, auf dem Felde der Ehre ihre Pflicht thun, so wie sie unsere Väter und Großväter gethan haben." Von allgemeinen! Interesse und symptomatisch für das glückliche Verhältniß, in dem in Königsberg in Preußen die Judenschaft mit den Mitbürgern der anderen Confessioneu lebt, dürfte der vom Bürgermei st er Brink m a n n ansgebrachte Toast sein. Derselbe lautete: „Wir leben," so etwa begann der Redner, „in einer stürmischen, ich möchte sagen, wilden Zeit, in der längst verrottete Anschauungen sich wieder ans Tageslicht wagen. Falsche Begriffe von Ehre und Ehrgefühl werden wieder wach und trotzen besseren und aufgeklärteren Meinungen. Ganze Stände und Bevölkerungsclassen werden aufgerulen zum Kampfe des einen Standes gegen den anderen, der einen Classe gegen die anderen Claffen. Vergessen sind die Lehren und Erfahrungen früherer Zeiten. Der große Preußenkönig Friedrich II. scheinst umsonst gelebt und Lessing seinen Nathan umsonst geschrieben zu haben. Da will mir der heutige Festtag wie das Ausrichten einer besseren und schöneren Zeit erscheinen. Wir haben es ja heute gehört, daß die wahre Religiosität nichts anderes ist, als das Streben nach Wahrheit. Auch die hiesige Synagogengemeinde legte einen Beweis dieses Strebens ab, indem sie den Bau eines neuen Tempels in Angriff nahm und vollendete; denn sie hat die Religiositätihrer Mitglieder fördern wollen. Und dann ist mit der heutigen Einweihung von ihr ein Sieg errungen, der den Mitgliedern der Gemeinde die Unbill der Zeiten und der Menschen wohl vergessen lassen kann. Deshalb gereicht es mir zur ganz besonderen Freude, als Mitvertreter der städtischen Behörden dazu ausersehen zu sein, die Synagogengemeinde zu dem wohlgelungenen Werke von Herzen zu beglückwünschen und ihr den Dank für die Einladung zur Feier auszusprechen. Mit noch mehr Stolz aber möchte ich behaupten, daß an Ihrem Feste die gesammte Konigsberger Bürgerschaft freudigen Antheil nimmt. Denn gehobenen Hauptes und Ihrer Zustimmung sicher darf ich es wohl aussprechen: Hier in Königsberg leben die Bekenner aller Confessionen in Frieden und Eintracht neben und mit einander. Daß dem aber so ist, daran hat auch die hiesige jüdische Bevölkerung selbst kein ganz geringes Verdienst. Darf ich beginnen mit dem, was mir zunächst liegt, so muß ich rühmend und dankend anerkennen die aufopfernde Mitarbeit und H i ngabe unserer israelitischen Mitbürger nicht blos in der städtischen Verwaltung, sondern überhaupt in allen öffentlichen Angelegenheiten. Nur ungern und gewiß zum Schaden der Gesammtheit würden wir missen die Anhänger des mosaischen Glaubens in unserer Stadtverordnetenversammlung, in unserem Magistratscollegium in den vielerlei Commissionen und Deputationen, in den städtischen und sonstigen Ehrenämtern. Und so manches schöne und gute Werk wäre unterblieben oder doch nur halb gediehen, wenn nicht unsere jüdischen Mitbürger mit Rath und That mitgeholfen hätten und noch mithelfen würden. Und wie wenig beanspruchen sie selbst dagegen unsere Beihilfe, zufrieden allein mit den Privilegien, die ihnen schon lange zustehen. Ja, und wenn man die Listen derer durchsieht, welche aus städtischen Mitteln Unterstützung beziehen, so muß ich eingestehen, daß unsere jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen von der Armenpflege nur wenig Nutzen haben. Nicht daß ich meinte, Armuth käme bei Ihnen überhaupt nicht vor. Aber stärker als anderswo wirken bei Ihnen die Bande der Familienzusammengehörigkeit und der Freundschaft, groß und bewundernswerth ist ihre Gatten- und Kindesliebe, und mancher glanbenseifrige Christ könnte sich hierin an ihnen ein Vorbild nehmen. Wer endlich Gelegenheit gehabt hat, zu sehen, wie häufig gerade die Herzen und Hände der Juden sich öffnen, um auch fremde Noth zu lindern oder um segensreiche Einrichtungen für das Gemeinwohl zu fördern, der wird gern das Wort unseres Kaisers unterschreiben, daß christlich-social eigentlich ein Unding ist. Ist doch in der That Wohlthätigkeit, wie überhaupt jede edle Gesinnung, keiner einzigen Religionsgemeinschaft allein eigenthümlich. Und ist doch umgekehrt zu einem Gott wohlgefälligen Leben das Festhalten an mehr äußeren Dingen und Gebräuchen nicht absolute Vorbedingung. Auch das hat man, wie mir wohl bekannt ist. in unserer Königsberger Synagogengemeinde längst eingeschen. Nicht abgeschafft sind die Gebräuche der Voreltern, wohl aber hat jedes Mitglied die Freiheit seines Thun und Lassens, und dieser Nichtgebundenheit an Formen und Gebräuche entspringt dann wieder jene freiere Auffassung von göttlichen und weltlichen Dingen, die schon den weisen Nathan zierte und heute wie früher einen nicht zu unterschätzenden Vorzug, insbesondere des gebildeten Judenthums, ausmacht. Empfänglich für jede Weiterentwicklung des Menschengeschlechts erglüht für Kunst und Wissenschaft, erfüllt von wahrer und echter Humanität, dabei folgsam den Staatsgesetzen und treu seinem Könige, so sehe ich im Geiste, und nicht ich allein, denselben Juden, den man ehemals verbrannte und dem heute nur noch verblendete Fanatiker seine Rechte kürzen wollen, so muß er Allen erscheineil, die nur ge' recht sein wollen. Und wenn dereinst, vielleicht erst nach Jahrhunderten, die Gegensätze der Religionen und der Confessionen sich derart ausgeglichen haben werden, daß der Mensch nur noch nach seinem inneren Wenhe geschätzt und beurtheilt wird, alle anderen Unterschiede dagegen bedeutungslos geworden sein werden, wenn das Menschenthum diesen Triumph erleben wird^— dann wird, so hoffe ich, bei der F-ier dieses Triumphes die Konigsberger Synagogengemeinde nicht unbetheiligt bei Seite stehen." Die mit lebhaftem Beifall aufgenommene Rede klang in ein Hoch auf die Synagogengemeinde aus. Auch der P r o b st S z a d o w s k i sandte ein herzlich abgefaßtes Glückwunschtelegramm zum Feste. Zur Sadagoraer Schulfrage. Die Sadagoraer Volksschule macht seit längerer Zeit viel von sich reden. Die Eingeweihten wissen, daß das Interesse nicht der Schule gilt, sondern der bis dato unbekannten Person ihres definitiven Leiters. Wird es ein Jude oder ein Christ sein? Die Lösung dieser Frage hat der Landesschulrath und in letzter Linie der Minister für Cultus und Unterricht in der Hand. Wenn Jemand über die Ausstellung dieser Frage, ob Jude ob Christ, unwillig sein sollte, der möge seinen heiligen Zorn an dem § 48 der Volksschulnovelle aus lassen oder vielmehr an denjenigen, die unser freiheitliches Volksschulgesetz mit reactionären Elementen durchsetzt haben. Im thatsächlichen Widerspruche mit den Staatsgrundgesetzen, die die Zugänglichkeit aller Aemter für alle Staatsbürger decretiren, besagt der famose § 48, daß die Confession des Leiters einer Volksschule sich nach dem Bekenntnis der Majorität der Schüler, die nach einem fünfjährigen Durchschnitt zu berechnen ist, zu richten habe. Es ist also bereits öfters der Fall eingetreten, daß bei der Concursausschreibung für ein öffentliches Amt eine bestimmte Consession gefordert wurde. Im vorliegenden Falle hat die Lösung der obangeführten Frage eine ganz eigene Behandlung erfahren.

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