Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. Vloch's Wochrnfttzrifl. durchschlägt. Sic bedeutet einen Gedenkvers, den man allen Antisemiten ins Stammbuch schreiben kann. Sie Alle, Alle; ob sie kurze oder lange Hosen tragen, ob sie Gymnasiasten sind oder nicht einmal die Volksschule besucht haben, was sind sie anderes, als solche Buben, die ihre Zeit nicht besser zu benützen wissen, als anständige Leute zu molestiren. Was gebührt ihnen Besseres, als die Ruthe? Nie zuvor wurden alle antisemitischen Bestrebungen deutlicher und gründlicher charakterisirt, nie zuvor wurde mit trefflicherer Prägnanz das einzige Mittel gekennzeichnet, mit dem diesen Tendenzen wirksam entgegengetreten werden kann. Der Gymnasiast Herbert Stroh l beschimpft einen ruhigen ehrsamen Geschäftsmann auf offener Straße, brüllt ihm den Luegermarsch in's Gesicht und bewirft ihn mit Kirschkernen und Nußschalen. Der Attakirte wendet sich an den Ordinarius dieses Bürschchens und bittet um Abhilfe. Und nun kommt der Vater dieses kurzhosigen Beleidigers und bringt namens seines Sohnes eine Ehrenbeleidigungsklage ein. Und dieser Vater ist ein akademisch gebildeter Mann, die Blätter verzeichnen, daß er den Doctortitel führt und die Stellung eines praktischen Arztes bekleidet. Dieser Vater approbirt das Vorgehen seines Sohnes, er gibt den rohen Schimpfworten seinen väterlichen Segen. Er lächelt gerührt über die gesinnungstüchtigen Nußschalen, die überzeugungstreuen Kirschkerne, mit denen das Söhnchen das Fundament einer künftigen politischen Carriere gelegt hat. Dieser Bub kann noch ein großer, ein sehr großer Bub werden, er kann es weit bringen im Molestiren anständiger Leute. Wenn der Papa einmal alt und schwach geworden sein wird, wenn sein Magen das ewige Judenfressen nicht mehr vertragen wird, dann kann er beruhigt mit t em deutschen Dichter sagen : „Komm' mein Sohn, nimm diesen Speer, meinem Arm wird er zu schwer!" Von der traurigen Generation, die unter unseren Augen aufwächst, haben wir nichts Anderes zu erwarten, als was wir täglich, ja stündlich beobachten können. Freilich greift sich der ruhige, vbjective Beobachter schaudernd an den Kopf und fragt, wie weit es noch kommen soll, wenn nicht allein die ethischen Anschauungen, sondern auch die Rechtsbegriffe weiter Schichten der Bevölkerung auf den Kopf gestellt scheinen, wenn der Beleidiger zu Gericht geht und das Verlangen stellt, daß der Beleidigte gezüchtigt werde. Die Ruthe . .. Die Ruthe! Zum Mindesten in der politischen Schule sollte die Prügelstrafe wieder eingeführt werden! Plenarversammlung des „Politischen Volksvereines" vom 14. September 1896. Mit der heute unter sehr zahlreicher Betheiligung der Bereiusiuitglieder abgehalteueu Plenarversammlung hat der „Politische Volksverein" seine Wintersession eröffnet. Der Bereinspräsident, Herr Dr. Fialla, begrüßte nach „längerer, durch die vereiüsseindliche Sommersaison bedingten Pause" die Wiederaufnahme der öffentlichen Vereinsthätigkeit, die eine sehr ernste und intensive werden müsse, wolle man auch nur einigermaßen den überaus verschlechterten innerpolitischen Verhältnissen begegnen und Stand halten. Das ganze Staatsgebilde, seine Rechtsordnung und Verwaltung habe nunmehr offen und unverhüllt das längst gefürchtete Gepräge des düstersten Clericalismus und der schärfsten Reaction empfangen — vergiftet überdies durch tollwüt hi gen Racenhaß und schmähliche Judenverfolgung. Wahrlich, sagt Redner, wenn heute, wie die Berichte melden, gegenüber der Deputation der Przemysler Cultnsgemeinde den Juden aus dem Munde unseres geliebten Kaisers die gnadenvolle Versicherung gespendet wurde: „Ich bin überzeugt, daß Ich auf die Treue der galizischen Israeliten, wie der Israeliten meiner ganzen Monarchie fest rechnen kann — so beugen wir uns dankerfüllt und ehrfurchtsvoll vor dieser weithin tönenden Anerkennung — aber es entwindet sich uns zugleich der Schmerzensruf: w a n n e n d l i ch wird Volk und Regierung auch uns Treue vergelten, wann endlich empfangen wir für unsere Treue — Gerechtigkeit?! (Stürmischer Beifall.) Herr Dr. Fialla betont weiter die nächste, den engeren internen Interessentenkreis der Wiener Judenschaft berührende Seite 749 Aufgabe, welche durch die bevorstehende Neuwahl des Vorstandes der Wiener Cultnsgemeinde gegeben ist und angesichts der Zeitverhältniffe mehr denn je die achtsame Mitwirkung der Glaubens- und Gemeindegenossen herausfordert. Es werde sich um die Bildung eines Vorstandes handeln, der, weit hinausragend über die Aufgaben der 'Administration, seine Mission erfüllt und dnrchdringt mit dein Geiste und Verständnisse für die Noth und Bedürfnisse der allseits bedrängten Judenschaft und an Haupt und Gliedern würdig ist, das größte jüdische Ge m e i nw e se n, w el che s ü be rh a u p t besteht, zu repräsentiren. (Allseitige lebhafte Zustimmung.) Uebergehend zur Tagesordnung, ertheilt der Vorsitzende zu deren ersten Gegenstand: „Verhalten der jüdischen Wählerschaft in Wien anläßlich der bevorst e h e n v e u L a n d t a g s w a h l e lt", das Wort dem Referenten Dr. Mareell Hoff m a n n, welcher die Ereignisse, sowie die Entwicklung der politischen Lage seit dem Regierungsantritte des Grafen B a d e n i einer kritischen Besprechung unterzieht und mit Rücksicht auf die überaus traurige Gestaltung der Parteiverhültuisse nachfolgende Resolution der Annahme durch die'Versammlung empfiehlt: „In Erwägung, daß die am 29. Juni d. I. in Prag proclamirte „Deutsche Fortschrittspartei", welche die ehemalige „Deutsch-liberale Partei" zu ersetzen bestimmt erscheint, schon derzeit durch die in den verschiedenen Kronländern mit beit offenkundig freiheits- und fortschrittsfeindlichen Elementen und Parteien für die bevorstehenden Landtagswahlen abgeschlossenen Wahlbündnisse das Vertrauen aller wahrhaft freisinnigen Parteien und Wähler und daher auch jenes der dem echten Liberalismus augehörigeil jüdischen Wählerschaften verwirkt hat, — beschließt die heutige Plenarversammlung des „Politischen Volksvereines der jüdischen Wählerschaft Wiens", jeglichem Zusammengehen mit dieser Deutschen Fortschrittspartei anläßlich der niederösterreichischen Landtagswahlen als mit unseren Principien unvereinbar und für unsere legitimen Zwecke aussichtslos zu widerrathen und sich bezüglich des weiteren Verhaltens gegenüber den Landtagswahlen ihre Entschließungen vorzubehalten". An diesen Antrag knüpft sich eine eingehende lebhafte Debatte, an welcher die Herren C z e r w e n k a. Redacteur Fleischer, Dr. B r e i t e n st e i n, Dr. Philipp M e i t n e r, Architekt Fränkl, Dr. Bloch, Otto Lang n. m. A. sich betheiligten und in welcher der erste Theil der Resolution, betreffend die Absage an die Deutsche Fortschrittspartei, als eine nothwendige und schier unvermeidliche Consequenz des Verhaltens der früheren deutsch-liberalen Partei in den letzten Jahren und der neuen Deutschen Fortschrittspartei in den wenigen Monaten ihres Bestandes, nahezu einmüthige Zustimmung fand. Rücksichtlich des zweiten Theiles der Resolution, in welchem die weiteren Entschließungen sich Vorbehalten werden, wurden Wünsche laut, daß schon derzeit eine p v s i t i v e R i ch t s ch n u r gegeben werde, welche nach einigen Rednern in der Stärkung der demokratischen, nach anderen in der Bildung einer selbstständigen jüdischen Partei, unter 'Aufstellung von Zählcaudidaten gesunden werden soll, während wieder andere Freiheit der Wahl nach Beschaffenheit des Candidaten unabhängig von seiner Parteiangehörigkeit befürworteten. Nach einem Schlußworte des Referenten erörtert dem gegenüber der Vorsitzende die Zweckmäßigkeit und Vorfichtspflichr, mit der Beschlußfassung über das positive Vorgehen noch innezuhalten, bis der im Zuge befindliche Gäbrungs- und Umgestaltungsproceß, der sich vielfach zeige, zu bestimmten 'Abschlüssen und Ergebnissen gelangt sein werde: man dürfe dieser Entwicklung nicht vorgreifeu, zumal nicht A b st inen z u in j e d e u Preis, nicht gewaltsame I s o l i r u n g unsere Parole sein dürfe. Der große Rechtslehrer Holtzendorff spreche ans, daß die Prüfung der Z w e ck m ä ß i g k e i t s - B e r h ä l t n i s s e in jedem eonereten Falle der Kern der praktischen Politik sei, und diese Prüfung wollen auch wir dem geeigneten Zeitpunkte Vorbehalten. (Lebhafter Beifall.) Bei der nun folgenden Abstimmung wird die beantragte Resolution vollinhaltlich mit allen gegen fünf Stimmen angenommen. Die Versammlung wurde nach Mitternacht geschlossen und findet S a m st a g de n 19. September behufs Behandlung des zweiten Gegenstandes der heutigen Tagesordnung: „Besprechung der bevorstehenden Neuwahlen in den Vorstand der Wiener Cultnsgemeinde" ihre Fortsetzung.