Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 748 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 38 Worte in den Festräumcn des Wiener Rathhauses gesprochen werden, gibt es da noch einen Zweifel an ihrer Berechtigung und an ihrer baldigen Erfüllung? Bon der Straße, von der Kneipe ist das wilde „Hepp- Hepp" hinaufgestiegen in jenen herrlichen Palast, den der Wiener Bürger mit Stolz sein eigen nennt. Als Lueger zum Kaiser berufen wurde, hieß es, der Antisemitismus sei hoffähig geworden. Aber tiefer und zündender wirkt auf die Brassen die Erfahrung, daß der Antisemitismus von den Prunkräumen des Rathhauses Besitz ergriffen hat. Der Wiener Kleinbürger, der noch immer nicht das ihm verheißene Haus erworben hat, fühlt sich vorläufig durch das Bewußtsein gehoben, daß er Mitbesitzer des Wiener Bürgerpalastes ist. Und wenn ihm nun hier mit der Autorität der goldenen Amtskette zugerufen wird, daß der Jude ein Fremdling auf diesem Boden sei und sich still verhalten müsse, daß es im Belieben der städtischen Machthaber stehe, ihn zu dulden oder zu verjagen, dann muß das Alles wahr sein. Allerdings — dieses steinerne Gedicht hätte nicht entstehen können, wenn nicht auch die Juden als gute Staats- und Stadtbürger pünktlich ihre Communalsteuern gezahlt und wenn nicht jüdischer Geist und jüdischer Fleiß daran mitgearbeitet hätten. Wie sie auch drinnen toben und schreien, der in Stein gemeißelte Kopf unseres Maximilian Fleischer über dem Haupteingange des Rathhauses wird ihre Behauptung vom „jüdischen Schmarotzerthum" ewig Lügen strafen. Dann kamen die niederösterreichischen Bauern. „Dieselben Feinde," rief ihnen Dr. L u e g e r zu, „die den Gewerbetreibenden bedrohen, bedrohen auch den Bauernstand! In Ungarn geschieht, was die Juden wollen, wir aber wollen das thun, was die Juden nicht wollen!" Und auch die Bauern jubelten! Sie begriffen freilich schon etwas schwerer als die Gewerbetreibenden, wie durch die Judenhetze ihren Sorgen und Nöthen abgehUfen werden soll, denn der Großgrundbesitz rn Niederösterreich befindet sich nicht in den jj Händen der Juden, die Reblaus gehört nicht zum jüdischen Inventar, die Verschuldung des bäuerlichen Besitzes ist nicht ein Werk der Juden und das Jagdrecht wird von den Juden nicht ausgeübt. Aber hier wirkten andere Eideshelfer mit. Die Negierung hatte den Statthalter zur Begrüßung des antisemitischen Bauerntages entsendet, und was die Bauern nicht verstanden, verstanden umso besser die Capläne, unter deren Führung sie heranzogen. Der Bauerntag diente clericalautisemitischen Zwecken, und diesen Zwecken lieh die Regierung ihre Patronanz durch die Abordnung des höchsten Funktionärs des Landes. Der Statthalter leitete die Berathungen ein, indem er den Bestrebungen der Veranstalter „besten Erfolg" wünschte, und Dr. Lueger führte dieselben zum Abschluß, indem er die Juden als die Feinde des Bauernstandes bezeichnete. Mehr brauchte es nicht, um den Bauer davon zu überzeugen, daß die Regierung genau dasselbe wolle, was Dr. Lueger will und etwaige Zweifel, die noch in seiner Seele hafteten, werden die hochwürdigen Herren, die für den Bauer denken, schon zu beseitigen wissen. Aus dem Arkadenhofe des Rathhauses hinaus wird nun der Judenhaß in alle Dörfer und Weiler getragen. Wir haben jüngst von dem Sclavendienst gesprochen, dem Wien dem flachen Lande leisten muß. Der Bauer haßt unsere Stadt und preßt sie aus; dafür huldigen ihm die Funktionäre dieser Stadt! Eine tiefe wirthschaftliche Kluft gähnt zwischen den Inter-, essen der Wiener Gewerbetreibenden und des bäuerlichen Landbewohners. Dr. Lueger aber erklärt, daß Beide von demselben Feinde bedroht sind und zusammengehören. Wir werden ja sehen, ob Worte stärker sind als Thatsachen. Das Wiener Rathhaus ist das Centrum einer großen politischen Agitation geworden, die über das ganze Land, über das ganze Reich getragen werden soll, einer Agitation gegen Recht und Ordnung und gegen die Grundlage des Staatslebens. Während der Kaiser in Galizien die Treue seiner jüdischen Unterthanen im ganzen Reiche preist, nennt ] man dieselben im Wiener Rathhause in Anwesenheit des kaiserlichen Statthalters „Fremdlinge" und „Schmarotzer". Aber Wien ist nicht Paris und Oesterreich ist nicht Frankreich, und darum glauben wir trotz alledem und alledem, daß das Wiener Rathhaus doch nicht die weltgeschichtliche Rolle des Pariser Stadthauses spielen wird. Der Hahn auf dem Wist. Seit Glaserist die Ansicht von der Nützlichkeit der Geschwornengerichte eine wesentlich andere geworden. Die Flegeljahre des doctrinären Liberalismus sind vorüber, die schöne Zeit der ersten jungen Liebe vorbeigerauscht und manche Institution, die von der Schwärmerei verklärt wurde, nimmt sich heute ganz anders aus im uüchternen Lichte der grauen Erfahrung. Hier ist nicht die Srelle, zu untersuchen, ob die Geschwornengerichte thatsächlich alle jene Hoffnungen erfüllt haben, die mit ihrem Bestände verknüpft wurden, hier soll blos constatirt werden, daß sich jene Bedenken als richtig herausgestellt haben, die vorsichtige Politiker geltend machten, als ihre Einsetzung als freiheitliches Dogma verkündet wurde. Ganz richtig wurde vorausgesagt, daß in Zeiten verschärfter socialer Gegensätze, erbitterter Classenkämpfe, gesteigerter nationaler Erregung die vielgerühmtcu Männer aus dem Volke es sein würden, die der Themis die Binde tiefer rücken dürften. Da ist in diesen Tagen ein Geschworuenverdict gefällt worden, welches viel zu denken gibt. Das Soi äissnt-Witzblatt „Kikeriki", welches die jüdische Studentenverbindung „Kadimah" in einem rohen Gedicht verspottet hatte, entging der sicheren Verurtheilung Dank dem freisprechenden Verdick der Geschwornen. Es war ein Gedicht voll gemeiner, verletzender Ausfälle. Schimpfwort drängle das Schimpfwort. Der Vertheidiger des Angeklagten, eine disciplinarrathbekannte „Zierde" des Barreaus, machte auch nicht den schwächsten Versuch, die beleidigende Absicht zu leugnen, r Er meinte nur— die „Kadimah" sei nicht gemeint. Gottbehüte, die „Kadimah" nicht. Daß der Titel „Commerslied der Kadimah" lautete, war purer, bedauerlicher Zufall. Und die Geschwornen sprachen frei . . . Den Kadimahuern, die mit der Waffe in der Hand sehr nachtrücklich ihre Ehre und die ihres Volkes den Gegnern gegenüber vertreten haben, wurde bekanntlich die Satisfactionsfühigkeit abgesprvchen. Man schlägt sich nicht mit Jenen, von denen man fortwährend Prügel bekommt. Und gehen die Geschimpften zu Gericht, so gewinnt man eben der bewährten Auskneifmethode neue dankbare Seiten ab. . „Es war nur ein Spaß!" „Es war nur ein Scherzgedicht!" „Freie Bahn dem Humor!" Ja, da kommen wir auf ein sehr trauriges Capitel. Im Namen des Humors wurde viel, sehr viel gesündigt. Von Juden selbst, die mit schmatzender Behaglichkeit jüdische Anekdoten erzä hlt en, unschuldige Ei genthüm lich keiten der Confessionsgenossen verspotteten und sich im „Mauscheln" gefielen. Dieser „Humor" hat auch seinen Antheil an dem Humor des Hahnes auf dem Miste, den das Verbiet der Geschwornen gebilligt hat. Vas Schulbuch des Judenhasses. In einer Gerichtsverhandlung, in welcher ein antisemitischer Gymnasiast als Klager auftrat, sprach der Strafrichter die folgenden Worte: „S olchen Bu ben gebührt die Ruthe, die ihre Zeit nicht besser zu benützen wissen, als anständige Leute zu m o l e st i r e n. . . ." Solchen Buben . . . Jawohl, wir wissen, daß jener Richter einzig und allein den kurzhosigcn Antisemiten im Auge hatte, der einen jüdischen Geschäftsmann beschimpft und verhöhnt, um dann, von seinem trefflichen Vater unterstützt, vor Gericht die Reparatur s e i n er „Ehre" zu verlangen. Der Richter ging von dem individuellen Fall j aus, der seiner Jndicatur unterlag. Aber die Sentenz, die wir citiren, ] gleicht dem Schüsse eines modernen Repetirgewehrs, das ganze Reihen