Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 746 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 38 Handel und Verkehr macht, werden gepriesen, die Fortschritte des Nachbarn mit scheelem Auge angesehen. Mit Befriedigung werden die Fortschritte der deutschen Wäscheindustrie auf dem Weltmarkt verkündet, dagegen wird in gehässigen Worten getadelt, daß die Juden in der Wäscheindnstrie Fortschritte machen'), so daß man schließlich nicht weiß, ob ein Fortschritt in der Wäscheindustrie etwas Gutes oder Schlechtes ist. Es wäre ungerecht, zu leugnen, daß die Trostlosigkeit des Concurrenzkampses, in welchem jede gute Handlung sich rächt, zu lauten Klagen Veranlassung gegeben hat. Bezeichnend für den europäischen Geschäftsgeist ist es, daß selbst diese Klagen wieder Gegenstand des Geschäftes geworden sind. Es wird nicht mit dem Freimnth des Propheten dem Volke seine Schuld vorgehalten — sondern Andere tragen die Schuld. Etwa die bösen Juden oder das römische Recht. Und so geht es hoch her mit Klagen über die „Anbetung des goldenen Kalbes-) oder den Mammonismus" unserer Zeit, während die Allegorie des „Rheingoldes", das in der Mythologie des deutschen Volkes eine so hervorragende Rolle spielt und zu so zahlreichen Verbrechen Veranlassung gibt, weit näher läge. Unwahr sind diese Klagen auch darin, daß sie die Erwerbswuth und die Macht des Geldes als eine Eigenthümlichkeit unserer Zeit hinstellen. Dem widerspricht schon die Thatsache, daß diese Klagen überhaupt erhoben werden. Wie überhaupt Vorwürfe gegen Herrscher sich nur dann hervorwagen, wenn ihre Herrschaft erschüttert ist, beweisen die Anklagen gegen „König Geld", daß seine Macht ihren Höhepunkt überschritten hat. Die Zeiten, in welchen Karl von Spanien und Franz von Frankreich die deutschen Kurfürsten meistbietend bestachen, um die Kaiserwürde zu erlangen^), in welcher deutsche Fürsten ihre Unterthanen stückweise an fremde Herren verkauften'), in welcher Englands König gegen die Baarzahlungen Ludwigs XIV. französische Politik trieb'h, in denen der adelige Unterthan das Patent eines Officiers oder Schiffscapitäns kaufte, um sich beim Waarentransport oder beim Werben von Reeruten ein Gewerbe daraus zu machen"), diese „Jahrhunderte germanischer Cultur", um mit Treitschke zu reden, sind denn doch vorüber. Heutzutage muß „König Geld" doch bescheidener auftreten, und wenn hie und da der geschäftliche Erfolg eines Bankiers mit Würden und Titeln belohnt wird, was will das gegen die Stellung sagen, die seine mittelalterlichen Collegen, die Fugger und Welser, eingenommen haben, oder die französischen Generalpächter der Steuern und vor Allein die im wahren Sinne des Wortes königlichen Kausleute Italiens, wie die Medici, für welche der Geldbeutel thatsächlich die Wurzel eines königlichen Stammbaumes geworden ist. Und dennoch liegt ein richtiges Gefühl den Klagen zu Grunde, welche über die Macht des Geldes erhoben werden. Sie hat allerdings gegen ftüher an Tiefe verloren, aber es ist nicht zu leugnen, daß sie ebensoviel an Breite gewonnen hat. Der mittelalterliche Staat, der mehr oder weniger bis an die Schwelle des Jahrhunderts heranreicht, hatte einen Theil der Bevölkerung zu einem Leben verurtheilt, in welchem er beständig der Gefahr des Verhungerns ausgesetzt war. Wer aber zu einer Innung oder einer andern Kaste gehörte, dem war eine stabile und auskömmliche Lebenshaltung gesichert. Hierdurch war beiden Elasten der Sporn gemindert, vorwärts zu schreiten, den Einen, weil sie es nicht nöthig hatten, den Anderen, weil ihre Bemühungen doch fruchtlos gewesen wären. War diese Zeit also auch eine sttebende und bewegte im Vergleiche zu dem stilleren Leben des Orientalen, der heute etwa in derselben Weise seinen Acker pflügt, wie seine Vorfahren vor Tausenden von Jahren, so ist sie doch gegenüber unserer Zeit eine Periode der Ruhe und Genügsamkeit. Heute setzen Gesetze und Sitte keine Schranke mehr dem Strebenden, Niemand ist mehr durch seine Geburt als „unehrlicher Leute Kind" zum langsamen Hungertode verurtheilt. Aber Wenige sind sicher davor, daß das Gespenst des Hungers nicht an sie herantritt. Und darum heißt ') Siehe Conservatives ABC. Eine sehr unglücklich gewählte Allegorie die Juden gaben ja ihr Gold her, das Kalb zu bilden. 3) S. über diese übrigens schon vorher bekannte Thatsache Ehrenberg, das Zeitalter der Fugger. Jena. Gustav Fischer. Kaiser CarlV., der sich die Sache 8 Millionen Mark (!) kosten ließ, trug den Sieg davon. 4) Unter Anderen der Kurfürst von Hessen und Herzog von Braunschweig an England zu den Kämpfen in Nordamerika vor etwa 120 Jahren. Z Macaulay, Geschichte England's, Band II, Cap. 4. 0) Macairlay, a. a. O. II. Cap. 3 es erwerben, vorwärts kommen. Es nützt nichts, genügsam zu sein, denn lver nicht auf dem Platze ist, um den Concurreuzkampf mit Eifer und Erfolg zu bestehen, der erwirbt auch das nicht, was zu einem bescheidenen Leben erforderlich ist. Dieses Wenige wird aber immer mehr. Man verlangt Zufriedenheit vom Arbeiter, iveil er bester lebt, als seine Vorfahren. Mag der Einzelne auch noch so bescheiden sein, die Erschwerung des Concurrenzkampses, das Mehr von körperlicher und geistiger Anstrengung bedingt schon physiologisch eine bessere' Lebenshaltung. Was wird dadurch bewiesen, daß zur Zeit der Königin Elisabeth eine Gabel als eine wunderbare Erfindung angestaunt wurde uud die Taschentücher vor ein paar Jahrhunderten in Europa nicht gebräuchlich waren? Dürfen wir deshalb unsere Finger zum Essen und Schneuzen gebrauchen? Oder uns einbilden, daß wir besser leben, weil wir es nicht thun? Die Bedürfnisse sind eben nichts, was au sich besteht, sondern durch unser Empfinden wesentlich bedingt; daher hängt die menschliche Glückseligkeit, die ja doch das Ziel öfsentlichen Wirkens ist, nicht davon ab, daß dem Aermsten heute Culturerrungenschasteu zur Verfügung stehen, lvelche seine begünstigsten Vorfahren nicht einmal geahnt haben, sondern davon, daß dasjenige, was uns wünschenswert!) und erreichbar ist, uns auch wirklich zu Theil wird. Es bedarf keines Nachweises, daß in dieser Beziehung keine Zeit so unbefriedigend war, wie die heutige. Die materielleil Fortschritte vollziehen sich so schnell, daß sie zu einem Fluch werden. Wir haben keine Zeit, sie zu verdauen, unsere Bedürfnisse wachsen schneller als unsere Kraft, ihnen gerecht zu werden. Und es ist vielleicht nicht leichtsinnig genrtheilt, daß die Hälfte der westeuropäischen Städtebevölkerung, die vor Allem in diesen Strudel gerissen ist, nicht so viel erwirbt, als sie zum Leben gebraucht. Die Bevölkerung verhält sich demnach zu ihren Voreltern etwa wie der Maurer zu anderen Theilen der Bevölkerung. Sie haben zwar höheren Lohn, aber der Lohn ist unsicher. Sie sind Saisonarbeiter und gleich ihnen darf ein großer Theil der erwerbenden Kreise in übertragenem Sinne als Saisonarbeiter bezeichnet werden. Heute vielleicht lohnend beschäftigt, aber morgen brodlos. Es ist unter den Formen des Rechts und des Gesetzes ein Kampf Aller gegen Alle, den mit dichterischer Kraft Heinrich Heine in den „Englischen Fragmenten" geschildert hat: „Als ich, aus dieser Betrachtung anfgerättelt, wieder ans „die tosende Straße blickte, wo ein buntscheckiger Knäuel von „Männern, Weibern, Kindern, Pferden, Postkutschen, darunter „auch ein Leichenzug, sich brausend, schreiend, ächzend und knarrend „dahiuwülzte, da schien es mir, als sei ganz London eine Beresiua- „brücke, wo Jeder in wahnsinniger Angst, um sein bischen Leben „zu fristen, sich durchdräugeu will, wo der kecke Reiter den Fnß- „ ganger niederstampst, wo Derjenige, der zu Boden fällt, aus „immer verloren ist, wo die besten Cameraden fühllos Einer über „die Leiche des Anderen dahiueilen, und Tausende, die sterbens- „matt und blutend sich vergebens an den Planken der Brücke „festklammern wollten, in die kalte Eisgrube des Todes stürzen." Die größere Gemüthlichkeit des deutschen Lebens, welche von H eine im Gegensatz zu diesem Treiben im weiteren Verlause seines Aufsatzes hervorgehoben wird, gehört leider der Vergangenheit an. Eisenbahn und Maschine, welche aus den localen Märkten den Weltmarkt gebildet haben, lassen der Gemüthlichkeit keinen Raum. Und tu das Getriebe dieses Weltmarktes wird selbst Der hineingezogen, der sorte eoutevtim sein möchte. Vielleicht hat Heine selbst für das damalige Deutschland zu rosig gesehen. Fand doch Goethe nach einem Leben reicher Erfolge: „es komme einem oft vor, als wäre die Welt nach und nach zum jüngsten Tage reis" l * 3 4). Sicher ist aber, daß die Unzufriedenheit seitdem riesige Fortschritte gemacht hat. Die Meinung, daß es so nicht weiter geht, gewinnt immer mehr au Anhängern. Wir kranken all dem Unsinn, „daß die Schustergesellen „barfuß auf die Walze müssen, lveil es zu viel Stiefeln gibt, die „ländlichen Arbeiter zu wenig Brod und gar keinen Zucker haben, „weil Roggen und Zucker zu billig sind, und daß die Maurer und „Schlosser bei Mutter Grün schlafen müssen, weil die Hausbesitzer „zu viel Wohnungen leer stehen haben-)".Ein Liberaler wie Sir John Lubbock, dem das Leben alle Gitter gegeben hat: Gesundheit, wissenschaftliche und materielle Erfolge, Adel und literarischen ') Bei E ck e r m a n n 1828. Siehe „Neue Zeit", Seite 342,1896. -) So der politisch sehr gemäßigte Carl Zeutsch: „Weihuachtsträume", „Frankfurter Zeitung", 1896.