Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Br. 38 I»tzrg»ng X11L Dr. Bloch’s Centralorgsn für die gelammten Inirresten des Iudenthums. ». k. Postsp srraffen-Amt Clearingverkehr Nr. 810.976. »rd«Nion und Administration:! Wien | .. - ulrrr 1 ugartritfiF l« | Telephon-Nr. 6535. j; Br--■---. -— —- Men, 18. September 1896. Erscheint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adreffe: Blockes Wochenschrift Wien. [ »ejng* *pret« für Srstrrrrirh: | Halbjährig 4 fl. 8 Ät. I Einzelexemplare 16 kr. I lür'» Ausland: I halb^ihrig 5 fl. lOJlt. | g»n»ährig 10 „ 30 „ J On j et gen: Die 4mal gespaltete! Petitzeile IS kr. . Inhalt. Leitartikel: Der christliche Staat und die Juden. — Die Hetze im Wiener Stadthause. — Ter Hahn auf dem Mist. — Das Schulbuch des Judenhasses. — Plenarversammlung des „Politischen Volksvereines" vom 14. September 1896. — Confessionelle Eintracht. — Zur Sadagoraer Schulfrage. — Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. — Das Kind in der jüdischen Literatur. — Vom I ahrmarkt des Lebens: Löw und Deckert. Die Unruhen in Constautinopcl. Nochmals die jüdische Partei. Rohling und Christian Hummelsheim. Ein jüdischer Flugtechniker. Die fünfte Wahlcurie. Die Tragödie eines Schriftstellers. Das „Lueger- Vaterunser im Sack der Beamten des Landesgerichtes. — Correspondenzen: Wien. Mbs-Amstetten, Bubna, Zmittau, Jglau, Prag, Lemberg, Przemysl, Budapest, Breslau, Berlin, London, Nischnij-Nowojorod, PhiladUphio, China. — Vermischtes: Wien. Drohobyz-Brzezany, Preßburg, Proßnitz, Czernowitz, Kopreinitz, Agram, Virovitica in Slaoonie», Nachod, Königliche Weinberge, Leipzig, Die Jüdischen Ackerbaucolonien in Rußland, Paris, London, Manchester, Constantinopcl, Amsterdam, Venedig, China, Südafrika, Montreal, Nen-Süd-Wales, Texas. — Feuilleton: Lea. — Li'eratur. — Brieftasten. — Inserate. Der christliche Staat und dir Juden/) 4t, Europäische Profitwuth. Im Gegensatz zu den indolenteren Orientalen ist der Europäer voller Energie und Herrschsucht. Da nun nichts so geeignet ist, Herrschaft zu verleihen, wie Besitz, so ist das Streben nach Besitz eine Haupteigenschaft des Europäers. Bei den Regierungen und Staatshäuptern als Ländergier-), beim einzelnen Bürger als Profitwuth. Es scheint dem zu widersprechen, daß gerade in Europa an vielen Orten die Arbeit des Edelfreien nicht für würdig galt. In Rom und Hellas wurde die Arbeit von Sclaven versehen, im mittelalterlichen Europa von Leibeigenen. Ein Rest dieser Auffassung ist es, daß in den meisten Ländern Europas — im Gegensatz zu England — erwerbende Thätigkeit in den höheren Ständen nicht für standesgemäß erachtet wird. Was indessen verpönt ist, ist nicht sowohl der Erwerb und Besitz als die Thätigkeit. Der Rentier (Privatier) ist eine geachtete Persönlichkeit, und nichts ist dem Denken und Empfinden des Europäers fremder, als die dem Reichthum feindliche Stellung des jüdischen und urchristlichen Schriftthmns. Daß wir es in dem Hasten nach Erwerb aber wirklich mit einer in hervorragendem Maße europäischen Eigenschaft zu thun haben, geht aus dem abweichenden Verhalten der orientalischen Völkerschaften deutlich genug hervor. Mehr als das, der Europäer verachtet andere Völkerschaften besonders aus dem Grunde, weil bei ihnen das Streben nach Erwerb geringer ausgebildet ist. So bemerkt zum Beispiel die „Historie des türkischen Reiches von Salmon und Goch (1789, Bd. I., S. 236) :3) „Also scheinen die Türken unseres Heilands Vermahnung: „Wenn wir Nahrung und Bekleidung haben, so lasset uns begnügen", noch besser zu beachten, als die meisten, die sich Christen nennen, bei welchen des Laufens und Rennens, Eselns und Arbeitens, Trachtens und Strebens nach Reichthum und Ehren kein Ende ist. Man macht den Türken beständig den Vorwurf (sic!), daß sie faule Kerle und «orte sua contenti wären. Allein der ist nicht faul, der soviel arbeitet, als er bedarf, sondern der ist faul, der lieber darben will als arbeiten. Da es *) Siehe „Oesterreichische Wochenschrift" Nr. 31 und 38 v. 1895, Nr. 7 v. 1896. 2) Hierüber wird einer der nächsten Artikeln handeln. *) Citirt aus Meyer's Reisebücher: „Der Orient II.", S. 382, Leipzig 1882. nun nirgends in der Welt so wohlfeil ist als in der Türkei, und sie Ueberfluß an Allem haben, so sehe ich eben nicht ein, warum sie sich zu Tode arbeiten sollten. Die Begnügsamkeit ist ja zu loben, aus dem Gegentheil gehen die blutigen Kriege hervor, die unendlichen Processe und die Verkürzung des Lebens vor der Zeit". — — Ebenso ist der Mangel an Erwerbsinn ein Hauptgrund zur Verachtung des Negers in Amerika, welches in Bezug auf Weltanschauung und Civilisation ja nur ein Ableger von Europa ist *). Wie die genannten Verfasser der Historie des türkischen Reiches richtig hervorgehoben haben, ist es nicht sowohl die Faulheit, die an den Orientalen gemißbilligt wird, als die Genügsamkeit, das Sorte Lontentum 6886 Sie bildet den hervorstechendsten Charakterzug des Orientalen im Gegensatz zum Europäer. Auch den Grund dieser Genügsamkeit haben die Verfasser richtig herausgefühlt — es ist die gütigere Natur, die bei geringer Anstrengung die Erhaltung und Fristung des Lebens gestattet — — Unzufriedenheit ist die Haupttriebfeder des Fortschritts. Daher ist der Orient weit mehr stationär und konservativ — Europa im schnellen Fortschritt in ruheloser Entwicklung begriffen. So erfteulich die Folgen sind, die diese ruhelose Thätigkeit im Berhältniß des Menschen zur unbelebten Natur gezeitigt hat, so unleidlich haben sie das Berhältniß der Menschen zu einander beeinflußt. Hier kommt der Dualismus zwischen christlicher Ethik und europäischen Jnstincten in prächtiger Weise zur Geltung. Jeder will als „Arier" für sich mehr als er hat und predigt dem Anderen christliche Genügsamkeit. Der Vater schilt seinen Sohn, der ohne Ehrgeiz und genügsam ist — er schilt aber auch seinen Arbeiter, weil er nicht genügsam ist. Und dabei hätte sicherlich der Herr Sohn mehr Grund zur Genügsamkeit als der Arbeiter. Der Kauftnann neidet den Fabrikanten, der Landwirth den Kauftnaun. Und das gleiche Bild gegenseitigen Neides zeigt sich im Verkehr von Volk zu Volk. Die Fortschritte, die das eigene Land im ') „Der Hauptgrund der Verachtung, welche die Weißen den Negern gegenüber an den Tag legen, ist meines Erachtens in der Thatsache zu finden, daß den Letzteren der Erwerbssinn gänzlich abgeht". „Die Neger in den Vereinigten Staaten" von Carl Eugen Schmidt, St. Louis, „Frankfurter Zeitung" 1893. Ein Aufsatz „Die Negerfrage in Amerika" im Berliner Tagblatt, vom 4. Mai 1896, wirft den Negern vor Allem Mangel an Erwerbssinn vor, rechtfertigte also die Schmidt'sche Auffassung.