Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 37 Vr. Vloch's Wochenschrift Seite 743 in einen Winkel zurück und ergötzen sich an dem ungewohnten Glanze, welcher am Jom-Kippur-Abend in jedem Hause erstrahlt. Auch das kleine, bis zum Erdrücken volle Bethaus schwimmt in einem Lichtmeer, und gewaltig, wie das Aufbrausen des tobenden Meeres erdröhnt es in heiligen Liedern von den Lippen der Gläubigen. In weiße Sterbekleider gehüllt, den „Tales" tief über's Gesicht gezogen, stammeln sie schluchzend bußfertige Gebete. Mit schwankendeil Knien, sich in die Brust schlagend, gestehen sie hierin dem heiligen Hanse des Herrn ihre in menschlicher Hinfälligkeit begangenen Sünden. Endlich erklingt der unsäglich schöne Schlußhymnus, der Kvl-Nidre, tief, voll, unfaßbar einfach und ergreifend, bis an die Seele dringend. Oben bei der Bnndeslade Preisen die Lamdonim und der greise, silberbärtige Rabbi den langmüthigen Gott und im Vereine mit der Khileh, sich tief bis zur Erde neigend, flehen sie jammernd um Vergebung. Des Alten bleiches Antlitz umfließen Thränen, aber auch der stattliche Reb Simon, der Stolz der Khileh, der berühmte junge Lamden, ist erschüttert und nur schluchzend vermag er das Owinu-Malkenu mitzusingen. „Unser Vater, unser Körrig, wir haben gesündigt vor Dir." Immer stärker schlägt er seine Brust, inuner tiefer vergräbt er das Gesicht in sein Machsor, um die gottlosen Gebilde zu bannen, welche ihn selbst hier, am heiligen Versöhnnngstage, vor Adonoj's heiliger Stätte, heimsuchen. Die letzte Zeile des Owinu-Malkenn ist verklungen. Die vom Weinen erschöpften Gestalten richten sich auf, wischen sich die Thränen aris den Augen, rollen die Sterbekleider lind den Tales zusanlmen und schlagen ihr Machsor zu. Von der Damengalerie hört mau das Zuklappen der silberschnalligen Gebetbücher und das Rauschen der Seidenkleider; dann leert sich langsam das Gotteshaus, nur einzelne weiße Gestalten verharren regungslos auf ihren Sitzen, um dort mit ihrem Gotte die Nacht zu durchwachen. Auch der greise Rabbi verläßt den.Betstuhl; Reb Simon knöpft ihm den langen Mantel zu, reicht ihm den Arm und führt ihn bis zu seiner im Tempelhofe befindlichen Wohnung. Dann tritt er auf die Gasse; noch immer nieselt es. Der kalte Herbstregen, der feuchte Nebel legen sich wie ein Schleier auf sein Gesicht, dringen durch die Kleider und durchnässen seine Glieder. Es läuft ihm kalt über den Rücken, den Hut tief in's Gesicht gezogen, die Hände in der Tasche, schreitet Simon seiner Wohnung zu. Vor dem Tempel stehen gruppenweise die Männer und erwarten ihre von der Galerie kommenden Weiber. Simon seufzt auf; er hat auf Niemanden zu warten und braucht auch nicht zu eilen, da ihn doch daheim Niemand erwartet. Bis auf die Haut durchnäßt, zitternd vor Kälte, erreicht er das Thor und betritt den düsteren, gewölbten Gang, den drei Wachskerzen matt beleuchten. Er öffnet die Stubenthür und tritt ein. Auf dem weißgedeckten Tische steht der siebenarmige Silberleuchter, in welchem hell die Kerzen flackern. Vor dem Spiegel, auf dem Schubladkasten in rosettengeschmückten Leuchtern sind ebenfalls die Lichter aufgezündet; aber auch dieser außergewöhnliche Glanz vermag nicht die Schatten zu zerstreuen, welche sich im Zimmernieder gelassen haben. Kein Hauch unterbricht die Ruhe, die alte, treue Channe ging schon lange zu Bette, also Niemand da, der ihn in seinem Gebete stören würde. Er setzt sich und öffnet mechanisch die Bibel. Aber die verworrenen hebräischen Buchstaben verschwimmen vor seinen Augen und die Begeisterung, die ihn sonst die Welt vergessen läßt und ihn seinem Gotte näher bringt, will ihn nicht überkommen; in dem monotonen Gemurmel des Nigen wähnt er silberhelles Lachen zu vernehmen und aus den Zeilen glaubt er ein blühendes, schwarzäugiges, süßes Frauengesicht emportauchen zu sehen, das neckend seine Andacht unterbricht. Der Träumer fährt zusammen, er blickt auf, der Zauber ist geschwunden. „Nein! Hier ist Niemand, der mich stören sollte", und er vergräbt sich von Neuem in die Bibel. „Adonaj, Du gabst sie nur, sie aber hat mich verlassen; erbarme Dich Deines sündigen Knechtes und banne von ihm die bösen Geister." Und leise murmelnd beginnt er wieder zu lesen, aber in der Grabesstille erschrickt er vor dem Klange seiner eigenen Stimme. Wenn jetzt trippelnde Schritte die Ruhe unterbrechen würden, wenn jetzt süßes Geplapper und hell klingendes Lachen diesem unheimlichen Hause Leben und Wärme verleihen würden, wie einstens, vielleicht könnte sich daun seine Seele wieder inmitten dieses wohlbehaglichen Gesummes in dem wunderlichen Labyrinthe der heiligen Lehre verirren, wie damals, als er die schöne Lea, das heimlich angebetete Ideal der Preßbnrger Jeschiva Bocherlim), die einzige Tochter des steinreichen Reb Avrom, heimführte. Wie war das Haus voll Lachen, voll Glanz und Sonnenschein; wie kindisch ausgelassen und übermüthig war Lea, das junge Weib, als sie mit ihren 19 Jahren, die große Lebensaufgabe des Thorastudiums nicht erfassend, ihn jeden Augenblick in seiner heiligen Begeisterung störte, sich ihm um den Hals hüngte oder sich mit kindischer Freude rühmte, wie gut ihr heute die Barcheß gelungen wären, oder wie sie sich schmollend beklagte, daß ihr heute eine fette, schöne Gans trefe geschlachtet wurde. Dann rannte sie in die Küche, aber kaum hatte Simon das Sefer wieder aufgeschlagen, als sie von Neuem hereinstürzte, ihn mit ihren sammtweichen Armen umhalste, mit Küssen bedeckte und ihn so dem Studium entzog. Später kam das Kind, ein winziges in Spitzen und Bändern gewickeltes, immer lachendes Geschöpf, welches nun mit der jungen, freudestrahlenden Mutter wetteiferte, den in den chaldäischen Hieroglyphen versunkenen Vater auf allerlei Weise von seinen Büchern fortzubringen j bald legte sie ihm das mit Händen und Füßen stoßende Mädchen in den Schoß, bald rief sie ihn zur Wiege, um zu zeigen, wie süß das Kind schlummere. Und wenn er ihr dann, satt des vielen Störens, ernst zurief: „Laß mich in Ruh', Lea-, das Leben ist kein Spielzeug!" da füllten sich ihre schönen Augen mit Thränen, erhellten sich aber bald wieder, sobald er ihr liebe, besänftigende Worte zuflüsterte. Im nächsten Augenblick jedoch war wieder im anstoßenden Zimmer das süße Wiegenlied der schönen Mutter zu hören, womit sie ihr Kleines einschlummerte. Das ging so Tag für Tag. Anfangs entzog sich mit Scherzworten der junge ernste Lamden den süßen Umarmungen, die ihn seiner Andacht beraubten, dann verbat er sich energischer das muthwillige, geräuschvolle Treiben und Spiel der Mutter und ihres Kindes, endlich aber, au einem regnerischen Sabbathtage, als er sich in die Erklärung eines schönen talmudischen Satzes ergötzend vertiefte und Lea sich leise zu ihnl schlich, ihm die Augen zuhielt und flüsterte: „Diese häßlichen Bücher berauben mich meines Gatten", sprang er wüthend auf und schrie ihr zu: Werde ich also nie wieder einen ruhigen Augenblick haben können? Lea brach in ein heftiges Weinen aus, beugte sich über die Wiege des Kindes und schluchzte traurig: Ach, mein Kind, Dein Vater liebt uns nicht mehr! Immer seltener wurde nun das Helle Lachen der jungen Frau; die sonst so redegewandte Zunge verstummte; die sonst immer zum Kusse bereiten Lippen preßten sich nicht mehr an jene des gestrengen Gatten. Und auch das kleine Mädchen schmiegte sich ftirchlsam an seine Mutter, wenn der Vater, in seinen Büchern vertieft, mystische Worte brummte. Simon konnte nun ungestört mit seinen Folianten bleiben, er gewahrte nicht das Hinwelken der Rosen auf den Wangen seiner jungen Frau, sah nicht, wie das Feuer in ihren noch immer so schönen Augen erlischt; nur als er am Jom-Kippur-Abend, beim Verlassen des Tempels, inmitten der anderen Weiber, die trotz des Fastens so blühend aussahen, in das bleiche, kummerverzehrte Gesicht seiner Gattin blickte, beschlich bange Furcht sein Herz. Er nahm Lea unter dem Arme, er zog sie sanft _ an sich und sie, so glücklich, schmiegte sich an ihn und nun schritten Beide wortlos durch die dunklen Gassen ihrer Wohnung zu. Als sie nun das Zimmer betraten, fiel ihm Lea, das übliche Mechilabeten hersagend, um den Hals und drückte einen feurigen Kuß auf seine Lippen. Erschrocken windet sich Simon aus ihren Armen und ruft ihr indignirt zu: Lea, was thust Du? Du vergißt, daß das Küssen am Jom- Kippur verboten ist! Schlaff sinken jetzt ihre Arme herab, ihre Wangen übergießen sich purpurroth und sich in die Lippen beißend, erwiderte sie schluchzend: Ich werde es nicht wieder vergessen! Am nächsten Tage, als Simon in den Tempel ging, hielt ihn die junge Frau nicht zurück, um ihm einen Kuß zu geben; als er dann zurückkehrte, fand er das Nest leer. Die küssende, lustig zwitschernde Lerche war ausgeflogen, ihr Junges mit sich nehmend, am Tische auf einem Machsor fand er noch einen Papierstreifen mit den Worten: Ich bin in mein Elternhaus gegangen, das Kind habe ich mit. Gott segne Dich! Wie kalt es hier ist. Simon erzittert am ganzen Körper und fährt sich mit der eiskalten Hand über seine heißglühende Stirne. Kein hellklingendes Lachen, kein verbotener Kuß stört