Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 736 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 37 schulen, die Zahl der Schüler 7203, darunter der Confeffion nach 6166 Katholiken, 20 Griechen, 416 Evangelische, 390 Juden und 13 Angehörige anderer Confessionen. Bade». Ueber den daselbst am 1. August 1896 verstorbenen Herrn Theodor Berger kommen uns nachträglich noch folgende nekrologische Einzelheiten zu, die wir wiedergeben, weil sie einen Mann betreffen, dessen Herz so warm für seine verfolgteil Glaubensgenoffen schlug, daß er in unserer materialistischen Zeit als ein erhebendes Beispiel von Idealismus gelten kann. Theodor Berger wurde am 5. Jänner 1853 in Wien geboren. Der Jammer seiner russischen Glaubensbrüder trieb ihn an, nach Amerika zu gehen, um in der neuen Welt für sie zu wirken. Sein feines Wesen, seine Bescheidenheit, seine ausgebreiteten Kenntnisse und hohe Intelligenz erwarben ihm die Herzen der Herren des New-Iorker Auswanderungs-Comites. War er doch der Erste, der aus Europa über das große Wasser eigeus zu dem Zwecke kam, um die Verhältnisse zur Ansiedlung russischer Juden zu studiren. Er durchquerte Amerika bis zu St. Paul hinauf, besuchte sämmtliche neu angelegten Colonien, über die er sich früher beim Ackerbau-Ministerium in Washington Auskünfte geholt hatte, wo der Minister an dem jungen Manne solch Wohlgefallen fand, daß er ihn persönlich in das betreffende Bureau führte, in welchem die Ergiebigkeit des Bodens der russischen Colonien festgestellt wurde. Berger vertheilte Kleider an die armen russischen Kinder und Ackerbaugeräthe an die Colonisten. Er sammelte Pflanzen und Bodenerzeugnisse, sowie auch Proben des Erdreichs einer jeden Colonie und schickte Alles an die Allianz nach Paris. Ein Expose über die russischen Colonien in Amerika ließ er auch an die Wiener „Allianz" gelangen, welche seinerzeit in allen Fachblättern abgedruckt wurde. Aus demselben mögen hier die Schlußworte einen Platz finden: „ . . . . Die Epigonen jener Männer, welche die Idee des Monotheismus inmitten götz nidienender Nationen, die im Banne des Aberglaubens von Priester-Finsterlingen gestanden, erhalten haben; die Nachkommen der Psalmisten, der Dichter und Propheten und aller jener Geistesheroen, deren ethische Principien Gemeingut aller civilisirten Völker geworden sind — diese Nachkommen haben die Anomalie erfahren, die Zielscheibe des Spottes und der Verachtung gerade Jener zu werden, zu deren Civilisation die jüdische Cultur am Meisten beigetragen hat. Die Schicksale der Vorfahren vibriren in der Descendenz nach. Druck und Verfolgung haben den jüdischen Typus herangezüchtet. Die Juden dürfen nicht erwarten, daß die Enkelkinder jener Generationen, welche die Juden vom Landbau, ihrem alten Berufe, von den Gewerben und Wissenschaften, in denen sie Meister waren, ausgeschlossen haben, die ihnen Gold abpreßten bei jedem Schritte, den sie unternehmen wollten, um ihnen nachher den Wucher vorzuwerfen — die Juden dürfen nicht erwarten, daß eine Generation, die in dem Abkömmling eurer der ältesten Culturnationen ein verächtliches Wesen erblickt, und über jede Menschenart des weiten Erdenrundes vorurteilsfreier urtheilt als über „die Juden", die Sünden chrer Väter gut machen werde. Wie immer sind die Juden noch angewiesen auf ihren Gott, dessen Glauben sie der civilisirten Welt geschenkt haben, und auf — sich selbst. In einem Lande mit geordneten gesellschaftlichen Einrichtungen, einer freisinnigen Gesetzgebung, die nur den Menschen, nicht Rasse und Glaubensbekenirtniß berücksichtigt, in diesem Lande, gesegnet mit Vorzügen jeder Art, sieht der Jude aus Rußland eurer menschenwürdigen Zukunft entgegen, und seine Enkel werden den Tag preisen, an welchem der Großvater aus Rußland vertrieben wurde"- Es muß noch hervorgehoben werden, daß Berger die sänrmtlichen Kosten seines Wirkens in Amerika für die russischen Colonien aus Eigenem bestritt. Er erkrankte inmitten seiner idealen Thätigkeit an einer bösartigen Lungenentzündung, an welcher er nach langem Leiden bei seinem Vater in Baden starb. Baden, 5. September. (Die Folgen einer christlichsocialen Agirationsfahrt.) Der Hauptagitalor der christlichsocialen Partei in Neunkirchen, Anstreichermeister Georg B a u m a n n, hatte sich heute bei dem Bezirksgerichte Baden wegen mehrerer Schmähungen, die er gegen den socialdemokratischen Agitator Doctor Berstl in Neunkirchen gerichtet, zu verantworten. Der Angeklagte erschien zur Verhandlung mit dem christlich-socialen Landtags-Candldaten Dr. Löbel von Neunkirchen, der seinem Parteigenossen als Ver- Iheidiger zur Seite stand. Gegen Baumann war die Klage erhoben, daß er am 26. Juli im Gasthausgarten des Herrn Kilian in Möllersdorf öffentlich Dr. Berstl mit Schmähungen belegte und zum Schluffe behauptete, daß Dr. Berstl die Arbeiter in Neunkirchen zum Narren halte und sich von einlaufenden Strikegeldern fünf Percent für seine Bemühungen abziehe. Der Angeklagte leugnete, die Schimpfworte gebraucht zu haben, und gab nur zu, daß er gesagt habe, der Jude führt die Arbeiter an der Nase herum. Daß Dr. Berstl 5 Percent von den eingelaufenen Unterstätzungsgeldern für sich abziehe, habe nicht er zuerst behauptet, er habe diese Behauptung nur nacherzählt. Auf die Frage des Strafrichters, Gerichtsadjuncten Dr. Fischer, ob er eine Abbitte leisten wolle, meint er, er könne eine solche nicht geben, denn er habe ja gar nichts Beleidigendes gesagt. Die hierauf einvernommenen Zeugen bestätigten, daß Baumann die Schimpfworte gebraucht, und auch die Aeußerung bezüglich des Abzuges der 5 Percent gethan habe. Der Vertheidiger Dr. Löbel meinte, daß in den von seinem Clienten gebrauchten Aeußerungen gar nichts Beleidigendes liege, weshalb er auch keinen Wahrheitsbeweis führen wolle. Jede Arbeit sei ihres Lohnes werth, und er könne nichts Entehrendes darin finden, wenn sich Dr. Berstl für seine Auslagen 5 Percent abgezogen hätte, die ja vielleicht nicht einmal seine Spesen deckten. Dr. Berstl habe viele Opfer gebracht und für die „Nennkirchner Volkszeitung" oft die letzten Groschen zugesetzt; er habe darum auch Anspruch auf Dank; er selbst glaube, daß Dr. Berstl diese Opfer gebracht und daß er vollkommen selbstlos gewesen sei. Dr. Berstl führte aus, er finde es sehr entehrend, wenn sich Jemand von Geldern, die von blutarmen Leuten zusammengebracht wurden, um ihre Collegen zu unterstützen, etwas abziehe. Geradezu überrascht sei er, daß Dr. Löbel heute ein förmliches Loblied auf ihn singe, während er ihn, Dr. Berstl, fortwährend in seinem Blatte be schimpfe und schmähe. Es sei die Art dieser Ehrabschneider, daß sie ihre Verleumdungen in einer Art Vorbringen, daß man sie häufig nicht fassen könne. Das sei Buschrittermanier, die Ehrabschneiderei von hinterrücks. Er wolle nur seine Ehre retten, da er nichts als seine Ehre babe. Der Richter verurtheilte den Angeklagten Baumann zu einer Geldstrafe von fünfundzwanzig Gulden, im Nichteinbringungsfalle zu fünf Tagen Arrests und den Ersatz der Kosten. In der Uriheilsbegründung wird hervorgehoben, daß die Behauptung, Dr. Berstl habe für sich fünf Percent von oen Strikegeldern in Abzug gebracht, mit dem Schimpfworte Schwindler in Zusammenhang gebracht wurde. Die Ausrede, daß ein Wahrheitsbeweis nicht erbracht wurde, weil ein solcher nicht nothwendig war, sei wohl sehr bequem, aber nicht zulässig. Von dem Strafmilderungs- und Strafumwandlungsrechte wurde Gebrauch gemacht, weil der Richter in der Verhandlung die Ueberzeugung gewonnen, daß sich der Angeklagte der Tragweite feiner Beschuldigungen nicht bewußt war. Budapest, 7. September. Bei der gestrigen E'urweihung des K a s ch a u e r Domes hielt Bischof B n b i c s eine Kanzelrede, in welcher er unbedingte Gottesfurcht und Vaterlandsliebe predigte, jene wahre Vaterlandsliebe, die keinen Unterschied kennt zwischen Mensch und Mensch und jene wahre Menschenliebe, die weder durch Glaubensnoch durch sonstige Unterschiede beeinträchtigt wird. Prag, 7. September. Bei der gestern Nachmittags im Convictssaale abgehaltenen Versammlung des czechisch - antisemitisch-katholischen Volksvereines kani es zu einer blutigen Rauferei zwischen Antisemiten und Socialdemokraten. Obgleich die Eintrittskarten nur an Antisemiten ausgetheilt worden waren, hatten sich doch etwa dreißig S o c i a l d e m o k r a t e n Eintrittskarten zu verschaffen gewußt. Die Antisemiten, welche den Saal dicht besetzt hatten, verlangten von den Svcialdemokraten, dieselben mögen sich entfernen. Diese erklärten jedoch, im Saale bleiben zu wollen. Der erste Redner, Ordensgeistlicher Caplan Simon, sagte zu Beginn seiner Rede, daß den Einberufern der Versammlung mitgetheilt worden sei, es befinden sich A n a r ch i st e n im Saale, um die Versammlung zu sprengen. Es sei ihm dies von mehreren Herren, die darüber in höchster Aufregung waren, erzählt worden. Er fürchte sich aber vor den Anarchisten nicht. Er wolle die Gelegenheit benützen, ihnen die Wahrheit zu sagen. Redner sprach dann über das allgemeine Wahlrecht, pries den Antisemitismus und christlichen Socialismus, während er den Liberalismus und die Bestrebungen der Socialisten und Anarchisten aus das Heftigste angriff. „Die Christlich-Socialen", sagte er, „werden vollständig vorbereitet in den Wahlkampf eintreten; ihre Bestrebungen werden ihnen zum Siege verhelfen." Diesen Worten folgten Zwischenrufe seitens der Socialdemokraten. Sie riefen: „Nicht christliche Liebe, 'sondern nur Verdummung und Ausbeutung des Volkes werden von der Partei des Redners angestrebt". Diese Zurufe hatten einen unbeschreiblichen Lärm zur Folge. Die Antisemiten ergriffen Gläser, Stöcke, Schirme und Sessel, umringten die drei Tische, an welchen die Socialdemokraten saßen, und hieben auf diese ein. Die Socialisten vertheidigten sich und schlugen ebenfalls los. Es entstand eine regelrechte Prügelei, die auch noch andauerte, als der landesfürstliche Commissär die Versannnluug für aufgelöst