Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 736 Vr. Vlortz s Wochenschrift Nr. 37 weiß, daß selbst unsere Bevölkerung eine so rücksichtslose Beeinträchtigung ihrer Jntereffen zu Gunsten der Fleischhauer nicht ohne Remonstrationen hinnchmen würde. Man sucht deshalb die Ausführung dieser Maßregel solange als nur möglich hinauszuschieben. Es wurde, nachdem bereits die Offerlverhandlung ausgeschrieben war und die Offerte für die Stände in den einzelnen Bezirken schon Vorlagen, eine Expertise-Comödie im Stadtrathe aufgcführt. Die Verhandlung über die Frage wurde hierauf abgebrochen und nun sind viele Wochen verslosien, ohne daß auch nur das Geringste geschehen wäre! Man mußte doch auf Kosten der armen Bevölkerung den Herren Fleischhauern den außerordentlich billigen Einkauf, der durch sechs Monate angehalten, ungeschmälert und unbehindert überlassen! Handelt es sich um Vortheile für einzelne Cliquen, so werden ohne Bedenken die Interessen der Bevölkerung hintangesetzt, und die Herren, die sich selbst mit Posaunenstößen als die „wahrsten und echtesten Freunde des Volkes" anpreisen, vermögen dieses Spiel noch weiter zu treiben, ohne daß sie von dem Volke energisch zur Rechenschaft gezogen werden. Das Verhallen der deutschnationalen Necken im Gemeinderathe, die es in ihren Reden und Programmen hoch und heil-g versprochen haben, sich ganz besonders der w i rt h s ch a f tlichen Interessen des Volkes anzunehmen, beweist nur, wie diese Herren ihre Zusagen halten und in welcher Weise sie ihre Worte in Thaten umsetzen. Einen günstigen Erfolg aber wird diese Wirtschaft doch haben, Den Wienern, selbst den im Parteihasse verbohrtesten, wird endlich die Erkenntnis; aufdämmern, daß sie einer Clique auf den Leim gegangen, die unter dem Mantel der „Volksfreundlichkeit" rücksichtslos die Geschäfte mittelalterlicher Kasten besorgt, denen das Volk von jeher nie etwas Anderes gewesen, als ein Ausbeutungsobject. Am meisten zu beklagen sind aber in dieser Frage Diejenigen, welche dem Magistrat Offerte aus die Fleischstände eingereicht und die nun ihre Cautionen seit Monaten todt erliegen haben, ohne dieselben zurückerlongen zu können. Es sind dies zumeist kleine Gcschästsleute, für die Hunderte von Gulden keine Bagatelle sind. Alles Drängen, um wenigstens die erlegte Caution zu erhalten, ist bisher erfolglos geblieben. Wollen die Geschäftsleute zu ihrem Gelde kommen, so bleibt ihnen kein anderer Ausweg, als ihr Offert z n r ü ck z u z i e h e n. Fast gewinnt es den Anschein, als würde man die Offerenten für die Fleischstände mürbe zu machen suchen. Die kleinen Leute können ihre Cantionen nicht für ewige Zeiten liegen lassen, sie müssen also ihre Offerte zurückziehen. Keine Offerte — keine Fleischstände! Auf diese Weise braucht man also die Verfügung bezüglich der Fleischstände nicht znrückzunehmcn, man setzt sich nicht dem offenen Unwillen der Bevölkerung aus und — das Ziel ist erreicht' Blütchen der antisemitischen Socialpolitik. Wie die „Communal-Correspondenz" meldet, beschäftigen sich die Gewerbebehörden gegenwärtig mit der für das Wohl der Wiener ungemein wichtigen Frage, ob es den Rasirern gestattet werden könne — Hühneraugenoperationen vorzunehmen. Leider meldet die genannte Correspondenz nicht, in welcher Weise die „Erhebungen" vor sich gehen. Hoffentlich lassen die löblichen Functionäre der Gewerbebehörde die Erhebungen an ihren eigenen Hühneraugen pflegen. Gleiches Recht für Alle. Zwei neue Beschlüsse unseres ausgezeichneten Stadtrathes: Beschluß Nr. 1: „Dem Vereine „Patronage für katholische Arbeiterinnen" wurde ein Lehrzimmer an der Mädchen-Bürgerschule U., Staudingergaffe 6 überlassen." Beschluß Nr. 2: „Stadtrath Dr. Wähn er referirt über das neuerliche Ansuchen des Vereins „Jüdische akademische Lesehalle" um Ueberlassung des Turnsaales an der Knaben-Bürgerschule IX., Glasergasse 8 und beantragt die A b l e h u u n g. (Angenommen.)" Gegen den Beschluß, dem Vereine „Patronage" ein Schulzimmer einzuräumen, läßt sich selbstverständlich nichts einwenden; es ist also unnöthig, sich mit den Gründen desselben zu befassen. Dagegen würde es uns interessiren, zu erfahren, aus welchen Gründen der „Jüdischen akademischen Lesehalle" die Ueberlassung eines Turnsaales verweigert wurde. Wie wir unseren derzeitigen Stadtrath, diese Blume aller Berwaltungskörper, kennen, haben wir nach Gründen freilich nicht erst zu suchen; das Wort „jüdisch" in dem Titel des petitionireuden Vereins ist eine ausreichende Begründung, und der Referent, der die Ablehnung beantragte, ist Herausgeber eines herabgekommenen Blattes, welches von der Zugehörigkeit zur clerical-deutschnational-christlich-focialen-antisemitischen Partei und von der gnadenweisen Patronanz derselben ein armseliges Leben fristet. Von diesem Herrn eilt objectives Referat über ein nicht etwa an die „Deutsche Zeitung", sondern an die Gemeinde Wien gerichtetes Gesuch jüdischer Universitätsstudenten zu erwarten, wäre zu naiv und würde einen Grad von Rechtsgeftihl voraussetzen, dessen Vorhandensein einem Geschäftsantisemiten nicht zugemuthet werden kann. Den Herrn Bürgermeister aber, nämlich den Herrn Josef S t r o b a ch, erinnern wir an seine Antrittsrede, in welcher er die Ermahnungen des Statthalters durch die feierlich gehaltene Erklärung erwiderte, daß die Objectivität nach allen Richtungen den Leitstern des neuen Regimes bilden werde. Wie die Herren diese Objectivität auffassen, davon haben wir innerhalb der kurzen Frist ihrer Thätigkeit bereits glänzende Proben erlebt. Was von Katholiken, noch mehr aber, was von Antisemiten und Clericalen verlangt wird, wird bewilligt; was von neutralen Personen oder Parteien, noch mehr, was von Liberalen, und erst recht, was von Juden verlangt wird, wird verweigert. Das ist gleiches Recht für Alle, an das wir uns einfür allemal gewöhnen müssen, das ist echt Strobach-Lueger'sche Objectivität. Der Dr. N e u m a y e r, nun, der kann freilich nichts dafür. Antisemitische Consequenz. Der Jude wird verbrannt! Das ist die Losung der Antisemiten. Und da sind sie consequent bis zur äußersten Grenze der Inkonsequenz. Das eine Antisemitenorgan fällt mit Wuthgeheul über die „jüdische" Presse her, weil diese angeblich nur für die mißhandelten und verfolgten Juden eintrete. Das hindert ein zweites Antisemitenblatt aber nicht im Geringsten, zu schreiben: „Wie kommt es wohl, daß unsere Judenblätter s i ch so für die kr e ten si s ch e n Christen einlegen? Kein Tag vergeht, an dem nicht in unseren jüdischen Blättern spaltenlange Ausführungen zu Gunsten der Aufständischen auf Kreta gebracht und die europäischen Staaten aufgefordert werden, die unterdrückten Christen gegen die Türken zn schützen und Kreta eine von den Mächten verbürgte Autonomie (Selbstverwaltung) zu geben. Eine Autonomie der Kreter! Weshalb interessiren sich wohl gerade die Juden für diese englische Hirnblase? Christliches Mitgefühl kann es doch nicht sein; sollte Juda in den Kretern ein geistig ihm nahestehendes Volk erkannt haben? Ist es die Luft am Aufhetzen, ist es die Aussicht auf europäische Wirren, bei denen sich wieder hübsch im Trüben fischen läßt, was die jüdische Sympathie erklärlich macht? U. A. w° g." Zu den Unruhen in Constantinopel. Die Tagesblätter brachten die Mittheilung, daß bei den jüngsten Unruhen am Goldenen Horn auch die spaniolischen Juden eine thätige Rolle gespielt haben. Demgegenüber bringen wir nachstehend einen authentischen Bericht, welcher diese Beschuldigung als ganz unbegründet erscheinen läßt. Man hört jetzt die verschiedenartigsten Versionen über Ereignisse, die sich in den jüngsten Schreckenstagen abgespielt haben sollen, von denen aber ein guter Theil der reichen orientalischen Phantasie zuzuschreiben ist. Leider hängen die divergirendsten Schauernachrichten einzelner Erzähler stark von den Berichterstattern mancher europäischer Zeitungen ab und für den hiesigen Leser waren die zahllosen unrichtigen, für den Kenner der Verhältnisse manchmal geradezu komischen Berichte, trotz des ernsten Inhaltes, geradezu die einzige Unterhaltung in den traurigen Tagen. Gerade die „allergrößten" Journale zeichneten sich durch meist ganz unrichtige Berichte aus. Eine Nachricht, die ich in mehreren Blättern fand, fiel mir besonders auf; es ist diejenige, die sich auf die spaniolischen Juden bezieht und die durch dieselben verübten Plünderungen in Chasköi. Wer Land und Leute kennt, müßte, noch eher er genauere Nachrichten einzog, diese Mittheilung als geradezu lächerlich ansehen. Chasköi oder auch Haskeuy, ist jenes blutarme Spaniolenviertel am Goldenen Horn, das durch seine vielen großen Brände, die oft Hunderte und Hunderte der elenden Holzhäuser in Schutt und Asche verwandeln und die ebenso rasch wieder auferstehen, auch in Europa bekannt geworden. Hier wohnen nur die ärmsten Spaniolen, die ärmsten Bewohner der Stadt überhaupt. Diese ungemein mäßigen, jeden Besitzes baaren Inden sind Lastträger, Fensterputzer, Stiefelputzer, Obst- und Grünzeugverkäufer, kurz es sind Leute, die vor keiner Arbeit zurückschreckeu und auch noch die niedrigsten und schwersten Arbeiten verrichten, um nur am Abende einige Groschen heimzubringen. Es gibt Familien mit mehreren Kindern, die Tag für Tag nicht mehr als zwei Piaster (etiva zwanzig Kreuzer) für ihren Lebensunterhalt verwenden. Trotz dieses grenzenlosen Elends sind diese Leute doch allezeit die ruhigsten Staatsbürger gewesen, murren niemals und nehmen ihr Schicksal, das viel schlimmer ist als das eines Lastthieres, geduldig hin; sie suchen in den Satzungen ihrer voll-