Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 37 Vr. Vloch's WochrnschrtU Seite 733 Das Rind in der jüdischen Literatur. Aus S. Schcchter's „Studies in Judaism", London, A. & C. Black, 1896, übersetzt von Ignaz Kaufmann. (Fortsetzung.) Glücklicher Weise waren alle diese Wunder- oder Gnadenkinder, nur Ausnahmen. Ich sage glücklicher Weise, denn auch die Rabbinen im Allgemeinen hatten an solchen Geschöpfen kein Wohlgefallen. Ihnen gefielen eher solche Merkmale der geistigen Veranlagung, die auf künftige Größe hindenteten. Dafür kann als Beispiel die folgende Erzählung gelten: Rabbi Joschua ben Chananja machte einst eine Reise nach Rom. Hier wurde ihm gesagt, daß unter den Gefangenen aus Jerusalem auch ein Kind mit strahlenden Augen, lockigem Haar und auffallend schonen Gesichtszügen sich befinde. Diesen Knaben setzte sich der Rabbi . vor, loszukaufen. Er ging nach dem Gefängnisse und redete das Kind mit Änem Verse aus Jesaia an: „Wer gab Jacob als Beute preis und Israel solchen, die es wegführten?" Darauf antwortete das Kind, indem es mit der zweiten Hälfte desselben Verses fortfuhr: „Jst's nicht der Herr, gegen den wir sündigten? Denn nicht wollten sie in Seinen Wegen wandeln und ungehorsam waren sie gegen Sein Gesetz " (Jesaia 42, 24.) Von dieser Antwort war der Rabbi so ergötzt, daß er ausrief: „Es ist mir gewiß, er wird zu einem Lehrer in Israel heranwachsen." Das Kind wurde später unter dem Namen Rabbi Jsmael ben Elischa bekannt. Solche Kinder waren das Ideal der Rabbinen, während ihnen die Baby-Weisheit, das Gelehrtenthum der kleinen Kinder, die oft gar anmaßend wurden und ihre Eltern gerinschätzig behandelten, verhaßt war. Weit mehr bevorzugt wurde von den Rabbinen die überwiegende Mehrheit jener Kinder, die von den bereits erwähnten Legenden über die „Lebensalter der Menschen" als die spielenden, lachendeil, schreienden, tanzenden und alle Art von Possen treibenden Menschen- Thierchen gekennzeichnet werden. Wie nun ein solches Völkchen unterweisen? Da gibt es den wohlbekannten Rath, R. Jehuda ben Tema's, der zu sagen pflegte: Zu fünf Jahren lehre man das Kind die heiligen Schriften, zu zehn Jahren die Mischna, zu dreizehn Jahren die Erfüllung des Gesetzes u. s. w. Dieser in den nleisten Ausgaben enthaltene Ausspruch im fünften Capitel der Sprüche der Väter wird gewöhnlich als das Programm 'der jüdischen Erziehung angesehen. Aber wie so viele Programme, erzählt uns auch dieses viel mehr, wie die Dinge hätten sein sollen, als wie sie wirklich waren. In den Zeiten des Tempels begann die Theilnahme der Jugend an religiösen Handlungen bereits im zartesten 'Alter. Sobald sie nur mit Hilfe der Eltern eine gewisse Strecke weit fortkommen konnten, mußten die Kinder denselben ans ihrer Pilgerschaft nach Jerusalem folgen. Im Sabbathjahr wurden sie nach dem Tempel gebracht, um bei der Vorlesung des Königs aus dem Deuteronomium zugegen zu sein. Die Periode, mit der die Pflichten des Kindes für die Synagoge begannen, wird noch bestimmter geschildert. Von den vielen auf diese Frage bezüglichen Talmudstellen werde ich das folgende Citat aus einem späteren Midrasch als das bündigste anführen. Auf 3. Mos. XIX. 23, 24, das Verbot die Früchte eines Baumes in den ersten drei Jahren zu genießen anspielend, fügt dieser Midrasch hinzu: „Und das ist auch der Fall bei dem jüdischen Kinde. In den ersten drei Jahren ist das Kind unfähig zu sprechen und daher von jeder religiösen Pflicht ausgenommen, jedoch im vierten Jahre sollen all seine Früchte heilig sein, den Herrn zu preisen und der Vater ist verpflichtet, das Kind in religiöse Handlungen einzuweihen". Somit begann das religiöse Leben des Kindes, sobald es deutlich zu sprechen vermochte, das heißt mit dem vierten Lebensjahre. Ueber den Charakter einer solchen religiösen Einführung des Kindes erfahren wir aus demselben Midrasch und auch aus anderen Talmudstellen, daß sie darin bestand, daß man das Kind die Verse lehrte: „Höre Israel, der Herr unser Gott ist ein einig Einziger." (Deut. VI. 4) und „Die Lehre, die uns Moses gegeben, ist ein Erbtheil der Gemeinde Jacobs" (Deut. XXXIII, 4). Es war auch in diesem Jahre, daß die Knaben anfingen, ihre Eltern in die Synagoge zu begleiten, ihr Gebetbuch bei sich tragend. In welchem Alter die Mädchen heranskamen, nicht etwa zu ihrem ersten Ausgange, sondern mit der Absicht, in die Synagoge zu gehen, ist schwer mit einigem Maße von Gewißheit zu entscheiden. Wenn wir jedoch einer etwas zweifelhaften Lesart im Tractat Soferim glauben dürfen, können wir behaupten, daß ihr erstes Erscheinen in der Synagoge ebenfalls in sehr zartem Älter erfolgte. Ich hoffe, daß sie hier sich würdiger verhalten haben werden als ihre Brüder, die anstatt niit der Gemeinde mitzusagen oder mitzusiugen, spielten und Lärni machten. In einigen Gemeinde:: war die Störung durch sie eure so bedeutende, daß ein Rabbi erklärte, es wäre besser, sie zuhause zu lassen, als daß die Andacht der ganzen Gemeinde durch diese Schelme gestört werde. Ein anderer Rabbi empfahl die rühmenswerthe Gepflogenheit der Sevhardim zur Nachahmung, alle Knaben in der Synagoge ans Einen Platz zu verweisen und neben sie einen besonderen Aufseher hirtzusetzen, mit einer Peitsche in seinen Händen, um sie zu zwingen, sich ruhig zu verhalten und dem Goktesdiercste mit gebührender Andacht zu folgen. Eine seltsame Sitte ist unter den arabischen und palästinensischen Juden unter den Namen Chalaka bekannt. Es bedeutet das erste Haarschneiden des Knaben nach seinem vierten Geburtstage. Ta bei dieser Gelegenheit der Schrift Gehorsam bezeugt wird, indem man die „Ecken" unberührt läßt (3. Mos. X!X; 17), so wird die ganze Handlung als eine religiöse Cerenivnie von großer Wichtigkeit angesehen. In Palästina sinder sie gewöhnlich arn zweiten Passahtage statt, wo das Zählen der sieben Wochen beginnt. An diesem Tage versammeln sich Freunde und Verwandte im Hause der Eltern. Hieher bringt man den Knaben, mit seinen besten Kleidern angethan, und jeder Eitizelne aus der Versammlung hat die Pflicht, ihme einige Haare abzuschneiden, was als große Auszeichnung gilt. Der Ceremonie folgt wie gewöhnlich ein den Gästen gebotenes Festmahl. Die Juden in Safed und Tiberias halten diese Ceremonie mit großem Gepränge in dem das vermeintliche Grab Rabbi Simon ben Jochai's umgebenden Raume, in eurem der benachbarten Dörfer, ab. Eine andere, schon im Talmud erwähnte Sitte, die aber in späteren Zeiten gänzlich aufhörte, ist die der Wägung des Kindes. Sie würde verdienen wieder aufzuleben, wenn man sie in der Weise übte, wie es von der Mutter Doeg ben Josef's geschah. Diese zartherzige Mutter wog jeden Tag ihren einzigen Sohn ab und vertheilte unter die Armen in Gold, um was das Gewicht ihres Kindes zugenommen hatte. Ich gehe nun zu der zweiten großen Weihung des Knaben — zu den Gebräuchen über, die an dem Tage verrichtet wurden, wo der Knabe zum erstenmale in die Schule ging. Dieser Tag wurde von den Juden, besonders des Mittelalters, in einer Weise gefeiert, die die hohe Achtung rechtfertigte, in der die Schule bei ihnen stand. Lie betrachteten die Schule als einen zweiten Berg Sinai, und den ^.ag, an dem das Kind in dieselbe eintrat, als das Fest der Offenbarung. Von den vielen abweichenden Sitten will ich hier jene erwähnen, der zufolge dieser Tag für das Wochenfest bestimmt war. Zeitlich Morgens, während es noch dunkel war, wurde das Kind gewaschen und sorgfältig angekleidet. An einigen Orten wurde es mit einem fransenumsäumten Rocke bekleidet. Sobald es Tag wurde, führte der Vater oder irgend eitt würdiges Mitglied der Gemeinde den Knaben zur Synagoge. Anr Bestimmungsorte angelangt, wurde der Knabe zum Almemor oder Vorbetertische hingeführt, vor die Thorarvlle, aus der die Erzählung von der Offenbarung als der Abschnitt des Tages verlesen wurde. Ans der Synagoge führte man den Knaben in das Haus des Lehrers, der ihn übernehmen sollte. Nun holte man eine Schiefertafel herbei, auf der das Alphabet in verschiedener Zusammenstellung und die Verse 5. Mos. XXXI11, 4 „Das Gesetz, das uns Moses gab, ist ein Erbtheil u. s. w.", der 1. Vers aus dem 3. Buche Mosis und die Worte „Die Thora nlein Beruf sein," enthalten waren. Ter Lehrer las hernach die Nanren der Buchstaben vor, die der Knabe wiederholen mußte. Nachdem all' dies abgelesen rvar, wurde die Tafel mit Honig überstrichen, den der Knabe ableckte. Das geschah, um auf die Worte Ezechiel's III, 3 anznspielen: „und sie »die Gesetzesrolle) war in meinem Munde wie Honig an Süßigkeit." Auch ließ man den Knaben einen süßen Kuchen essen, auf dem die Bedeutung des Thorastudiums hervorhebende Stellen aus der Bibel geschrieben waren. Tie Ceremonie schloß unter der Anrufung der Namen gewisser Engel, der Bitte an sie. das Herz des Knaben zu öffnen und sein Gedächtniß zu kräftigen. Nebenbei gesagt, die Anrufungen solcher Art dürften, wie ich sehr befürchte, die Ursache sein, daß man diese Ceremonie abschaffte. Das Jahr in dem sie stattfand, ist ungewiß, wahrscheinlich je nach der besseren oder schlechteren Gesundheitsbeschaffenheit des Kindes nicht früher als int fünften und nicht später als im siebenten Jahre.