Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 37 Seite 727 Dr. Vloch's Wochenschrift Nein, kämpfe doch jeder Jude je nach seiner Ucberzeugung in den verschiedenen Lagern für seine idealen uird materiellen Güter, und nur wenn die Posaune bläst und aufruft zum Kampfe gegen verrvhteil Judenhaß, zum Kampfe für seinen jüdischen Glauben, für seine jüdische Ehre, für das Recht, in seinem Vaterlande „Mensch, Bürger und Jude zu sein," dann mögen und sollen sich die Kämpfer aus den verschiedenen Lagern samnleln und in der Schlachtlinie wie ein Mann zusammenstehen und wie eine eiserne Mauer vor dem Heiligsten jedes Juden kämpfen und vertheidigen: seinen Gott, seine Ehre und seine Familie! Daun ist dem Judenthum die Hochachtung von Freund und Feind gesichert. K. F. Der jüdische Deutschmeister. In de^.' Woche des Deuischmeisterjubels hat in Wien die Ehrfurcht, welche man bekanntlich dem Alter schuldet, in einer ganz bestimmten Färbung^ besonders florirt. Die Ehrfurcht vor den alten Deutschmeistern. Wo sie sich zeigten, wurden sie bejubelt und acclamirt, bewirthet und fetirt. Herr S t r o b a ch stellte ihnen eine Galacarosse aus dem Rathhause zur Verfügung und Herr Lueger drückte jedem Einzelnen die Hand. Man suchte sie in allen Ecken und an allen Enden zusammen, die ' alten Deutschmeister. Natürlich die, welche vor dem Feinh gestanden waren, hatten den Vorzug. Herr Strobach, der selbst decorirt ist, weiß den Werth der Kriegsmevaille zu schätzen und er hat sich vielleicht sogar gesagt, daß man zum russischen Annen-Orden auf viel leichtere und bequemere Weise gelangt, als zu jener Decoration, die aus der Brust der alten Deutschmeister prangt. Als die Deutschmeisterfeste, bei denen, wie das ,.Deutsche Volksblatt" behauptete, die christliche Bevölkerung beinahe ganz unter sich war, vorübcrgerauscht waren, da veröffentlichte eine liberale Zeitung den Abschied eines 70jährigen Deutschmeisters, eines Mannes, der ebenfalls die Kriegsmedaille trägt, beinahe zehn Jahre bei den Deutschmeistern stand und es von seinem Commandanten bescheinigt erhalten hatte, daß er t r e u, redlich und tapfer gedient habe. Von Herrn Ignaz Fischer aus Neu-Raußnitz haben wir in den antisemitischen Blättern nichts gelesen. Herr Ignaz Fischer saß nicht in der Strohbach'schen Prunkequipage. Er hatte sich nicht vorgedrängt und nicht auf sich aufmerksam gemacht, und gesucht hatte man ihn nicht. Warum nicht? Warum ließ man sich einen Deutschmeister mit 70 Jahren und einer Kriegsmedaille entgehen? Da müssen wir toch eine Stelle aus dem Abschied des Herrn Ignaz Fischer hiehersetzen, eine lehrreiche Stelle, die Manches zu denken gibt, Jenen wenigstens, die denken wollen. Sie lautet: „Hoch- und Deutschmeister 4. Infanterieregiment. Reservestand. Vorzeiger dieses Abschiedes, der Oesterreichische k. k. Grenadier Ignaz Fischer, gebürtig von Neu-Raußnitz in Mähren, 29 Jahre alt, israelitischer Religion, ledigen Standes, Schneiderprofession, hat bei dem Oesterreichischen k. k. 4. Linien- Jnfanterie-Regimente durch neun Jahre, sieben Monate, sechsundzwanzig Tage als Gemeiner und Grenadier treu, redlich und tapfer gedient." Die „christliche Bevölkerung" war also, wenn man dem gewiß glaubhaften „Deutschen Volksbatt" trauen darf, zwar bei den Deutschmeister festen unter sich, aber nicht bei den Deutschmeisterkämpfen; nur als Frei b i e r, nicht auch als Blut in Strömen floß, nur als es sich um Schweinefleisch und Apfelstrudel, nicht auch als sich um Kugeln und Granatsplitter handelte. Herr Ignaz Fischer aus Neu-Raußnitz hat noch manchen Gefährten. Aber gerade sein Fall spricht eine deutliche Sprache, er erzählt von antisemitischer Objektivität und jüdischer — Aufdringlichkeit. Seit Wochen posaunen die antisemitischen Parteiwische das Deutschmeisterfest gewissermaßen als echte, rechte Parteiveranstaltung in die Welt hinaus. Das Blatt des Herrn B e r g a n i spielt sich als Amtsblatt von Hoch und Nieder auf und die Luegers und Strobach s escamotirten mit bewährter Taschenspielerfertigkeit die prächtige Gelegenheit, den Jubel des Patriotismus und der dynastischen Treue auf sich selbst indossiren zu lassen. Die maßgebenden Factoren sind dermalen bereits gegen solch' frevles Beginnen machtlos, sie vermögen es nicht zu hindern, daß Dr. Lueger durch die Reihen der Deutschmeister schreitet und sich bejubelngäßt, als wäre er ein siegreicher Heerführer. Bei solchen Gelegenheiten kann man die „christliche Bevölkerung" leicht unter sich lassen. Aber gegen die freche Lüge soll Protest erhoben werden, daß dies auch in den Tagen der Gefahr so sei, wo ernstere Aufgaben bestehen, als „Hoch Lueger!" zu rufen und Schweinebraten zu essen. Und so peinlich es den Machthabern im Rathhause in die Ohren klingen mag, es läßt sich die Thatsache nicht aus der Welt schaffen: Der Herr Ignaz Fischer aus Neu-Raußnitz in Mähren ist ein „Wiener E d e l k n a b e". Und er verdient diesen Titel vielleicht eher, wie mancher antisemitische Gemeinderath, der im Festausschuß saß und in Ermanglung der Kriegsmedaille mir dem blechernen Festabzeichen paradirte. Antisemitismus in Galizen. (Schlußwort.) Geehrte R e d a c t i o n! Ich muß denn doch auf die maßlosen Unterstellungen, mit denen ich in Nummer 86 Ihrer Wochenschrift unter der Ueberschrift „Abfertigung" persönlich überschüttet werde, reagiren. Mein Aufsatz, der hiezu Anlaß gab, war keine Polemik, sondern ein Aufschrei eines geängstigten Gewissens, und ich zweifle nicht, daß ich für 'Alles das, was meine Gesinnungsgenossen denken und fühlen, den richtigen Ausdruck gefunden habe. Die denkenden Inden Galiziens, welche in den Augen des Ani Hagewer „Renegaten, Super- oder Hochpatrioten, Comödianten" sind, deren Reden sich den Ani Hagewer als der „Cimborasso der Heuchelei" darstellen, führen ein freudeloses Dasein wie zwischen Hammer und Ambos. Spricht man mit Polen über die Judenfrage, so wird uns vorgeworfen, daß wir trotz jahrhundertelangen Aufenthaltes in Polen, trotz relativer Toleranz, deren wir uns erfreuten, Feinde polnischer Sprache, polnischer Sitte, polnischer Ideale geblieben sind, daß die wenigsten Juden, die anders waren und denen die Polen dankbare Erinnerung bewahren (wie Berek Joselovicz, Rabbiner Meisels u. %.) offenbar nur ganz belanglose Ausnahmen sind; und die uns dies verworfen, scheinen Recht zu haben, wenn man andererseits dasjenige liest und hört, was unsere Glaubensgenossen selber, unsere modernen Zeloten, über diese wenigen Ausnahmen schreiben und sprechen! Bor Jahren habe ich mich in der ehemaligen „Ojezyzua" mit Herrn Dr. Stärket in eine Polemik eingelassen, und mich bemüht, nachzuweisen, daß wir Juden das Recht haben, Polen zu sein und als solche zu gelten. Ich kämpfe mit Feuer und Eifer für eine Sache, die mir heilig schien; ich hatte das Gefühl aufrichtigen Patriotismus, wußte mich von „Superpatriotismus" von „Aufdringlichkeit" frei, und nun erfahre ich von eurem Glaubensgenossen Ani Hagewer, der, statt seinen Namen zu nennen, es vorzieht, sich hinter prophetischen Bezeichnungen zu verbergen, daß das Alles nur Heuchelei gewesen ist! Indem ich dies niederschreibe, habe ich das Gefühl wie Cäsar, als er die Dolchstiche von Brutus mit den Worten empfing et tu Brüte! In derselben Nummer Ihrer Wochenschrift werden aus der Rede des ungarischen Cultusmiuisters Dr. Wlassics die Worte citirt: „das Verdienst (die Reeeption erwirkt zu haben) gebührt aber nicht uns, sondern den Israeliten. Denn ihre patriotische Thätigkeit und Vaterlandsliebe haben die wohlverdiente gesetzliche Gleich "llung ihrer Religion errungen." Hören Sie, Herr 'Ani Hagemdurch patriotische Thätigkeit und Vaterlandsliebe v e r d i e uc man sich die gesetzliche Gleichstellung, und nun wollen Sie mir gefälligst in Ihrer „Abfertigung" einen Satz, ein Wort, eine Andeutung angeben, in welchen auf den Patriotismus und Vaterlandsliebe der Juden in Polen auch nur der Schluß gezogen werden könnte! Wenn ich den Polen das Recht abspreche, die Angehörigkeit der in Polen seit Jahrhunderten ansässigen Juden zu leugnen, welches Recht kann und darf ein Jude haben, mir, wenn ich so spreche, kühn in's Gesicht Heuchelei vorzuwerfen? Merkt denn Am Hagewer nicht, daß, wenn er Recht hätte, Heuchelei das wesentliche Stammesmerkmal der Juden sein müßte'? und nicht blos der „Hochpatrioten und Renegaten", sondern auch solcher Zeloten, die Prophetenworte im Munde führen? Ist es nicht eine Heuchelei,