Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 726 Nr. 37 Dr. Vloch's Wochenfchrist. finsterung der Geister, die Auslieferung der staatlichen Rechte an Rom sind Dinge, unter denen das Judenthum als solches in keiner Weise leiden kann. In unseren Schulen wird nach wie vor das Licht der Erkenntniß leuchten, in den Schätzen unserer heiligen Bücher und Schriften werden die Geister nach wie vor geschärft und gebildet werden. Spricht man drüben vom praktischen Christenthum, so sprechen wir vom praktischen Judenthum. Der Kampf zwischen Liberalismus und Clericalismus ist eine Sache, die zu allererst und zu allernächst unsere christlichen Mitbürger berührt. Wir haben es nicht verschuldet, daß heute die Macht der fteiheitlichen Ideen so tief gesunken ist, denn wir selbst haben unter diesem Rückgänge des Freiheitsbewußtseins am schwersten zu leiden gehabt; wir sind daher auch nicht berufen, uns mit Aufopferung unserer vitalsten Interessen dem Siege des Obscurantismus entgegenzustemmen. Der Clericalismus kann unsere staatsbürgerlichen Rechte und unser Erwerbsleben nicht schwerer verkürzen, als es die schließliche Entartung des Liberalismus gethan hat. Ist aber die kirchliche Herrschaft für Oesterreich und für das österreichische Volk ein Unglück, dann möge sich dieser Staat, möge sich dieses Volk dagegen wehren. Aus der Geschichte und den Folgen des ersten Concordats hat man nichts gelernt — nun wohl, so mag man noch einmal Lehrgeld zahlen, vielleicht haften die Erfahrungen einer zweiten Leidensepoche tiefer im Gedächtnisse als jene der ersten. Für den Augenblick sind wir politisch so bescheiden, so resignirt geworden, daß uns der Sieg des reinen Clericalismus tausendmal wünschenswerther erscheinen muß, als der Fortbestand der antisemitischen Hetze. Wenn wir mit dieser Resignation ein Verbrechen an dem Geiste des Fortschritts begehen, so trifft die Verantwortung hiesür nicht uns, sondern Jene, die in dem Kampfe zwischen Freiheit und Knechtschaft leichten Herzens unserer Bundesgeuossenschaft entbehren zu können vermeinten. Deutschliberale und Juden. Unter diesem Titel brachte die „Oesterreichische Wochenschrift" in Nr. 35 eine Aufforderung an unsere Glaubensgenossen, mit Rücksicht aus die Haltung der deutschliberalen Partei, welche die liberalen Grundsätze mehr und mehr zu Gunsten der nationalen Bestrebungen in den Hintergrund treten lasse, den Zusammenschluß aller jüdischen Wähler zu einer eigenen Partei in Betracht zu ziehen. Der Gedanke, dem wir damit Ausdruck gegeben haben, ist nicht neu; seit geraumer Frist beschäftigt er gerade die besten und politisch klügsten unter unseren Glaubensgenossen, und die Nothwendigkeit, der deutschliberalen Partei nicht mehr blindlings Gefolgschaft zu leisten, sondern derselben gegenüber eine selbstständige Position einzunehmen, ist in diesen Blättern wiederholt von Männern entwickelt worden, welche die längste Zeit zu den treuesten Anhängern und Mitkänrpsern der deutschliberalen Partei gehörten. Hunderte von Zuschriften bekunden uns, daß wir mit diesen Mahnrufen den. Gesinnungen und Ueberzeugungen weiter Kreise Ausdruck geliehen haben, daß unser Standpunkt in Wien, wie in Mähren, in Böhmen, wie in den Alpenländern getheilt wird. Ob die Action zur Gründung der neuen Partei sofort in Angriff zu nehmen sei, darüber haben mehrere Vertrauensmänner-Versammlungen stattgefunden. Hervorragende Politiker haben sich dafür ausgesprochen, von einer Beschlußfassung derzeit Abstand zu nehmen und die weitere Berathung bis zu einer Klärung der Verhältnisse in Mähren zu verschieben. Aus Brünn erhalten wir nachstehende Zuschrift: Brünn, 7. September. (Viel Geschrei und wenig Wolle.) In Brünn, wirr durcheinander schwirrend wie die Instrumente beim Stimmen im großen Orchester vor Beginn der Ouvertüre, durchkreuzen sich die zahllosen Ansichten in Wort und Schrift über die künftige politische Haltung und Parteinahme der Juden in Mähren. Hüben und drüben wird viel geschrieben, noch mehr gesprochen, gestritten, gezankt, umschmeichelt und umworben, angenommen und verworfen, ohne daß in diesem ganzen Wust von Rathschlägen, Erörterungen und Drohungen der Ber such gemacht würde, die eigentliche Sachlage sich selbst und Anderen ruhig und objectiv klarzulegen. Die politische Lage der mährischen Juden ist gegen diejenige anderer Kronländer ganz exceptionell und anders geartet, wobei wichtig und streng die Lage der Juden in Brünn von derjenigen der Juden im mährischen Lande zu unterscheiden ist. Brünn mit 6- bis 7000 jiidischen Seelen nahm bis irrjüngster Zeit Dank seiner hervorragenden jüdischen Industriellen, Advocaten, Aerzte und Großkaufleuten unter allen Großstädten Oesterreichs den ersten Rang ein, wo der Jude in öffentlichem und privatem Verkehr, im Handel und Wandel sich frei, offen und gleichberechtigt bewegte. Erst der Hohenstädter Braß-Companie gelang es, den Versuch der Zwietracht mit einem hier erscheinenden, kaum nennenswerthen Sudelblättchen zu wagen, denr sich eine verschwindend kleine unlautere Gesellschaft anschloß; der vorläufige Erfolg war, daß einige Feiglinge des jüdischen high tlte rasch ihr Heil in Fahnenflucht und Taufwasser suchten! Erst das große Schulvereinsfest in Brünn, zu dessen Gelingen die große Masse der hierortigen Juden durch jüdische Ehrgeizlinge und Vereinsmaier scharf geplündert wurde, ohne Ahnung und Kenntniß des famosen Programmpunktes und Antrages einzelner „judenreiner" Ortsgruppen, brachte die Enttäuschung, die bei Abschluß eines Wahlcompromisses der liberalen-deutschen Fortschrittspartei mit den Hohenstädter Judenfeinden in wahre Entrüstung ausbrach. Trotz aller dieser Vorkommnisse wahren die breiteren bürgerlichen Schichten der Brünner Juden, ganz unbekümmert um die retirirende jüdische haute volee, ihren jüdischen Standpunkt privat und öffentlich ganz unbeanständet, von Niemandem wesentlich beunruhigt, fort, während andererseits die große Majorität der hiesigen christlichen Bevölkerung nach wie vor mit ihren jüdischen Mitbürgern friedlich weiterlebt, ohne sich viel um die wenigen Mandatshascher, politischen Gaukler und Rumoren einiger ohrenfeuchter Knaben im Heilogewande zu kümmern. Was sollen nun die beinahe an 1000 Köpfe zählenden Brünner jüdischen Wähler thun? Sollen diese Juden dem Candidaten einer Partei ihre Stimme geben, die sich mit Judenfeinden coalirt hat? Sollen diese Juden das bisher leidlichste und beste Einvernehmen mit ihren christlichen Mitbürgern opfern und durch offene Abstinenz diesen den Rücken kehren? Könnten endlich diese Juden Nicht eine kleine, compacte, von Freund und Feind umworbene und geachtete Minorität bilden, die, m u t h i g u n d u n b e k ü m m e r t u m die Möglichkeit des Erfolges ihre Stimmen auf einen hochgeachteten, „str e n g j ü d i s ch e n" P a r t e i m a u n vereint und m i t d e m o f s e n e n, w a h r e n Ausdruck ihrer Ueberzeugungstreue den Glaubensgenossen als Vorbild leuchtetund den Gegnern i m p o n i r t? Schwierig, aber nicht unlösbar sind diese Fragen für den einzelnen Wähler; finde sich doch jeder einzelne mit seinem ehrlich jüdischen Gewissen ab! Hat er den Muth, offen und frei für das Judenthum einzutreten, schreibe er den Namen des ausgesprochenen jüdischen Candidaten hin, und helfe eine Minorität begründen, mit welcher alle politischen Parteien künftig rechnen und selbe achten werden müssen! Glaubt er, dem Judenthume durch farblose Passivität und Abstinenz zu dienen, bleibe er ruhig zu Hause und kümmere sich nicht um Diejenigen, die mit der jüdischen Noblesse (uoblesse obiige) der Excellenz Chlumecky und dem mährischen Plener Dr. Promber nachlaufen werden. Aber Hand auf's Herz! Ist es ein so großes Unglück ftir das Judenthum, wenn der Jude in allen anständigen politischen Lagern zu finden ist? Sollen wir nicht unsere ganze Kraft dafür einsetzen, daß der jüdische Glaube, das Wort Judenthum und jüdisch aus der Kampfarena aller politisch anständigen Parteien gänzlich verschwinde? Ist es nicht Pflicht des einzelnen Juden, seine Anschauung offen, ehrlich und muthig zur Schau zu tragen, er sei Deutscher oder Slave, er sei konservativ, liberal oder Demokrat. Widerspricht eines dieser politischen Bekenntnisse dem wahren jüdischen Glauben?