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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-09-11 · 37 (11.9.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
37 (11.9.1896)
Date
1896-09-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Nr. 37 Sette 738 Dr. Vloch's Vochrnptzrifi wenn Hagewer die Judenstaatsidee kurzweg verleugnet? Da bin ich ja viü zionistischer gesinnt als er. Habe ich nicht die Idee der Neuansiedeluug von Palästina durch eine ackerbautreibende jüdische Bevölkerung als ganz gut denkbar hingestellt? Und ich habe den Muth, dies öffentlich zu sagen, ohne in Widerspruch mit meiner polnischen Vaterlandsliebe zu gerathen, während Hagewer dies für einen Hintergedanken hält, bei dem er nicht ertappt werden will. Das zionistische Programm, welches Hagewer entwickelt und welches darin bestehen soll, daß wir uns, wie ein angegriffenes Volk legal vertheidigen sollen, ist barer Unsinn! Gesetzt, daß wir ein Volk sind und daß wir von den Völkern, unter k denen wir leben, angegriffen werden, wie sollen wir uns legal vertheidigen? Hagewer ist kein Jurist, das merkt man ihm an, sonst müßte er wissen, daß Gesetz also legal nur dasjenige ist, was von einem Volke statuirt wird. Wenn nun ein Volk ein Gesetz statuiren würde, wonach der Jude im Lande nicht geduldet wird, mit welchen legalen, d. i. gesetzlichen Mitteln könnten wir uns dagegen vertheidigen? Unsere einzige Vercheidigung war, ist und bleibt „die Großmuth und Liebe des stärkeren Bolkselementes zum schwächeren Volkselemente", trotzdem Hagewer behauptet, daß dies nie der Fall gewesen. Hagewer hat auch Geschichte nicht gelesen, sonst müßte er ja wissen, daß wir unsere Gleichberechtigung einzig und allein „der Großmuth und Liebe des stärkeren Volkselementes" verdanken. Oder war es anders in der großen französischen Revolution und später in den Ländern, welche dem französischen Vorbilde gefolgt sind? Haben wir uns etwa unsere Gleichberechtigung erkämpft, ist dafiir unser Blut geflossen? Freilich laboriren wir bis heute an der Unklarheit der „Gleichberechtigung". Bekanntlich ist die Gleichberechtigung die Consequenz der verkündeten „Menschenrechte". Was aber verstand man unter droit de l’homme? Doch nicht das Recht darauf, Mensch zu sein, auch nicht darauf, alles das zu thun, was einem Menschen zu thun gestattet ist, weil ja dies Alles logische Tautologie wäre. Unter „Menschenrecht, drc.it de l’homme" verstand man die Aufhebung der bis dahin unter den Menschen (Franzosen) bestandenen socialen Unterschiede. Gleichberechtigung der Juden heißt somit Aufhebung des Unterschiedes zwischen Christ und Jud, u. zw. so, daß sich weder der Christ vom Juden noch der Jude vom Christen unterscheiden sollt Der Jude sowohl als der Christ sollen aber als solche verschwinden und nur noch als Menschen in Betracht kommen. Wenn nun Leute kommen und sagen: wir wollen von nun an wieder Juden sein, d. h. Juden nicht blos der Religion nach, sondern als Volk, wie soll da eine Gleichberechtigung möglich sein? Nur Mensch und Mensch können gleichberechtigt sein; Jude und Pole, Jude und Franzose, Jude und Deutsche können unmöglich (??) gleich-- berechtigt sein, weil Dinge, die sich von einander unterscheiden, auch nicht gleichwerthig sein können. Hagewer citirt allerlei Leiden der Juden in Galizien, darunter viele, die gar nicht bestehen, die einfach von unreifen Individuen erdichtet sind (so z. B. den Mangel an Gerechtigkeit bei Richtersprüchen); angenommen, daß dem so ist, kann man mit guten Gewissen behaupten, daß unsere Leiden heute größer sind als früher? Und dazu kommt noch Eins: Sind denn die Juden in Galizien wirklich von jeder Schuld fteizusprechen? Ich sehe davon ab, daß ein hier unter Polen geborner Jude den Muth findet, öffentlich die Polen zü schmähen, aber wie sehen denn unsere polnischen Glaubensgenossen in ihrer immensen Mehrheit aus? Ich will dies Bild nicht weiter verfolgen, damit mich nicht wieder der Vorwurf trifft, „daß ich mich von jeder Antheilnahme an dem Geschicke meiner Glaubensgenossen fernhalte", (und merkwürdigerweise befürchte ich diesen Vorwurf nicht von den polnischen Juden, die mich würdig halten, ihr Cultuspräses zu sein, sondern von jenen „deutschen" Zeloten, die ohne Kenntniß von Menschen und Dingen, ihre Ansichten in öffentlichen Zuschriften ablagern), aber Thatsache ist es, daß es noch lange dauern wird, bis die verwahrloste, verblödete Menge an das Urbild des Menschen erinnern wird. ' Ist es da zu verwundern, daß der Jude mißachtet wird? Wir rufen immer nach Gerechtigkeit, wie lange wird es noch dauern, bis wir gerecht werden? Ich schließe hiemit die Discuffion. Mögen meine Worte Wiederhall finden in den Herzen aller meiner Brüder, die christlichen nicht ausgenommen; möge das Saatkorn, das ich in den trägen Boden zu senken bemüht bin, keimen und Früchte bringen, Früchte des Friedens und einer lichtvollen Zukunft. Dr. Isidor Daniel. Nachschrift der Redaction. Gegenüber den vorstehenden Ausführungen des sehr geehrten Herrn Einsenders erachtet die Redaktion sich verpflichtet, ihren abweichenden Standpunkt in wenigen Sätzen zu markiren. Zunächst sei constatirt, daß „Ani Hagewer" allerdings ein Jurist ist, ein geachteter Vertreter seines Standes, aber nicht ein „Deutscher", sondern ein galizisches Landeskind. Ais Jurist sollte Herr Dr. Daniel wissen, daß man einer Minorität zwar die bürgerlichen und Menschenrechte oorenthalten, aber nicht „wcgnehmen" kann. Die Majorität kann die Minorität eventuell vergewaltigen, allein sie etablirt damit eine Gewaltherrschaft und keinen „legalen" Zustand. Die österreichische Staatsverfassung erkennt allen Bürgern, nicht blos ohne Unterschied der Confessiou, sondern selbst ohne Unterschied der Nationalität die gleichen Rechte zu. Polen, Ruthenen, Deutsche, Czechen, Slovenen, Rumänen, Slovaken, selbst Armenier und Griechen brauchen ihr nationales Bekenntniß nicht zu verleugnen, um die volle Gleichberechtigung eines Staatsbürgers zu genießen. Warum soll es bei den Juden anders sein? Man braucht nicht gerade direct dem Juden ein jüdisches Nationalbrwußtsein zu empfehlen, um einzusehen, daß man die G ewährung der Gleichberechtigung nicht au Bedingungen knüpfen darf, die man mit einem unklaren und undefinirbaren Schlagwort andeutet. Wer bietet eine klare und bündige Definition des Begriffes „Assimilation?" Wir kennen sehr viele hervorragende Polen, weiche es selbst Herrn Dr. Daniel ubstreitrn werden, daß er vollständig „assimilirt" sei! Herr Dr. Daniel ist nicht getauft, und in gewissen Kreisen Galiziens wird lediglich der Taufschein als vollgiltiges Document der „Assimilation" angesehen. Man erkennt dem Juden weder das Recht noch die Möglichkeit zu, Pole zu sein, was bleibt ihm anders übrig — als wieder Jude zu werden? Herr Dr. Daniel ist aber vor Allem darin im Jrrthume, wenn er die vollständige Assimilation als Vorbedingung des Patriotismus und die Voraussetzung der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung ansieht. I a i n k e l der Cqmbalschläger bei Adam Mickiewicz war Keiner von den „Assimilirten!" Die Assimilation der ungarischen Juden mit der ungarischen Nation, eine Erscheinung, die gewiß in die Augen fällt, war keineswegs-die Ursache, sondern vielmehr die Folge der in der ungarischen Gesellschaft, in der politischen Administration wie in allen Kreisen des Staatslebeus factisch durchgeführten Gleichberechtigung. Auch in Galizien hat es nie an aufrichtigen Assimilationsbestrebungen gefehlt; allein selbst die vollständig „Assimilirten", deren Denken und Fühlen mit den Idealen des polnischen Volkes ganz und gar erfüllt war und die zu Gunsten des polnischen Patriotismus aus den geistigen Zusammenhang mit dem Judenthum und seinen Traditionen nahezu ganz verzichteten, hatte man nie als gleichberechtigte Kinder des polnischen Volkes anerkannt, sondern höchstens als Stiefkinder, die man von Zeit zu Zeit vor die Thüre setzt, als ungebetene, zum Theile auch unwillkommene Gäste oder Eindringlinge behandelt. Männer, wie Dr. C u ck e r, Dr. Warschauer u. s. w., welche den Drang nach politischer Bethätigung in sich fühlten, verwies man auf — orthodox-jüdische Wahlbezirke. Man hätte es als eine Versündigung gegen das Polenthum angesehen, wenn einer dieser Männer es je gewagt hätte, in einem Wahlbezirke mit polnischer Majorität zu candidiren. Die jüdischen Mitglieder des ungarischen Parlamentes sind nicht in Wahlkreisen mit jüdischer Majorität mit dem Mandate betraut worden. Ja, wir wagen die Behauptung, daß die Forderungen, welche Herr Dr. Isidor Daniel an seine jüdischen Stammes- und Glaubensgenossen in Galizien richtet, eine schwere Versündigung gegen das polnische Volk bilden,- denn sie enthalten eine Rechtfertigung der Czarenpo litik gegenüber den Polen im russischen Reiche, „Assimilirt Euch!" ruft der Czar den Polen zu. Die polnischen Renegaten am Hofe des russischen Kaisers wird Niemand als Vorbild patriotischer Treue anpreisen. Allerdings war seit je die religiöse Toleranz ein glänzendes Ruhmesblatt in der Nationalgeschichte des polnischen Volkes; es sollte aber auch das heutige Geschlecht von dem Geiste der Ahnen erfüllt sich erweisen. Drr Nothstand in Galizien. Ul. Der Judenstaat. In Folge einer längeren Abwesenheit von hier ward ich bis nun verhindert, das am Schluffe meines in diesem geschätzten Blatte vom 17. Juli l. I. erschienenen zweiten Artikels über den „Antisemitismus in Galizien" angedeutete Mittel zur Linderung der Nothlage der galizischen Juden näher zu beleuchten. Inzwischen bereitete es mir eine gewisse Genugthuung, wahrgenommen zu haben, daß meine früheren Artikel nicht unbeachtet blieben, indem sie eine Art Polemik hervorriefen, wobei meine

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