Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 722 Nr. 36 Dr. Vloch's Wochenschrift. was er ißt, ganz neue Speisegesetze. Wir Kinder dursten z. B. das Herz von den Gänsen und Hühnern nicht essen, weil es, wie sie sagte, ein thierisches Herz mache Muß doch am Ende jede jüdische Frau, die die vorgeschriebenen Speisegesetze beobachtet und darüber denkt, ein Stück Arzt werden. Auf manche dieser ihrer eigenen ärztlichen Theorien leitete sie wieder ihre große mütterliche Zärtlichkeit zurück, z. B. kein Kind aus dem Schlafe zu wecken, oder nach dem Essen eine kurze Siesta halten zu lassen, und sie glich den modernsten Aerzten in dem Kampf gegen die Anstrengung der Kinder mit dem Unterrichte. Wenn cs nach ihrem Willen allein gegangen wäre, hätten wir Kinder wenigstens sechsmal in der Woche schulstürzen dlirfen. Doch wenn wir uns zu oft die mütterlichen Theorien zu Nutze machen wollten, opponirte der Vater mit der Ruthe in der Hand, die zwar immer mehr -fuchtelte als traf. Meine Mutter führte eine förmliche Hausapotheke, die im obersten Fach des milchigen Küchenkasten untergebracht war. und zum größten Theile aus Camillen-, Holler-, Lindenblüthen- und Himmelbrandthee, aus Wachholder- und Preisselbeeren, Latwerken und Salben eigener Erfindung gegen Hieb- und Stichwunden bestand. Ihr erstes Recept war immer ein Thee zum Schwitzen, wobei wir selbstverständlich das Bett hüten mußten. Wir verleugneten daher oft ein wirkliches Unwohlsein und gingen lieber in die Schule, als uns dieser ärztlichen Behandlung zu unterziehen. Selbst ich, ein Schwächling von Natur und klugerweise immer die Spielplätze meidend, weil ich fürchten mußte, in einen Streit zu gerathen, wobei ich gewiß den Kürzeren gezogen hätte, tollte doch lieber, wenn auch vereinsamt, im Freien herum, als daß ich mich in ein Matratzengrab hätte legen sollen und über mir einen Grabhügel von Decken und Polstern auftichten lassen. Ich machte mit diesem Widerstand gegen ihre Anordnung meiner Mutter vielen Verdruß, und weil sie glaubte, daß ich an ihrer richtigen Diagnose und Therapeutik zweifle, ließ sie immer den Doctor Mayer zur Feststellung ihrer Autorität in diesen Dingen rufen. In sehr kritischen Krankheitsfällen hatte jedoch meine Mutter ein Radical-Heilmittel, das sie auch vor dem Doctor Mayer geheim hielt. Es bestand darin, daß sie das ganze Gewand des kranken Kindes, von der Kopf- bis zur Fußbekleidung, einen armen Kinde schenkte, so daß wir, wieder genesen, wie es ja von einem solchen Radicalinittel nicht anders zu erwarten ist, wochenlang in Reconvaleszenz bleiben, und wenigstens das Zimmer hüten mußten, weil wir nichts anzuziehen hatten, um auf die Gasse hinaus gehen zu können. Dieses drastische Heilmittel kostete meinem Vater immer viel Geld, hatte einmal auch Folgen, die bestimmend auf meinen Charakter wurden. Als schwächliches Kind wurde ich nämlich eitel auf schöne Kleidung, um doch einen Vorzug vor anderen Kindern zu haben und um mich nicht mit den Anderen schlagen zu müssen, da ich vorgab, in keinen Raufhandel mich einlassen zu können, um meine Kleider nicht zu beschmutzen oder gar zu zerreißen. In der Regel bekamen wir zweimal des Jahres, zu den Passah- und den Herbstfeiertagen, neues Gewand, und ich ftente mid) immer Monate im Voraus darauf. Der Stoff zu dem neuen Gewände lag immer schon lange vorher in Bereitschaft, weil es zu schwer fiel, das Geld für denselben und den Arbeitslohn aus einmal auszugeben. In einem Winter brachte mein Vater auf einen Anzug für mich ein Stück Manchester, das er euphemistisch „Sammt" nannte, nach Hanse, dessen Glanz mich völlig bezauberte. Jede Woche schleppte ich den Stoff wenigstens eiunral ans dem Kasten heraus, um mich an seinem Anblick zu weiden, und als mir endlich in den Passahwochen vom Schneider das Maß genommen wurde, dachte ich an «chts Anderes mehr, als an diesen Anzug. Das Glück wollte, daß er Dowid Schneider vollkommen gelungen war, was nicht immer der Fall gewesen, denn er schnitt das Aermelloch des Rockes und des Gilets gewöhnlich nach einem Kreise, den er mit seinem Zeigefinger um den Daumen zog, einerlei, ob für eine große oder eine kleine Person. Diesmal übertraf er sich selbst, Rock und Gilet paßten mir wie angegossen, und als ich sie Erew-Pessach-Nachmittags definitiv, nicht zur Probe, anlegte, stolzirte ich dari'.l in der Gasse wie ein Prinz und keines der anderen Kinder, obwohl alle neue Kleider anhatten, war mir gut genug, mit ihm zu reden. Als das glücklichste aller Menschenkinder setzte ich mich zum Seder und sagte das „Mah-Nischtanah" mit einer Verve, als ob ich zum Schauspieler oder Prediger geboren wäre. Znm Dank für so viel Glück wollte ich den großen Jungen spielen, aß vom Krenn ganz nach Vorschrift und that mir an den Mazzoth-Knödelu in der Suppe, die ich so liebte, vollste Genüge. Richtig war ich am nächsten Tage krank und mußte im Bette bleiben, wobei mich weniger das physische Leiden, als der seelische Schmerz quälte, daß ich mich in dem neuen Anzuge nicht zeigen könne. Selbstverständlich, daß meine Mutter gleich ntit einem Bitterrhee zur Hand war den ich nehmen mußte, anstatt des Kaffees mit Mazzes. auf den ich mich so freute, und daß der Doctor Mayer bald bei mir erschien und mich mit der ganzen Würde seines Berufes ermahnte, ja den Anordnungen meiner Mutter zu folgen, wenn ich morgen wieder aufftehen wolle. Aber ich konnte am anderen Morgen doch nicht aufstehen, es war mir noch schlechter und ich erkannte an den betrübten Gesichtern um mich, daß ich ernstlich krank sein müsse. Nach drei oder vier Tagen schien die Kunst meiner Mutter mitsammt der des Doctors erschöpft zu sein, so daß ihr nichts übrig blieb, als zu ihrem äußersten Mittel zu greifen — sie verschenkte mein ganzes Gewand, auch mein treuestes, das „sammtene", das ich ein einziges Mal getragen, nachdem ich mich fast ein Vierteljahr lang gesehnt, um das mich alle Kinder der Gasse beneideten und auf das gewiß Dowid Schneider als Modell hinwies, um seine Meisterschaft zu zeigen. Das Mittel schien gewirkt zu haben. Ich genas wieder; aber ich mußte wochenlange noch das Zimmer hüten, weil ich nichts anzuziehen hatte, in's Freie gehen zu können, ein neues Gewand aber nicht so leicht zu beschaffen war, theils wegen der Kosten, theils' weil Dowid Schneider auf seinen Lorbeeren ausruhte, die er sich bei meinem „sammteueu" errungen. Auf das Drängen meiner Mutter hatte er die Allsrede: „In der Sefirah 'darf ja das Kind ohnedies das neue Gewalld nicht anziehen." Am „Lagb'omer" erschien er endlich damit. Ich weinte, als ich es sah. Das sollte der Ersatz sein für mein „sammtenes" Gewand! Es war gelber Nanking. Meine Eltern schämten sich, mir zu gestehen, daß sie kein theureres erschwingen konnten, meine Mutter kam rnir mit ihren ärztlichen Gründen, ich dürfe kein schwereres, überhaupt kein wollenes G.ewand im Sommer tragen, mein Vater wieder versicherte mir, daß iit' England die jungen Lords keine anderen Kleider tragen und der Doctor Meyer, der noch täglich in's Hans kam, deckte mit seiner Autorität die Ansicht Beider. Ich beruhigte mich, zog dieses Gewand an und ging auf die Gasse hinaus. Das erste Mal seit mehr als vier Wochen. Als ich andere Kinder sah, fand meine Eitelkeit einige Befriedigung; ich hob mich doch vortheilhaft von ihnen ab, denn an Allen war das Gewand, das sie Pessach bekommen hatten, schon alt, schmutzig, bei Mauchen sogar schon zerrissen, meines war neu und rauschte noch wie Seide, wenn man daran streifte. Jnnlitteu dieses beftiedigenden Gefühls erblickte ich einen mir bekannte!: armen Jungen mit meinem fammteiren Gewände. Es hatte zwar nicht mehr den Glanz von vor vier Wochen; aber ich hätte es erkannt, wenn Millionen Kinder das gleiche getragen hätten. Mein Auge hatte sich zu sehr in dasselbe versenkt, als daß es mir j' hätte unkenntlich werden können. Wie ein wildes Thier sprang ich auf den Knaben zu, packte ihn am Rock und schrie: „Mein Gewand will ich haben, gib mir mein Gewand zurück!" Weinend vor Scham legte der Junge den Rock ab, zog die Hose aus und warf beide Stücke mir vor die Füße: „Da hast Du es, Du Rosche!" Ich kam zu mir; mein besseres Ich sagte mir: „Du hast dem Jungen weh gethan." Ich ließ die Sachen liegen und schlich, von meinem bösen Gewissen gequält, nach Hause. Ich schien mir so nichtstvürdig gegenüber dem Knaben, den ich gekräilkt habe, daß ich, um das Gethane wieder gut zu machen, im Stande gewesen rväre, mich von ihm todtschlagen zu lassen, daß er an mir gerächt werde. Bald nach meiner Nachhausekunst kamen Kinder mit dem Bündel Kleider und erzählten meiner bestürzten Mrtter das Vorj gefallene. Ich rvar ftoh, mein beschwertes Herz erleichtern zu? können und gestand unter Schluchzen, was die Kinder sagten.! Meine Eltern erkannten meine tiefe Rene und haten kein Wort! der Ermahnung für mich, um mein Gewissen nicht noch mehr